• Deutschlandfunk bei Facebook
  • Deutschlandfunk bei Twitter
  • Deutschlandfunk bei Google+
  • Deutschlandfunk bei Instagram

 
 
Seit 01:30 Uhr Tag für Tag
StartseiteBüchermarktDen Geschmack von Aufstand auf der Zunge 20.10.2014

Gezi-Park-ProtesteDen Geschmack von Aufstand auf der Zunge

Im Mai 2013 protestierten in Istanbul vor allem junge Menschen erst für den Erhalt der Gezi-Parkanlage, dann gegen die Einschränkung demokratischer Rechte. 21 Texte versammelt die literarische Anthologie "Gezi". Von der Euphorie des Erlebten beseelt, zeigen sie eindrucksvoll, wie die Proteste die Menschen in der Türkei wachgerüttelt haben.

Von Ralph Gerstenberg

(picture alliance / dpa / Sedat Suna)
Gezi wurde zum Synonym für eine junge türkische Demokratiebewegung. (picture alliance / dpa / Sedat Suna)
Weiterführende Information

Politisches Sachbuch - Das Phänomen Gezi
(Deutschlandradio Kultur, Buchkritik, 23.04.2014)

Nach den Protesten in der Türkei - Die Generation Gezi
(Deutschlandfunk, Hintergrund, 01.12.2013)

Erdogan-Gegner gründen Gezi-Partei
(Deutschlandfunk, Europa heute, 11.11.2013)

Drei Monate nach den Gezi-Park-Protesten
(Deutschlandfunk, Europa heute, 30.09.2013)

"Gezi ist überall" - Anti-Erdogan-Proteste in Instanbul während des Ramadan
(Deutschlandfunk, Europa heute, 12.07.2013)

Umbaupläne für Gezi-Park gekippt
(Deutschlandradio, Aktuell-Archiv des früheren dradio.de-Auftritts, 03.07.2013)

"Selbst wenn wir unterliegen, den Geschmack von Aufstand haben wir auf der Zunge."

Diesen Satz schrieb jemand an eine Mauer im Zentrum Istanbuls, als im vergangenen Jahr der Kampf um den Gezi-Park entbrannte. Er drückt aus, was die vielen, vor allem jungen Menschen empfanden, die erst für den Erhalt der Parkanlage, dann gegen die Einschränkung demokratischer Rechte, Zensur, staatliche Willkür und Polizeigewalt protestierten. Gezi wurde zum Synonym für eine junge türkische Demokratiebewegung, zum utopieträchtigen Symbol für Widerstand, Solidarität und Zusammenhalt. "Der Geist ist aus der Flasche", meint Murat Uyurkulak, der zu den ersten Baumschützern im Park gehörte und neben 18 anderen türkischen Schriftstellerinnen und Schriftstellern mit einem Text in einer literarischen Anthologie vertreten ist, die so heißt wie der Park, der Protest, die Bewegung: "Gezi".

Die in Hamburg lebende Herausgeberin und Übersetzerin Sabine Adatepe hat ein Jahr nach den Unruhen den Versuch unternommen, mit ihrer Anthologie den Geist von Gezi in gewisser Weise einzufangen. In ihrem Vorwort schreibt sie:

"Die einundzwanzig Texte entstanden innerhalb von neun Monaten während und nach der heißen Phase im Park, sie entspringen dem unmittelbaren Erleben, dem Wunsch nach Nachhaltigkeit, der intellektuellen Reflektion. Manche sind leichter in die Tastatur geflossen, andere mit Seelenqualen abgerungen, alle sind spürbar von einer Ehrlichkeit geprägt, die so wenig etwas schönfärben wie etwas herabwürdigen will. Unser Panorama spiegelt Kern, Motivation und Dynamik der Gezi-Bewegung in ihrer ganzen Diskursvielfalt wider: Sanftmut und Aggression, Romantik und Intellektualität, Hoffnung und Enttäuschung."

Dialog zwischen den Generationen

Auch die Vielfalt der literarischen Genres ist groß. Die Anthologie vereint Gedichte und Essays, Kurzprosa und einen Romanausschnitt, Fantasy und Krimi. Die Autorinnen und Autoren sind zwischen 34 und 81 Jahre alt. So entsteht wie bei den Gezi-Protesten auch in der Anthologie ein Dialog zwischen den Generationen, etwa wenn Nermin Yıldırım, die jüngste Autorin der Sammlung, eine Mutter während der Gezi-Unruhen ihren Sohn suchen lässt, eine Mutter, die sich am Ende mit einer Gasmaske vor dem Gesicht in den Reihen der Demonstranten wiederfindet. In Barış Uygurs Detektivgeschichte "Versprochen" revidiert ein Vater angesichts seiner zusammengeschlagenen Tochter seine bislang durchaus positive Meinung vom türkischen Ministerpräsidenten. Und in einem offenem Brief vom 8. Juni 2013 bekennt die 49-jährige Ayfer Tunç:

