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StartseiteBücher für junge LeserDie dänische Kinderbuchszene und die kulturellen Unterschiede14.04.2018

Kinderbuchautorin Annette HerzogDie dänische Kinderbuchszene und die kulturellen Unterschiede

Kinderbuch ist nicht gleich Kinderbuch: "Deutsche Verleger denken öfter pädagogisch", sagte Kinderbuchautorin Annette Herzog im Dlf. Aber nicht nur darin sieht sie Unterschiede zur dänischen Kinderbuchszene.

Annette Herzog im Gespräch mit Ute Wegmann

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Die Flaggen von Dänemark und Deutschland wehen im dänischen Sonderburg über dem Hafen.  (dpa / picture alliance / Mauricio Gambarini)
Annette Herzog: "Oft weiß ich, wenn ich anfange, für welchen Markt das ist, für die Deutschen oder für die Dänen" (dpa / picture alliance / Mauricio Gambarini)
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Ute Wegmann: "Was ist schlimmer: tot zu sein oder noch gar nicht geboren?" - "Sollten nicht die Jungs den Anfang machen?" - "Wie konnte man froh und traurig zugleich sein?" Fragen literarischer Figuren, Zitate aus den Geschichten meines heutigen Gastes. Sie schreibt Kinderbücher und Comics für Jugendliche und vieles mehr. Ich begrüße ganz herzlich Annette Herzog.

Annette Herzog lebt im Ausland, in Dänemark. Geboren wurde sie allerdings 1960 in Potsdam, studierte Dänisch und Englisch, arbeitete als Übersetzerin in Berlin. Annette Herzog, Sie gingen 1989 mit vier Kindern nach Kopenhagen, waren für die WHO tätig und für eine europäische Umweltagentur. Seit 2000 sind Sie Schriftstellerin? Wie kam es zu dem Berufswandel?

Annette Herzog: Eigentlich war ich einfach nur desperat. Mein Mann und ich wir hatten in Kopenhagen keine Familie, die einspringen konnte, wenn die Kinder krank waren. In dieser europäischen Umweltorganisation waren die Arbeitszeiten auf Brüssel abgestimmt, das heißt ich musste jeden Tag bis sechs Uhr bleiben, die Kindereinrichtungen schließen aber in Dänemark schon zeitig. Ich war immer im Stress. Ich erinnere mich, dass ich meine kleine Tochter, die Siebenjährige, alleine zu Hause lassen musste, als sie krank war, da saß auf dem Fahrrad und dachte, das kann ich nicht mehr weitermachen, ich muss was anderes finden. Was kann ich? Ich hab immer gern gelesen. Ich hatte lange die Idee, ein Buch zu schreiben. Hab mich dann zusammengerissen, was nicht ganz leicht war mit Vollzeit und Kindern, aber ich war so desperat, dass ich einfach losgelegt habe, in meiner Freizeit. 

Eine Schule für Kinderbuchautoren

Wegmann: Zwei Jahre lang besuchten Sie eine Schule für Kinderbuchautoren in Kopenhagen. Was lernt man dort?

Herzog: Ja, das war ein Glücksfall, dass es die dort gibt. Da hatte ich aber schon drei Bücher geschrieben, ohne Ahnung zu haben. Für mich war ein Buch einfach ein Buch. 150 Seiten oder so. Da bin ich ganz naiv rangegangen. Man lernt, dass es viele verschiedene Arten von Büchern gibt, dass die in Dänemark auch unterschiedlich aufgeteilt werden, klassifiziert werden: in leichtlese Bücher. In Vorlesebücher. In Romane. Kurzgeschichten und Novellen und Bilderbücher. Man kriegt Hausaufgaben, man muss zu vorgegebenen Themen schreiben, man wird dann kritisiert von den Unterrichtenden und den anderen Mitstudenten, man liest die Texte und sagt, was man davon hält. Wichtig ist auch, dass man Kontakt kriegt zu anderen, die schreiben, dass man sich hinterher austauschen kann. Wir haben Schreibgruppen gebildet. Man lernt viel über die Verlagslandschaft, welche Verlage geben was heraus, wie verhält man sich Verlagen gegenüber. Das war nützlich.

Wegmann: Also haben Sie mit Profis zusammen gearbeitet? Die MitstudentInnen waren auch professionelle SchriftstellerInnen?

