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StartseiteInterviewGrünen-Politiker Habeck verteidigt hohe Baukosten für Stromtrassen28.09.2016

EnergiewendeGrünen-Politiker Habeck verteidigt hohe Baukosten für Stromtrassen

Schleswig-Holsteins Umweltminister Robert Habeck hat die Kosten für den Bau unterirdischer Stromtrassen im Zuge der Energiewende verteidigt. Der Aufbau der Infrastruktur koste natürlich, sagte Habeck im Deutschlandfunk.

Robert Habeck im Gespräch mit Dirk Müller

In Raesfeld (NRW) werden bei Bauarbeiten Erdkabel zum Stromtransport verlegt. (picture alliance / dpa / Roland Weihrauch)
Schleswig-Holsteins Umweltminister Robert Habeck verteidigt die Kosten für den Netzausbau (picture alliance / dpa / Roland Weihrauch)
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Die Verwendung von teuren Erdkabeln sei ein politischer Beschluss gewesen, den alle mitgetragen hätten, sagte Habeck weiter. Die Energiewende werde aber letztlich dazu führen, dass die Preise für die Verbraucher wieder deutlich sinken würden. Der Grünen-Politiker betonte, zu den Erneuerbaren Energien gebe es keine Alternative.


Das Interview in voller Länge:

Dirk Müller: Buddeln, das ist immer teuer. Das ist einfach so, auch bei der Energiewende ist das so, beim hoch umstrittenen Ausbau der längst überfälligen Stromnetze. Statt Monstertrassen soll es nun Erdkabel geben, der Landschaft zur Liebe, dem Bürger zur Liebe, der Ästhetik zur Liebe. Fast 1500 Kilometer lange Kabel sollen dafür verlegt werden von Schleswig-Holstein und Sachsen-Anhalt nach Baden-Württemberg und nach Bayern, um den Saft aus der Windkraft in die industriereichen südlichen Regionen transportieren zu können. Der große Haken dabei: Alles wird viel länger dauern als geplant und als von der Politik versprochen und alles wird viel teurer werden als geplant und versprochen.

Eine Energiewende also, die immer teurer wird, mindestens sieben Milliarden Euro mehr für die Erdkabel. Das sind im Moment die Zahlen, die diskutiert werden. Unser Thema nun mit Robert Habeck, Umweltminister von Schleswig-Holstein. Guten Morgen!

Robert Habeck: Guten Morgen! Ich grüße Sie.

Müller: Wie viel Geld wollen Sie vom Bürger noch?

Habeck: Ich will das Geld gar nicht haben. Das ist ein politischer Entschluss, den wir alle miteinander getroffen haben, jedenfalls diejenigen, die CDU, SPD, damals FDP und Grüne gewählt haben und sich davon vertreten lassen. Das ist die Konsequenz des Atomausstiegs und ehrlicherweise muss man sagen, dass wir auch für den Atomstrom ja noch Geld bezahlen, wir als Steuerzahler. Die Atomkraftwerksfirmen waren auch nicht in der Lage, die Atomkraftwerke alleine zu finanzieren. Der Steuerzahler oder der Stromkunde zahlt immer und ich finde es richtig und besser, man zahlt für die Energiewende und für die erneuerbaren Energien als für Atomkraftwerke.

Müller: Aber Sie haben gerade gesagt, Sie wollen das nicht haben.

Habeck: Das ist kein "Robert Habeck macht sich die Welt schön", sondern wir sind als Gesellschaft schon insgesamt verantwortlich für die politischen Beschlüsse, die unsere Vertreter fassen, und der Atomausstieg war ein Konsensbeschluss von allen Parteien, die damals im Bundestag und Bundesrat vertreten waren. Und damals schon 2011 war klar, dass die Netze so gebaut werden. Es ist dann die Ansicht der Bevölkerung und der Politik in Süddeutschland gewesen, die das Erdkabel gefordert hat. Das finde ich jetzt auch richtig, dass es kommt. Aber die Konsequenz ist allen klar gewesen, dass es natürlich teurer wird. Sonst hätte man ja von vornherein ein Kabel geplant.

