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StartseiteKultur heuteWieviel Freiheit braucht die Kunst?07.02.2018

#MeToo im TheaterWieviel Freiheit braucht die Kunst?

Die Vorwürfe gegen Matthias Hartmann, den ehemaligen Intendanten des Wiener Burgtheaters, bei Proben ein "Klima der Angst" geschaffen zu haben, rückt die letzten absolutistischen Herrscher ins Rampenlicht: die am Theater. Ihre Rechtfertigungen: Geniekult - und Kunstfreiheit. Zeit, den einen zu beenden, um die andere zu entfalten.

Von Karin Fischer

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Matthias Hartmann, ehemaliger Burgtheater-Intendant (dpa picture alliance/ Herbert Pfarrhofer)
Matthias Hartmann, ehemaliger Burgtheater-Intendant (dpa picture alliance/ Herbert Pfarrhofer)
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Gerade haben wir gesehen, was eine überbordende Rücksichtnahme und die Totalabsicherung gegen jede Provokation in der Kunst anrichten kann: Wenn ein Gedicht von Eugen Gomringer über "Alleen und Frauen" an der Fassade der Alice Salomon-Hochschule nicht bleiben darf, weil der poetische Raum, den es eröffnet, ausgeleuchtet mit dem Scheinwerfer der politischen Korrektheit, Assoziationen zu Gedichten wie dem "Heideröslein" zulässt, in denen Frauen als Blumen gelten, die man brechen darf. Wenn ein Bild , wie in Manchester geschehen, abgehängt werden kann, wenn auch nur kurz, weil die Darstellung von "Nymphen" mit nackten Brüsten trotz einer jahrhundertealten Bildtradition einem Frauenbild entspricht, das man heute als Museumsleiterin nicht mehr vertreten und als Besucherin auch nicht mehr schön finden kann.

Genie oder Arschloch?

An der in der Kunst - wie im wahren Leben - über Jahrhunderte zementierten Rolle der Frau als Opfer oder Objekt des männlichen Blicks haben sich Generationen von Feministinnen abgearbeitet, erfolgreich in mehrfacher Hinsicht: Der nicht gering zu schätzende Beitrag weiblicher Künstlerinnen und Schriftstellerinnen wurde durch ihre Forschungen und Analysen erst sichtbar. Dabei wurde auch das immer wieder reproduzierte Bild des männlichen Genies hinterfragt. Frauen selbst haben inzwischen längst in Kunst und Literatur selbstbewusst Stimme und Ort gefunden.

Das Theater aber ist ein Ort, an dem sich jeder und jede produziert. Man lebt in und für Rollen, die Schauspieler spielen nicht nur, sie setzen sich aus. Viele wurden schon im Studium an die Grenzen des Aushaltbaren geführt. Viele nehmen deshalb Grenzverletzungen oder Übergriffigkeiten in der Probe als produktiv wahr, oder "zum Spiel gehörig". Künstler-Intendanten, die sich für groß halten, wissen auf der Klaviatur der Emotionen oft sehr genau zu spielen. Als Künstler ein Genie, als Mensch ein Arschloch, um auf den Beginn der #MeToo-Debatte zurückzukommen. Auch der Filmproduzent Harvey Weinstein galt als Genie, obwohl jeder wusste, dass er auch nur ein Arschloch war.

Emanzipiert euch!

Solchen Machtmenschen muss aus moralischen wie übrigens auch ästhetischen Gründen Widerstand entgegen gesetzt werden, ohne dadurch aber die Räume der Kunst zu beschneiden. Es muss Orte geben, an denen frei gedacht, gesponnen oder gestritten werden kann. An denen wegen eines Witzes nicht gleich die Sprachpolizei gerufen wird. An denen Derb- und Grobheiten zum produktiven Prozess gehören dürfen. Gerade regieführende Intendanten aber haben Verantwortung für beides: den künstlerischen Prozess und die Sensibilitäten der von ihnen abhängigen Künstler. Denen man an dieser Stelle auch zurufen möchte: sagt Nein! zieht selbst die Grenze! Emanzipiert euch! Solidarisiert euch und sprecht mit- und füreinander! Auch im Theater ist für jeden immer sichtbar, wann die Grenze zur Demütigung überschritten ist. Und wenn die #MeToo-Debatte eines zeigte, dann: dass Emanzipation in dieser Hinsicht vor allem scheitert am Schweigekartell, das sich Täter, Opfer und alle Beteiligten auferlegt hatten.

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