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StartseiteEuropa heuteSechs neue Nachbarn 10.02.2016

Flüchtlinge in LettlandSechs neue Nachbarn

Lettland hat zum ersten Mal sechs aus Griechenland umgesiedelte Flüchtlinge aufgenommen. Es handelt sich um je eine Familie aus Eritrea und Syrien. In der Bevölkerung gibt es teils starke Vorbehalte gegen die Aufnahme. Zugleich melden sich immer mehr Freiwillige, um den Neuankömmlingen zu helfen, in Lettland Fuß zu fassen.

Von Birgit Johannsmeier

Flüchtlinge aus dem einzigen Flüchtlingsheim des Landes in Mucenieki nach einem Fußballspiel gegen Politiker.  (picture alliance / dpa / Valda Kalnina)
Flüchtlinge aus dem einzigen Flüchtlingsheim des Landes in Mucenieki und lettische Politiker nach einem Fußballspiel. (picture alliance / dpa / Valda Kalnina)
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Aufbruch zu einem Tagesausflug. Die sechsjährige Sofia und ihr vierjähriger Bruder Jussuf  klettern als erste in den Reisebus, der sie in die lettische Provinz fahren wird. Noch leben sie im Flüchtlingsheim von Muzenieki, etwa 40 Kilometer von der Hauptstadt Riga entfernt. Für einen Tag können sie es heute verlassen, um andere Gemeinden Lettlands kennenzulernen. Von Sozialarbeitern des Vereins "Sicheres Haus" und freiwilligen Flüchtlingshelfern werden die Asylsuchenden begleitet. Der 40-jährige Hassan ist der Vater der beiden Kinder und kommt aus Afghanistan. Auf der Flucht hatte er Jahre in Uzbekistan ausgeharrt und dort seine Frau kennengelernt. Da sie kein Visum für Lettland erhielt, machte sich Hassan im Sommer allein mit den Kindern auf den Weg. Zumindest noch ein Jahr lang wird er in Lettland bleiben können. Die Mitteilung über seine Duldung hat er gerade erst erhalten, nun ist er voller Hoffnung: 

"Ich kenne nur Riga, aber dort ist es sehr teuer, unsere 333 Euro im Monat reichen nicht mal für eine Wohnung. Das Leben auf dem Land ist sicher billiger. Ich suche einen ruhigen Ort mit Schule und Kindergarten, wo es auch Arbeit für mich gibt, dort möchte ich gerne leben."

Knapp 80 Prozent der Letten lehnen die Hilfesuchenden ab

Bisher sind nur wenige Flüchtlinge nach Lettland gekommen. Seit sich die Regierung jedoch dazu bereit erklärt hat, 776 Asylsuchende aus Italien und Griechenland aufzunehmen, werde endlich in eine Flüchtlingspolitik investiert, sagt die Sozialarbeiterin Gunta Viksne. Dieser Ausflug gehört dazu. Trotzdem sei es nicht leicht gewesen, eine lettische Gemeinde vom Besuch der Flüchtlinge zu überzeugen, sagt sie, denn noch immer lehnten knapp 80 Prozent der Letten die Hilfesuchenden ab.

"Von den drei Gemeinden, die wir als offen eingeschätzt haben, hat eine gleich wieder abgesagt. Das Thema Flüchtlinge sei einfach zu umstritten, hat der Bürgermeister erklärt. Ich sage ja nicht, dass man die Asylsuchenden lieben muss -  aber wir wollen die Fluchtursachen erklären, damit unsere Leute ihre Ängste überwinden."
 
In Jaunpils sind die Asylsuchenden auf alle Fälle willkommen. Eine 1.000- Seelen Gemeinde, die inmitten von Wiesen, Bachläufen und Feldern liegt. Andris Friderihsons ist Sozialarbeiter und war sofort bereit zu helfen. Stolz erzählt er den Flüchtlingen vom mittelalterlichen Schloss und der Käsefabrik, außerdem erklärt er, dass sich hier das Schulzentrum für den gesamten Bezirk befinde. 

"Alles was ich bisher über Asylsuchende wusste, habe ich aus den Medien und dem Internet erfahren. Da ging es um Gewalt und Terror, Flüchtlinge würden nur Probleme schaffen, hieß es, aber hier sehe ich nur nette Leute.  Allerdings sind es nur 15. Die Frage ist, was passiert, wenn plötzlich Hunderte oder Tausende zu uns kommen."

Hassan aus Afghanistan ist nicht erleichtert, sondern enttäuscht

Die Flüchtlinge aus Afghanistan, dem Irak und dem Kongo besuchen den Laden der Käsefabrik, um dort günstig einzukaufen – nicht länger als zehn Minuten. Für die Verkäuferin Bennita war der Besuch trotzdem aufschlussreich.

Nach dem Rundgang treffen die Asylsuchenden im Bürgersaal Vertreter der Gemeinde Jaunpils und der umliegenden Ortschaften. Gleichzeitig erfahren die Anwohner, wer den Lebensunterhalt der Flüchtlinge finanziert. Bürgermeisterin Ligita Gintere ist erleichtert darüber, dass alle zusätzlichen Sozialleistungen wie Wohn - oder Kleidergeld vom lettischen Staat übernommen werden.

"Die Fachleute vom Verein 'Sicheres Haus'  haben uns über Rechte und Pflichten der Asylsuchenden aufgeklärt und uns Ängste genommen. Sollten Flüchtlinge zu uns kommen, müssen sie unsere Traditionen annehmen. Sie dürfen nicht plötzlich vermummt durchs Dorf gehen. Leider haben wir wenig freien Wohnraum und können kaum Arbeitsplätze anbieten."

Hassan aus Afghanistan ist nicht erleichtert, sondern enttäuscht: In Jaunpils gibt es für ihn und seine beiden Kinder keine Perspektive. Aber auf dem Rückweg stoppt der Bus für ein paar Minuten in der Kleinstadt Tukums. Hassans Kinder Sophia und Jussuf springen auf ein Trampolin und ihr Vater ist jetzt ganz begeistert.

"Das ist doch toll hier. Genau die richtige Größe. Und da hinten, in dem Plattenbau, da gibt es doch vielleicht eine günstige Wohnung für uns drei. Wenn der Verein mir hilft, würde ich gerne leben."

Tatsächlich könne Hassan in Tukums nicht nur eine günstige Wohnung, sondern auch Schule, Kindergarten, Sprachkurs und Job finden, sagen die Sozialarbeiter vom Verein "Sicheres Haus". Im Rahmen des Familiennachzugs  könne er sogar seine Frau nach Lettland holen, fügen sie hinzu. Und machen sich sogleich an die Arbeit.

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