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Grass' Gedicht ist "für mich sehr wertvoll"

Für den griechischen Autor Petros Markaris zeigt "Europas Schande" das vorhandene Verständnis der Deutschen für Griechenland

Es sei schön, dass ein weltbekannter Autor und Nobelpreisträger sich mit literarischen Mitteln über die Krise äußert, findet der griechische Schriftsteller Petros Markaris  (picture alliance / dpa)
Es sei schön, dass ein weltbekannter Autor und Nobelpreisträger sich mit literarischen Mitteln über die Krise äußert, findet der griechische Schriftsteller Petros Markaris (picture alliance / dpa)

Den Griechen wird es Mut machen, dass sich Günter Grass in seinem Gedicht "Europas Schande" über ihr Elend geäußert hat, glaubt der griechische Schriftsteller Petros Markaris. So würde auch die irrtümliche Annahme bekämpft, alle Deutschen wären gegen die Griechen und würden ihre schwierige Lage nicht realisieren.

Friedbert Meurer: Petros Markaris ist griechischer Schriftsteller, Übersetzer, Krimiautor und für uns jetzt am Telefon.

Guten Tag, Herr Markaris!

Petros Markaris: Guten Tag, Herr Meurer.

Meurer: Wie finden Sie das Gedicht?

Markaris: Also ich finde es zuerst einmal schön, dass ein weltweit bekannter Autor und Nobelpreisträger sich mit literarischen Mitteln über die Krise äußert. Ich muss Ihnen ganz ehrlich sagen, ich habe es zunehmend satt, dass ich nur Äußerungen von Politikern und Ökonomen höre. Und ich fand es immer auch schlecht, dass, sagen wir, Literaten und Künstler dazu schweigen. Oder keine Meinung äußern. Und in diesem Sinne ist das Gedicht für mich sehr wertvoll.

Meurer: Ist das Gedicht von Günter Grass Balsam für die griechische Seele?

Markaris: Ich glaube, es wird den Griechen immer Mut machen, dass sich also Autoren und dass sich Günter Grass namentlich über ihr Elend äußern. Denn es kann sein, dass Griechenland geholfen wurde, aber auch die Maßnahmen, die also, sagen wir die Bedingungen, die dazu gestellt wurden, haben das Land in eine ganz desaströse Situation gebracht, das muss man zugeben. Und ich finde auch, für die Griechen – ich finde es auch für die Griechen sehr schön, dass sie merken, dass nicht alle Deutschen, wie sie irrtümlicherweise glauben, gegen sie sind, dass es Stimmen gibt in Deutschland, die auch ihren Zustand ganz gut verstehen.

Meurer: Herr Markaris, reicht Europa und Deutschland, reichen wir Ihrem Land den Schierlingsbecher?

Markaris: Na ja, Gedicht und Kunst sind immer, sagen wir, auf Übertreibung angewiesen, kann man auch das groß beschreiben. Ich würde das nicht als Schierlingsbecher bezeichnen, aber ich würde sagen, dass die Maßnahmen zu wenig davon, also mitbekommen, was die Griechen alles durchmachen müssen. Und was den Griechen am meisten schwerfällt zu verstehen, ist, dass eben dieses Leiden, diese, sagen wir, schwierige Zeiten ohne Perspektive sind. Die Griechen sehen den Ausgang nicht, das Ende, das Licht am Ende des Tunnels nicht, und das macht die Lage in Griechenland immer schwieriger.

Meurer: Jetzt lesen die Deutschen im Moment, dass es sein könne, dass Deutschland 80 Milliarden Euro verliert, wenn Griechenland aus dem Euroraum ausscheidet. Es geht um viel Geld, das von deutscher Seite als Solidarität empfunden wird. Können Sie nachvollziehen, dass das keine Schande ist?

Markaris: Ich würde sagen, ja natürlich ist es so, dass natürlich jedes Land das von seiner eigenen Sicht betrachtet. Es ist wahr, dass, wenn Griechenland den Euro verlassen würde, es auch für die Deutschen, sagen wir, einen Verlust, sagen wir, materiell und finanziell bedeuten würde. Und ich glaube aber auch, und das muss man immer in Betracht ziehen, dass 80 Prozent der Griechen ja für den Euro sind, nicht gegen den Euro.

