Seit 04:05 Uhr Radionacht Information
 

Mittwoch, 22.11.2017
 
 
Seit 04:05 Uhr Radionacht Information
StartseiteTag für Tag"Alles andere als weltoffen"23.08.2017

Necla Kelek über die Ahmadiyya"Alles andere als weltoffen"

Die Soziologin Necla Kelek hält es für eine Fehlentscheidung, der Ahmadiyya-Gemeinschaft den Status einer Körperschaft des öffentlichen Rechts zu gewähren. Die Ahmadiyya Muslim Jamaat sei streng konservativ und hermetisch, sagte Kelek im Deutschlandfunk.

Necla Kelek im Gespräch mit Susanne Fritz

Hören Sie unsere Beiträge in der Dlf Audiothek
Die Soziologin Necla Kelek kritisiert bestimmte Traditionen der islamischen Kultur. (imago)
"Ich verstehe unter Religion mittlerweile, dass es spirituell sein muss, dass jeder ein- und austreten kann. Und diese Merkmale erfüllen sie nicht", sagte die Soziologin und Publizistin Necla Kelek im Dlf. (imago)
Mehr zum Thema

Ahmadiyya in Deutschland "Liberal und offen, aber wertkonservativ"

Moscheebau in Erfurt Auf dem Holzweg

Moscheebau Jetzt erst recht

Lale Akgün "Ich möchte keine Verkirchlichung des Islam"

Islamunterricht an deutschen Schulen Muslime fordern gleiche Rechte

Ahmadiyya in Deutschland Splittergruppe oder muslimische Elite?

In der Ahmadiyya fehle eine offen gelebte Kultur des Austauschs mit Andersgläubigen. Die Ahmadis seien abgeschottet, meint Neclar Kelek: "Die Moscheen grenzen sich ab. Das ist sehr fremd für Europa."

Die Gemeinschaft unterscheide sich im Glaubenskern kaum von anderen streng konservativen islamischen Gemeinschaften. Der Koran und die Sunna würden wortwörtlich genommen, so die Soziologin. Damit teile die Gemeinschaft die Welt in Gläubige und Ungläubige. Die Männer würden über das Leben der Frauen, die Älteren über die Jüngeren entscheiden und auch die Verwandtschaftsehe sei häufig, sagte Kelek. Es gebe eine starke soziale Kontrolle und die Mitglieder hätten kaum eine Möglichkeit, sich außerhalb der Gemeinschaft ein Leben aufzubauen.

Zudem sei die Gemeinschaft sehr missionarisch und versuche, den politischen Islam zu verbreiten. Sie baue vergleichsweise viele Moscheen und halte den Islam für die einzig "wahre" Religion, so Necla Kelek. In der Gemeinschaft gebe es keine kritische Auseinandersetzung mit dem Koran. In Deutschland punkte die Ahmadiyya damit, dass sie in vielen islamischen Ländern verfolgt werde. Gewalt lehne die Gemeinschaft aber strikt ab, meint die Publizistin.

Die Ahmadiyya-Gemeinschaft gilt in Hessen seit 2013 und in Hamburg seit 2014 als Körperschaft des öffentlichen Rechts. 


Das Interview im Wortlaut: 

Susanne Fritz: Die Ahmadiyya-Gemeinschaft in Deutschland ist in Hessen und Hamburg Körperschaft des öffentlichen Rechts. Damit hat sie dieselben Rechte wie die christlichen Kirchen. Konservative Muslime behaupten, dass die Ahmadyys keine Muslime seien. Doch was denken Religionskritiker über die Gemeinschaft? Darüber habe ich mit der Publizistin und Soziologin Necla Kelek gesprochen.

Frau Kelek, Sie waren jahrelang Mitglied der von der Bundesregierung berufenen Islamkonferenz. Sie haben die baden-württembergische Landesregierung zum Thema Zwangsheirat und türkische Sitten und Gebräuche beraten. Sie sind Autorin zahlreicher Bücher, unter anderem zum Thema Integration. Was halten Sie von dem Vorwurf, die Ahmadyys seien keine Muslime?

