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StartseiteInterview"Man muss auch von Salafisten ein Stück weit lernen"03.10.2014

Muslime in Deutschland"Man muss auch von Salafisten ein Stück weit lernen"

Muslimische Gelehrte sollten sich mit der Ideologie der Terrormiliz IS auseinanderzusetzen, fordert der Publizist Eren Güvercin im DLF. Dadurch könne Jugendlichen erläutert werden, welch verheerende Auswirkungen diese habe. Zudem könne man bei der Ansprache von Jugendlichen von Salafisten lernen. Denn "die machen gewisse Dinge schon ganz gut."

Eren Güvercin im Gespräch mit Anne Raith

Baitul Futuh Moschee in Morden, London (dpa / picture alliance / PA Chris Young)
Kinder und Jugendliche müssten in ihrer Sprache angesprochen werden, sagt Eren Güvercin. (dpa / picture alliance / PA Chris Young)
Weiterführende Information

Aktionstag der Islamverbände - 2.000 Muslime beten gegen den Hass
(Deutschlandfunk, Informationen am Abend, 19.09.2014)

Jugendliche Dschihadisten - Wie Islamisten in Deutschland Kämpfer rekrutieren
(Deutschlandfunk, Informationen am Morgen, 19.09.2014)

Kampf gegen Islamismus - Den Koran nicht wörtlich nehmen
(Deutschlandfunk, Kommentar, 16.09.2014)

Anne Raith: Seit über 15 Jahren wird am 3. Oktober nicht nur der Tag der Deutschen Einheit, sondern auch der Tag der Offenen Moschee gefeiert. Mehr als 1.000 Moscheen laden dann ein zu Führungen, Vorträgen und Ausstellungen.

Diese Tage stehen jedes Jahr unter einem Motto, das verdeutlichen soll, so wird es zumindest auf der Internetseite ausgeführt, dass Muslime sich aktiv mit der Gesellschaft, in der sie leben, auseinandersetzen. In diesem Jahr lautet es also "Soziale Verantwortung – Muslime für die Gesellschaft". Wunsch und Wirklichkeit aber klaffen in dieser Gesellschaft derzeit zum Teil enorm auseinander, wenn vor allem die Terrorgruppe Islamischer Staat im Mittelpunkt der Debatten über den Islam steht und mit ihnen jene Muslime, die sich in Deutschland radikalisieren und dem Dschihad anschließen.

Unter anderem darüber wollen wir in den kommenden Minuten mit dem Journalisten und Publizisten Eren Güvercin sprechen. Er ist Autor des Buches "Neo-Moslems – Porträt einer deutschen Generation". Ob er schon mal bei solch einem Tag der Offenen Moschee war, wollte ich zunächst von ihm wissen.

Eren Güvercin: Ja, ich bin in Leverkusen geboren und aufgewachsen, und dort gibt es eine große DITIB-Moschee. Und die haben von Anfang an immer mitgemacht bei diesem Tag der Offenen Moschee, und dort gibt es natürlich sehr viele nicht-muslimische Gäste, die dann mal reinschauen und natürlich mit Fragen kommen, und mit der Gemeinschaft, mit der muslimischen Community dort sich austauschen.

Dort gibt es dann auch immer etwas Leckeres zu Essen, und es ist so eine kleine Festatmosphäre. Also es ist schon ganz schön immer, und symbolisch natürlich am 3. Oktober, am Tag der Deutschen Einheit, da passt das ganz gut.

Die breite Masse der Muslime bleibt ohne Stimme

Raith: Das Nichtmuslime mal reinschnuppern können sozusagen, ist ja ein Grund für den Tag der offenen Tür. Er soll auch Vorurteile abbauen – an sich keine schlechte Idee mit Blick auf die aktuelle Debatte, die wir erleben, wo Zeitungen titeln: "Eine Religion unter Verdacht" oder Talkshows fragen: "Wie denken unsere Muslime?"
Wie nehmen Sie die öffentliche Debatte gerade wahr?

Güvercin: Das ist natürlich jetzt, anlässlich der ISIS-Debatte und den Geschehnissen im Nahen Osten natürlich sehr, sehr extrem. Aber wenn wir dann noch weiter zurückschauen, haben wir schon seit einigen Jahren eine teilweise hysterisch geführte Islam-Debatte, die nicht wenige Muslime frustriert, insbesondere auch junge Muslime.

