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StartseiteEssay und DiskursDer Aufstand der Satten01.05.2014

KonsumDer Aufstand der Satten

Das Nachdenken über "unser täglich Brot" hat die Esstische und die Kinder der Mittelschicht erreicht. Aber die Politik verzagt vor der Aufgabe einer wirklichen Ernährungs- und Agrarwende. Dabei ist der "Aufstand der Satten" ähnlich explosiv wie die Anti-Atomkraft-Bewegung, schreibt Publizist Mathias Greffrath.

Von Mathias Greffrath

Ein Stück Schweinefleisch, geschnitten wie der Umriss von Deutschland und mit einer kleinen Deutschlandfahne (picture alliance / dpa / Patrick Pleul)
Deutschland ist Vize-Exportmeister bei Schweinefleisch (picture alliance / dpa / Patrick Pleul)
Weiterführende Information

Das Ende des Wachstums (2/2) (Deutschlandradio Kultur, Forschung und Gesellschaft, 27.03.2014)

Das Ende des Wachstums (1/2) (Deutschlandradio Kultur, Forschung und Gesellschaft, 20.03.2014)

Konsumverhalten und Moral (Deutschlandfunk, Büchermarkt, 20.03.2014)

Dreißigtausend marschierten zum Kanzleramt, unter dem Banner mit der Aufschrift "Wir haben es satt!" Und wie in den letzten Jahren war es ein bunter Zug: Manche trugen Schweinemasken, andere hatten sich als Küken verkleidet oder trugen Hahnenkämme. "Streicheln, nicht essen" war da zu lesen, oder "Artgerecht statt ungerecht", oder "Bauernhöfe statt Agrarfabriken". Imker ließen Bienen aus Pappmaché fliegen und einer wollte "Marmelade für alle". Die Demonstranten forderten von der Regierung eine Umkehr in der Agrar-, Ernährungs- und Wirtschaftspolitik. Dreißigtausend. Mehr als der DGB am 1. Mai auf die Straße bringt. Aber der Zug hatte sehr viel mit dem 1. Mai zu tun. Auch wenn nicht gegen Arbeitslosigkeit, für höhere Löhne und soziale Sicherheit demonstriert wurde. Es ging um Arbeit, und das grundsätzlich.

Arbeit, so schrieben es die Sozialdemokraten 1875 in ihr Gothaer Gründungsprogramm, Arbeit ist die Quelle alles Reichtums und der Kultur. Postwendend kam ein empörter Brief aus London von Urvater Marx. "Die Arbeit ist nicht die Quelle alles Reichtums. Die Natur" , schrieb Marx, "ist ebenso sehr die Quelle der Gebrauchswerte"; der Kampf der Arbeiterbewegung müsse sich deshalb nicht nur gegen das "Monopol der Kapitalistenklasse" an den Arbeitsmitteln richten, sondern ebenso gegen die Grundeigentümer als Monopolisten der Lebensquellen, des Grund und Bodens. Arbeit, so steht es im "Kapital", Arbeit ist "Stoffwechsel mit der Natur".

Heute wissen wir: Die explodierende Produktivität des Kapitalismus hat uns wachsenden Wohlstand in Form individuellen Konsums gebracht. Aber eben dieser produktive Weltverzehr stört immer stärker diesen Stoffwechsel mit der Natur, ja droht ihn zum Erliegen zu bringen. Das gilt für die Erschöpfung der mineralischen Rohstoffe und die Folgen ihrer Ausbeutung für das Klima. Es gilt noch mehr für den Stoffwechsel, der uns am Leben hält: für das Essen. Unser Essen, das Essen unserer Kinder, das Essen von bald schon neun Milliarden Menschen.

Forderungen für eine gerechte globale Agrarordnung

Eine andere Landwirtschaft, einen sorgsamen Umgang mit Lebensmitteln, einen sanften Abschied vom Fleisch, das Ende der Massentierhaltung und der chemielastigen und gentechnisch aufgerüsteten Landwirtschaft, Ernährungssouveränität, eine gerechte globale Agrarordnung - so weit ausgreifend die Forderungen, so heterogen war die Schar der Demonstranten vor dem Kanzleramt. So wie zur Gründungszeit der Grünen und der Anti-Atom-Bewegung kommen da sehr unterschiedliche Motive, Gesinnungen und Interessen zusammen. Das Spektrum reicht von den Verfassern überdrehter Gourmetprosa (à la "leichte Rustikalität mit wunderbaren Durchblendungsmöglichkeiten auf eine Bio-Anmutung, die weder aromatisch noch textuell zu dominant ist", wo es eigentlich doch nur um überbackenen Sellerie geht) über biobewusste Mittelschichtler mit ausgeprägter Vergiftungsphobie und kompromisslose Veganer ("Ich esse nichts, was eine Mutter hat"), bis hin zu Kleinbauern, die es bleiben wollen und nicht den Agrarmultis weichen.

