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StartseiteHintergrundDie Truppe auf Werbefeldzug06.08.2013

Die Truppe auf Werbefeldzug

Wie die Bundeswehr um Nachwuchs kämpft

Nicht mit militärischem Wirbel, aber mit Zielvorgaben des Verteidigungsministeriums ausgerüstet, wirbt die Bundeswehr auf Berufsmessen um Nachwuchs. 20.000 Rekruten will man bis Ende 2013 gewinnen. Doch seit der Reform schreckt besonders die Verpflichtung zu Auslandseinsätzen Bewerber ab.

Von Anja Kempe

Imageverbesserung: Die Bundeswehr macht verstärkt Werbung, denn antimilitärische Erziehung und Kampfeinsätze sorgen für Nachwuchsprobleme. (AP)
Imageverbesserung: Die Bundeswehr macht verstärkt Werbung, denn antimilitärische Erziehung und Kampfeinsätze sorgen für Nachwuchsprobleme. (AP)

"Wir haben diesen Truck hier, wo wir jetzt drin sind, wir sind da ziemlich aktiv, dass gerade solche Veranstaltungen viel mehr geworden sind, und ich finde das gut. Wir sind sehr gut präsent bei den Menschen. Und von daher bringen wir die Bundeswehr am Ende auch in die Städte zu den Menschen hin."

Die Kompanie für Reklame und Nachwuchswerbung hat den Marktplatz eingenommen. Nicht mit militärischem Wirbel, aber mit den Zielvorgaben des Verteidigungsministeriums in den Taschen und in deutschem Wüstentarnfleck, damit die Akquisiteure auch aussehen wie richtige Soldaten.

Eine Berufsinformationsmesse wird hier heute stattfinden. Gegenüber haben sich die Telekom und Edeka aufgestellt. Auch die sind an Nachwuchs interessiert. Doch ihre Promotionstände können kaum mithalten mit dem riesigen Reklamebus der Bundeswehr.

"Ja, in der Länge knapp 20 Meter und 10 Meter in der Breite. Diese Trucks sind relativ neu in der Bundeswehr, besuchen Veranstaltungen, Berufsmessen, Flugplatzfest, oder führen auch Städtetouren durch. Für den hier braucht man ungefähr ’n Platz von 200 Quadratmetern."

Rund 500 Soldaten sind als Werbeoffiziere der Bundeswehr unterwegs

Heute Abend geht es schon weiter in die nächste Kleinstadt. Die Bundeswehr soll flächendeckend Präsenz zeigen. So möchten es die Verantwortlichen im Verteidigungsministerium. Seit der Reform und der Abschaffung der Wehrpflicht zeichnen sich ernsthafte Engpässe bei der Nachwuchsgewinnung ab. Die jungen Leute, die nicht mehr wie früher automatisch zur Bundeswehr kommen, um ihren Wehrdienst abzuleisten und danach vielleicht sogar Zeit- oder Berufssoldat werden, sind nicht so leicht zu überzeugen, eine Karriere bei den Streitkräften einzuschlagen.

"Ja Bankkaufmann, Industriekaufmann, so was."

Da ist der volle Einsatz der Werbetruppen gefragt. Rund 500 Soldaten sind mit den Promotiontrucks unterwegs.

"Einfach mal reinschnuppern."

"Nein! Auf gar keinen Fall! Nein, nein, ich bin Pazifist. Nein. Ich halte gar nichts von der Bundeswehr."

Der Platz, auf dem die Berufsmesse stattfindet, füllt sich mit Jugendlichen. Solche Veranstaltungen der Wirtschaft finden in ganz Deutschland statt. Unternehmen wie die Telekom, die Sparkasse, die Friseur-Innung und Bertelsmann, alle sind da. Für die Nachwuchsgewinnung der Bundeswehr sind Berufsmessen besonders attraktiv. Ganze Schulklassen, die kurz vor dem Abschluss stehen, besuchen sie.

"Wir haben hier jede Menge Poster. Vom Hubschrauber MH 90. Da können Sie zugreifen. Wenn Sie möchten."

Ein Lehrer mit Jutetasche über der Schulter rauft sich die Haare. Ein Schüler hat eine Frage.

"- "Ja wie is’ das denn mit Auslandseinsätzen und so was?""
"- "Is’ alles möglich.""

