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StartseiteInterview"Das nächste Ziel ist der Mond"10.11.2014

Landung von Astronaut Gerst"Das nächste Ziel ist der Mond"

Der deutsche Astronaut Alexander Gerst ist zurück auf der Erde. Und nun? Der Mars müsse noch warten, sagte Johann-Dietrich Wörner, Vorstandsvorsitzender des Deutschen Zentrums für Luft- und Raumfahrt, im DLF. Das nächste Ziel sei vielmehr ein altbekanntes.

Johann-Dietrich Wörner im Gespräch mit Christine Heuer

Der Vorstandsvorsitzende des Deutschen Zentrums für Luft- und Raumfahrt, Johann-Dietrich Wörner, spricht am 09.04.2014 in Berlin bei einer Pressekonferenz. (dpa picture alliance / Britta Pedersen)
Der Vorstandsvorsitzende des Deutschen Zentrums für Luft- und Raumfahrt, Johann-Dietrich Wörner (dpa picture alliance / Britta Pedersen)
Weiterführende Informationen

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Dass bei Gersts Landung alles funktioniert habe, sei "keine Selbstverständlichkeit", sagte Wörner. Es gebe viele Risiken, daher spüre er vor allem Erleichterung.  am Montagmorgen gegen 5 Uhr MEZ planmäßig in Kasachstan und wird später in Köln medizinisch untersucht. Gerst müsse nun wieder an die Schwerkraft gewöhnt werden. "Das muss jetzt langsam wieder zurück ins Gleichgewicht kommen", sagte Wörner.

Der DLR-Vorstandsvorsitzende lobte Gerst für seinen Aufenthalt auf der Internationalen Raumstation ISS und dass er in sozialen Medien wie Twitter Menschen an seinem Aufenthalt im All teilhaben ließ. "Er hat die Besonderheit seiner Mission emotional herausgestellt", sagte Dörner. Gerst habe auf kriegerische Auseinandersetzungen hingewiesen - und auch auf Grenzen, die auf der Erde vielen Menschen so wichtig seien, aus dem All aber nicht zu erkennen seien.

Der Mond sei derweil für die Raumfahrt das nächste Ziel. Man könne ihn rasch erreichen und es gebe noch viele offene Fragen. Einen anderen Planeten sieht Wörner noch nicht in Reichweite. "Mit heutiger Technologie dauert eine Reise zum Mars und zurück zwei Jahre. Ich glaube nicht, dass das in den nächsten 20 bis 30 Jahren möglich ist." Doch schon die Flüge um die Erde seien von großer Bedeutung. 


 

Das Interview in voller Länge:

Christine Heuer: Er sehnt sich nach Pizza und nach dem Geruch im deutschen Herbstwald, das hat uns Alexander Gerst zuletzt aus dem Weltall wissen lassen. Heute früh ist die Mission des deutschen Astronauten auf der internationalen Raumstation ISS zu Ende gegangen. Mit seinen beiden Kollegen aus Russland und den USA ist Gerst in Kasachstan wieder auf der Erde gelandet.

Am Telefon ist Johann-Dietrich Wörner, Vorstandsvorsitzender am Deutschen Zentrum für Luft- und Raumfahrt in Köln. Guten Morgen, Herr Wörner.

Johann-Dietrich Wörner: Guten Morgen.

Heuer: Gerst ist gut gelaunt gelandet. Die jüngste deutsche ISS-Mission ist damit beendet. Welche Gefühle löst das bei Ihnen aus?

Wörner: Zunächst mal heute Morgen Erleichterung. Ich sage wirklich Erleichterung. Dieser Landevorgang, das wird immer so locker dann berichtet, planmäßig gelandet um 4:58 Uhr, das ist ja schon ein Weg, der eine Reihe von Risiken auch beinhaltet. Die Kapsel muss im richtigen Winkel in die Erdatmosphäre eintreten, der Fallschirm muss aufgehen und am Schluss müssen die Bremsraketen auch funktionieren. Das ist alles keine Selbstverständlichkeit und deshalb bin ich jetzt im Moment erst mal ganz erleichtert.

Heuer: Hat man immer Angst?

Wörner: Ja klar. Man hat Verantwortung und Angst. Verantwortung und Angst ist immer ganz dicht beieinander. Das ging mir beim Start so. Da durfte ich ja auch dabei sein in Baikonur. Und so ging es auch heute Morgen, als ich das hier verfolgen konnte, zwar von Zuhause aus, deshalb einfach, aber man fühlt sich verantwortlich für die Menschen.

Gerst muss das Gleichgewicht zurückgewinnen

Heuer: Alexander Gerst wird, wenn er dann zurück ist in Köln, an Ihrem neuen Forschungslabor Envihab untersucht. Worauf genau?