Wenn wir uns alleine letzte Woche die verschiedenen Talkshows uns anschauen – Höhepunkt war natürlich bei Jauch – erstens mal uns anschauen, wer überhaupt eingeladen wird, sehen wir, dass seltsame Prediger dort auftreten, die in keinster Weise repräsentativ für den Mainstream-Islam in Deutschland sind. Und auf der anderen Seite hat man dann sogenannte "Kulturmuslime", die dann als die guten Muslime gern präsentiert werden.

Das sind dann halt zwei Extreme, die gerade bei diesen öffentlichen Debatten und ganz extrem natürlich in diesen Talkshows abgebildet, und die breite Masse, die weder dem einen noch dem anderen Extrem angehört, bleibt ohne Stimme. Und eine andere Erfahrung ist, dass auch viele Leute das eine oder andere Mal zu solchen Talkshows gegangen sind, die schon etwas Fundierteres dort dem allgemeinen Publikum auch mitzuteilen haben, dass sie aufgrund dieser Erfahrungen, negativen Erfahrungen bei diesen Talkshows, dann bei der nächsten Einladung sagen, nein danke, ohne mich.

Eine schieflaufende Debatte

Raith: Fühlen Sie sich da unter so eine Art Generalverdacht gestellt bei der öffentlichen Darstellung von Muslimen im deutschen Fernsehen, in deutschen Zeitungen?

Güvercin: Dieser Begriff Generalverdacht wird natürlich auch teilweise inflationär gebraucht, sodass es echt teilweise wirklich abgenutzt ist und man so die Reaktion bekommt, ach, okay, jetzt ziehen sich die Muslime wieder in diese Opfermentalität zurück.

Aber ganz nüchtern betrachtet, muss man das natürlich auch thematisieren können, und wenn durch solche Kampfbegriffe wie "der Islamist" im Grunde genommen der ältere Hadschi mit dem etwas langen Bart um die Ecke fast schon gleichgesetzt wird mit irgendwelchen ISIS-Kämpfern oder Al-Kaida-Anhängern, dann sieht man schon, dass die Debatte etwas schief läuft. Und mit solchen Begriffen, die niemand wirklich auch definieren kann – niemand kann wirklich konkret sagen, okay, was ist denn jetzt ein Islamist, lasst uns doch mal darüber diskutieren. Also, es sind so Diskussionen, die dazu führen, dass die Muslime schon das Gefühl haben, dass sie unter Generalverdacht stehen.

Und was das Fatale ist, dass die jungen Muslime, die eigentlich hier geboren, hier aufgewachsen sind – Deutsch ist deren Muttersprache, die sind hier sozialisiert, die fühlen sich hier wohl, und die sehen auch Deutschland als ihre Heimat – sie haben natürlich das Gefühl, dass sie nicht wirklich angenommen werden von der Gesellschaft, zumindest, was die veröffentlichte Meinung angeht. Ich glaube, wenn wir wirklich in die Gesellschaft reingehen und uns das Leben, das Zusammenleben von Muslimen und Nichtmuslimen im Alltag uns anschauen, dass es viel reibungsloser verläuft, als die Debatte suggeriert.

Es braucht eine innermuslimische Debatte

Raith: Wie erklären Sie sich denn, dass die veröffentlichte Meinung so undifferenziert ist in weiten Teilen?

Güvercin: Das hat natürlich verschiedene Gründe. Einer der Gründe ist natürlich auch, dass so eine Berufssparte in den letzten Jahren entstanden ist, die sich mit dem Begriff Islamkritik schmückt. Ich glaube, die Muslime müssen schon souverän und selbstbewusst mit kritischen Positionen umgehen und nicht immer einen auf beleidigt tun.

