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StartseiteCampus & Karriere"Schreibenlernen kann nicht funktionieren wie Sprechenlernen"02.08.2017

Lernmethode Schreiben nach Gehör"Schreibenlernen kann nicht funktionieren wie Sprechenlernen"

Schreiben nach Gehör ist eine umstrittene Lernmethode. Hat sich deswegen die Rechtschreibung deutscher Grundschüler verschlechtert? "Es wird eine Rolle spielen", sagte der Sprachwissenschaftler Wolfgang Steinig im Dlf. Sein Kollege Hans Brügelmann hält dagegen, Kinder könnten dadurch sehr früh "in die Struktur unserer Schrift eindringen".

Hans Brügelmann und Wolfgang Steinig im Gespräch mit Markus Dichmann

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Ein Blatt mit Schrift (imago / Joker)
Kommt die schlechte Rechtschreibung durch die Methode Schreiben durch Gehör? (imago / Joker)
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Markus Dichmann: Wie schreibt man "Zoo" – dürfte hinlänglich bekannt sein, lernt man ja auch früh in der Schule. Nach korrekter Rechtschreibung mit einem Z am Anfang und danach zwei O. Wenn ich das Wort aber nach bloßem Gehör schreiben wollen würde, dann könnte ich auch auf die Idee kommen, es mit T, S und O zu schreiben – Tso, funktioniert auch. Schreiben nach Gehör nennt sich das, eine Lernmethode, höchst umstritten allerdings, denn regelmäßig werden wieder Ausschnitte aus Kinderaufsätzen durch die Medien gejagt, und Bildungsdeutschland bleibt das Herz stehen, wenn es die schräge Rechtschreibung sieht. Auch in NRW, dort das Schulministerium hat bekannt gegeben, die Methode prüfen zu lassen und im Zweifel sogar aus dem Klassenzimmer zu verbannen. Wir wollen das Thema jetzt in "Campus und Karriere" mit den zwei angesehenen Sprachwissenschaftlern Wolfgang Steinig und Hans Brügelmann besprechen. Grüße in die Runde!

Hans Brügelmann: Guten Tag!

Wolfgang Steinig: Schönen guten Tag!

Markus Dichmann: Fangen wir doch noch mal bei Adam und Eva an, Herr Brüggemann. Was soll ein Kind davon haben, die Schriftsprache nach bloßem Gehör und nicht nach korrekter Rechtschreibung zu lernen?

Brügelmann: Also wir wissen generell, dass Lernen ein Prozess ist, der schrittweise erfolgt. Sie können das sehr schön beobachten am Spracherwerb von Kindern vor der Schule, dass sie das, was sie aus ihrer Umwelt aufnehmen an Sprache für sich auf Regeln bringen, die dann zunächst mal fehlerhaft sind und die allmählich an die Norm sich annähern, und in ähnlicher Weise wird das auch für den Schriftspracherwerb gesehen. Das heißt, dass man Kindern zugesteht, dass sie zunächst mal Vorformen der Orthografie bilden, eben indem sie die Laute der Wörter, die sie schreiben wollen, analysieren und dann in Buchstaben übersetzen und dass sie dann durch die Begegnung mit den Modellen der Orthografie zunehmend lernen, auch die Regeln der Rechtschreibung zu beachten.

"Vereinfachung macht vieles leichter"

Markus Dichmann: Und das gelingt? Liefert die Methode, was sie verspricht?

Brügelmann: Das gelingt sehr oft. Das gelingt nicht immer, und das gilt für alle Methoden in der Didaktik. Sie müssen immerhin daran denken, dass wir die Probleme, über die heute diskutiert wird, nämlich, dass es zu viele Menschen gibt, die die Rechtschreibung nicht beherrschen. Das ist ja ein Problem, das wir seit vielen Jahrzehnten haben, und von daher ist es eben nicht eine Technik, die einfach funktioniert im Sinne von, ich drehe einen Knopf, und dann lernen die Kinder das, sondern das ist, wenn sie richtig angewandt wird, eine Methode, die Kindern ermöglicht, sehr früh einzudringen in die Struktur unserer Schrift, die ja eine alphabetische ist, also eine, die Laute und Buchstaben einander zuordnet, aber eben nicht so einfach, wie die Kinder das am Anfang praktizieren. Nur diese Vereinfachung am Anfang erleichtert ihnen dann später auch, die Rechtschreibung zu lernen. Dazu gibt es auch entsprechende Studien.