Demonstrationsteilnehmer marschieren mit einem Plakat mit der Aufschrift "Wen streicheln? Wen essen?". (dpa / Daniel Naupold)Proteste gegen Massentierhaltung. (dpa / Daniel Naupold)Gewerkschafter, die für die Rechte rumänischer Werkvertrags-Sklaven in niedersächsischen Schlachthöfen streiten, demonstrierten Seite an Seite mit Gentechnik-Gegnern und global denkenden Ökologen, die gegen das Glyphosat von Monsanto mobil machen, das auf den Sojamonopolkulturen in Argentinien den Boden auslaugt und die Fische in den Flüssen tötet. Viele auch marschierten vors Kanzleramt, die weniger die Sorge um ihre Gesundheit treibt, als die tödlichen Konsequenzen eines Weltmarktes, auf dem das Dumping von schlecht gekühlten Hühnerschenkeln aus deutscher Produktion die kleinen Farmer in Ghana ruiniert. Kurz, es geht in dieser breiten Bewegung um Geschmack und Gülle, um Ackern und Armut, um den eigenen Haushalt und die Ökonomie des Ganzen, um Bauern und Banken, um Urbi und Orbi.

Dieses Gemisch aus politischen und moralischen, konservativen und linken, lokalen und globalen, sentimentalen und wissenschaftlich gestützten Motiven, aus existenzieller Erschütterung, paranoider oder aufgeklärter Furcht vor Vergiftung und Sorge um "die Zukunft der Menschheit"; aber auch die, wenn mich nicht alles täuscht, die Zunahme der Tischgespräche über das, was wir essen, über seine Herkunft, über die Art seiner Herstellung und die Folgen davon - all das zusammen ergibt eine Mischung, die sich auch in der Anti-Atom-Bewegung der 70er und 80er fand, und gerade diese Mischung machte die Bewegung damals brisanter und argumentativ stärker als alle rationalen Beschwichtigungsversuche.

Dazu kamen die kleineren und größeren Katastrophen mit Kraftwerken. Heute heißt der "Fallout" Rinderwahn, Gammelfleisch, Erdbeeren mit Noroviren, Bienensterben, und vom GAU hat keiner eine rechte Vorstellung - er wäre wohl weniger ein Knall als ein Zerbrechen natürlicher Systeme, eine letale Erschöpfung der Felder, Wälder und Meere. Aber GAU hin, Klimafalle her - auf Katastrophen ist kein Verlass; wenn sie zu klein ausfallen, sind sie immer zu schnell vergessen, und sind sie zu groß, ist es zu spät, oder die falschen Retter bekommen Oberwasser - das wäre im Falle der Ernährungskatastrophen ein autoritärer Staat, der die Agrikultur reglementiert und uns die Rationen zuteilt, die mit dem Überleben der Biosysteme verträglich sind.

Neue Bürgerbündnisse

Seit Jahren schon bilden sich an vielen Orten Bürgerbündnisse neuer Art, in denen Interessen unterschiedlicher Art zu einem Ziel zusammenfinden. Vor dem Schlachthof der Firma VION in Emstek in Oldenburg demonstrieren Tierschützer, Arbeitsloseninitiative, Gewerkschafter und Gemeindemitglieder, die gemeinsam gegen die "moderne Sklaverei" in der Tierfabrik. Im niedersächsischen Großenkneten votierten 63 Prozent der Bürger gegen einen Schlachthof mit einer Kapazität von 120.000 Hähnchen pro Tag, weil der das Grundwasser aufbrauchen würde. In Wietze in Niedersachsen legten 7.000 Demonstranten eine Menschenkette um eine Fabrik, in der, mit sechseinhalb Millionen Euro vom Land Niedersachsen gefördert, jedes Jahr 135 Millionen Hähnchen geschlachtet werden. Und in Bernburg in Sachsen-Anhalt protestierten der Bund für Naturschutz, eine lokale Bürgerinitiative und der Bauernbund gegen den Bau einer Fleischfabrik, in der ein italienischer Konzern pro Stunde 1.000 Schweine schlachten will, deren Schinken dann wohl, wie üblich, in Parma ihren Namen bekommen werden.

