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StartseiteInterview"Ich bin kein Atomlobbyist"23.08.2010

"Ich bin kein Atomlobbyist"

Öffentlicher Appell zur Laufzeitverlängerung der AKWs

Medienmanager Manfred Bissinger sieht in dem öffentlichen Appell seitens der Atomlobby ein klares Bekenntnis zu Erneuerbaren Energien, das habe ihn zur Mitunterzeichnung bewegt. Es sei eine offene Stellungnahme der Elektrizitätsunternehmen, statt in "Hinterzimmern irgendwelche Geschäfte zu machen".

Manfred Bissinger im Gespräch mit Dirk Müller

40 führende Manager und Prominente haben sich für eine Verlängerung der Laufzeiten für Atomkraftwerke - wie hier das AKW in Krümmel - ausgesprochen. (AP)
40 führende Manager und Prominente haben sich für eine Verlängerung der Laufzeiten für Atomkraftwerke - wie hier das AKW in Krümmel - ausgesprochen. (AP)

Dirk Müller: Manfred Bissinger ist jetzt bei uns am Telefon. Guten Morgen!

Manfred Bissinger: Guten Morgen!

Müller: Warum sind Sie jetzt ein Atomlobbyist?

Bissinger: Ich bin kein Atomlobbyist. Um Gottes willen! Das ist auch keine Atomlobby-Anzeige. Das ist zum ersten Mal der Versuch, dass die Lobby sich öffentlich erklärt, was sie will, und das nicht versucht, in Hinterzimmern durchzusetzen. Insofern ist die Sache außerordentlich zu begrüßen und sie hat einen ganz neuen Schwerpunkt. Es steht in fett gedruckt darin, "Die Zukunft gehört den Erneuerbaren Energien". Das ist eine Erklärung, wie es sie bisher von der Industrie, von den EVU, also den Elektrizitätsunternehmen, noch nicht in dieser Klarheit gegeben hat.

Müller: Und deswegen haben Sie mitgemacht?

Bissinger: Deshalb habe ich mitgemacht. Ich habe aber auch mitgemacht, weil ich denke, dass Entscheidungen bevorstehen, Milliarden-Investitionen notwendig sind, und dass je früher es Klarheit über die Zukunft gibt, desto besser die geplant werden können. Es geht ja schließlich darum, nicht nur Kraftwerke zu ersetzen, sondern es geht darum, neue Netze zu bauen, denn die regenerativen Energien verlangen neue Einspeisungen und das geht mit den bisherigen Netzen nicht und da muss irgendwie Klarheit für die Unternehmen her, aber auch Klarheit für die Bürger her, weil am Ende sind sie es ja, die dafür das Geld bezahlen müssen.

Müller: Wer ist denn bei diesem energiepolitischen Appell auf Sie zugekommen?

Bissinger: Auf mich zugekommen ist Herr Dr. Großmann von RWE. Der hat mir einen Brief geschrieben und hat mir diese Erklärung geschrieben, ich habe die gelesen, ich fand die unterschreibenswürdig und habe es dann auch getan.

Müller: Und Sie sind auch für die Verlängerung der Atomenergie?

Bissinger: Ich bin für eine Verlängerung der Atomenergie, soweit sie notwendig ist, um zu gewährleisten, dass die Erneuerbaren Energien ordentlich auf den Markt gebracht werden können. Ich glaube nicht, dass das ohne eine Verlängerung wirklich geht, und deshalb bin ich auch dafür, allerdings maßvoll, denn soweit ich das auch einschätzen kann, sind alle der Beteiligten für maßvoll. Und sie lesen ja in diesem Appell auch keine Forderung nach einer bestimmten Jahreszahl, sondern die Unterzeichner beziehungsweise die Formulierer des Appells haben das ausdrücklich offen gelassen, weil man das in dieser Phase des Verfahrens noch gar nicht sagen kann.

Müller: Fühlen sich denn diejenigen, die unterzeichnet haben – Sie gehören dazu, führende andere Manager, wir haben einige Beispiele genannt –, von der Kanzlerin im Stich gelassen?

Bissinger: Ach, so würde ich das nicht nennen. Die Kanzlerin ist ja dabei, sozusagen die Meinungen der verschiedenen Protagonisten des Prozesses einzusammeln, um sich dann eine eigene Meinung zu bilden, und dieser Appell ist ja auch dafür gedacht, der Kanzlerin deutlich und offen und ehrlich zu sagen, was man darüber denkt und es eben nicht der Lobby zu überlassen, nun in irgendwelchen Hinterzimmern irgendwelche Geschäfte zu machen, sondern auf dem offenen Markt mit seinen Positionen zu agieren.

Müller: Von welcher Lobby sprechen Sie jetzt?

Bissinger: Ich meine, von der Energielobby.

Müller: Die ist doch jetzt dabei?

Bissinger: Die ist ja dabei, ja klar, aber die macht das zum ersten Mal geradeaus und öffentlich und jeder kann es nachlesen und nicht unter dem Tisch.