Herzog: Eigentlich nicht. Eher waren das welche, die schreiben wollten. Wir waren zwei, die schon ein Buch veröffentlicht hatten. Und nicht alle haben es dann auch geschafft. Bei vielen war es nur ein Traum oder sie haben dann andere Wege eingeschlagen. Aber trotzdem, die, die weiter geschrieben haben, wir haben noch ein enges Verhältnis.

Wegmann: Sie schreiben auf Dänisch und Deutsch. Wann entscheiden Sie die Sprache?

Herzog: Das hängt vom Thema ab. Oft weiß ich, wenn ich anfange, für welchen Markt das ist, für die Deutschen oder für die Dänen. Oft übersetze ich meine Bücher auch, aber das gelingt nicht immer, weil es doch große Kulturunterschiede gibt zwischen Deutschland und Dänemark.

"Die Unterschiede sind enorm"

Wegmann: Wie unterscheidet sich denn der Markt in Deutschland und Dänemark?

Herzog: Also die Unterschiede sind enorm. Viel größer als man sich das vorstellen kann. In Dänemark darf man viel mehr experimentieren. Dort ist es oft so, ein Verlag sagt: Das hatten wir schon! Und man wird aufgefordert, große Armbewegungen zu machen. Oder man wird unterstützt dadurch, dass das Kulturministerium Arbeitslegate verteilt, einmal im Jahr kann man sich bewerben und es wird großer Wert darauf gelegt, dass man was Neues schafft.

Wegmann: Arbeitslegate sind Förderungen?

Herzog: Ja, Förderungen, damit man experimentiert, neue Wege beschreitet.

Wegmann: Also experimentieren mit Formen und mit Inhalten?

"Es gibt keine Tabus, alles ist erlaubt"

Herzog: Ja, mit beidem, und auch die Inhalte sind in Dänemark anders. Es gibt keine Tabus, alles ist erlaubt. Oft sind es recht dunkle Themen. Also Mobbing, Tod, Krankheit, alkoholisierte Eltern – fast ein bisschen zu viel manchmal. Die Inhalte sind oft nicht so gefällig, wie es mir in Deutschland erscheint, wenn ich hier mal so in den Buchhandel gehe. Dann ist ein großer Unterschied, dass die Bücher nicht so dick sind. Als ich ein Buch, das in Dänemark erschienen ist, als ich das deutschen Verlagen angeboten habe, dann kam: Ja, aber das muss doppelt so lang sein für die Altersgruppe ab acht Jahre. Die wollen Lesefutter haben. In Dänemark hat man eher das Gefühl, dass Kinder nicht überfordert werden sollen von der Länge der Texte. Und ein anderer Unterschied sind die Illustrationen. Da höre ich deutsche Verleger oft sagen: Ach, die dänischen Illustrationen, das geht überhaupt nicht. Die sind viel ungefälliger, harscher, barscher, wie entstellt. Das sind tüchtige Illustratoren, aber der Stil ist anders, man muss sich daran gewöhnen.

Wegmann: Nun haben Sie gerade Themen aufgeführt, die bei uns durchaus vorkommen, in unserer Literaturlandschaft. Sei es vielleicht auch in übersetzten Büchern, aber auch sicherlich in deutschen Büchern. Haben Sie das erlebt, dass Ihnen abgelehnt wurde beim deutschen Verlag, weil es nicht gefällig genug war?

Herzog: Also mir ist aufgefallen, dass deutsche Verleger öfter pädagogisch denken, so: Das können wir unseren Kindern nicht anbieten. Eine Kleinigkeit in einem Kinderbuch: Ein Kind geht runter in die Küche, will ein Loch in die Tapete schneiden, wo ein kleiner Drache verborgen ist, und holt ein Messer. Da würde in Dänemark niemand Anstoß dran nehmen. Ein deutscher Verleger sagt: Ein Messer? Das geht nicht! Können wir nicht einen Löffel nehmen oder kann das Kind nicht die Tapete mit dem Finger aufkratzen. Oder ich zensiere mich selbst ein bisschen. Ich habe ein Buch für Leseanfänger geschrieben, ein Gruselbuch. Da ist ein Junge, dessen Mutter gestorben ist, mit dem alkoholisierten Vater allein und freundet sich mit dem Besitzer eines Tierladens an, der im Keller riesengroße Spinnen züchtet, besonders eine. Und der hat dann vor, den Jungen der Spinne zum Fraß vorzuwerfen. Doch im letzten Augenblick sieht der Junge, dass die Sachen seiner Mutter in dem großen Spinnennetz hängen. Ein makabres Ende, das würde in Deutschland nicht gehen. Das versuche ich gar nicht erst anzubieten. Insofern sind die Inhalte schon unterschiedlich. Dänemark ist ein kleines Land, man kennt sich, man kennt die Mitarbeiter im Verlag, das Meiste ist in Kopenhagen konzentriert. Wir kommen immer persönlich zum Verlag, wir besprechen auch die Illustratoren. Das heißt, ich hab als Autorin Mitspracherecht, was die Illustration anbelangt. Das ist ein großer Unterschied, und das macht es schön, weil ich weiß, was das für ein Bilderbuch wird. In Deutschland habe ich erfahren, dass ich einen Text abgebe und der Verlag entscheidet, wer illustriert. Da kann man Glück haben oder Pech. Und das ist dann traurig, wenn man mit einem Buch in der Hand dasteht und denkt: Och, das hätte ich nicht mal selbst gekauft! 