In der Böll-Stiftung spinnen sich Netzwerke zwischen deutschen, polnischen und rumänischen Kleinbauern, die allesamt ähnlich um ihre Zukunft bangen, angesichts des Zugriffs von Agrarmultis auf das Land, die mit Monokulturen den Boden auslaugen und die Vielfalt der Fauna bedrohen ...

Ich breche die Aufzählung hier ab. Allen diesen Hunderten kleiner und großer Initiativen ist gemeinsam, dass sich in ihnen wertkonservativ und progressiv denkende Menschen, Junge und Alte, Linke und Rechte zusammenfinden, dass sie die Sorge um ihre Gesundheit, die Belastung ihrer unmittelbaren Umwelt verknüpfen mit einer Kritik an der totalen Industrialisierung und finanzmarktgetriebenen Expansion der Landwirtschaft - und an unserer Lebensweise, speziell: unserer Art zu Essen.

Bewegung mit überraschender Heftigkeit

Die neue soziale Bewegung, die da entsteht, so vielfältig und ideologisch differenziert sie ist, wird, so glaube ich, in den nächsten Jahren eine Dynamik entwickeln, von deren Heftigkeit die Regierenden überrascht werden dürften. Diese Bewegung wird es einerseits leichter haben als die gegen die Energiekonzerne, weil sie an ein von vielen geteiltes latentes Unbehagen anknüpft, und weil die Gegner diesmal, sagen wir mal der Kürze halber, hässlicher sind: Massentierhalter, Landgrabber, Spekulanten, Lebensmittelfälscher, Bodenvergifter.

Und diese Bewegung wird es schwerer haben, denn hier geht es nicht nur um die relativ einleuchtende Ersetzung von fossilen durch erneuerbare Energien (was schon schwer genug fällt und immer, wie wir gerade erleben, gefährdet ist von Rückfällen auf Kohle, Atom und Schiefergas), sondern hier handelt es sich um einen Angriff auf Millionen von Grundeigentümern, auf Ernährungs- und Agrarchemie-Multis - und am Ende auf uns selbst, auf unser täglich Fleisch, auf unsere Gewohnheiten. Es geht um sehr viel: um Geschmack und Gerechtigkeit, um Landwirtschaft und Landschaft, um Fleisch und um den Frieden.

Aber allmählich dringt die agrikulturelle Aufklärung in die Alltagsgespräche ein. Sie beginnt mit der Empörung sensibler Teenager, die das Frikassee der Eltern verweigern, nachdem sie die Bilder von Putenställen gesehen haben, deren Enge das Verbandsgerede von Tierwohl und Selbstverpflichtung Lügen straft, oder die Tierschützer-Filme über das millionenfache Schreddern von Eintagsküken, die das falsche Geschlecht haben. Bilder lösen heftige Gefühle aus, die Empathie mit der Kreatur ist offenbar immer noch in unseren Seelen verankert. Aber je mehr man sich mit der Materie beschäftigt, desto mehr verbinden sich die unguten Gefühle mit dem Wissen über die Gründe für diese Gefühle; und diese Mischung geht über Mitleid mit der Kreatur und den Ekel über blasse Hähnchenteile und wasserhaltige Schnitzel hinaus.

Zu sehen sind Schweine in einem Mastbetrieb. (picture alliance / dpa / Foto: Carsten Rehder)Schweine im Mastbetrieb (picture alliance / dpa / Foto: Carsten Rehder)Da sind es dann nicht mehr Bilder, sondern Zahlen, die schockieren. Etwa die, dass schon die Hälfte der Eier der Welt und zwei Drittel der Masthähnchen großindustriell produziert werden. Und dass die meisten Hühner von nur vier Zuchtlinien hochoptimierter Hybridarten abstammen, deren Stammbäume von den Zuchtmultis wie ein Quellcode geschützt und auch rabiat verteidigt werden. Verglichen mit 1960 produzieren Legehennen heute 30 Prozent mehr Eier mit der Hälfte an Futter, die hochgezüchteten Hähnchen werden in 40 statt, wie vor 50 Jahren, in 100 Tagen schlachtreif - aber gelegentlich kippen sie um, weil ihre Brust zu schwer ist; die Schweine liefern doppelt so viel Fleisch pro Tonne Futter.