Es gibt Islamkritiker, die ich ernst nehmen würde, und mit denen muss man auch diese Diskussion führen, weil auch unter uns Muslimen braucht es eine innermuslimische Debatte. Was ist in den letzten 100, 150 Jahren schief gelaufen? Stichwort, der modernistische Islam und seine ideologischen Ausformungen. Also da müssen wir schon gewisse Kritikpunkte aufgreifen und auch das ernst nehmen.
Auf der anderen Seite haben wir natürlich aber auch Leute, die sich mit diesem Begriff Islamkritik schmücken, aber eigentlich dumpfe Ressentiments bedienen. Und die werden natürlich teilweise von der Boulevard-Presse schon in gewisser Weise hofiert. Und das führt zu einer immer größer werdenden Frustration unter jungen Muslime.

Den Finger in die Wunde legen

Raith: Gibt es diese innermuslimische Debatte, die Sie angesprochen haben, denn schon?

Güvercin: Meiner Meinung nach gibt es sie noch nicht. Wir brauchen mehr. Es gibt schon – in kleineren Kreisen diskutiert man über verschiedene Dinge und hinterfragt auch bestimmte Dinge, die jetzt im organisierten Islam, bei den Verbänden, nicht so gut läuft. Nur, ich glaube, die Muslime haben so diese Haltung: Ja, wir sind alle Muslime, wir gehören alle zusammen, und im Großen und Ganzen läuft ja alles gut, und manchmal scheut man sich davor, auch mal den Finger in die Wunde zu legen.

Ich kann mich erinnern, 2001 habe ich in Bonn studiert, und Bonn war damals – heute immer noch – eine Salafisten-Hochburg. Also das, worüber wir heute diskutieren, vollkommen zeitversetzt, Jahre später, war in Bonn damals aktuell. Wir haben das dort als Studenten miterlebt.

Viele Kommilitonen von mir haben das dort gesehen, was für Wanderprediger dort agieren, junge Muslime versucht haben, zu ideologisieren, und teilweise auch die Moscheen sehr naiv mit diesem Phänomen umgegangen sind. Sie gingen in die Moscheen rein und raus, haben dort deutschsprachigen Unterricht gegeben.

Und wir haben den Moschee-Vorständen halt klar gemacht, das ist nicht nur ganz gut. Die haben keinen guten Einfluss auf die jungen Leute. Sie haben das Problem gar nicht erkannt. Nicht, weil sie ideologisch irgendwie in einer gewissen Nähe zu denen stehen – ganz im Gegenteil –, aber sie haben das überhaupt nicht erkannt, was sie für einen Einfluss auf die jungen Leute haben.

Und ich habe teilweise miterlebt, wie Bekannte, Kommilitonen dort sich in wenigen Monaten so radikalisiert haben und auf einmal verschwunden waren, und man hat irgendwann gehört, dass sie in Afghanistan sind. Und als man dann den Moschee-Vorstand dort vor Ort darauf aufmerksam gemacht hat, dass man mal aufpassen wollte, wen man sich dort rein holt, gab es dann immer die Reaktion, ja, aber die machen wenigstens auf Deutsch etwas für die Jugendlichen.

Und das ist halt das Dilemma. Man muss halt einfach diskutieren und auch von den Salafisten ein Stück weit auch lernen. Die machen gewisse Dinge schon ganz gut. Sie sprechen die Jugendlichen in ihrer Sprache an. Deren "Amtssprache" ist Deutsch. Und die Jugendarbeit bei den muslimischen Verbänden ist noch in dem Zustand wie in den 70er-, 80er-Jahren. Aber das spricht eben die Jugendlichen nicht an.

Und da fängt halt die innermuslimische Debatte an. Wie kann man diese Ideologisierung, die ganz schnell passieren kann bei jungen Leuten, was kann man dagegen tun?

Es geht um das Denken, was dahintersteckt

Wir müssen jungen Muslimen Orientierung geben

Raith: Gibt es denn da inzwischen eine Entwicklung, eine gewisse Ursachenforschung? Zumindest gibt es ja offizielle Bekenntnisse gegen den Islamischen Staat, gegen die Terrororganisation, Mahnwachen ...

Güvercin: Der Islamische Staat ist ein Phänomen, den gibt es heute, morgen gibt es etwas anderes. Es geht mir nicht wirklich um bestimmte Gruppierungen, sondern es geht um das Denken, das dahinter steckt, die Ideologie. Und da ist halt der Punkt, öffentliche Bekenntnisse sind natürlich sehr wichtig. Ich finde zum Beispiel die teilweise übertriebene Forderung, alle Muslime müssen sich jetzt vom Islamischen Staat distanzieren, natürlich vollkommen absurd. Ich meine, was hat ein junger Moslem, der in Berlin-Kreuzberg geboren und aufgewachsen ist, was hat dem mit dem Islamischen Staat zu tun? Er hat das gar nicht auf dem Bildschirm.