Der Promoter streicht sich den Tarnfleck glatt. Der Lehrer mit der Jutetasche kratzt sich am Kopf.

"Werben die oder informieren die? Das hat ja früher so in dieser Form nie stattgefunden. Das hat sich wirklich sehr geändert."

"Die Veranstaltung dient dazu, junge Interessenten in ihrer Berufswahl zu informieren, und wir stehen natürlich in jeglicher Hinsicht für Fragen zur Verfügung, um diese eben zu beantworten."

Die Abbrecherquoten bei den Streitkräften steigen

Soldaten des Wachbataillons der Bundeswehr sind auf dem Gelände des Bundesministerium der Verteidigung in Berlin für den Empfang eines ausländischen Gastes angetreten. (picture alliance / dpa)Immer häufiger quittieren Soldaten den Dienst bei der Truppe. (picture alliance / dpa)Die junge Soldatin dient eigentlich bei der Marine. Doch nun ist sie abgestellt als Werbeoffizierin auf einem der Trucks, berichtet sie und hält Ausschau nach potenziellen Bewerbern. Das Ziel des Verteidigungsministeriums, bis Ende 2013 insgesamt 20.000 Rekruten zu gewinnen - und vor allem auch zu halten - wackelt. Die Abbrecherquote steigt. 2012 waren es 24,7 Prozent, im ersten Halbjahr 2013 sind es bereits 30,4 Prozent.

Attraktivere Angebote aus der Wirtschaft sind laut einer Studie, die das Verteidigungsministerium im Juni veröffentlichte, der Hauptgrund dafür, den Dienst bei der Truppe zu quittieren - aber auch Über- oder Unterforderung und falsche Vorstellungen über das Soldatenleben.

Von der Bundeswehr gefeuert wurden nur fünf Prozent der freiwillig Wehrdienstleistenden. Als Grund gibt das Verteidigungsministerium "Nichteignung für den Soldatenberuf" an. Ausbilder der Bundeswehr sprechen von Unsportlichkeit der Entlassenen. Ein junger Mann steht im Werbe-Truck der Streitkräfte am Infotresen und steckt ein Poster in seinen Rucksack.

"- Was würde Sie interessieren bei der Bundeswehr?"
"- Wenn, dann würd’ ich eher in den Krieg gehen. Afghanistan oder so was."
"- Warum?"
"- Weiß ich nich’."
"- Gut. Hast du dich denn schon mal über das Thema informiert?"
"- Soweit nicht."
"- Gibt’s da irgendwelche Fragen?"
"- Eigentlich nicht so wirklich."
"- Welche Leute brauchen Sie denn?"
"- Was heißt, brauchen wir, in der Regel sind alle Bewerber, die Interesse an der Bundeswehr haben, willkommen, das kann vom Hauptschüler sein bis zum Abiturienten. Und da muss jeder für sich selber wissen, wo er gerne hin möchte."

Abiturienten können die höhere Laufbahn einschlagen. "Offiziere der Bundeswehr", so heißt es in einem Werbetext, "sind als Führungskräfte mit Managern in einem Großunternehmen vergleichbar". Jugendliche mit Abi sind jedoch am schwersten zu rekrutieren. In den höheren technischen Qualifikationen verzeichnen die Streitkräfte die größten Nachwuchs-Defizite.

Oppositionspolitiker kritisieren Entwicklung zur "Prekarierarmee"

Wer in die untere oder mittlere Laufbahn geht, wird Mannschafter. Hier hat die Truppe den zahlenmäßig mit Abstand höchsten Bedarf und ist großzügig bei der Auswahl der Bewerber. Das Gros hat einen Hauptschulabschluss, aber auch Schulabbrecher werden genommen. Der Werbeslogan der Bundeswehr auf ihrer Karriereseite bei Facebook, "Bei uns erhalten Sie Ihre Chance - auch unabhängig von ihrer schulischen Qualifikation", wurde von Oppositionspolitikern kritisiert. Die Bundeswehr entwickle sich in Richtung Prekarierarmee, hieß es.

Im Werbebus der Bundeswehr läuft ein Reklamespot. Ein Kampfpilot ist zu sehen. Bei den Jugendlichen, die sich vor dem Bildschirm versammelt haben, kommt der Pilotenfilm gut an.