Die Folge dieser genetischen Produktivitätssteigerung ist ein mehrfacher Verdrängungswettbewerb: Die Hi-Tec-Tiere verdrängen die alten Rassen - und damit die kleinen Hühnerproduzenten, und das nicht nur wegen des Preisdrucks der Discounter. Die Abhängigkeit der Landwirte ist tendenziell total geworden, weil sie das Hybridgeflügel nicht weiterzüchten können. Ein genetischer Kopierschutz sichert den Zuchtunternehmen, wie schon lange den Saatgutkonzernen, das Monopol: Jede neue Generation muss wieder von ihnen gekauft werden.

Deutschland: Vizemeister im Schweineexport

Im letzten Jahrzehnt wurde Deutschland, das Industrieland, zum Vizeweltmeister im Schweineexport, zunehmend nach China. Die Ausfuhrzuwächse sind zweistellig und nach Meinung der Mäster ist kein Ende der Steigerung abzusehen - möglich geworden ist dieses rasante Wachstum nur durch die staatlich und von der EU geförderte Hyperindustrialisierung der Fleischproduktion; diese wiederum ist angewiesen auf die Steigerung der Futtermittelimporte, vor allem aus Lateinamerika. Während die Fläche, die für Lebensmittelproduktion verwandt wird, im letzten Jahrzehnt in Deutschland um fünf Prozent gesunken ist, wird die Landfläche im Süden der Erde, auf der für die hiesige industrielle Tiermast Rohstoffe angebaut werden, vor allem Soja, immer größer. Zwei Drittel der Äcker, auf denen für unseren Fleischbedarf gepflanzt wird, liegen im Ausland, und hierzulande wird immer mehr Boden für den lukrativeren und subventionierten Anbau von Energiepflanzen vernutzt - in Mecklenburg ist es schon fast ein Viertel. Resultat: Die Bodenpreise explodieren, die Begründung neuer bäuerlicher Landwirtschaften ist unbezahlbar geworden, die Zahl der bäuerlichen Betriebe sinkt jedes Jahr zuverlässig um mehr als zwei Prozent.

Genug der Zahlen: Immer größere Landflächen und auch das Grundwasser werden unbrauchbar, weil die Felder mit den Abfällen von Tierfabriken überdüngt werden. Die Vielfalt an Pflanzen und Tieren schrumpft, weil die rabiat eingesetzten Schädlingsvertilgungsmittel alle Pflanzen außer den optimierten und modifizierten Arten ausrotten. Am Horizont drohen Agrargaus: Was passiert, wenn die hochgezüchteten Arten aus den wenigen Zuchtmultis trotz aller Hygiene und Antibiotika durch Epidemien ausgerottet werden? Und politische Verwerfungen: Was, wenn die gegenwärtigen Proteste der polnischen Bauern gegen die Landnahme der holländischen, dänischen und deutschen Konzerne eine nationalistische Wendung nehmen? Und was, wenn das neue transatlantische Freihandelsabkommen die Unbedenklichkeit der Amerikaner in der Verwendung von Hormonen und Gentechnik zur globalen Norm macht?

Parteien rühren ungern am Agrarkomplex

Das Problemfeld reicht vom Acker über den Supermarkt bis auf den Mittagstisch, aber größere politische oder gesamtgesellschaftliche Debatten gibt es nach wie vor nicht. Nach wie vor bleibt Agrarpolitik im wesentlichen auf die hyperkomplexe und möglichst geräuschlose Verteilung der Brüsseler Subventionen beschränkt oder auf das Drehen an sehr kleinen Schrauben der Raum- und Abwasserverordnungen und kleine, zähe Korrekturen beim Tierschutz. Die Parteien rühren ungern am Agrarkomplex. Vor sechs Jahren erschien der Weltagrarbericht der Weltbank als Resultat der Arbeit von 400 Ökonomen, Metereologen, Botanikern, Medizinern, Geografen, Historikern, Vertretern der Zivilgesellschaft und traditionellen bäuerlichen Wissens. Aber diesen Weltagrarbericht hat unser Agrar- und Ernährungsministerium zunächst bezweifelt und nimmt ihn bis heute nur widerwillig zur Kenntnis.