Wörner: Es geht darum: Er hat jetzt unglaublich viele Experimente an Bord durchgeführt, insbesondere auch Fragen zum Beispiel zur Alterung, zur Alterung von Haut, Alterung von Knochen. Beides geschieht im All schneller und ist deshalb zum einen natürlich eine Sorge um den Astronauten, zum anderen aber auch die Grundlage für weitergehende Forschungsarbeiten im medizinischen Bereich. Es geht also darum, ihn wirklich jetzt Stück für Stück auch wieder ans Erdschwerefeld heranzuführen. Nach sechs Monaten ist der Körper nicht mehr darauf eingestellt. Alleine wenn Sie sich überlegen: Wenn Sie sich so hinlegen würden, dass Ihr Kopf dauernd tiefer ist als Ihr gesamter Körper, dann weiß man schon, was das für ein merkwürdiges Gefühl ist. Auf dieses merkwürdige Gefühl hat sich der Körper jetzt sechs Monate lang eingestellt, nämlich dass keine Schwerkraft mehr vom Kopf nach unten in die Beine wirkt, und jetzt muss das langsam wieder zurück ins Gleichgewicht kommen, auf das, was wir Gleichgewicht auf der Erde nennen. Deshalb geht es darum, wirklich alle Funktionen des Körpers zu überwachen und sicherzustellen, dass er gesund die Zukunft angehen kann.

Heuer: Sie haben ja während der Mission ganz oft mit Alexander Gerst telefoniert. Was war denn für ihn selbst der wichtigste Aspekt seiner Reise? Was haben Sie in diesen Telefonaten erfahren?

Wörner: Es wurde ja in einer deutschen Zeitschrift ein bisschen kommentiert, und das fand ich eigentlich schon - na ja, ich habe es anders gesehen. Er hat am Anfang sich erst mal in die wissenschaftliche Arbeit gestürzt. Das war auch gut so. Er hat aber auch gleichzeitig immer wieder über die sozialen Medien auch verbreitet, wie er die Erde sieht, und ich fand das wichtig, dass jemand dort oben jetzt zum Beispiel uns noch mal klar macht, erstens wie dünn die uns schützende Atmosphäre ist - das hat er immer wieder mal gesagt -, dass die Grenzen, die für uns auf der Erde so fürchterlich wichtig sind, von da oben nicht erkennbar sind, und dass ihn die kriegerischen Auseinandersetzungen, die wir immer wieder auf der Erde haben, die er leider auch beobachten musste, belasten. Ich fand, das waren ganz wichtige Aspekte. Die Wissenschaft, deshalb ist er da oben gewesen, aber das andere, dass er uns noch mal auch die Besonderheit des blauen Punktes - er hat ja seine Mission „Blue Dot“ genannt -, des blauen Punktes im All, diese Besonderheit, dass er die auch noch mal emotional herausgestellt hat.

Alexander Gerst nach seiner Landung in Kasachstan. (picture alliance/dpa/Shamil Zhumatov )Zurück aus dem All: Alexander Gerst. (picture alliance/dpa/Shamil Zhumatov )

Gersts Expedition soll der Erforschung des Immunsystems dienen

Heuer: Die Emotionen sind das eine, die Wissenschaft das andere. Können die Menschen denn von den ISS-Experimenten konkret profitieren, oder ist das etwas, was nur die Wissenschaft tatsächlich interessiert?

Wörner: Erstens hoffe ich, dass die Wissenschaft immer den Menschen auch hilft. Insofern ist das, glaube ich, gar kein Widerspruch. Aber tatsächlich sind es die Dinge, die er gemacht hat und die auf der ISS gemacht werden, die tatsächlich den Menschen unmittelbar auf dem Boden auch helfen. Zum Beispiel Blutdruckregulation ist ja ein Thema, was viele Leute angeht, und auch das kann man unter Schwerelosigkeitsbedingungen besonders untersuchen. Oder die Frage Immunsystem. Wir wissen, dass wir auf der Erde mit dem Immunsystem zwei große Probleme haben. Einmal ist es zu schwach, dann nennen wir es AIDS, und das andere Mal ist es zu stark, das ist bei Transplantationen der Fall. Im All verhält sich das Immunsystem des Menschen plötzlich ganz anders und immer, wenn etwas anders ist, dann haben Wissenschaftler die Chance, etwas zu verstehen. Das ist etwas, was im medizinischen Bereich den Menschen auf der Erde direkt helfen wird.

Aber es gibt auch Versuche, zum Beispiel, um neue technische Erneuerungen zu entwickeln. Er hat auch dort Versuche durchgeführt, um Metalllegierungen zu testen, die man auf der Erde nicht so ohne Weiteres herstellen kann, weil sich die Metalle aufgrund unterschiedlicher Gewichte voneinander trennen. Er hat dazu Versuche durchgeführt und auch da gibt es bereits Beispiele, um zum Beispiel Flugzeugturbinen in Zukunft noch besser zu bauen, dass man solche Materialien nutzt, deren Verfahren man im All entwickelt hat.

