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StartseiteEuropa heuteEine Kirchenzeitung mischt mit18.04.2018

Für Gott und Kroatien (3/5)Eine Kirchenzeitung mischt mit

Abtreibung, Homosexualität, Flüchtlinge. Bei Themen, die Kroatien bewegen, mischt die katholische Zeitung "Glas Koncila" mit. Das Blatt hat dabei oft auf versöhnliche Töne gesetzt. Inzwischen ist es wieder auf Linie der Kirche – und schlägt immer mehr nationalistische Töne an.

Von Dirk Auer

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Die Kirchenzeitung Glas Koncila ist auch im Internet vertreten. 28.000 gedruckte Zeitungen werden wöchentlich verkauft. (Screenshot der Homepage von Glas Koncila (13.4.2018))
Die Kirchenzeitung Glas Koncila ist auch im Internet vertreten. 28.000 gedruckte Zeitungen werden wöchentlich verkauft. (Screenshot der Homepage von Glas Koncila (13.4.2018))
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Jugoslawienkrieg Kroatiens unbewältigte Vergangenheit

Montagmorgen bei Glas Koncila: Etwa 15 Redakteure sitzen um einen großen Tisch im Besprechungszimmer, jeder hat die neueste Ausgabe vor sich: 32 druckfrische Seiten, mit Berichten und Reportagen über Gott und die Welt.

Der Fotograf der Zeitung beginnt mit einem kleinen Selbstlob. Die Titelseite: ein starkes Foto, visuell attraktiv, so müsse Glas Koncila rüberkommen. Chefredakteur Ivan Miklenic, nickt. Er ist schon seit fast 40 Jahren dabei. Als er anfing, hatte die Zeitung noch eine Auflage von 180.000, jetzt werden nur noch bis zu 28.000 Zeitungen verkauft.

"Im Kommunismus hatte die Zeitung natürlich eine viel größere Bedeutung als heute – es war damals die einzige Zeitung, die nicht direkt von der Partei kontrolliert wurde. Vier Mal wurde sie nach Erscheinen beschlagnahmt, aber wir wussten, dass Glas Koncila von den Kommunisten oft als Beweis angeführt wurde, dass in Jugoslawien Demokratie herrscht. Also haben wir versucht, immer an die Grenze zu gehen – und manchmal auch einen Schritt weiter."

Von moderat zu nationalistisch

Im oberen Stockwerk des Hauses direkt gegenüber der Zagreber Kathedrale liegen die Redaktionsräume und das Archiv. Stolz ist Ivan Miklenic auf diese Zeit, in der man sich nicht hat verbiegen lassen. Stolz ist er auch auf die Zeitung während der Zeit der Jugoslawien-Kriege Anfang der 1990er-Jahre:

"Wir haben immer aufgepasst, dass wir den Hass nicht noch vertiefen. Zum Beispiel hatten wir von einem Fall erfahren, wo ein katholischer Priester in einem serbischen Gefängnis gelandet war. Und dort hat ihm ein serbischer Bischof Wein und Brot gebracht, dass er die Messe feiern konnte. Und darüber haben wir dann berichtet. Mit großer Freude sogar."

Tatsächlich war die Zeitung während des Krieges gegen Serbien noch auf einen moderaten Ton bedacht. Und doch: Viele Priester sollten zu dieser Zeit ihre nationale Erweckung erleben. Und auch in der Kirchenzeitung Glas Koncila wurde in der Nachkriegszeit der Ton nationalistischer. Patriotisch wie Ivan Miklenic sagen würde.

Nationalismus und Patriotismus seien nicht das Gleiche - dabei hebt er mahnend den Finger. Die Zeitung greife eben nicht nur kirchliche Themen auf, sondern – aus Sorge um die Entwicklung des Landes – immer auch allgemein-gesellschaftliche.

Ivan Miklenic blättert durch die aktuelle Ausgabe. Hier, sagt er, haben wir etwa einen Schwerpunkt zum slowenisch-kroatischen Grenzstreit. Auch seine wöchentlichen Kommentare beackern ein weites Feld. Über 600 hat er über die Jahre geschrieben – und oft werden sie von anderen Medien aufgegriffen und noch einmal kommentiert.

Verschwörungstheorien zur Einwanderung

Ivan Miklenic ist in Sorge: um die Familie, die Nation, die christliche Kultur Kroatiens. Die sieht er zurzeit vor allem durch zwei Dinge bedroht. Zum einen: die Flüchtlingskrise.

"Unsere Kirche hat eine klare Haltung: Jeder Mensch muss angenommen werden, der Hilfe braucht. Da gibt es überhaupt kein Dilemma."

In einem seiner Kommentare hatte er allerdings eine Frage aufgeworfen: Steht nicht vielleicht hinter allem ein geheimer Plan?

"Dieser Flüchtlingsstrom, diese jungen Männer und Frauen, die zu Tausenden kommen – das ist kein natürlicher Prozess, sondern jemand hat das veranlasst und will, dass sie sich in Europa massenweise niederlassen. Das ist ein Problem. Die Leute werden manipuliert."

Europa schaue dem tatenlos zu – nur der ungarische Präsident Viktor Orbán, der nicht. Der schützt das christliche Europa, lobt Miklenic.

"Nicht einmal mehr Männer- und Frauen-WCs"

Im Redaktionsraum arbeiten die Journalisten schon an der nächsten Ausgabe. Die Flüchtlingszahlen sind gesunken, aber schon steht für Miklenic die nächste Gefahr vor der Tür: die sogenannte Istanbuler Konvention, ein 2011 von Mitgliedern des Europarats beschlossener Vertragstext zum Schutz von Frauen gegen Gewalt. Ultrakonservative Gruppen und die Kirche fürchten nichts weniger als den Untergang des Abendlandes.

"Wir stimmen alle darin überein, dass Frauen geschützt werden und Gewalt eliminiert werden muss. Das ist unumstritten." Aber, erzählt Ivan Miklenic weiter, so einfach ist es nicht. Durch den Vertragstext werde hinterrücks die sogenannte Gender-Ideologie eingeführt:

"Das heißt, eine neue Ideologie für die Definition von Mann und Frau. Es ist angeblich nicht wichtig, als was du geboren bist, sondern nur das, als was du dich siehst. Das ist eine westliche Kulturrevolution – und eben leider Ideologie. Die Folge davon wird sein, dass es dann irgendwann noch nicht einmal mehr Männer- und Frauen-WCs gibt."

Und so wird Miklenic es dann in seinem Kommentar schreiben: Dass die Istanbuler Konvention gegen jeden gesunden Menschenverstand ist, dass sie das Überleben von Ehe und Familie gefährdet, die gleichgeschlechtliche Ehe einführt, und das heißt: die kroatische Kultur, die monotheistischen Religionen und letztlich das kroatische Volk auslöschen will. Es sind schwierige Zeiten, wieder einmal, seufzt Ivan Miklenic.

"Aber im Sozialismus und während der türkischen Kriege hat das kroatische Volk die ganze Zeit überlebt, dank der Katholischen Kirche. Sie war die einzige Institution, die immer beim Volk war."

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