Das ist kein Wunder, denn seine Kernaussage ist, kurz gefasst: Der Hunger und die mangelhafte Ernährung von 2,8 Milliarden Menschen und die Überernährung, die Fettleibigkeit und viele der Krankheiten von 1,4 Milliarden Menschen haben eine gemeinsame Ursache - in der Entkoppelung, Zertrennung, Entfremdung, Ökonomisierung und Globalisierung von Lebensmittelproduktion und Verbrauch. Der Entwicklungspfad der industrialisierten, gar gentechnisch aufgerüsteten Agrikultur im Zusammenhang mit einem schrankenlosen Welthandel und der Finanzspekulation mit Agrargütern ist, so der Bericht, "keine Option". Der Weltagrarbericht fordert eine Rückkehr zu regionalen Kreisläufen, zur intensiven bäuerlichen Landwirtschaft, und eine Ernährungsrevolution in den reichen Ländern. Und das heißt vor allem: weniger Fleisch. "Die feinen Küchen der Welt", schreiben die Wissenschaftler verlockend, "könnten uns den Weg dabei weisen. Viele pflanzliche, wenige, aber gute tierische Produkte und eine maximale Vielfalt an Speisen."

Ein unterernährter Junge sitzt in einem Flüchtlingscamp in Tchomia im Osten der Demokratischen Republik Kongo (picture alliance / dpa / Stephen Morrison)Der Hunger in der Welt ist auch ein deutsches Exportprodukt. (picture alliance / dpa / Stephen Morrison)Der Hunger der Welt, viele ihrer Krankheiten und viel Unrecht sind also unser Exportprodukt - und hier kann man wirklich einmal "unser Produkt" sagen, denn unsere raffinierte Vorliebe vorwiegend für die Brüste von Hähnchen schiebt den Export der anderen Hühnerteile an, was den Ruin afrikanischer Bauern und steigende Preise dort zur Folge hat. Unser Appetit auf Nackensteaks ist nur mit Gensojafutter aus Brasilien zu stillen, und für dessen Anbau werden die Kleinbauern dort vertrieben.

Nur Momente der Beklemmung

All das ist ja weidlich bekannt, steht nicht nur im Agrarbericht und Hunderten von Büchern, sondern wird selbst in der "Bild"-Zeitung gelegentlich zum Thema - aber es reicht allenfalls für einen kurzen Moment der Beklemmung. Und die Politiker? Sie fassen das Thema einer umfassenden Agrarstrukturreform nicht einmal mit der Grillzange an, geschweige denn das andere: die Veränderung unserer Essgewohnheiten.

Zum einen, weil Politiker Probleme lieben, die einen Henkel haben, also mit einem Gesetz zu ändern sind, ersatzweise mit vielen kleinen Rädchen zu bearbeiten, an denen man so drehen kann, dass es keinem wehtut. Für eine Umsteuerung der Landwirtschaft aber müssten sie sich an vielen Fronten vorkämpfen: von den Lebensmittelketten über die Agrarchemie, die Bauernverbände, die gewerbesteuerabhängigen Bürgermeister und so weiter - wenn man ehrenhalber annimmt, dass sie nicht von vornherein dem Druck der Lobbys folgen. Und der ist mächtig: Allein um die Lebensmittelampel zu verhindern, die auf den Verpackungen vor schädlichen Produkten warnen sollte, hat die Lebensmittellobby eine Milliarde Euro in Brüssel eingesetzt.

Und zum anderen die Verringerung des Fleischkonsums durch eine generelle Verteuerung der Lebensmittel, durch die starke Subvention von Bio- oder Regionalprodukten, oder solchen, die aus bäuerlicher Produktion statt aus der Fabrik kommen: Da hätten die Politiker, Zunahme der Vegetarier hin, Propaganda der Tierschützer her, sofort die Gewerkschaften und die Unternehmerverbände gegen sich - und ein ganzes Volk von Fleischessern. Das Veggie-Day-Desaster der Grünen war ihnen eine Warnung.

Systemnotwendig für den Kapitalismus

Aber es geht noch weiter: Eine nachhaltige Veränderung unseres Lebensmittelkonsums würde die gesamte Wirtschaft in den Zusammenbruch treiben. Übertrieben? Ich glaube nicht, denn die Art und Weise, wie wir ernährt werden, ist nicht nur gesundheitlich schädlich und unter dem Aspekt einer globalen Moral unanständig. Sie ist systemnotwendig für den Kapitalismus. Billiges Essen und Zufriedenstellung der Esser ist eine, vielleicht sogar die Hauptbedingung für die Aufrechterhaltung von Wachstum. Billiges Essen: Der Anteil der Ausgaben für Essen und Trinken in einem Durchschnittshaushalt hat sich in den letzten 50 Jahren mehr als halbiert, fiel von 40 Prozent auf unter 15 Prozent der Einkommen. Und diese billigen Lebensmittel sind eine Grundvoraussetzung von - wie es so schönfärbend heißt - vernünftigen Lohnforderungen. Aber mehr noch: Nur durch diese enorme Verbilligung des Essens wurden erst die Mittel frei für den Massenkonsum von Automobilen, Elektronik, Haushaltsgeräten, größeren Wohnungen und Reisen. Erst kam das Fressen und dann eben nicht die Moral, sondern die Entfesselung des Konsums.