Was sie schwer hinnehmen oder akzeptieren können, ist, dass, sagen wir, diese Maßnahmen irgendwie kein Licht auf die schwierige Lage werfen. Und ich kann Ihnen auch ganz praktisch sagen: Ich weiß es nicht, ich weiß noch nicht, ob diese Maßnahmen wirklich helfen werden, Griechenland wieder auf die Beine zu bringen. Was sie aber in der Zwischenzeit erreicht haben, ist, dass das parlamentarische, die parlamentarische Lage in Griechenland völlig zerstört ist. Und das ist eine Wahrheit.

Meurer: Wenn man sich das Gedicht anschaut, es geht Günter Grass ja vor allen Dingen darum: Er will die Idee des großen, antiken Griechenlands, der Wiege der europäischen Demokratie und Aufklärung verteidigen. Wie viel, Herr Markaris, ist denn von diesem Ideal überhaupt noch übrig.

Markaris: Entschuldigung, ich höre Sie schlecht.

Meurer: Der Ansatz von Günter Grass scheint zu sein, Griechenland als die Wiege der Demokratie zu verteidigen. Dieses antike Ideal – wie viel gibt es denn noch von dem Ideal?

Markaris: Es gibt von diesem Ideal, es ist von diesem Ideal, sagen wir, da ist einiges noch übrig geblieben. Und es ist ja so, dass die Demokratie in Griechenland trotz, sagen wir, trotz aller Mängel doch besteht. Und das ist in diesen schwierigen Zeiten sehr wertvoll. Was mich beunruhigt, ist, dass eben, sagen wir, eine Lage entsteht, die eigentlich für die Demokratie auch, sagen wir, gefährlich sein könnte.

Wenn ich mir die letzte Wahl ansehe und sehe, wie auf einmal, nach 1974 zum ersten Mal in Griechenland eine nationalsozialistische Partei, und das ist wörtlich gemeint, eine nationalsozialistische Partei sieben Prozent bekommen hat, und dazu noch eine rechtsextreme Partei zwölf Prozent, das macht insgesamt knapp 20 Prozent, zum ersten Mal nach dem Wahn der Militärdiktatur, dann bin ich natürlich beunruhigt um die Demokratie in Griechenland.

Meurer: Wie finden Sie die Anspielung von Günter Grass auf die Besetzung Griechenlands durch Deutschland im Zweiten Weltkrieg und auf die Zusammenarbeit mit der Militärdiktatur in den 70er-, 80er-Jahren?

Markaris: Also die Zusammenarbeit mit der Militärdiktatur, das muss ich sagen, wenn man das Zusammenarbeit nennen könnte, das wurde nicht nur von Deutschland so akzeptiert, sondern auch von den Vereinigten Staaten von Amerika auch. Und von England auch. Das war, sagen wir, eine Stellungnahme, sagen wir der anderen Länder gegenüber der Militärdiktatur in Griechenland. Aber es ist auch wahr, dass Autoren, Künstler sich dagegen auch in ganz Europa gewehrt haben. Das muss man auch zugeben.

Und ich würde auch sagen, dass natürlich diese Anspielung auf die Besatzungszeit Griechenlands, die auch in Griechenland sehr viel erwähnt wird. Wir haben – ich habe fest geglaubt, dass wir diese, sagen wir, geschichtliche Realität schon überwunden hatten. Und ich hab mich immer gewundert, wieso die Griechen ihre ehemaligen Besatzer viel wärmer und, sagen wir, offener aufgenommen haben, akzeptiert haben, als ihre ehemaligen Befreier, die Engländer und die Amerikaner. Und es tut mir leid, dass das nicht mehr so ist.

Meurer: Das war Petros Markaris, griechischer Schriftsteller, wir haben ihn in Athen erreicht und über das Gedicht gesprochen von Günter Grass mit dem Titel "Europas Schande". Herr Markaris, besten Dank und auf Wiederhören!

Markaris: Ich danke Ihnen auch, Wiederhören!

Äußerungen unserer Gesprächspartner geben deren eigene Auffassungen wieder. Deutschlandradio macht sich Äußerungen seiner Gesprächspartner in Interviews und Diskussionen nicht zu eigen.

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