Geschichten über Freundschaft und Sehnsucht

Wegmann: "Flieger am Himmel" und "Frühling mit Freund" sind zwei Bücher für die jüngeren Leser. Mit "Pssst!" waren Sie 2017 nominiert für den DJLP. Dieses Jahr starten Sie mit gleich drei Titeln.

Eine Fortsetzung der Mumpf-Geschichten mit dem Titel "Morgen geht’s los!" Der Kinderroman "Wer fragt schon einen Kater?". Der Wendecomic "Herzsturm – Sturmherz" – eine Fortführung des Teenagerlebens der Protagonistin aus "Pssst". Drei Bücher – drei Verlage

Nun habe ich vorhin vom Mumpf gesprochen. Wir müssen erklären, was das ist?

Herzog: Das ist eine Art Wesen, das es nicht gibt, ähnelt einem Tier. Ich hab mir was Weiches, Gemütliches vorgestellt, ein bisschen behäbig. Und so ist er dann in den Illustrationen auch geworden. Mit einem großen schwarzen und einem kleinen Auge.

Wegmann: "Frühling mit Freund" ist ein Vorlesebuch über das Glück eines sehr Bedächtigen, Zögerlichen, einen ideenreichen, quirligen Freund zu finden. Der etwas betagte Mumpf lernt also die junge Eule kennen, deren Ideen er meistens "verrückt" findet. Es ist Frühlingsanfang. Viele Naturphänomene werden nebenbei erklärt, wie das Knallen beim Brechen des See-Eises oder die Vergrößerung der Spuren im Schnee durch die Sonne und die Schneeschmelze.

Frühling, Freundschaft, aber eigentlich geht es auch um Alter und Jugend und Begeisterungsfähigkeit?

Herzog: Ja, der Mumpf ist ein bisschen vorsichtig, während die Schneeeule jung ist und mit verrückten Ideen daherkommt. Und der Mumpf überlegt, ob das was für ihn ist. Aber er findet die Eule toll und er möchte so gern einen Freund haben. Die Freundschaft ist für beide von Vorteil.

Wegmann: "Morgen geht’s los" ist der zweite Teil, die Schneeeule musste sich auf den Weg machen in kühlere Gefilde. Hier wird thematisiert die Reflexion über das Alter ebenso, aber auch Sehnsucht und ist es ein Plädoyer fürs Briefe-Schreiben?

Herzog: Eigentlich eher nicht. Der Mumpf schreibt zwar immer wieder Briefe, aber es geht um das Vermissen. 

Wegmann: Vom Mumpf zu Aristoteles, dem philosophierenden Kater: 

"Wer fragt schon einen Kater?", ein Kinderbuch, erzählt aus der Perspektive des Katers. Von alltäglichen Situationen aus wird so allerlei erinnert: die Abholung im Tierheim, das Eingewöhnen in der Familie mit drei Kindern, Empfindlichkeiten, Eifersucht usw. Wie genau fühlt man sich in einen Kater?

Herzog: Ich hab selbst gar keine Katze, aber man begegnet denen bei Freunden und da fällt die Persönlichkeit der Tiere auf.

Wegmann: Aber man muss sie schon eine Weile beobachten, um einen solchen Kinderroman zu schreiben?

Herzog: Das gehört zum Beruf, dass man sich in andere Personen und Tiere hineinversetzen kann. Und für mich ist es vor allem eine Familiengeschichte, die hab ich ja ganz besonders zu Hause erlebt, mit Chaos und Streitereien und so weiter.