Eine Umstellung unseres Fleischverzehrs vom Kilo Kasseler Kamm für 2,79 auf Fleisch von Rindern, Schweinen und Hähnchen, die nicht industriell gemästet und geschlachtet werden, und weiter noch: Weg von Fertigmahlzeiten und Kartonpizza hin zu Gemüse und Rohkost würde die Lebenshaltungskosten vor allem bei den Geringverdienern steigen lassen; bei ihnen und den notorisch herbeizitierten Unterschichten bliebe dann kaum etwas übrig für Kik-Klamotten, Flachbildschirme und Plastikkram aus China. Besseres, gesünderes Essen und eine nachhaltige Landwirtschaft wären die ultimative Wachstumsbremse.

Mehr Fleisch in der Unterschicht

Die Meinungsmacher und Elitedenker rümpfen die Nase über den Massenkonsum, ob nun von Elektronikschrott, Barbiepuppen oder Billigbuletten; die Ergebnisse der Nationalen Verzehrstudie sind zum Allgemeinplatz geworden, vor allem bei den distinktionsbedürftigen Mittelschichtlern, die Armut gern auf Charakterfehler schieben. Aber es stimmt schon: In der Unterschicht werden mehr Fleisch, mehr Wurst, mehr Fett, mehr Süßigkeiten gegessen und drei bis vier mal mehr Softdrinks, mehr Fertigpizzen verzehrt, und so weiter und so weiter. Das Resultat nennen die Ernährungswissenschaftler "verdeckten Hunger" - also zu wenig Vitamine und Nährstoffe - und Übergewicht. Und das ist teuer für die Gesellschaft: Die Sozialmediziner rechnen vor, dass uns die weitgehend durch Ernährung und Lebensweise bedingte Diabetes II jedes Jahr knapp 40 Milliarden kostet - das ist fast ein Fünftel der gesamten Gesundheitskosten und damit eine wichtige Profitquelle für Pharma, Kliniken und Ärzte.

Ein Staat, der seinen Auftrag zur Daseinsfürsorge ernst nähme und sich nicht scheute, in die Lebensweise seiner Bürger - und nun kommt ein verfemtes Wort: erziehend einzugreifen, ein solcher Staat könnte das Geld ja auch nachhaltiger einsetzen: für Prävention, oder noch besser - nur ein Beispiel - indem er 400.000 Lehrer beschäftigte, mit denen die Kinder in der Schule oder im Kindergarten Ernährungswissen, Genießen und Kochen lernen. Denn durch Lernmodule und Faltblätter allein ändert niemand sein Verhalten, entsteht schon gar kein neues Verhalten. Und deshalb wäre eine wirkliche Abhilfe zum Einüben gesunder, bekömmlicher und weltschonender Kost in Zeiten alleinerziehender Mütter, doppelt berufstätiger Eltern und verwahrlosender Unterschichtsmilieus nicht nur bessere Schulkantinen, sondern solche, die nicht von den großen Caterern beliefert werden, sondern in denen gekocht wird.

Und das nicht nur für, sondern mit den Kindern. Küchen, in denen sie merken, dass Kartoffeln nicht aus dem Glas kommen, die Lammstulle nicht vom Döner-Tier, dass Pastinaken keine Sekte sind; dass man Brause aus Zitronen machen kann und dass eine Pizza zu belegen ein individueller kreativer Akt sein kann. Mit einer solchen Kulturrevolution des Genusses würde man nicht einmal Arbeitsplätze vernichten, sondern Hunderttausende schaffen.

Die Nahrung entprivatisieren

Nun, ich gebe gern zu, eine solche Idee vom Staat ist derzeit utopisch, verstößt gegen die wirtschaftsliberale Religion und greift in Besitzstände ein (aber sind die eigentlich grundgesetzlich geschützt?). Geschmacksbildung, so unisono die Progressiven und die Konservativen, sei nicht Staatssache, das solle man doch bitte den Eltern überlassen. Nun, die Entscheidung fürs Rauchen haben wir ja auch entprivatisiert und zur öffentlichen Angelegenheit erklärt, warum sollte das nicht bei Softdrinks, gefährlichem Zuckerwerk, gentechnikfreien Lebensmitteln und zerkochten Vitaminen gelingen?