"- Bundeswehr an sich finde ich ziemlich interessant, und Fliegen ist halt mein Ding. Fühl’ ich mich irgendwie zu berufen."
"- So was würden Sie gerne machen?"
"- Ja schon."
"- Fliegerischer Dienst, die Broschüren, wo haben wir die denn?"

Die Werbeoffiziere verteilen ihre Flyer und Broschüren. Pfefferminzdrops und Kugelschreiber gibt es auch gratis, und wer Interesse am Soldatenberuf zeigt, bekommt einen Gutschein für einen Truppenbesuch.

"-Hätten Sie daran Interesse?"
"- Ja."

Die Bewerbung der Bundeswehr bei Schülern und Schulklassen ist umstritten. Immer wieder wird dagegen demonstriert, wie jüngst vor den Infoständen der Bundeswehr auf dem Kasseler Friedrichsplatz. Und manchmal kommt es an der Reklamefront der deutschen Streitkräfte zu Blitzangriffen, wie man an dem bunten Fleck über dem Fenster der Kaffeeküche des Trucks sehen kann.

"Ja, der kleine Fleck ist von Bad Oeynhausen ein Farbanschlag gewesen, wo der Truck mit Farbe besprüht worden ist. Kleine Gegenveranstaltungen gibt es öfters schon mal, ein Dutzend pro Jahr. Der eine Teil, der gegen uns ist, der organisiert ’ne kleine Demonstration mit Plakaten, Spruchbändern, Scheiß Bundeswehr oder Ähnlichem, oder die bringen auch schon mal ’n Sarg mit zu ’ner Veranstaltung, und andere sagen gar nichts, alle Möglichkeiten da."

"Guten Tag!"

Eine Familie betritt den Werbetruck der Bundeswehr.

"-Kann man Ihnen weiter helfen? Der Vater begleitet wahrscheinlich."
"-Nö ich wollt nur mal gucken, was man so alles machen kann."

Die Offizierin überreicht einen Stapel Prospekte. Eltern lassen sich häufig bei den Nachwuchsveranstaltungen der Bundeswehr sehen. Viele von ihnen haben, als sie jung waren, gegen den NATO-Doppelbeschluss demonstriert.

"-Noch keine konkreten Vorstellungen, noch nie Berührungspunkte mit der Bundeswehr gehabt? Vater auch nicht?"
"-Nein! Vater auch nicht gedient."
"- Genau, mein Mann war selber nie beim Bund und hat da eigentlich noch gar nicht die Meinung zu. Müssen wir gucken."

Die Soldatin wischt sich den Schweiß von der Stirn. Die vielen Väter, die den Wehrdienst verweigert haben, sind eine Herausforderung.

"Er hat nicht gedient, der Vater! Hat er gesagt!"

Seit ihrer Reform kämpft die Bundeswehr mit Nachwuchsengpässen

Soldaten der Bundeswehr stehen auf dem Marktplatz in Stuttgart. (AP)Stehen in Reih und Glied: Viele Jugendliche können mit soldatischen Eigenschaften wie Disziplin und Gehorsam nichts anfangen. (AP)Der Zeitgeist ist nicht unbedingt auf der Seite der Bundeswehr und ihrem Nachwuchsproblem. Ganze Generationen sind ausdrücklich antimilitärisch eingestellt. Sie können mit soldatischen Eigenschaften wie Disziplin und Befehlsgehorsam nichts anfangen, und sie haben Kinder großgezogen, die Sozialarbeiter, Logopädin oder Schreiner werden möchten. Da kann es Berührungsdivergenzen geben.

"- Hallo! Gehen Sie ruhig rein!"
"- Machen wir."

Vom Edeka-Stand gegenüber kommt Kundschaft herüber. Mutter, Vater und Sohn.

"Bundeswehr, sagt auch mein Vater, das wär’ auch was für dich, von der körperlichen Statur und von der Fitness, und dann wollt’ ich mir das hier mal angucken. Schießen kann ich ja auch ganz gut. Weil mein Vater Jäger ist. Da hab’ ich schon Talent für. Und da hab’ ich mir gedacht, das könnte was sein, ich möchte auch gern ’n Beruf, wo ich mich viel bewegen muss, wo ich in Action bin, und ich denke mal, das sind die besten Voraussetzungen."