Markus Dichmann: Herr Steinig, man könnte annehmen, dass Sie das etwas anders sehen. Sie haben zwischen 1972 und 2012 eine Langzeitstudie zu den Schreibfähigkeiten von Kindern geführt, mit gemischten Ergebnissen, muss man sagen, und eines ist – das hat Herr Brügelmann ja auch schon angesprochen –, die Rechtschreibung hat sich verschlechtert. Inwiefern?

Steinig: Es ist nicht nur die Studie, die ich durchgeführt habe, sondern es gibt auch andere Langzeitstudien, da wurde festgestellt, dass die Rechtschreibung, die Fehlerzahlen sich ungefähr verdoppelt haben. Das heißt, aus meiner Sicht – und, ich denke, aus der Sicht der meisten Kollegen, die auf diesem Feld arbeiten –, es ist Konsens, dass sich die Rechtschreibung verschlechtert hat. Die Frage, warum ist das passiert, wo liegen die Gründe …

"Heute wird sehr viel digital geschrieben"

Markus Dichmann: Ganz genau. Glauben Sie da, dass das Schreiben nach Gehör als Unterrichtsmethodik eine Rolle spielt?

Steinig: Ich denke, sie wird eine Rolle spielen, aber es ist ganz schwer abzuschätzen, ob diese Methode jetzt die wichtigste Rolle spielt. Also, da muss man ja auch andere Dinge mit berücksichtigen. Also beispielsweise , dass heute sehr viel digital oder eigentlich fast nur noch digital geschrieben wird, und es gibt eine Rechtschreibkontrolle, auf die man mehr oder weniger bauen kann, auf die man vertrauen kann, sodass man vielfach einfach die Rechtschreibung nicht mehr selber so im Fokus hat. Wenn wir an den Unterricht denken, die Deutschstunden wurden reduziert. Das heißt, es gibt eine ganze Palette von möglichen Gründen, die zu einer Verschlechterung geführt haben, und diese Methode Schreiben nach Gehör wird auch eine Rolle spielen, aber es ist sehr schwer abzuschätzen, wie stark jetzt diese Methode, wenn man überhaupt von einer festen Methode sprechen kann, dazu beigetragen hat.

Markus Dichmann: Was sagen Sie dazu, Herr Brügelmann?

Brügelmann: Ich glaube, da liegt auch eines der großen Probleme bei der Frage, wie man denn nun einschätzen soll, wo Schwierigkeiten bei der Rechtschreibung herrühren, dass wir es nicht zu tun haben mit klar definierten Techniken, die man so wie bei Untersuchungen, die man etwa an Automobilen durchführt, dann zur Fehlerursache heranziehen kann, sondern dass wir es hier mit Methoden zu tun haben, die immer eingebettet sind in ein Konzept, das jede Lehrerin auf eine andere Art und Weise umsetzt, und wenn Sie daran denken, dass zum Beispiel das vorhin erwähnte Lesen durch Schreiben einen Marktanteil von maximal einen Prozent hatte in den letzten zehn, zwanzig Jahren …

Steinig: Marktanteil heißt in dem Fall, wie viel Lehrer setzen das eigentlich ein.

Brügelmann: Lehrmittel. Richtig, ja. Wie viele Lehrer kaufen dieses Lehrmittel bei den Verlagen und setzen es dann ein. Dann wird deutlich, dass wir hier eigentlich über ein größeres Problem reden müssen, das ja auch in anderen Fächern sich zeigt. Also wir tun ja so, als ob wir nur Probleme in der Rechtschreibung haben, aber wir haben dieselben Probleme in Mathematik, wir haben sie im Sachunterricht, wir haben sie in der Sozialkompetenz, wir haben immer einen Anteil von zehn, zwanzig Prozent der Schülerinnen und Schüler, die auch die Mindeststandards nicht erreichen.