Müller: Wie wäre es, wenn Sie beim nächsten Wahlkampf damit einmal werben würden: Alles was wir versprechen wird teurer.

Habeck: Alles, was sich Menschen überlegen, hat Konsequenzen, ist der richtige Spruch, und natürlich kann man darüber nachdenken, um mal ein großes Wort zu prägen, dass wir nicht immer die erneuerbaren Energien teurer machen, sondern die fossilen und damit die erneuerbaren Energien subventionieren. Aber auch da gibt es dann ja Widerstände, wenn man darüber nachdenkt, Gas oder Öl stärker mit CO2-Abgaben zu belasten. Das wäre aber natürlich eine denkbare Lösung.

Aber in diesem Fall geht es erst einmal darum, was sind denn die Alternativen. Wenn die Alternativen sind Kohlestrom oder Atomstrom, sind es Alternativen. Eine Alternativlosigkeit gibt es nicht. Aber es sind die schlechteren Alternativen und auch die zahlen wir teuer.

Müller: Alternativen müssen ja bezahlbar sein. Jetzt sagen Sie, für den Atomstrom geben wir immer noch Geld aus, auch für den Kohlestrom. Das ist ja noch schlimmer. Das heißt, auf beiden Flanken explodieren die Kosten, werden immer höher, und der Kunde hat das Nachsehen. Muss das sein?

Habeck: Sie verdrehen das Argument, wenn ich so frech sein darf. Die Energiewende selbst wird dazu führen, dass wenn der Netzausbau und die Installation der erneuerbaren Energien fertig sind die Kosten dramatisch sinken werden. Wir sind in einer Phase des Übergangs, wo eine neue Infrastruktur aufgebaut werden muss. Diese Infrastruktur kostet Geld und sie wird, da das ja investiert werden muss, wieder eingeholt werden durch den Verbraucher. Der Verbraucher zahlt immer, und zwar für Kohlestrom und für Atomstrom. Er zahlt für die Klimafolgen, er zahlt für die Endlagerung des Atommülls und für den Rückbau der Atomkraftwerke, wenn die Konzerne sich verkalkuliert haben. Die einzige Frage, die wir verhandeln können, ist: Wie viel zahlen wir? Das ist die Frage Erdkabel oder Netzausbau. Da hat sich die deutsche Mehrheitsgesellschaft dafür entschieden, Erdkabel zu bauen, und somit zahlen wir.

Müller: Ach, wir haben darüber abgestimmt? - Haben wir darüber abgestimmt?

Habeck: Letztlich ja. Sie haben Vertreter gewählt oder wir haben Vertreter gewählt, die Bayern haben Vertreter gewählt, die gesagt haben, wir wollen das nicht als Freileitung haben, sondern als Erdkabel.

Müller: Und das tragen Sie mit? Sieben, acht Milliarden Euro mehr im Jahr ist kein Problem, weil es nachher, wie Sie sagen, und das versprechen Sie ja jetzt, können Sie ja dann auch machen, auf jeden Fall billiger wird? Sie sagen, die Energie wird in 10, 20 Jahren so billig sein wie nie zuvor?

Habeck: Genau! Das ist richtig. Die Produktionskosten werden so günstig sein wie nie zuvor, weil die erneuerbaren Energien dann ja für keine Rohstoffe zu haben sind. Allerdings müssen sie die Investitionen wieder reinspielen im Strommarkt. Ich hoffe, dass die fossilen Energien teurer werden.

Ich trage das mit. Ja selbstverständlich trage ich das mit, da ich mein Handy weiter aufladen will und Fernsehen gucken will, und möglichst ohne Kohle- und Atomstrom. Und es sind nicht sieben Milliarden pro Jahr, sondern es sind die Mehrkosten, die jetzt auflaufen und die dann umgelegt werden. Es sind nachher nach den Kosten, wenn man es nicht quersubventioniert, 30 Euro pro Haushalt pro Jahr etwa, die das Erdkabel teurer wird.