Der Vater interessiert sich für die Poster mit den Kampfpanzern, die Mutter blättert die Infobroschüre durch. Begeistert sieht sie nicht aus.

"- Ja! Das ist so ’ne Sache. Dass man sagt, ohhh, nicht mein Kind! "
"- Nachteile natürlich die Gefahr. Ich denke, das ist ein Beruf mit sehr hoher Gefahrenleiste. Also wenn man in so ’nem Krisengebiet ist, dass dann einige Soldaten auch sterben. Das könnte ein Nachteil sein."

Der junge Mann äugt hinüber zu seiner Mutter. Die Werbeoffizierin gibt Schützenhilfe.

"Im Vordergrund steht natürlich der Beruf des Soldaten. Das heißt, so wie wir hier auf dem Stand heute auch viele sehen, in Uniform, da sieht man auch, der Dienst an der Waffe. Also die haben auch ihre Waffe mit dabei, das ist etwas, worauf man sich in erster Linie einlässt. Und es ist ja bekannt, das war bei mir ja auch nicht anders, dass gerade unsere Mütter die höheren Befürchtungen haben, und es ist selbstverständlich ein Berufsbild, das gewisse Gefahren birgt, ja, wir sind bereit, unsere Gesundheit, zum Teil auch unser Leben eben zu riskieren, wenn wir in Auslandseinsätze fahren."

"Ja."

Der junge Mann schluckt. Die Promoter erläutern den Sachverhalt.

"Diejenigen, die sich heute bewerben, die müssen wissen, was auf sie zukommt an psychischen und physischen Forderungen und Gefahren, weil wir jetzt natürlich mit dem Faktum arbeiten, dass alle, die bei uns eingestellt werden, an Auslandseinsätzen teilnehmen. Alle, die wir heutzutage bei uns haben, sind ja freiwillig Soldat."

"Okay."

"Wenn Sie dann sagen, nein, klappt das leider nicht mit der Einstellung. Wir zwingen keinen."

"Es geht um Auslandseinsätze. Das ist etwas, was zum Soldatenberuf dazugehört und wo wir die Leute dann am Ende auch hinbringen wollen."

Die Verpflichtung zu Auslandseinsätzen schreckt potenzielle Rekruten ab

ISAF-Soldaten der Bundeswehr patrouillieren in der Nähe von Feisabad, in Nordafghanistan. (AP)Auslandseinsätze wie in Afghanistan sind seit der Bundeswehrreform nicht mehr freiwillig. (AP)In der kleinen Küche des Trucks sitzt der Offizier, der die Werbefeldzüge organisiert, und trinkt einen Kaffee. Regelmäßig stattet er den Trupps der Info-Trucks einen Besuch ab und macht sich ein Bild vom Erfolg der Maßnahmen. Die Werbeoffiziere haben keinen leichten Job.

Schwer zu verkaufen sind die Auslandseinsätze. Sie waren bei der Bundeswehr immer freiwillig. Doch seit der Reform und dem Umbau der Truppe zur Einsatzarmee müssen die Soldaten sich nun ausdrücklich zum Auslandseinsatz verpflichten. Sie müssen unterschreiben, dass sie in den Auslandseinsatz gehen. Und genau wie die anderen NATO-Streitkräfte müssen nun auch die deutschen Truppen kämpfen können.

"Die Aufgaben haben sich verändert. Deswegen sind wir hier, um den Menschen das natürlich zu verdeutlichen, also welche Anforderungen sind am Ende gefordert."

Im Werbetruck der Bundeswehr düst ein Jagdbomber über die Leinwand. Einige Schüler fotografieren sich gegenseitig mit ihren Handys vor den flimmernden Bildern mit dem Kampfpiloten. Doch wirklich gekämpft wird hier nicht. Spots und Werbefilme, in denen geschossen wird und es allzu soldatisch zugeht, werden nicht mehr gezeigt. Das hat das Verteidigungsministerium entschieden, nachdem es öffentliche Proteste gab.

Die US-Armee praktiziert offensivere, aber vielleicht auch ehrlichere Anwerbemethoden. Auf Volksfesten und Musikfestivals stellt sie Schießsimulatoren auf, und über die Kontingente, die in die Auslandseinsätze gehen, heißt es, unsere Soldaten ziehen in den Krieg. Am Tresen im Werbe-Truck der Bundeswehr steht ein Mädchen mit Zopf und Zahnspange.