Eigentlich wäre die Stimmung reif dafür, zumindest in den meinungsbildenden Mittelschichten, bei denen die Fernsehköche zu Popstars geworden sind, der Fleischkonsum sinkt, die Zahl der Vegetarier, Veganer und Abonnenten im Sportstudio steigt. Aber an der Massentierhaltung hat das nichts verändert, die nimmt immer noch zu. Sie sei, so sagt es der Seniorchef von Wiesenhof, eine soziale Großtat: Billiges Fleisch für den Kleinen Mann.

Mehr Allgemeinbildung und Achtsamkeit

Aber es geht ja nicht nur oder nicht vordringlich darum, die nachwachsenden Generationen zu Gourmets zu erziehen, die sich dann ebenso wie die distinktionsbedürftigen Mittelschichten in die feinen Unterschiede der verschiedenen Sorten von Fleur de Sel vertiefen, ihre Grippebrühe nur noch aus Bressehühnern kochen, in ihren Wohnküchen den garantiert wilden Wildlachs zelebrieren und hart um eine "leicht verzögert schmelzende Konsistenz" ihrer Mousse ringen. Sondern um ein bisschen mehr Allgemeinbildung und Achtsamkeit für das, was wir tun, wenn wir essen - und was wir damit bewirken. Denn, auch wenn wir nicht bei jedem Bissen daran denken können - das wäre ja nicht gut für Appetit und Genuss - mit unserem Essen greifen wir ins natürliche Geschehen ein und mit unserem Essen gestalten wir die Welt, in der wir und die Menschen weit weg von uns leben und leben werden.

Gemüseeintopf zum Mittagessen gibt es in dieser Grundschule. (picture alliance / dpa / Britta Pedersen)Schulessen selber machen statt kochen lassen. (picture alliance / dpa / Britta Pedersen)Das Wissen darum wäre Teil einer ökologisch aufgeklärten Gastropädagogik, die durchaus zu höherem Genuss führen könnte. Aber sie müsste - weil Hans nicht kocht, was Hänschen nicht kennt und Liese nicht schmeckt, was Lieschen nie gekostet hat - sie müsste schon in den Kindergärten anfangen. Die gerade zitierten Mittel- und Oberschichten aber, wenn sie den ideologischen Überbau ihrer stylischen Küchenkunst ernst nähmen, wenn sie die Lücke zwischen den Bauernhofidyllen ihrer Landliebe-Zeitschriften und der agrarindustriellen Realität schließen wollten, die uns in Klarsichtfolie verpackt am Fleisch- und Gemüsetresen einholt - wer, wenn nicht diese Bildungsbürger, wäre berufen, ihre Repräsentanten ans Gemeinwohl zu erinnern.

Und dieses Gemeinwohl geböte, die Sozialbindung des Eigentums auf die politische Agenda zu rücken. Nicht nur die des Eigentums an Industrieanlagen, sondern ebenso des Eigentums an Grundbesitz. Auch sein "Gebrauch soll [...] dem Wohl der Allgemeinheit dienen", wie es der Artikel 14,2 unserer Verfassung vorschreibt. Und damit ist eben nicht vereinbar, dass die Erde, von der wir leben, unfruchtbar wird, dass Ackerboden der Mobilität geopfert wird, Getreide für die Gasproduktion wächst, der Profit der Hähnchenbarone mit der sozialen und ökologischen Verwüstung Lateinamerikas erkauft wird.

Und da alle sogenannten Selbstverpflichtungen bislang wenig genutzt haben, sowenig wie beim Steuerzahlen, kommen wir eben nicht ohne Verbote aus (zum Beispiel, was den Einsatz von Gentechnik angeht), nicht ohne Gesetze (zum Beispiel, was die Quadratmeterzahl von Ställen angeht), nicht ohne Verordnungen (zum Beispiel bei der Kennzeichnung von Lebensmitteln). Ein nachhaltiger, für die Zukunft seiner Bürger und das Gemeinwesen Sorge tragender Staat aber wäre damit kein unfreiheitlicher oder agrarstalinistischer - wie die Großagrarlobby tönt, wenn ein Minister wieder einmal an die Zahl der Tiere in einem Betrieb rühren oder den Anbau regulieren will - sondern ein solcher Staat wäre für seine Bürger eher so etwas wie ein Wecker: Den stelle ich mir selber, weil ich morgens eigentlich noch weiterschlafen will, aber in einem nachhaltigeren Sinne eigentlich doch eher aufstehen.