Müller: Herr Habeck, Sie sind ja immer für offene Worte. Wir können ja in Deutschland auch keine Oper bauen oder eine Philharmonie, die in irgendeiner Form im Preisrahmen bleibt. Jetzt werden wir Erdkabel verlegen über tausend Kilometer, und dann sagen Sie, das sind sieben Milliarden, da können wir mit leben, das sind 30 Euro. Glauben Sie das wirklich, dass es dabei bleibt?

Habeck: Ich kann nicht in die Zukunft gucken, aber ich kenne den Netzausbau in Schleswig-Holstein, wo wir zwar kein Erdkabel bauen, sondern Freileitungen, wo wir in den Planungsmaßgaben einigermaßen geblieben sind. Und da, wo es teurer geworden ist, ist es deswegen teurer geworden, weil die Wünsche der Bürger, Umleitungen zu bauen, also nicht den geraden Weg zu gehen, sondern Siedlungen weiter zu umrunden oder Natur zu schonen, eingebaut sind. Auch das ist ein Wunsch der Menschen gewesen, der die Akzeptanz erhöht, der dann wieder zwei, drei Millionen Mehrbeträge an verschiedenen Stellen auslöst. Ich glaube aber, dass die Netzausbaukosten in dem Rahmen liegen bleiben, ja.

Müller: Jetzt bleiben wir noch in einem Bereich. Da muss ich Sie auch noch mal fragen, wo wir beide hier die Gelegenheit haben, darüber zu reden. Die Strompreise an der Börse sind so niedrig wie nie zuvor. Das ist bekannt, das ist seit vielen Monaten, im Grunde seit fast zwei Jahren so. Die Strompreise in Deutschland…

Habeck: Das ist das, was mein Argument vorhin war.

Müller: Die Strompreise in Deutschland sind mit die höchsten in Europa. Geben Sie uns doch eine Zeitperspektive, wann sich das einigermaßen angleichen wird, dass wir für den Strom das bezahlen, was er kostet.

Habeck: Die Antwort habe ich eben versucht, schon zu geben, wenn die Infrastruktur bezahlt ist. Die hohen Kosten, die wir bezahlen auf den Stromrechnungen, kommen durch die Installation der erneuerbaren Energien, also durch die Umlage und durch die Gebühren für den Netzausbau, und die werden auch unter anderem deswegen teurer, weil in den Netzkosten auch die Gelder mit drin sind, wenn Windstrom abgeriegelt wird beziehungsweise konventionelle Anlagen hochgefahren werden müssen, weil das Netz nicht steht. Wie man es dreht und wendet, der Netzausbau ist der Schlüssel für günstigen erneuerbaren Strom. Wenn der Wind in Norddeutschland weht, kann Bayern zu sehr günstigen Preisen den Strom bekommen. Wenn der Wind nicht weht, muss Solar her, und auch dafür brauchen wir ein Netz. Je größer die Energiewende gedacht wird, umso günstiger sind die Kosten für den Verbraucher.

Müller: Noch mal ganz kurz die Frage: zeitliche Perspektive? Wollen ja viele wissen. 10 Jahre, 20, 30?

Habeck: Bedauerlicherweise noch acht Jahre. 2025 soll das System stehen. Es sollte eigentlich 2022 sein, aber die Verzögerung wegen dem Erdkabel hat es drei Jahre länger gestreckt. Und ich hoffe, dass der Zeitplan zu halten sein wird.

Müller: Bei uns heute Morgen im Deutschlandfunk Robert Habeck, Umweltminister von Schleswig-Holstein. Er ist grüner Spitzenpolitiker. Danke für das Gespräch, Ihnen noch einen schönen Tag.

Habeck: Gerne! Wünsche ich Ihnen auch.

Müller: Auf Wiederhören.

Äußerungen unserer Gesprächspartner geben deren eigene Auffassungen wieder. Der Deutschlandfunk macht sich Äußerungen seiner Gesprächspartner in Interviews und Diskussionen nicht zu eigen.

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