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Seit 11:05 Uhr Gesichter Europas
StartseiteInterview"Kritisiert nicht die Juden in Deutschland!"23.07.2014

Nahost-Konflikt"Kritisiert nicht die Juden in Deutschland!"

Der ehemalige CDU-Politiker Jürgen Todenhöfer verurteilt den wiederaufkeimenden Antisemitismus in Deutschland und Europa. Es sei richtig, den maßlosen Gaza-Krieg Israels zu kritisieren, nicht aber die Juden in Deutschland. Antisemitismusvorwürfe gegen ihn wies Todenhöfer im DLF als "Schmarrn" zurück.

Jürgen Todenhöfer im Gespräch mit Christine Heuer

Porträt von Jürgen Todenhöfer in Anzug und Krawatte (dpa / Karlheinz Schindler)
Der Publizist Jürgen Todenhöfer (dpa / Karlheinz Schindler)
Weiterführende Information

"Hamas verhindert, dass Menschen geschützt werden" (Deutschlandfunk, Interview, 22.07.2014)

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Die frühere Vorsitzende des Zentralrats der Juden in Deutschland, Charlotte Knobloch, hatte dem Autor und Publizist Jürgen Todenhöfer in einem offenen Brief vorgeworfen: "Gefangen in irrwitziger Naivität, die an freiwillige Gehirnwäsche erinnert, fallen Sie der terroristischen Propaganda anheim." Darauf entgegnete Todenhöfer im Deutschlandfunk, man könne nicht jeden, der sein Leben riskiere, um sich die Situation in Gaza anzusehen, mit der Antisemitismus-Keule angreifen: "Wer Netanjahu angreift, greift nicht Israel an."

"Kritisiert nicht die Juden in Deutschland!"

Den Vorwurf Knoblochs, er blende das Leid der stets bedrohten israelischen Kinder aus, nannte Todenhöfer "Schmarrn". Er habe die Ausbildung israelischer Kinder finanziert und könne die Ängste vieler Israelis verstehen. Hinsichtlich antisemitischer Demonstrationen in Deutschland und Europa appellierte er: "Kritisiert den Gaza-Krieg, dieser Krieg ist maßlos, aber kritisiert nicht die Juden in Deutschland." Sie seien ein Teil der Gesellschaft.

Von seiner Reise nach Gaza in der vergangenen Woche seien ihm zwei Eindrücke besonders im Gedächtnis geblieben: Zum einen die mit Kindern überfüllten Krankenhäuser. Zum anderen sei seine Familie nachts mehrmals geweckt worden, "wenn im Hotel die Wände anfingen zu tanzen, weil ganz in der Nähe Raketen einschlugen". Überrascht habe ihn die Gelassenheit der Menschen in Gaza. "Vielleicht ist das schon totale Resignation über den dritten Krieg innerhalb  von sechs Jahren."


Das Interview in voller Länge:

Christine Heuer: Jürgen Todenhöfer war aktiver CDU-Politiker, und zwar ein ziemlich konservativer. Heute ist er Publizist und Autor unter anderem des Buches "Du sollst nicht töten: Mein Traum vom Frieden", dessen Erlös er für Kinder im syrischen Bürgerkrieg spendet. In den 2000er-Jahren wurde Jürgen Todenhöfer zum profilierten Kritiker der USA, speziell ihrer Kriege im Irak und in Afghanistan. Seitdem bereist und berichtet er über die Krisenherde in der arabischen Welt. Letzte Woche, mitten im Krieg, war er in Gaza. Was haben Sie in Gaza erlebt? Woran denken Sie als erstes, wenn Sie sich an diese letzten Tage dort erinnern?

Todenhöfer: Es sind zwei Bilder, die sich tief eingeprägt haben: Einmal die Krankenhäuser, die überfüllt sind mit Kindern. Ein Kind, dem ich immer wieder Fragen gestellt habe, aber das nicht geantwortet hat, das die Sprache verloren hatte durch die Schrecken, die es bei der Bombardierung erlebt hatte, und dem noch ein Splitter im Kopf steckt. Und immer, wenn ich an das Kind denke, bekomme ich Gänsehaut. Der zweite starke Eindruck, den wir nächtelang hatten - wir sind nachts immer wieder geweckt worden, als im Hotel die Wände anfingen zu tanzen, weil ganz in der Nähe F16-Raketen oder von Kriegsschiffen abgefeuerte israelische Raketen einschlugen –, war dieses Einschlagen der Bomben und Raketen und der Rauch, der aufstieg, und dann die Häuser, die in sich zusammenfielen. Und Gaza ist schon massiv zerstört worden.