"-Das is’ cool! Ja ich weiß nicht, ich wollt’ schon von Kind an Soldatin werden."
"- Und würdest du auch in Auslandseinsätze gehen?"
"- Nein! Ich hab’ Angst!"
"-Okay, das ist natürlich ’ne Sache, die kommt dann automatisch mit auf einen zu. Wenn ich heutzutage Soldat oder Soldatin werde, dann muss ich auch bereit dazu sein, an Auslandseinsätzen teilzunehmen. Darüber muss ich mir im Klaren sein, wenn ich die Bundeswehr in Betracht ziehen möchte. Sonst haben wir kein Interesse daran, dich einzustellen."

Der Werbeoffizier schiebt Bewerbungsunterlagen über den Tresen. Die Freundinnen des Mädchens bekunden ebenfalls Interesse am Soldatenberuf. Ihr Lehrer hat sich ins Hinterland zurückgezogen.

"Ja, ich hab’ meine Mädels hierhin geschickt, um sich zu informieren, die sollen sich mal schlau machen."

Der Werbeoffizier hat eine Frage.

"-Was wollt ihr denn machen bei der Bundeswehr, was habt ihr denn für Vorstellungen, wo soll’s hingehen?"
"- Ja, so beschützen."
"- Okay. Ihr wärt bereit, Soldatin zu werden?"
"- Sie nicht."
"- Und du möchtest gerne in eine Schutztätigkeit rein gehen?"
"- Ja."
"- Das bieten wir an! Da könnte man sich bewerben bei uns irgendwo in der Kampftruppe! Da sind ja die Soldaten, die auch mitschützende Tätigkeiten wahrnehmen. Insbesondere im Ausland. Und ich könnte mich dann dort für vier Jahre bewerben bei der Bundeswehr."
"- Vier Jahre? Eigentlich wollt’ ich nur so ’n Praktikum machen."
"- Okay, ’n Praktikum kann man bei uns auch beantragen, sodass man mal die Möglichkeit hat, mal rein zu schnuppern."

Nebenan wird diskutiert. Eine Lehrerin informiert sich für ihre Schülerinnen, die gern Sanitätsassistentinnen werden möchten.

"Aber so ’n Assistent wird jetzt nicht zum Kampfeinsatz ran gezogen?"

Die Lehrerin möchte wissen, ob ein Sanitäter der Bundeswehr mit kriegerischen Auseinandersetzungen in Berührung kommen könnte.

"Das kann durchaus passieren. Denn dort wird er ja gebraucht. Wenn unseren Soldaten im Ausland was passiert, können die ja nicht ihr Handy ziehen und die 112 wählen. Da kommt ja keiner. Also haben wir unser Rettungspersonal schon mit bei denen."

"Ja okay."

Die Werbeoffiziere schnaufen. Sie kennen das, dass in der deutschen Gesellschaft das Wissen über das Militär und die militärischen Aufgaben nicht groß ist. Der Auftrag des Militärsanitäters ist es, Zitat Bundeswehr, "eine sanitätsdienstliche Versorgung der Streitkräfte zu jeder Zeit und an jedem Ort zu gewährleisten". Anders gesagt, wenn ein Soldat während eines Gefechtes verwundet wird, dann versorgen die Sanitäter den Soldaten. Und es ist relativ unwahrscheinlich, dass die kämpfenden Truppen währenddessen ihre Kampfhandlungen unterbrechen werden.

"- Das gefällt mir nicht so. Is’ nix für mich, is’ mir zu gefährlich."
"- Gut, gibt’s erst mal noch weitere Fragen?"

Wer sich für den Soldatenberuf entscheidet, dem wird auch etwas geboten.

"Ja, wenn ein Schulabgänger zu uns kommt, der eine Berufsausbildung bei uns machen möchte, der bekommt ein Einstiegsgehalt von 1530 Euro netto. Das ist verhältnismäßig viel. Gegenüber den Lehrberufen, was man draußen sieht, was da gezahlt wird, ich sag’ mal, ganz locker das Doppelte. Irgendwann wird’s weniger.