Necla Kelek: Ich kann nur dazu sagen, dass es auch innerhalb der islamischen Welt einen Richtungsstreit gibt über die Deutungshoheit. Und die Ahmadiyya-Gemeinde gehört zu einer bestimmten - ich würde sie als Sekte beschreiben wollen - zu einer islamischen Sekte, die aus dem späteren Pakistan hervorgegangen ist und sich als eine religiöse, aber politische Bewegung durchsetzen wollte. Und von der arabischen Welt wird dieses nicht akzeptiert. Also es ist ein innerislamischer Streit.

Nähe im Glauben, Streit in der Umsetzung

Fritz: Warum genau wird die Ahmadiyya-Gemeinschaft denn so stark von den Muslimen anderer Konfessionen bekämpft?

Kelek: Sie sind aus dieser Kolonialismus-Zeit entsprungen und wollten den Islam wortwörtlich umgesetzt und in eine politische Bewegung setzen und haben sich von der regulären Macht der islamischen oder arabischen Welt zum Beispiel abgesetzt und wollten eine neue Bewegung initiieren. Womit sie auch verfolgt wurden in diesen jeweiligen Ländern. Ich kann nur sagen, dass sie sich eigentlich nicht viel von Sunniten und Schiiten unterscheiden, also im Glaubenskern nicht.

Aber sie versuchen in der Praxis, es anders umzusetzen. Und da gibt es halt Streit. Und das ist zum Beispiel, wie mit Andersgläubigen umgegangen werden soll, wie der Koran umgesetzt werden soll, ob es sowas wie Abrogation gibt, also einen Unterschied zwischen der mekkanischen Zeit und der meddinischen Zeit - das sehen die Ahmadyys nicht. Also jedenfalls gibt es einen theologischen Streit.

"Koran und Sunna werden wortwörtlich genommen"

Fritz: Also einen Streit um vor allen Dingen religiöse Inhalte. Lassen Sie uns auf die Gemeinschaft näher eingehen. Die Gemeinschaft bezeichnet sich selber als "liberal, aber wertkonservativ". Wie geht das Ihrer Meinung nach zusammen?

Kelek: Ich sehe diese Gemeinde nicht so. Ich sehe sie sehr fundamentalistisch. Sie sagen das zwar so nach außen, aber wenn wir genauer ansehen, wie das real existierende Moscheeleben oder dieses Gemeinschaftsleben aussieht, dann sehe ich, dass halt zum Beispiel der Koran und auch die Sunna als Allahs Gesetz wortwörtlich genommen wird. Und damit ist auch gemeint, dass die Welt in Gläubige und Ungläubige geteilt wird, genau wie wir es in diesen erzkonservativen Bewegungen auch sehen.

Sie teilen auch die Welt in Frauen und Männer auf. Das heißt, die Männer entscheiden über das Leben der Frauen, Ältere über Jüngere. Sehr stark vertreten ist die Verwandschaftsehe, sodass halt die Mitglieder gleich von Anfang an in der Gemeinschaft bleiben und keine Möglichkeit haben, außerhalb dieser Gemeinschaft ein Leben anzufangen. Das wird sehr stark kontrolliert. Und sie sind missionarisch - also sie tragen den politischen Islam weiter, indem sie zum Beispiel unentwegt Moscheen bauen wollen.

"Verfolgte machen Punkte in dieser Gesellschaft"

Fritz: Das klingt jetzt alles andere als liberal und fortschrittlich. Denn auch als fortschrittlich bezeichnet sich die Ahmadiyya-Gemeinschaft. Warum versucht sie, nach außen dieses Bild zu erzeugen von einer fortschrittlichen und liberalen Gemeinschaft?

