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StartseiteSport am WochenendeNichts geht mehr in Freiburg05.03.2016

Freiburger Doping-AufarbeitungNichts geht mehr in Freiburg

Nach dem Rücktritt der fünf Mitglieder der Evaluierungskommission ist ein jahrelanger Streit nun eskaliert. Der Konflikt ist so vertrackt, dass womöglich nur die Politik schlichten könnte. Doch die hat offenbar auch kein echtes Interesse an einer Aufklärung.

Von Jonas Reese

Wegweiser an der Uni Freiburg zur Sportmedizinischen Abteilung (picture alliance / dpa / Rolf Haid)
Wegweiser an der Uni Freiburg zur Sportmedizinischen Abteilung (picture alliance / dpa / Rolf Haid)
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"Man weiß nie genau, was ist Unfähigkeit, was ist Dummheit und was ist Absicht." Es hat gereicht. Gerhard Treutlein langjähriges Mitglied in der Evaluierungskommission Freiburger Sportmedizin und seine vier Kollegen haben aufgegeben. Immer wieder sahen sie sich in ihrer Arbeit von der Uni Freiburg behindert. Neun Jahre ging es so. Der Streit gipfelte nun im Versuch des Hochschul-Rektors Hans-Jochen Schiewer die Unabhängigkeit der Kommission offenbar zu unterwandern.

"Der Punkt ist, das uns beim Eintritt in die Kommission absolute Unabhängigkeit zugesichert wurde, das will er jetzt einschränken und das würde bedeuten, dass wenn die Gutachten abgegeben werden, dann werden die einer juristischen Prüfung unterzogen und was dann damit passiert, darüber hätten wir keine Kontrolle mehr."

"Müssen bestimmte rechtliche Aspekte prüfen"

Von Zensur war sogar schließlich die Rede. Rektor Schiewer begründete sein Vorhaben unter der Woche im Deutschlandfunk so: "Es ist schon immer klar gewesen, dass wir selbstverständlich auch zum Schutz der Kommissionsmitglieder die uns vorgelegten Gutachten und vor allen auch den Abschlussbericht prüfen müssen in Hinblick auf bestimmte rechtliche Aspekte, auf Urheberrecht, auf Persönlichkeitsschutz und Datenschutz. Das hat auch damit zu tun, dass die Kommissionsmitglieder immer darauf bestanden haben, dass sie unsererseits versichert werden, auch eine Rechtsschutzversicherung haben."

Mittlerweile existieren erhebliche Zweifel an dieser Darstellung. Erstens wurde in mehreren Rechtsgutachten bereits ausgeführt, dass die Kommission sich strafbar machen würde, falls sensible Daten an die Uni weitergegeben werden. Und darüber hinaus hat Rektor Schiewer bei fünf bereits fertigen Gutachten einen höchst zweifelhaften Juristen zur Prüfung eingesetzt: Wolfgang Schmid war in der Vergangenheit gleich mehrmals anwaltlich für Professor Klümper tätig. Für jenen Arzt also, der das Freiburger Doping-Mekka mitaufgebaut hatte und nun im Zentrum der aktuellen Aufklärungsarbeit steht.

"Sehr peinliche Koinzidenzien"

Ausgerechnet die Forschungsergebnisse über Klümper hat sein ehemaliger Rechtsbeistand geprüft. Ein Skandal, den Gutachter Andreas Singler eher zufällig bemerkte. "Gerade wenn es um Dr. Klümper ging gab es doch einige wirklich auffällige und auch sehr peinliche Koinzidenzien, wo er versucht hat sich inhaltlich einzumischen und wo er zum Beispiel ein Anwaltsschreiben als genehmigungsbedürftig bezeichnet hat und ein anonym zitiertes Schreiben, das wie ich dann festgestellt habe, peinlicherweise von ihm selbst stammte. Insofern gibt es eben einen Zusammenhang zwischen seiner Begutachtung jetzt und der früheren Mandantschaft von Professor Klümper und das macht den Skandal jetzt einfach noch ein bisschen fetter."

Und so festigt sich der Eindruck, dass die Uni Freiburg als Auftraggeber der Evaluierungskommission zwar umfassende, unabhängige Aufklärung propagiert, sie aber letztlich mit allen Mitteln zu verhindern und zu boykottieren versucht. Den Eindruck teilt auch André Hahn, sportpolitische Sprecher der Linksfraktion im Bundestag. Er möchte das Thema im Sportausschuss behandeln. "Ich finde das alles höchst dubios. Und möchte, dass die Politik und in dem Fall auch die Bundespolitik Druck macht, dass dieser Bericht kommt und nicht jetzt irgendwie versteckt wird. Das ist ja eine Angelegenheit, die betrifft nicht nur die Uni Freiburg oder Baden-Württemberg sondern das ist eine Sache von bundesweitem Interesse, und ich möchte dass sich der Sportauschuss des Bundestages in sehr schneller Zeit damit beschäftigt." 

Kein Interesse aus der Politik

Wieviel Unterstützung Hahn bei diesem Vorhaben aber bekommen wird ist fraglich. Denn augenscheinlich hat die Politik nicht besonders großes Interesse an einer lückenlosen Aufklärung. Sie ist ja selbst Gegenstand der Aufarbeitung, wie die bisherigen Ergebnisse der Kommission schon zeigen. Über die Zwischenergebnisse zum Doping-System Klümper sagte  Gerhard Treutlein vor rund einem Jahr im Deutschlandfunk. "Aber die wesentliche Schiene sind Politiker, und beispielsweise das Innenministerium, das BMI, und in Baden-Württemberg das Kultusministerium und ansatzweise auch das Wissenschaftsministerium."

Auffällig zurückhaltend waren dementsprechend jegliche Sport- und Wissenschaftspolitiker in den letzten Tagen. Zahlreiche Interviewanfragen des Deutschlandfunks blieben unbeantwortet oder wurden mit Verweis auf die anstehenden Landtagswahlen in Baden-Württemberg abgewiesen.

Es fallen bekannte Namen

Auch das Bundesinnenministerium hält sich bedeckt. In einer kurzen Stellungnahme begrüßt es zwar eine mögliche Veröffentlichung der bisherigen Forschungsergebnisse. Einen Kommentar zu den Streitigkeiten zwischen Uni und Kommission lehnt es jedoch ab.

Inwieweit die Ergebnisse noch bis weit in die aktuelle Politik hineinreichen, zeigt folgendes Zitat aus einer noch unveröffentlichten Autobiographie des Doping-Gurus Klümper. Sie hat vor gut einem Jahr in Teilen den Weg an die Öffentlichkeit gefunden, und sie beschreibt in diesem Teil den Unterstützerkreis Klümpers, als dieser sich in einer finanzielle Notlage befand. "Die finanzielle Unterstützung war enorm. Ganz vorne sind die Namen Eberhard Gienger, Hansi Müller, Uli Hoeneß, Kalle Rummenigge und Paul Breitner. Die tief in die Tasche griffen und das Geld durch Gienger einsammeln ließen."

Eberhard Gienger ist heute sportpolitischer Sprecher der Union-Bundestagsfraktion und sitzt im Sportausschuss. Eben jenes Gremium, welches derzeit eigentlich dringend gebraucht würde, um der Wahrheit über den Freiburger Dopingsumpf ans Licht zu verhelfen.

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