Müller: Sie sagen, maßvoll soll das alles passieren. Das heißt, Atomenergie ist für alle, die unterzeichnet haben, eine Übergangstechnologie?

Bissinger: Das ist für alle eine Übergangstechnologie - das geht auch eindeutig aus diesem Appell hervor – und es ist meines Wissens das erste Mal, dass die Elektrizitätsindustrie das so offen und ehrlich einräumt.

Müller: Von den großen Industrienationen sieht das nur Deutschland so. Ist das nicht ein Problem?

Bissinger: Das könnte ein Problem werden, wenn man bei den bisherigen Laufzeiten bliebe, aber wenn man sie moderat verlängert, wird das, glaube ich, kein Problem.

Müller: Moderat verlängern heißt, irgendwann ist dann wirklich Schluss?

Bissinger: Irgendwann muss auch wirklich Schluss sein, aber irgendwann ist es ja auch so weit, dass die regenerativen Energien so gut entwickelt sind, dass sie anstelle der Atomkraft treten können. Das ist noch nicht der Fall, aber ich bin ganz sicher, dass das in 20 Jahren, 25 Jahren so weit ist.

Müller: Und das sehen die Energiekonzerne auch so?

Bissinger: Das sehen die auch so, ja.

Müller: Das sind die Zahlen, die genannt werden, 20 bis 25 Jahre?

Bissinger: Ja.

Müller: Dann wäre das jetzt ein Streit um Kaisers Bart?

Bissinger: Es ist ein bisschen ein Streit um Kaisers Bart, wobei wir dürfen uns jetzt nicht missverstehen. Es geht nicht um die Verlängerung der Laufzeiten um 20 bis 25 Jahre. Das ist wesentlich kürzer. Aber bis jetzt sind ja die Laufzeiten immer noch bis Mitte der 20er-Jahre, und wenn da noch ein paar Jahre draufkommen und wenn dabei sozusagen Geld abfällt, um die regenerativen Energien weiterentwickeln zu können, dann ist das eine sehr positive Entwicklung und ein Streit um Kaisers Bart, wie Sie es nennen.

Müller: Herr Bissinger haben Sie auch Zahlen von der Industrie bekommen, wie viele Investitionen, wie viele Milliarden-Investitionen notwendig sind, um die Energie umzustellen?

Bissinger: Ja, da gibt es unterschiedliche Zahlen. Das berechnet jedes Unternehmen auf ihre Weise. Aber ich gehe mal davon aus, dass das zwischen 50 und 100 Milliarden liegen wird, weil es müssen ja neue Leitungen gebaut werden, es müssen alte abgebaut werden, es müssen Kraftwerke erneuert werden. Wir haben es ja im Moment ziemlich schwierig. Es geht ja zum Beispiel nicht, dass sie in Deutschland irgendwo noch ein neues Kohlekraftwerk bauen, obwohl die Technik heute so gut ist, dass sich das lohnen würde, weil sie an den Bürgerprotesten scheitern, und sie können nicht, wie man früher mal geglaubt hat, von Atom über Kohle zu Regenerativen kommen, sondern der Weg über die Kohle fällt so gut wie aus.

Müller: Wenn wir aus Sicht der Energiewirtschaft die Bundespolitik und die Bundesregierung betrachten, könnte man dann sagen, die schwarz-gelbe Koalition ist auch nicht besser als eine SPD-beteiligte Koalition?

Bissinger: Das könnte man so sagen, ja.

Müller: Und wer ist daran schuld?

Bissinger: Na ja, wer ist daran schuld? Daran ist natürlich die schwarz-gelbe Koalition schuld, weil sie der Energieindustrie große Versprechungen gemacht hat und gesagt hat, wenn wir erst mal dran sind, dann werdet ihr vollkommen frei schalten und walten können. Inzwischen sind sie dran, streiten sich die meiste Zeit und frei schalten und walten kann keiner, was ja auch richtig ist. Es muss ja staatliche Vorgaben in einem solchen Prozess geben.

Müller: Ist die Union nicht mehr die Union?

Bissinger: Die Union verändert sich täglich sozusagen, ja. Sie nähert sich immer weiter der Sozialdemokratie.

Müller: Und das ist schlecht?

Bissinger: Das weiß ich nicht, ob das schlecht ist. Die Mitte der Gesellschaft war eigentlich immer der wärmste Platz für alle, und wenn da alle sitzen, ist es nicht schlecht für die Gesellschaft.

Müller: Wer trägt die Verantwortung, Angela Merkel?

Bissinger: Natürlich trägt sie die Verantwortung. Sie ist die Chefin sowohl der Partei als auch der Regierung.

Müller: Und bald sind beide großen Parteien nicht mehr voneinander zu unterscheiden?

Bissinger: Sie sind auf dem Weg dahin, ja.

Müller: Bei uns im Deutschlandfunk der Medienmanager Manfred Bissinger. Vielen Dank für das Gespräch und auf Wiederhören.

Bissinger: Auf Wiedersehen!

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