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StartseiteInterview"Nie erwartet, dass das im 21. Jahrhundert noch diskutiert werden kann"23.09.2016

Ex-Präsident des Volksbundes Deutsche Kriegsgräberfürsorge "Nie erwartet, dass das im 21. Jahrhundert noch diskutiert werden kann"

Markus Meckel hat seinen Rücktritt als Präsident des Volksbundes Deutsche Kriegsgräberfürsorge damit begründet, dass er keine Themen mehr durchsetzen konnte. Er habe den Zweiten Weltkrieg als "Angriffs- und rassistisch motivierten Vernichtungskrieg" definieren wollen, sagte er im DLF. Und stieß damit auf großen Widerstand.

Markus Meckel im Gespräch mit Dirk-Oliver Heckmann

Markus Meckel sitzt am 18.11.2014 vor Plakaten mit der Aufschrift Gedenkstätte. (imago/Christian Schroedter)
Markus Meckel hat sein Amt als Präsident des Volksbundes Deutsche Kriegsgräberfürsorge niedergelegt. (imago/Christian Schroedter)
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Meckel war am Donnerstag zurückgetreten , es gab schon seit Monaten Querelen. "Ich konnte keine Themen mehr durchsetzen", sagte er. Die Definierung des Zweiten Weltkriegs habe im Volksbund einen "Sturm der Entrüstung" ausgelöst. "Einige Landesverbände wollten die Bewertung überhaupt weghaben", sagte er. "Die sagen: 'Wir kümmern uns um die Angehörigen und die Friedhöfe und nicht um historisch-politische Fragen.'"

"Hätte Diskussion im 21. Jahrhundert nicht erwartet"

Meckel verwies aber auf die Verantwortung des Volksbundes. "Ein Verband, der in die nächste Generation hineinwirken will, der öffentliches Gedenken gestalten will, muss sich positionieren", sagte er. Die Soldaten seien nicht auf einem Feld der Ehre gefallen. "Das waren junge Menschen, die halbwegs noch glaubten, ihre Pflicht zu tun." Einige hätten gegen ihren Willen gehandelt, "aber es waren Abertausende Verbrecher dabei."

Der Verband sei solchen Debatten stets aus dem Weg gegangen, nun sträube sich ein großer Teil des Verbandes gegen die logische Deutung des Krieges. "Ich hätte nie erwartet, dass das im 21. Jahrhundert noch diskutiert werden kann." Gedenkpolitisch sei der Volksbund auseinandergebrochen.

Eine wichtige Dimension sei dabei eine vorherrschende Einstellung, nach der man nicht schlecht über die Tote spreche. "Das ist verständlich, wenn es um die eigenen Angehörigen geht, das ist schwer zu verkraften", sagte Meckel. Er selbst könne das zumindest nachvollziehen. "Denn mein Vater war Wehrmachtsoffizier und in Weißrussland. Ich weiß nicht, was er da gemacht hat, wie er da beteiligt war." Sein Vater sei aber mindestens Teil einer militärischen Macht gewesen, die diese Verbrechen möglich gemacht hat. Für ihn sei daher klar: "Wir müssen die Verantwortung weitertragen."


Das Interview in voller Länge:

Dirk-Oliver Heckmann: Am Telefon begrüße ich jetzt Markus Meckel, den ehemaligen Außenminister der DDR, bis gestern Präsident des Volksbundes Deutsche Kriegsgräberfürsorge. Er hat gestern mit sofortiger Wirkung seinen Rücktritt erklärt. Guten Tag, Herr Meckel.

Markus Meckel: Einen schönen guten Morgen, Herr Heckmann.

Heckmann: Weshalb haben Sie keine Chance mehr gesehen, dass Ihr Amt verlängert wird?