Aber das Einstiegsgehalt ist natürlich sehr hoch für einen jungen Menschen, der mit 17 zur Bundeswehr gehen kann, vorausgesetzt die Eltern sind damit einverstanden, und dann vom ersten Tag an 1530 Euro netto in der Tasche hat, da kann der ganz gut von leben. Deswegen muss man noch mal drauf hinweisen, dass der Beruf auch eben Nachteile hat, die man in Kauf nimmt. "

Die jugendlichen Interessenten wägen die Vorteile und die Nachteile ab.

"-Is’ halt ein gefährlicher Job, aber das weiß ja jeder."
"- Meine Vorstellungen sind konkret, eine gesicherte Zukunft haben."

Der sichere Arbeitsplatz kann auch Mütter überzeugen.

"Ja! Ich finde es schön, wenn mein Sohn sich für etwas entscheidet, wo er dann den Rest seines Lebens hoffentlich glücklich mit wird, wo er ’ne gute und feste Anstellung mit seinen Möglichkeiten findet, mit’m Hauptschulabschluss, und da stelle ich mir echt vor, dass er den Arbeitsplatz für die ganze Zeit hat. Und dass es gut bezahlt ist."

"Ja wenn man schon erschossen werden kann, dann soll man’s auch gut bezahlt kriegen."

"Es gibt viele Jugendliche, die sehen in erster Linie den sicheren Arbeitsplatz da drin."

Der Lehrer mit der Jutetasche steht mit seinen Schülern vor dem Stand mit den Werbebroschüren.

Mit hohem Einstiegsgehalt wird eine Bundeswehrkarriere beworben

"Versorgt zu sein! Das ist das, wo sie in erster Linie dran denken. Wenn ich bei der Bundeswehr unterkomme, dann hab’ ich mal ausgesorgt. Die Jungs, die suchen ja händeringend noch ’ne Ausbildung, was nicht immer so einfach ist, aus welchen Gründen auch immer. Und da ist häufig dann, jedenfalls in ihren Vorstellungen, die Bundeswehr so eine Art Notanker. Dass sie sagen, das klappt bestimmt.

Nur, die Bundeswehr stellt heute natürlich auch ganz andere Ansprüche. Man muss sich jetzt wirklich, wenn man zur Bundeswehr geht, mit dem Thema Krieg auseinandersetzen. Und das wird das große Problem an der Geschichte sein."

Der Lehrer hat auch gedient, 1970, im Kalten Krieg.

"Ich bin damals als Wehrpflichtiger bei der Bundeswehr gewesen. Nur es hat niemand daran geglaubt, es würde wirklich mal Krieg werden. Früher, zur Bundeswehr, man ist hingegangen, man hat seinen Dienst gemacht, und es hat wirklich niemand damit gerechnet, dass es wirklich mal zu Kampfeinsätzen kommen würde."

Das Gefährlichste im Leben eines Bundeswehrsoldaten waren früher die Manöver in der Lüneburger Heide.

"Und heute, ich könnte mir vorstellen, dass die Jugendlichen, die ja eigentlich einen Arbeitsplatz suchen, das gar nicht genau einschätzen können. Dass sie Soldat werden! Dass die los müssen! Es gibt vielleicht welche, die sagen, das macht mir gar nix aus. Aber das kann ja auch keiner richtig einschätzen. Also sie müssten sich darüber im Klaren sein, dass sie unter Umständen in Kriegshandlungen verwickelt werden, das heißt also, dass da auch mal geschossen wird."

Der blaue Lack des Werbe-Trucks funkelt in der Sonne. Die Soldaten an der Reklamefront verteilen Kugelschreiber und Pfefferminzdrops. Die jungen Leute füllen sich die Hosentaschen. Der Etat der Bundeswehr für Eigenwerbung wurde seit der Abschaffung der Wehrpflicht zweimal aufgestockt. 2011 beliefen sich die sogenannten "Haushaltsmittel zur Nachwuchswerbung" auf zwölf Millionen Euro. 2012 standen 16 Millionen zur Verfügung. In diesem Jahr sind es 29 Millionen.

Die Frage, ob bunte Werbe-Trucks auf Marktplätzen jungen Schulabgängern das Wesen bewaffneter Streitkräfte vermitteln, und wie geeignete Soldaten gewonnen werden könnten, bleibt offen.

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