Kelek: Weil sie sich als eine kleinere Gruppe, also als eine Sekte sehen, gegenüber DITIB oder Millî Görüş, die ja weltweit vertreten sind. Nach außen kann man als kleine Gruppe ja schon - als Verfolgte zum Beispiel - besonders Punkte machen in dieser Gesellschaft. Sie nutzen diesen Status aber, um ihre politische Agenda eigentlich durchzusetzen. Sie sind ja auch nicht transparent. Ich weiß zum Beispiel nicht, was wirklich in diesen Freitagspredigten gepredigt wird. Es ist ja auch innerhalb der Moschee so stark in Männer und Frauen geteilt. Das gleicht sich in allen anderen erzkonservativen islamischen Richtungen.

Distanzierung vom Dschihad

Fritz: Sie haben jetzt immer wieder betont, dass die Gemeinschaft versucht, ihre politischen Ziele durchzusetzen. Welche sind denn das?

Kelek: Dass der Islam die wahre Religion ist. Es gibt keine andere Religion. Sie geben sich zwar nach außen schon so, dass sie auch andere Religionen akzeptieren, aber nach innen gibt es überhaupt keine liberale Bewegung. Sie setzen ja sich auch nicht mit dem Koran inhaltlich auseinander, auch mit den Gewaltstellen nicht. Sie haben sicherlich eine andere Einstellung zum Dschihad. Also Dschihad soll nicht stattfinden. Also die politische Waffe gegenüber Feinden, Ungläubigen, soll nicht angewendet werden. Das schon. Aber sie haben weder den Koran liberalisiert, eine Exegese betrieben, noch die Sunna, noch die Hadithen. Sie sind eine sehr verschlossene, sehr strenge Gruppe.

"Nach innen gibt es keine Gnade"

Fritz: Sie haben das Thema Gewalt angesprochen. Die Ahmadiyya-Gemeinschaft sagt ja ganz deutlich, sie sei friedlich, sie lehne Gewalt ab in jeder Form - betreibt natürlich trotzdem Mission, auch darauf haben Sie hingewiesen. Wie tolerant ist die Gemeinschaft gegenüber Andersgläubigen und Atheisten?

Kelek: Ich glaube, dass sie sich da zurückhalten, überhaupt sich nicht zu Andersgläubigen äußern. Das ist auch ganz geschickt. Aber nach innen, wenn einer aus der Familie zum Beispiel ausbrechen möchte, da gibt es keine Gnade. Und ich frage mich, solange wir in der Gesellschaft sagen: Ja, die tun uns ja nichts - soll ich dann darüber so sprechen, dass es eine friedliche Religion ist? Ich schaue mir immer an, was unter Religion eine Gruppe versteht und wie das an Jungen und Mädchen, an die eigenen Kinder und an die eigenen Mitglieder angewandt wird. Und wenn wir sagen: Wir sind doch froh, sie richten auf uns keine Waffe - das ist für mich kein Grund.

"Das ist für mich eine Fehlentscheidung"

Fritz: Was halten Sie denn davon, dass die Ahmadiyya-Gemeinschaft Körperschaft des öffentlichen Rechts ist?

Kelek: Das ist für mich eine Fehlentscheidung gewesen, weil eben unsere Gesellschaft wirklich nur danach sich richtet, was nach außen schriftlich kundgetan wird und nicht wirklich sich darum kümmert, was innerhalb der Gemeinschaft stattfindet. Und diese Gemeinde ist für mich eine missionierende Religion mit einer politischen Agenda. Und ich verstehe unter Religion mittlerweile, dass es spirituell sein muss, dass jeder ein- und austreten kann. Und diese Merkmale erfüllen sie nicht.

"Die Frauen kommen nicht vor"

Fritz: Warum ist denn die Ahmadiyya-Gemeinschaft überhaupt Körperschaft des öffentlichen Rechts und andere muslimische Organisationen, wie zum Beispiel die DITIB und Millî Görüş, nicht?