Er habe "Rückhalt durch Landesverbände und im Vorstand verloren"

Meckel: Es gab wirklich schon seit Monaten Querelen und manche Projekte, die wir sogar im Frühjahr noch im Vorstand beschlossen hatten, fanden keine Mehrheit mehr, konnte ich nicht durchsetzen. Es wurde ein Haushaltsstopp verhängt, während gleichzeitig kurz danach erklärt wurde, es wären so viele Mittel da wie schon lange nicht mehr. Also es war alles sehr widersprüchlich. In der Sache ist es so, dass ich den Rückhalt offensichtlich insbesondere im Präsidium durch die Landesverbände, aber dann letztlich auch im Vorstand verloren habe, und wenn man etwas nicht mehr umsetzen kann, macht es auch keinen Sinn mehr.

Heckmann: Sie sagen, Sie haben den Rückhalt verloren. Auf der anderen Seite sprechen Sie selbst von internen Querelen. Es gab auch Kritik an Ihrer Führungskultur. Wir haben gerade auch den O-Ton der Geschäftsführerin gehört. Würden Sie denn rückblickend sagen, dass Sie in Ihrer Funktion alles richtig gemacht haben?

Landesverbände, die sich nicht um historisch-politische Fragen kümmern

Meckel: Ja. Das kann ich nicht anders sagen. Ich habe auch viele Mitarbeiter kennengelernt im Volksbund, die also wirklich mit großem Engagement arbeiten in der Jugend- und Bildungsarbeit, aber eben nicht nur dort, sondern auch in den anderen Bereichen. Aber die sind zuletzt nicht mehr so zu Wort gekommen und konnten jedenfalls in den Gremien ihre Position auch nicht genügend einbringen, sodass es jetzt keinen Sinn mehr macht.

Ich habe lange gekämpft, versucht - das ist angesprochen worden -, dass wir ein Leitbild schaffen. Ich bin gespannt, ob heute der Vertretertag dies dann noch beschließt. Als im letzten Jahr diese Formulierung mit dem Zweiten Weltkrieg als Angriffs- und rassistisch motiviertem Vernichtungskrieg kam, hat sich wirklich ein Sturm der Entrüstung über mich hergemacht und es gab eine intensive Debatte.

Es gab Landesverbände, die überhaupt die Bewertung des Zweiten Weltkrieges weghaben wollten und sagten, das ist nicht unsere Sache, wir kümmern uns um die Angehörigen und die Friedhöfe und nicht um historisch-politische Fragen, während ich sage, ein Verband, der in die nächste Generation hineinwirken will, der in die Mitte der Gesellschaft wirken will, der öffentliches Gedenken gestalten will, muss sich hier klar positionieren und sich der Schwierigkeit stellen, wie man deutsche Soldaten, die im Ausland begraben sind, wie man ihrer gedenkt.

Denn es war kein Feld der Ehre, auf dem sie gefallen sind. Gleichzeitig waren es natürlich oft tragische junge Menschen, Menschen, die glaubten, zumindest halbwegs noch glaubten, ihre Pflicht zu tun, oft keine andere Wahl hatten. Es ist eine gewisse Tragik da. Aber sich dieser Tragik zu stellen, aber auch der Verantwortung, denn es waren wiederum auch abertausende Verbrecher dabei, da offen zu sein, sich auch der Gedenkkultur der anderen Länder und der Erfahrungen mit uns zu stellen, all das gehört in das Gedenken mit hinein und muss viel stärker in den Vordergrund gerückt werden. Aber da wollten viele nicht mitgehen.

Volksbund habe einen öffentlichen Raum für privates Trauern geschaffen

Heckmann: Herr Meckel, dass es Widerstand gab, oder gibt gegen dieses Leitbild und gegen die Definition des Zweiten Weltkriegs als "Angriffs- und rassistisch motivierter Vernichtungskrieg", das wundert doch ein bisschen, dass es dagegen Widerstand gab, denn das ist ja dann doch, wenn ich das richtig übersehe, Konsens auch in der Wissenschaft. Was steckt für eine Haltung dahinter?

Meckel: Mich hat das auch sehr gewundert, ehrlich gesagt. Als wir die formulierten hätte ich nie erwartet, dass es überhaupt im 21. Jahrhundert noch diskutiert werden kann. Es ist offensichtlich der Hintergrund, dass der Volksbund lange einen öffentlichen Raum für privates Trauern geschaffen hat, und bis hin zur Wehrmachtsdebatte der 90er-Jahre ist man solchen Fragen aus dem Weg gegangen, sich zu äußern.