Heuer: Wie ist der Alltag dort? Gibt es überhaupt so etwas wie einen Alltag in diesen Zeiten?

Todenhöfer: Das Merkwürdige war - ich war ja auch kurz in Israel: Während in Israel die Menschen erregt waren, aufgeregt waren, dass die Menschen in Gaza einfach so getan haben, als geschehe nichts. Sie haben zum Himmel geschaut, da kamen dann die leuchtenden Raketen an und dann krachte es. Oder tagsüber gingen die durch die Straßen und dann hörte man eine F16 und das ganz starke Zischen. Das ist ein Zischen wie eine Schlange. Und dann einen unglaublichen Lärm und dann machte es Wumm. Sie haben gewartet, bis es Wumm machte, und dann sind sie weitergelaufen. Ich habe mit Menschen gesprochen, denen man gesagt hat, sie sollten das Haus verlassen. Sie haben gesagt, wir können ja nirgendwo hingehen, es gibt kein anderes Haus. Mich hat überrascht die Gelassenheit, mit der die Menschen mit ihrem unglaublichen Leid und ihrer Not umgegangen sind.

Heuer: Wie erklären Sie sich diese Gelassenheit?

Todenhöfer: Ja vielleicht ist das schon totale Resignation. Es ist ja der dritte Krieg innerhalb von sechs Jahren. Gaza ist eingesperrt. Es ist ein Phänomen, das es nirgendwo auf unserer Welt gibt, dass 1,8 Millionen Menschen wie in einem Käfig eingesperrt sind. Die Menschen können nicht fliehen, wenn Sie anfangen würden, wegrennen zu wollen. Sie können nirgendwo hinrennen. Selbst wenn sie ins Meer rennen würden, würde man auf sie schießen. Mein Sohn wollte zum Strand gehen an einem Morgen, einfach mal, weil wir die Nächte kaum geschlafen haben, frisches Wasser kriegen. Und da haben die Leute reagiert und geschrien und haben gesagt, gehen Sie nicht an den Strand, Sie werden sofort erschossen. Weil vor dem Strand israelische Kriegsschiffe patrouillieren, die auf den Strand schießen und dort auch, während ich dort war, vier Kinder erschossen haben.

Mahmud Abbas "versucht den friedlichen Weg, aber er erreicht nichts"

!!Heuer:!! Herr Todenhöfer, wer ist Schuld an diesem Krieg?

!!Todenhöfer:!! Ich finde Kriege immer falsch. Krieg ist nie die Lösung und Krieg ist weder von Seiten der Hamas die Lösung, noch von Seiten Israels. Ich glaube, man muss sich die Geschichte Gazas anschauen und anschauen, dass da ein Volk eingesperrt wird und dass dieses Volk keinen Ausweg mehr weiß. Und dass auf der anderen Seite im Westjordanland - also die Hamas, das ist ja eine radikale Gruppe. Die hat bei mir keine Sympathien. Ich kritisiere sie, kritisiere ihre Ideologie, ich kritisiere ihre Militärstrategie. Das ist eine radikale Gruppe. Aber im Westjordanland ist der gewählte Präsident Mahmud Abbas. Das ist ein ganz Gemäßigter, das ist ein ganz Milder, der den Israelis viele Wünsche erfüllt, den Amerikanern viele Wünsche erfüllt. Es wird immer gesagt, er stünde auf der Payroll der Amerikaner. Der versucht den friedlichen Weg, aber er erreicht nichts. Keiner erreicht etwas und immer weiter werden Siedlungen aufgebaut, werden Siedlungen in Land gebaut, das den Palästinensern gehört. Ich habe zwar versucht, das zu recherchieren; ich weiß nicht, wer angefangen hat. Es gibt diesen schrecklichen Mord an drei jungen Israelis. Hamas bestreitet vehement, dass sie damit nur das Geringste zu tun hätten, und die geben normalerweise alle Schandtaten zu. Danach gab es noch Massenverhaftungen und Hausdurchsuchungen und die Tötung von ungefähr zehn Palästinensern. Und irgendwann fing die Hamas an, mit ihren selbstgebastelten Raketen zu schießen, etwas, was ich für völlig falsch halte, in jeder Beziehung falsch. Ich bin sowieso gegen Raketen, aber diese Raketen sind an Sinnlosigkeit nicht zu übertreffen, weil auf der anderen Seite der Grenze steht die beste Flugabwehr der Welt, der Iron Dome, der diese Blechbüchsen und auch einige modernere Raketen der Palästinenser einfach vom Himmel runterpflückt. Deswegen ist das etwas völlig Abstruses, dann zu schießen, wenn man weiß, man erreicht seine Ziele nicht.