Wegmann: Eine spannende, heitere Kindergeschichte, auch schon für Erstleser.

Nicht Fisch – nicht Fleisch

Wegmann: Aber jetzt kommen wir zu der Zeit, in der man nicht Fisch und nicht Fleisch ist. Gerade noch froh, ist man plötzlich traurig, man fragt sich, wer man eigentlich überhaupt ist. Eine Zeit, getragen von Zweifel, Unsicherheit, Angst, Suche und Pickeln. Eine Zeit, in der man glaubt, nichts, aber auch gar nichts zu wissen. Noch nicht mal die eigene Lieblingsfarbe. Was hat Sie an der heiteren Auseinandersetzung mit der Pubertät gereizt?

Herzog: Obwohl ich über 50 Jahre alt bin, ist diese Zeit immer noch präsent. Ich glaube, es ist die Zeit, wo am meisten passiert, wo man sich entwickelt, wo man sich ganz viele Fragen stellt. Sie ist so intensiv diese Zeit, dass man sie nie mehr vergisst. Diese Bücher sind durch eine enge Zusammenarbeit mit der Illustratorin Katrine Clante entstanden. Es war gar nicht meine Idee. Sie kam zu mir mit einem Stapel Skizzen. Wir hatten vorher schon mal ein schönes Buch zusammen gemacht, "Flieger im Himmel", wir hatten da eine gute Zusammenarbeit. Und Katrine Clante hatte viele unterschiedliche Skizzen, bei denen sie dachte, die sagen mir was, aber ich weiß nicht, wie ich damit weiterarbeiten soll. So hat sie sich an mich gewandt, weil ich Autorin bin, und wir haben dann viel zusammengesessen und sind im Gespräch darauf gekommen: Wir wollen was über diese Zeit machen, wo man so voller Unsicherheiten ist, denn die Skizzen hatten dieses Zarte, Empfindliche, die haben ein Gefühl ausgestrahlt, das auf diese Zeit hindeutete. 

Wegmann: War das denn von Anfang klar, dass das ein Comic werden soll?

Herzog: Na ja, Ausgangspunkt waren ja die Skizzen, also war klar, dass Illustration ein Schwerpunkt war. Und die Redakteurin hat uns ganz viel Vertrauen entgegengebracht und hat gesagt: 100 Seiten in Farbe, ihr könnt loslegen.

Wegmann: Aber es ist zuerst in Dänemark erschienen?

Herzog: Ja!

Wegmann: Wir sprechen die ganze Zeit von "Psst!", der Comic, der auch für den DJLP nominiert war. Jetzt ist ja gerade erschienen der Wendecomic: Auf der einen Seite mit dem Titel "Herzsturm", sieht man ein junges Mädchen am Fenster. Der Sturm bläst in die Bäume und in ihr Haar. In der Hand hält sie ein Passbild, darauf kann man schemenhaft einen jungen Mann erkennen. Rundherum, um das Fenster Poster, Bilder, Herzchen, Sich Küssende. Wendet man das Buch, heißt es "Sturmherz". Man sieht, oder vermutet, das selbe Mädchen, dessen langes Haar von hinten auf Herzhöhe sich durch ein herzförmiges Loch im Sweatshirt des Jungen windet, der ihr verunsichert hinterherschaut. Um sie herum angedeutet eine Art Wirbelsturm. Sie beide im Auge des Tornados.

Steht auf dem ersten Cover Katrine Clante als Illustratorin, steht auf dem zweiten Rasmus Bregnhøi. Eine Autorin, zwei Illustratoren. Eine Geschichte, zwei Perspektiven. Wie haben Sie das Buch zu dritt konzipiert?

Herzog: Ja, ich habe zwei Manuskripte geschrieben. Die Zusammenarbeit hat sich hier anders gestaltet. Eine Liebesgeschichte aus zwei Perspektiven, manchmal erleben die beiden dasselbe, manchmal ganz unterschiedliche Sachen, trotzdem hängen die beiden Manuskripte ganz eng zusammen, sodass ich in dem Fall mehr steuern musste. 

Ich hab also die beiden Manuskripte mit Regieanweisungen geschrieben, was ich mir vorstelle und ich hab von Anfang an grafisch gedacht, über Formen nachgedacht. Das ist ja kein klassischer Comic, wir arbeiten mit ganz unterschiedlichen Ausdrucksformen: Collagen, ganze Seiten nur Text, Liedertexte, Zeitungsseiten, dann klassische Panels. Das hab ich gleich mit hineingedacht. Die Illustratoren mussten eigentlich nur noch loslegen.