"Ich hatte die Jugend für einfallslos und egoistisch gehalten und war bekümmert gewesen, sie nicht wertschätzen zu können. Nun hat sie mich eines Besseren belehrt. Denn diese Jugendlichen sind imstande, Freundschaft zu Menschen unterschiedlichster Meinung zu unterhalten, sie bemühen sich außerordentlich darum, die zu schützen, die sich nichts haben zuschulden kommen lassen, sie sind nicht gleich in Gruppen zerfallen, sie sind den Opportunisten, die versucht haben, sich unter sie zu mischen, nicht auf den Leim gegangen, und sie sind erstaunlich klug und komisch. Diese Eigenschaften habe ich bei dieser Jugend zum ersten Mal entdeckt und halte sie für sehr kostbar."

Der vielgepriesene Humor der Demonstranten vom Gezi-Park, der sich in Aktionen und Slogans offenbarte, blitzt auch in den Anthologiegeschichten immer wieder auf. Pointiert schildert zum Beispiel der Satiriker Fırat Budacı in seiner Geschichte "Die Liebe in Zeiten des Widerstands" eine Kneipenszene. Während vor der Tür der Kampf um den Gezi-Park tobt, Wasserwerfer und Tränengas gegen Protestierende zum Einsatz kommen, muss sich der junge Çağatay entscheiden - zwischen der Anziehungskraft des Widerstands in den Straßen und seiner nach Hause drängenden Verlobten Merve.

"Was soll Çağatay da machen? Wem soll er den Vorzug geben? Merve oder dem Wasserwerfer? Dem häuslichen Streit oder dem Widerstand vor der Tü? Der Aufregung in den Straßen oder der Langeweile vor dem Fernseher? Und, wenn wir die Vergangenheit, die Gegenwart und die Zukunft in jener großen Frage zusammenfassen wollen: Die Ehe zu Hause oder die Liebe draußen?"

Euphorie des Erlebten beseelt Texte

Die literarischen Reaktionen auf die Ereignisse rund um den Gezi-Park sind keine formvollendeten Kunstwerke. Vieles erscheint ungeschliffen und rasch skizziert. Doch die Euphorie des Erlebten beseelt jeden dieser Texte, in denen aus ganz unterschiedlichen Blickwinkeln das Geschehen reflektiert wird. Eine Ich-Erzählerin schildert die Straßenschlachten aus der Perspektive einer Schaufensterpuppe. An anderer Stelle erhalten gar die Bäume eine Stimme, um deren Existenz im Park gestritten wird. Zum Schluss resümiert der Krimiautor Barış Uygur darüber, dass ein Slogan bei den Gezi-Protesten gefehlt habe - zum Glück, wie er meint.

"Die kurzfristigen Resultate der Gezi-Proteste lassen sich schwer abschätzen. Aus diesen Ergebnissen einen Sieg für die rebellierende Jugend zu prophezeien ist noch schwieriger. Unter den unzähligen Slogans aber war für mich der ungeschriebene der bedeutungsschwerste. Kein Einziger hatte No Future! an die Wände geschrieben. Ihr könnt mir gerne unverbesserlichen Optimismus vorwerfen, aber für mich bedeutet alleine schon das, dass wir eine Zukunft haben!"

Die von Sabine Adatepe herausgegebene literarische Anthologie "Gezi" offenbart auf sehr eindrucksvolle Weise, wie die Proteste rund um den Gezi-Park die Menschen in der Türkei wachgerüttelt haben, wie sich das, was sie im vergangenen Jahr in Istanbul erlebten - ihre Hoffnung, ihr Engagement, ihre Kreativität - ins kollektive Gedächtnis eingeschrieben hat. Zudem vermittelt das liebevoll gestaltete Buch mit Schwarzweiß-Fotos von Selen Özer Günday einen sehr lebendigen Eindruck von einer politisch hellwachen Literaturszene, die ohne Sentimentalität in die Vergangenheit und mit gestärktem Selbstvertrauen in die Zukunft schaut. Den Geist von Gezi, der unerwartet wie ein Wunder plötzlich erschien, wird niemand mehr beschwören müssen. Die Texte des Bandes zeugen von seiner Existenz.

Denn eines sei sicher, schreibt der Kultautor Hakan Günday: "Niemand wird wieder so tun können, als wäre nichts geschehen."

"Gezi. Eine literarische Anthologie"
Hrsg. und aus dem Türkischen übersetzt von Sabine Adatepe (zusammen mit Monika Demirel) Binooki Verlag 2014, 128 Seiten, 19,90 Euro

Das könnte sie auch interessieren

Entdecken Sie den Deutschlandfunk