Heuer: Charlotte Knobloch vom Zentralrat der Juden in Deutschland hat Sie, Herr Todenhöfer, in einem offenen Brief heftig kritisiert. Sie hat unter anderem geschrieben: „Sie", Herr Todenhöfer, „blenden das Leid der stets bedrohten israelischen Kinder aus." Nehmen Sie zu einseitig Partei?

Todenhöfer: Nein. Ich bin häufig in Israel. Mein Sohn hat dort drei Monate bei der Bank gearbeitet. Ich mache gerade im Augenblick ein gemeinsames Projekt mit dem berühmten israelischen Dichter David Grossman. Ich habe dort Ausbildung für jüdische Kinder und palästinensische Kinder finanziert. Ich kann sehr, sehr vieles verstehen. Ich kann auch viele Ängste der Israelis verstehen. Aber ich habe den Brief von Frau Knobloch nicht gelesen. Ich habe zweimal auf Facebook zu dem Thema Gaza Stellung genommen. Es haben interessanterweise neun Millionen Menschen diese beiden Artikel gelesen und 9000 haben ihn kommentiert, und ich bin nicht zu dem Kommentar von Frau Knobloch gekommen.

Knoblochs Wortwahl "außer Kontrolle geraten"

Heuer: Dann, Herr Todenhöfer, helfe ich kurz nach und gebe Ihnen noch ein Zitat aus dem Brief von Frau Knobloch. Sie schreibt: „Gefangen in irrwitziger Naivität, die an freiwillige Gehirnwäsche erinnert, fallen Sie", wiederum Herr Todenhöfer, „der terroristischen Propaganda anheim." Was antworten Sie?

Todenhöfer: Ja. Da sage ich: Ich kenne Frau Knobloch und das ist eine ältere Dame, die ich respektiere. Aber das ist natürlich ein Schmarrn. Man muss auch ein bisschen aufpassen, dass nicht jeder, der das Töten von Kindern in Gaza - 75 bis 80 Prozent der Menschen, die in Gaza sterben, sind keine Hamas-Leute, sondern sind Zivilisten. Man kann nicht jeden, der das kritisiert und der sein eigenes Leben riskiert, um dort hinzugehen, um das sich anzuschauen, dann immer mit der Antisemitismus-Keule angreifen. Wer Netanjahu angreift, greift nicht Israel an. Ich finde, nachdem ich das von Ihnen gehört habe, die Formulierung natürlich schon etwas außer Kontrolle geraten.

Heuer: In Deutschland und Europa gibt es wieder offenen Antisemitismus auf den Straßen. Herr Todenhöfer, zeigt das nicht, wie vorsichtig wir mit unserer Israel-Kritik sein müssen?

Todenhöfer: Nicht mit der Israel-Kritik. Wenn ich das Existenzrecht Israels unter Kritik immer wieder betone, heißt das nicht, dass ich zum Unrecht schweigen darf. Wenn Sie einen Freund haben und der Freund erschlägt einen anderen, können Sie nicht schweigen, nur weil es ihr Freund ist. Ich habe überhaupt nichts gegen Demonstrationen gegen den Gaza-Krieg. Das muss in einer freien Gesellschaft möglich sein. Aber was ich schlimm finde ist, wenn auf solchen Demonstrationen, wie zum Beispiel in Frankreich, antisemitische, antijüdische Parolen gerufen werden. Und ich sage auch nach Deutschland: Kritisiert den Gaza-Krieg, dieser Krieg ist maßlos, aber kritisiert nicht die Juden in Deutschland. Die 200.000 Juden in Deutschland sind Mitbürger und sie sind ein Teil Deutschlands. Sie sind genauso ein Teil Deutschlands wie die Muslime ein Teil Deutschlands sind.

Äußerungen unserer Gesprächspartner geben deren eigene Auffassungen wieder. Der Deutschlandfunk macht sich Äußerungen seiner Gesprächspartner in Interviews und Diskussionen nicht zu eigen.

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