Wegmann: Und - wenn Sie soviel vorgegeben haben, was ja erstaunlich ist, denn das läuft bei uns ja auch oft anders, dass der Illustrator seine eigene Welt entwickelt zum Text, gab es denn trotzdem auf der visuellen Ebene für Sie Überraschungen?

Herzog: Ja! Natürlich. Das sind Ideen. Die Illustratoren sind ja ungeheuer tüchtig. Und ich hab manchmal gejubelt, wenn ich die Bilder gesehen habe. Es war dann oft so, wie ich es mir vorgestellt hatte, aber meistens noch besser und noch lustiger. 

Die männliche Perspektive

Wegmann: Die Kapitel von Viola heißen: "Ich fliege" / "Bruchlandung" / "Herzklopfen". Die von Storm: "Wie blöd kann man nur sein?" / "Fuck" / "Versager" / "Bin ich eigentlich normal?" In Violas Teil erlebt man so ein wenig das typisch Weibliche: Liebt er mich? Ich trau mich nicht – solche Gefühle stehen im Mittelpunkt. Bei Storm ist es anfangs ein verkopfter Zugang über Zitate kluger Männer und viel stärker auch die Angst zu versagen sowie mehr Gedanken an Sex. Hatten Sie keine Angst vor Klischeebildern?

Herzog: Die Angst hat man immer. Für mich war es eine ganz große Hilfe, dass der Illustrator, der den Storm-Teil illustrierte, dass der mit ganz vielen Anekdoten und Erzählungen aus seiner Jugend beigetragen hat. Ich hätte das nie so authentisch erzählen können, wenn er nicht im Vorfeld dazu beigetragen hätte. Und da hat er erzählt, wie wichtig das für einen Jungen ist, diese bisschen pornografischen Zeichnungen, dass das Körperliche so wichtig ist. Er hat sogar sein Tagebuch hinzugezogen und er hat so viele Anekdoten erzählt, die dann auch Eins zu Eins in dem Comic enthalten sind.

Wegmann: Also war die männliche Perspektive, durch den Illustrator vertreten, eine wichtige Zuarbeit auch inhaltlicher Art.

Herzog: Ja, sehr wichtig!

Wegmann: Letztendlich muss man sagen, laufen beide Figuren im Comic aus dem Ruder, egal welches Sexualorgan sie haben, die Hormone spielen verrückt. Es gibt ja auch Sachbuchkapitel, z.B. über Hormone oder philosophische Streitgespräche, die sie eingebaut haben. Das Buch ist ungeheuer erfolgreich in Dänemark. Es hat Preise und Nominierungen erfahren.

Herzog: Das ist natürlich toll. Es war nominiert für den Preis des Nordischen Rates, der in Helsinki vergeben wird. Das war ganz toll. Dann der Preis vom Unterrichtsministerium, die Schulen benutzen das Buch im Unterricht. Hier haben wir ein Mädchen und einen Jungen, deshalb ist es interessanter für den Unterricht.

Wegmann: "Herzsturm - Sturmherz" von Annette Herzog. Die beiden Illustrationsstile passen sehr gut zusammen. Katrine Clante, geboren 1973 in Kopenhagen. Rasmus Bregnhøi, geb. 1965 in Fredensborg. Beide haben an der Danish Desgin School studiert, beide gewannen bereits den Illustrationspreis des dänischen Kulturministeriums. Eine tolle Arbeit. Eine großartige Idee, auf diese Weise, zwei Perspektiven zusammenzubringen. Annette Herzog, ich bedanke mit ganz herzlich für die Auskunft über Dänemark und den Buchmarkt.

Wir sprachen über Annette Herzogs Bücher:

"Herzsturm – Sturmherz", illustriert von Katrine Clante und Rasmus Bregnhøi, 128 Seiten, Peter Hammer Verlag Wuppertal, 18,00 Euro

"Pssst!", 96 Seiten, Peter Hammer Verlag Wuppertal, 14,00 Euro

"Wer fragt schon einen Kater?", illustriert von Pe Grigo, 125 Seiten, Magellan Verlag Bamberg, € 12,00 Euro

"Frühling mit Freund + Morgen geht’s los", beide illustriert von Ingrid & Dieter Schubert, 76 Seiten, Moritz Verlag Frankfurt/M., 14,95 Euro

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