Kelek: Sie sind eine kleinere Gruppe und lehnen jede Einmischung von Herkunftsländern ab. Das unterscheidet sie. Und so wie die Aleviten auch - ich möchte aber nicht die Aleviten mit denen verwechselt jetzt haben - die haben ein gutes Konzept entwickelt. Die sagen: Wir mischen uns politisch nicht ein, wir möchten hier in Ruhe unser Leben leben, aber innerhalb der Gemeinde sind sie sehr konservativ. Also ich vergleiche sie sehr mit der Fethullah-Gülen-Bewegung. Sie möchten, dass ihre Kinder gut ausgebildet sind und sie mischen sich nicht politisch ein und machen einfach friedlich nach außen ihr religiöses Leben.

Aber wenn wir darüber sprechen sollten, wie ihre Moscheen zum Beispiel funktionieren und warum sie auch von bestimmten Kreisen in Deutschland, von Deutschen abgelehnt werden, dann kann ich nur sagen, dass ihre Moscheen nach wie vor, wie auch die anderen, Orte der Männer sind. Und was längst auch in Europa überwunden ist, auch religiöse Orte werden von Männern und Frauen besucht in Deutschland, was auch nicht zu ihrem Leben gehört. Sondern diese religiösen Orte auch der Ahmadiyya sind so, dass nicht auch ein kulturelles Leben dort gelebt wird - da wird weder ein Instrument gelehrt, noch im Chor gesungen. Die Frauen kommen nicht vor. Und die Bevölkerung hat gegenüber so einer Moschee oder so einem religiösen Haus natürlich Vorbehalte. Und so könnte ich das immer fortsetzen, worin ich die Schwierigkeit finde, dass sie Körperschaft des öffentlichen Rechts geworden sind.

"Die Moscheen sind auf Abgrenzung gesetzt"

Fritz: Jetzt will die Ahmadyya-Gemeinschaft ja auch in ostdeutschen Städten stärker präsent sein, Moscheen bauen. Dagegen protestieren AfD und Pegida. Wie denken Sie über diese Pläne der Ahmadiyya?

Kelek: Ich finde das sehr problematisch, dass so viele Moscheen gebaut werden für so eine kleine Gruppe. Ich vermisse das nach außen Gelebte, mit anderen Menschen in einer Gemeinde oder in der Straße oder in einer Stadt. Wie können wir uns kulturell mischen? Nur kulturell können sich Menschen mischen. Und sie sind aber abgeschottet, die Moscheen sind auf Abgrenzung gesetzt. Dass dort eine radikalere Gruppe dann sagt, offen dann ausspricht: Wir möchten diese fremde Kultur nicht mitten in unserer Stadt haben, das kann ich sehr gut verstehen.

Wenn eine Moschee auch diese kulturelle Variante hätte, dass auch andere da dran teilnehmen können an einem kulturellen Leben. Und immer wieder stelle ich die Frage, warum islamische Bewegungen nur auf religiöses Leben setzen und nichts anderes findet statt. Das ist sehr fremd für Europa, weil der individuelle Mensch hat so viele Qualitäten und bestimmte Seiten, die gefördert werden. Das ist Musik, das ist Theater, das ist Literatur - all diese Bereiche fehlen in diesen islamischen Bewegungen. Deshalb werden die Europäischen immer Probleme haben, das einfach zu tolerieren, dass da wieder ein Haus entsteht, wo nicht bekannt ist, was dort stattfindet, außer religiöses Leben. Ich kann das verstehen. Finde ich natürlich sehr schade, dass so eine radikale Gruppe das ausspricht und nicht auf friedlichem Wege versucht wird, mit diesen Menschen in Kontakt zu treten, auch diese Ängste vielleicht ihnen gegenüber zu äußern, warum ein kulturelles gemeinsames Leben nicht stattfindet.

Äußerungen unserer Gesprächspartner geben deren eigene Auffassungen wieder. Der Deutschlandfunk macht sich Äußerungen seiner Gesprächspartner in Interviews und Diskussionen nicht zu eigen.

Das könnte sie auch interessieren

Entdecken Sie den Deutschlandfunk