Heuer: Alexander Gerst war auf der internationalen Raumstation. Das eigentliche Ziel der Raumfahrt aber, das ist eigentlich der Weltraum, unendliche Weiten. Wir kennen das alles aus Film und Fernsehen. Zu welchem Planeten wird wohl die bemannte Raumfahrt als Nächstes aufbrechen?

Wörner: Es ist sicherlich so: Wenn wir mit Astronautinnen und Astronauten weiter ins All gehen, dann wird das nächste Ziel erst mal der Mond sein, also kein Planet.

Heuer: Also doch wieder?

Wörner: Na ja. Der Mond ist eine ganz wichtige Funktion, weil wir ihn relativ rasch erreichen können und weil wir dort auch noch viele ungelöste Fragen haben. Und ich bin sicher, dass der Mensch irgendwann auch zum Mars fliegen wird.

Die Reise zum Mars noch in weiter Ferne

Heuer: Wann?

Wörner: Es wird an einem Montag oder Dienstag sein. Genauer kann ich es Ihnen nicht sagen, weil es einfach zu weit weg ist. Mit heutiger Technologie dauert eine Reise zum Mars und zurück, auch aufgrund der Konstellation Mars-Erde, zwei Jahre. Das ist etwas, was ganz anders ist, auch wenn wir jetzt sagen, ein halbes Jahr war er jetzt ja schon da oben, dann kann er die anderthalb Jahre noch dranhängen. Aber der Unterschied ist: Wenn etwas krankheitsbedingt zum Beispiel schlimm wird auf der ISS, dann ist man innerhalb von wenigen Stunden wieder auf der Erde. Wenn das auf einer Reise zum Mars passiert, dann muss man zwei Jahre durchhalten. Das ist eine Herausforderung, die uns noch vor große Probleme stellt, aber auch die Technologie, vom Mars wieder zurückzukommen, haben wir heute in der Form nicht, weil wir quasi eine Rakete auf dem Mars haben müssten. Also ich glaube nicht, dass das in den nächsten 20 bis 30 Jahren möglich sein wird, zum Mars zu fliegen. Ich glaube aber gleichzeitig, dass der Mensch es sich nicht nehmen lässt. Der Entdeckergeist des Menschen ist immer so, dass er auch dahin geht, wo er bisher noch nicht war. Aber schon diese Flüge um die Erde sind für die Wissenschaft und damit auch für den Menschen auf der Erde ganz von großer Bedeutung. Die ISS ist ein perfektes Labor!

Heuer: Der Milliardär Richard Branson plant ja trotz aller Rückschläge, die wir in den letzten Wochen auch erlebt haben in der bemannten Raumfahrt, Touristen ins All zu bringen. Würden Sie, Herr Wörner, sich auf eine solche Reise einlassen?

Wörner: Erstens würde ich es sofort machen. Zweitens ist das, was Richard Branson und andere machen, natürlich nicht vergleichbar. Richard Branson will mit seinem Flugzeug - und das ist ja ein Mittelding zwischen Flugzeug und Raumfahrzeug - auf 100 bis 150 Kilometer Höhe fliegen. Das nennen wir dann Weltraum. Und von dort fällt er wieder runter. Wenn wir zur ISS fliegen, dann fliegen wir auf etwa 400 Kilometer Höhe und haben dann aber eine Geschwindigkeit von 28.000 Kilometern pro Stunde, um um die Erde herumzufliegen. Das ist ein ganz anderer Energieinhalt. Aber ich bin überzeugt, dass auch diese touristischen Aktivitäten, wie Richard Branson sie macht, aber es machen ja auch andere, die werden kommen, und offensichtlich gibt es ja auch einen großen Bedarf. Es haben genügend Leute sogar schon dafür bezahlt. Und auch auf der internationalen Raumstation gab es ja schon Touristen, die allerdings dann ein Vielfaches, nämlich einige Millionen Euro zahlen mussten, um da hinzukommen, einige zig Millionen. Es ist so: Das Bedürfnis ist da der Menschen, und wenn ich selber das Geld hätte, dann würde ich mir das auch nicht lange überlegen. Dann würde ich das machen.

Heuer: Herr Wörner, dann sparen wir beide noch ein bisschen.

Wörner: Ja!

Heuer: Johann-Dietrich Wörner, Vorstandsvorsitzender am Deutschen Zentrum für Luft- und Raumfahrt. Ich danke Ihnen sehr für das Gespräch, Herr Wörner.

Wörner: Vielen Dank!

Heuer: Tschüss!

Äußerungen unserer Gesprächspartner geben deren eigene Auffassungen wieder. Der Deutschlandfunk macht sich Äußerungen seiner Gesprächspartner in Interviews und Diskussionen nicht zu eigen.

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