 Ähnliche Diskussionen in den 50er-, 60er-, 70er-Jahren

Markus Dichmann: Aber bleiben wir trotzdem noch bei der Rechtschreibung, denn es treten ja immer wieder Eltern dann auch prominent öffentlich in Erscheinung, die die Machwerke ihrer Kleinen präsentieren und schockiert sind, wie unterrichtet und wie vor allem unterm Strich geschrieben wird. Nehmen wir noch mal den Zoo, T, S, O – was entgegnen Sie dem, Herr Brügelmann?

Brügelmann: Dem entgegne ich als allererstes, dass wir in den 50er-, 60er-, 70er-Jahren ähnliche Diskussionen hatten und, dass etwa die große Analphabetismusstudie LEO gezeigt hat, dass Menschen, die zu der Zeit in die Schule gegangen sind, in ihrer Rechtschreibkompetenz nicht besser sind als diejenigen, die in den letzten 20, 30 Jahren in die Schule gegangen sind. Also ich verweise darauf, dass man nicht einen kleinen Ausschnitt aus dem Entwicklungsprozess der Kinder als Kennzeichen dafür nehmen darf, was die Unterrichtsergebnisse insgesamt betrifft.

Das heißt, was ich vorhin die Einbettung dieser Methode Schreiben nach Gehör nannte, wird mit einem Grundwortschatz gearbeitet, werden die Kindertexte in eine Erwachsenenschrift übersetzt, sodass die Kinder von Anfang an sehen, es gibt eine festgelegte Buchschrift, werden sie dazu aufgefordert, in diesen Modellwörtern zum Beispiel die bereits richtig geschriebenen Buchstaben zu markieren, damit ihnen sichtbar wird, was sie schon können, aber auch sichtbar wird, was ihnen noch fehlt. Das alles sind Kompetenzen der Lehrpersonen, die darüber entscheiden, ob die Methode zum Erfolg führt oder nicht.

Über Fehlerstufen zur sicheren Rechtschreibung

Markus Dichmann: Herr Steinig, auch Sie haben darauf hingewiesen, dass der Erfolg der Schüler in der Schule und mit Rechtschreibung natürlich viele Faktoren hat. Nur was würden Sie Eltern entgegnen, die sich darüber Sorgen machen, dass ihrem Kind durchgelassen wird Zoo mit TSO zu schreiben?

Steinig: Also ich denke, dass man nicht darauf vertrauen kann, dass alle Kinder über mehrere Fehlerstufen irgendwann zu einer sicheren Rechtschreibung kommen können. Der Hauptdenkfehler liegt darin, dass man hier annimmt, dass das Schreibenlernen so ähnlich funktionieren würde wie das Sprechenlernen, und das ist im Grunde der zentrale Denkfehler, der da im Hintergrund steht. Menschen sprechen seit mindestens 100.000 Jahren. Das heißt, das Sprechenlernen, das ist ganz tief in unserer menschlichen Genetik verankert, aber das Schreiben, das ist massenhaft erst mit Beginn der Schulpflicht, das heißt vor ungefähr 200 Jahren in einigen Staaten zu einem verbreiteten Phänomen gekommen, und jetzt anzunehmen, dass das Schreibenlernen in einer ähnlichen Weise über Fehlerstufen funktionieren würde wie das Sprechenlernen, das ist sehr problematisch.

Markus Dichmann: Wenn dann jetzt sogar die neue Schulministerin in Nordrhein-Westfalen, Yvonne Gebauer, überprüfen lässt, ob und wie Schreiben nach Gehör in Nordrhein-Westfalen angewandt wird, um dann im Zweifel daraus Konsequenzen zu ziehen, das zum Abschluss, Herr Steinig, Herr Brügelmann – ruft das dann bei Ihnen Widerspruch oder Zustimmung hervor? Sie zuerst, Herr Steinig.