Sehr viele zukunftswache Bürger sind ja schon unterwegs, ob nun in Andernach, wo alle öffentlichen Grünflächen genau so schön, aber beachteter sind, seit sie mit Gemüse statt mit Blumen bepflanzt werden, ob bei den Aktivisten der Zukunftsstiftung Landwirtschaft, die am Rande von Berlin 2000 Quadratmeter bepflanzt haben, und ihren Gästen und deren Kindern sinnfällig zeigen, was auf dem Fünftelhektar alles wächst, auf einer Fläche also, die genau dem entspricht, was jedem Erdenbewohner statistisch und Immanuel Kant zufolge grundsätzlich zusteht. Oder bei der Demonstration vorm Kanzleramt.

Ein politisches Gesamtkunstwerk

Natürlich reicht alles Einzelne nicht. Die Agrar- und Nahrungswende rührt ans System, deshalb wäre sie ein politisches Gesamtkunstwerk, das Millionen von Facetten hat: von parlamentarischen Initiativen zur Änderung der Welthandelsordnung über Menschenketten um Schlachthöfe bis hin zu einer Renaissance des Sonntagsbratens. Es ist eine Arbeit nicht für einen, sondern für Millionen von Herkulessen. Aber eben diese Schwierigkeit, dass man an Tausend Rädern drehen muss, wenn man eine Produktionsweise ändern will, und die deshalb Politiker resignieren lässt - eben diese Schwierigkeit kann auch einen Optimismus des Handelns begründen: Gerade weil das so ist, kann man ja praktisch an vielen Stellen anfangen, tätig zu werden, sich engagieren, gegen mächtige Interessen sich verbünden, das eigene Leben ändern.

Eine vernünftige Organisation des Ganzen könnte sich so mit der Selbstachtung von Millionen verbinden, die sich schlechtes Essen und unmoralischen, verantwortungslosen Konsum einfach nicht länger antun wollen. Die es pervers finden, das wir für die Ernährung unserer Kinder in der Tagesstätte 70 Cents ausgeben, wo drei Euro nötig wären. Aus ihnen allen könnte eine Bewegung werden, die denn doch einigen Politikern signalisierte: da sind Wählerstimmen drin. In einigen Wahlkreisen im Mustermastland Niedersachsen hat sich schon gezeigt, dass Aufklärung das Wahlverhalten doch ändern kann.

Weitermachen ist durchaus eine Option

Das also wäre der optimistische Schluss. Und der pessimistische? Zu dem man kommt, wenn man die Machtgefälle realistisch betrachtet? Wenn man glaubt, dieser Zug ist abgefahren und gewinnt eher noch an Geschwindigkeit? Was, wenn man nach Betrachtung der Kräfteverhältnisse zu der Ansicht kommt, es sei zwecklos, sich mit diesem Bündel etablierter Interessen anzulegen, und die Appelle an die Vernunft der hedonistisch sozialisierten Mittelschichten seien zwecklos? Dann landet man - und da schließt sich dann der Bogen zum alten, ganz alten 1. Mai und der alten, ganz alten Arbeiterbewegung - dann landet man bei Rosa Luxemburg, die vor hundert Jahren in ihrem Buch über die "Akkumulation des Kapitals" die Theorie vertrat, der Kapitalismus sei nicht zu zähmen; etwas Neues könne erst sein, wenn er alle Territorien der Erde umgepflügt, alle Absatzmärkte gesättigt, alle profitträchtigen Bedürfnisse, und seien es auch die falschen, bedient hat.

Was dann? Dann kann man nur beunruhigt warten, bis die Fahrt an die Wand gegangen ist. Aber abgesehen davon, dass Zusammenbruch eine unrealistische Metapher ist: Auf dem Weg zu einem solchen Crash würden die Wohlstandsquellen auch der Gesellschaft nach dem Zusammenbruch vernutzt, verbrannt, zerstört. Weitermachen ist also durchaus eine Option - eine Option auf eine Zukunft mit Hungersnöten und schließlich dem Umstieg auf vollsynthetische Nahrung. So gesehen wäre die Weltgeschichte dann wirklich das Weltgericht.

 

Der Publizist Mathias GreffrathMathias GreffrathMathias Greffrath ist  Publizist und Radioautor und lebt in Berlin. Er erhielt 1988 den Jean-Améry-Preis für Essayistik. Von 1991 bis 1994 war er Chefredakteur der Zeitschrift "Wochenpost". Seitdem arbeitet er als freier Journalist und schreibt unter anderem regelmäßige Kolumnen für die "tageszeitung".

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