Nicht in der Jugend- und Bildungsarbeit, die ja nun seit Jahren auch eine tolle Arbeit macht, die viel zu wenig bekannt ist. Dort hat man das natürlich immer behandelt. Das heißt aber, insofern brach gedenkpolitisch in der Vergangenheit der Volksbund auseinander. Es gab die einen, die sehr traditionell sozusagen die Angehörigen pflegen, die historisch-politischen Fragen hinaushalten wollten, und andere, die mit Jugendlichen arbeiten, die sich mit der Geschichte konfrontieren, ethisch-moralische Fragen diskutieren und eine tolle Arbeit machen, und dafür übrigens sind wir ja auch vielfach gewürdigt worden bis hin zum Deutschen Nationalpreis in diesem Jahr. Es bricht auseinander, aber die Kräfte, die dies nicht wollen, haben jetzt die Oberhand und jetzt muss man sehen, wie es weitergeht.

"Dass man mit der eigenen Familiengeschichte mit drin steckt"

Heckmann: Steckt dahinter auch so eine Haltung, die man beschreiben könnte mit den Worten, über Tote spricht man nicht schlecht? Wird da versucht, so ein bisschen den Mantel des Schweigens darüberzulegen?

Meckel: Das ist eine ganz wichtige Dimension, die immer wieder angesprochen wurde in der Debatte. Es ist natürlich verständlich, dass man, wenn es um die eigenen Verwandten und Angehörigen geht, es war zwar da viel Schlimmes, aber dass man mit der eigenen Familiengeschichte möglicherweise mit drin steckt. Das ist schwer zu verkraften. Ich kann das ja auch nachvollziehen.

Mein Vater war Wehrmachtsoffizier. Er war etwa in Weißrussland, wie ich weiß. Ich weiß nicht, was er dort gemacht hat, und als ich jetzt letztens wieder dort war, macht mich das bis heute betroffen, wenn man weiß, dass ein Drittel der Bevölkerung fast umgekommen ist. Man fragt sich, wie war er da beteiligt. Und selbst wenn er nicht direkt beteiligt war, war er natürlich Teil dieser militärischen Macht, die diese Verbrechen möglich gemacht hat. Da kommen wir nicht von weg und dem müssen wir uns stellen, einschließlich der Dimension, dass dies in die eigene Familie hineinreicht, und das macht natürlich betroffen und schafft uns eine Verantwortung, die wir natürlich auch weitertragen müssen. Das sind ja wichtige Fragen, die uns bis heute berühren, denn in diesen Ländern sind wir heute unterwegs und tragen wir auch heute außenpolitische Verantwortung.

"Es ist bitter, dass wir dieses so nicht weiterführen konnten"

Heckmann: Herr Meckel, wir haben nur noch 30 Sekunden Zeit. Einen ganz kurzen Satz. Fühlen Sie sich als Gescheiterter? Und wenn ja, wie bitter ist das für Sie?

Meckel: Es ist bitter, dass wir dieses so nicht weiterführen konnten. Wir waren auf einem guten Weg mit vielen Mitstreitern, und dass das nun offensichtlich vor die Wand gelaufen ist, das tut mir außerordentlich leid: Für die Arbeit, für den Verband, auch für die Gesellschaft, die dieses Thema braucht. Ja, ich hätte es gerne weitergemacht, aber es ging nicht.

Heckmann: Markus Meckel war das hier live im Deutschlandfunk, bis gestern Präsident des Volksbundes Deutsche Kriegsgräberfürsorge. Herr Meckel, ich danke Ihnen für das Gespräch und Ihre Zeit.

Meckel: Herzlichen Dank Ihnen.

Äußerungen unserer Gesprächspartner geben deren eigene Auffassungen wieder. Der Deutschlandfunk macht sich Äußerungen seiner Gesprächspartner in Interviews und Diskussionen nicht zu eigen.

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