Steinig: Ich denke, jetzt von einer Methode zu sprechen, das ist etwas eigenartig, denn wir hatten ja eben schon gesagt, die Methode, die ist nur ganz gering verbreitet, ein bis zwei Prozent allenfalls. Das heißt, wir müssen uns fragen, was machen Lehrerinnen und Lehrer ganz konkret in den ersten zwei Schuljahren. Arbeiten sie mit so einer Anlauttabelle, und wenn ja, in welcher Form, wie lange. Also, wie lange ist vor allen Dingen wichtig. Also, ich denke, wenn man im ersten Halbjahr ein paar Wochen sich damit beschäftigt, um Kindern einen ersten Zugang zu ermöglichen, dann ist das, denke ich, nicht weiter problematisch. Problematisch ist es dann, wenn eine Lehrerin zu lange mit so einer Methode arbeitet. Also manche arbeiten bis zum Ende der zweiten Klasse damit. Dann wird es wirklich problematisch.

Also, ich selber habe kürzlich eine bundesweite repräsentative Umfrage an circa 350 Grundschulen im ganzen Bundesgebiet durchgeführt und einfach gefragt, wie hoch denn der prozentuale Anteile von Phasen im Schreibunterricht ist, in denen es ja auf den Inhalt des Geschriebenen ankommt und die Rechtschreibung nicht beachtet werden muss, und es ist da sehr interessant zu sehen, dass wir hier ein Nord-Süd-Gefälle haben nämlich dergestalt, dass also in Hamburg, Bremen, Niedersachsen, Nordrhein-Westfalen, dass dort länger die Kinder die Möglichkeit haben, nach dem Gehör zu schreiben.

Wenn man mal sich solche Leistungsstudien anschaut, die bundesweiten Leistungsstudien, dann gibt es da einen eigentümlichen Zusammenhang. Also die Leistungen – das haben diese Untersuchungen ergeben – sind in Bayer, Baden-Württemberg deutlich besser, was das Lesen und Schreiben angeht. Also jetzt so einen direkten Bezug herzustellen – das hängt jetzt mit dieser Methode zusammen –, ist tatsächlich schwierig. Nur, ich würde einfach davor warnen, mit dieser Methode zu lange zu arbeiten.

"Deutchlich machen, dass  Rechtschreibung nicht abverlangt wird"

Markus Dichmann: Also Schreiben nach Gehör ja, aber nicht zu lange. Herr Brügelmann, unterschreiben Sie das?

Brügelmann: Mir kommt es darauf an, dass von Anfang an den Kindern deutlich gemacht wird, dass es eine Rechtschreibung gibt, dass sie ihnen aber nicht abverlangt wird. Das gilt für Lernprozesse generell, und was Herr Steinig vorhin über den Vergleich mit dem Sprechenlernen gesagt hat, das ist ja leider auch eine etwas schiefe Darstellung, denn die Kinder, die sprechen lernen, bekommen von ihren Eltern ständig zurückgemeldet, der Antwort auf die Äußerungen der Kinder, die unvollkommen sind, wie das richtig klingt, und genau dasselbe muss man das natürlich beim Schreibenlernen auch machen, und so wird es nach dem Konzept auch den Lehrerinnen und Lehrern vorgeschlagen, dass es im Einzelnen immer Kolleginnen gibt, die die Stärken und die Schwierigkeiten ihrer Methode nicht verstehen und deshalb auch Probleme herbeiführen. Ich denke, das liegt auf der Hand. Das Zweite ist, ihnen aber deutlich zu machen, wo es hingeht, und dadurch, dass die Kinder eben Übersetzungen ihrer Texte in Erwachsenenschrift bekommen, sodass sie diese Modelle ständig vor Augen haben.

Markus Dichmann: Schreiben nach Gehör war unser Thema hier in "Campus und Karriere" im Gespräch mit den Sprachwissenschaftlern Hans Brügelmann und Wolfgang Steinig. Ich danke Ihnen vielmals fürs Gespräch!

Brügelmann: Bitte sehr!

Steinig: Danke schön!

Äußerungen unserer Gesprächspartner geben deren eigene Auffassungen wieder. Der Deutschlandfunk macht sich Äußerungen seiner Gesprächspartner in Interviews und Diskussionen nicht zu eigen.

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