Aber es geht auch nicht um eine Distanzierung, sondern ich erwarte von den Muslimen viel mehr. Weil Distanzierung ist eine relativ banale Angelegenheit. Sondern sie müssen sich, gerade die Religionsgemeinschaften, und sie haben ja natürlich Imame, Gelehrte, die auch theologisch versiert sind, sie müssen knallhart inhaltlich mit dieser Ideologie sich auseinandersetzen, mit islamischen Argumenten den Jugendlichen auch eine Orientierung geben, was für verheerende Auswirkungen diese Ideologie hat. Weil diese Ideologie ist ja keine Neuerfindung, weil die haben wir seit 100, 150 Jahren – in der islamischen Welt kursiert diese Krankheit.

Öffentliche Bekenntnisse, so symbolträchtige Aktionen wie jüngst, als 2.000 Moscheen aufgestanden sind gegen Hass und Ungerechtigkeit – das ist natürlich für die Medien, für die Öffentlichkeit natürlich ein wichtiges Signal, aber dabei darf man es nicht belassen, weil das sind nur symbolische Aktionen.

Sondern wir müssen wirklich runter auf die Basis und den jungen Muslimen, um die es hier geht, Orientierung geben, weil sie haben gewisse religiöse Bedürfnisse. Sie wollen Kenntnis haben über ihre Religion, und da darf man diesen salafistisch-wahhabitisch geprägten Wanderpredigern nicht diese Monopolstellung geben, sondern man muss ihnen ein deutschsprachiges Angebot machen, damit sie ihr Wissen aus einer sicheren, authentischen Quelle auch lernen können, weil das ist die beste Medizin gegen eine ideologische Beeinflussung.

Raith: Wir reagieren denn islamische Verbände, Dachorganisationen, wenn Sie sie mit diesen Versäumnissen konfrontieren?

Güvercin: Es gibt Reaktionen, die eher zeigen, dass sie beleidigt sind. Oft wird man auch einfach ignoriert. Aber wenn man dann unter vier Augen mal die Gelegenheit hat, mit dem einen oder anderen Funktionär sich auszutauschen, geben sie mir in allen Punkten recht, aber es geht ja auch nicht darum, wer Recht hat und wer Unrecht hat, sondern es geht darum, dass man dieses Problem anpacken muss.

Dieses Problem, wie gesagt, existierte vor 2001 genauso. Und Sie haben bei den Moscheen zum Beispiel auf lokaler Ebene Leute, die wirklich einen harten Job haben, in Fabriken arbeiten, und ehrenamtlich dann in den Moscheen tätig sind. Das sind wirklich Leute, die idealistisch sich engagieren. Von denen erwarte ich nicht diese Auseinandersetzung, weil sie machen schon viel zu viel. Also dieses ehrenamtliche Engagement ist in den Moschee-Gemeinschaften enorm, gesamtgesellschaftlich eigentlich vorbildlich, wie viel Energie sie dort in ihrer Freizeit, unbezahlt, vor Ort in der Gemeinde leisten.

Aber ich glaube, so die höheren Funktionäre, die Vorsitzenden, die wirklich schon ein bisschen mehr die Eigenschaften haben, auch in die Zukunft zu gucken und auch etwas über den derzeitigen Zustand auch der gesamten Community auch zu reflektieren – die sind in der Pflicht, diese Auseinandersetzung zu führen.

Und da, ehrlich gesagt, passiert noch zu wenig, denn wenn wir jetzt sehen, dass wir in Syrien, Irak mehrere hundert junge Muslime aus Deutschland dort sind – die kommen vielleicht irgendwann mal zurück.

Äußerungen unserer Gesprächspartner geben deren eigene Auffassungen wieder. Der Deutschlandfunk macht sich Äußerungen seiner Gesprächspartner in Interviews und Diskussionen nicht zu eigen.

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