Freitag, 24.11.2017
StartseiteCampus & Karriere"Anforderungsprofil in den Grundschulen ist besonders hoch"10.11.2017

Qualifikation von Grundschullehrern"Anforderungsprofil in den Grundschulen ist besonders hoch"

Quer- und Seiteneinsteiger in den Lehrberuf müssen eine Nachqualifizierung erhalten. Das fordert die Kommission für Grundschulforschung und Pädagogik der Primarstufe in einem Brandbrief. Schließlich gebe es Standards für den Lehrberuf, und die müssten auch eingehalten werden, sagte Mitautorin Susanne Miller im Dlf.

Susanne Miller im Gespräch mit Benedikt Schulz

Hören Sie unsere Beiträge in der Dlf Audiothek
Deutschunterricht in einer französischen Schule. (picture-alliance / dpa / Rolf Haid)
In der Grundschule würden die Grundlagen fürs Lernen gelegt, deshalb seien gerade dort qualifizierte Lehrkräfte erforderlich, sagte Susanne Miller von der Uni Bielefeld im Dlf (picture-alliance / dpa / Rolf Haid)
Mehr zum Thema

Lehrermangel in Sachsen-Anhalt Den Eltern reicht's

Gymnasiallehrer an die Grundschulen Deal gegen Lehrermangel

Lehrermangel in Berlin Quereinsteiger als Alternative

Meidinger, Deutscher Lehrerverband "Wir brauchen eine bundesweite Lehrerjobbörse"

Bertelsmann-Studie zum Lehrermangel "Prognosen sind sozusagen eine Warnung"

Benedikt Schulz: Seit gestern liegt den deutschen Kultusministerinnen und -ministern ein Brief vor, der den spröden Titel trägt: Stellungnahme zur Einstellung von Personen ohne erforderliche Qualifikation als Lehrkräfte in Grundschulen (pdf). Also, Titel spröde, aber der Inhalt hat es in sich. Bildungswissenschaftler kritisieren dort mit scharfen Worten, dass in den Bundesländern immer mehr Lehrkräfte eingestellt werden, die dazu gar nicht ausgebildet sind, und sprechen von erheblichen negativen individuellen und gesellschaftlichen Folgen, die das haben könnte.

Das dahinter stehende Problem ist, klar, der Lehrermangel, der ja bekanntermaßen vor allem im Grundschulbereich ein Riesenproblem ist und bei dem die Wissenschaftler hinter diesem Brandbrief nicht akzeptieren wollen, dass der Mangel mit unqualifiziertem Personal kompensiert wird.

Verfasst wurde das Schreiben von der Kommission für Grundschulforschung und Pädagogik der Primarstufe in der Deutschen Gesellschaft für Erziehungswissenschaften. Eine der Kommissionsvorsitzenden ist Susanne Miller, und die ist am Telefon. Ich grüße Sie!

Susanne Miller: Ja, guten Tag, Herr Schulz!

"Grundschullehrkräfte brauchen ein fundiertes Wissen"

Schulz: Frau Miller, warum sollten die Länder den Lehrermangel nicht mit Seiten- und Quereinsteigern kompensieren? Irgendwer muss am Ende des Tages den Unterricht ja machen.

Miller: Ja, aber das Anforderungsprofil in den Grundschulen ist besonders hoch. Wir wissen, dass gerade das frühe Lernen sehr bedeutsam ist, hier werden die Grundlagen für das gesamte spätere Leben und Lernen gelegt und die Grundschullehrkräfte brauchen dafür ein fundiertes wissenschaftliches, pädagogisches, fachdidaktisches und fachwissenschaftliches Wissen. Wenn wir nur mal an die Kulturtechniken denken, lesen, schreiben lernen, hier braucht es ein forschungsbasiertes Wissen, wie diese Prozesse überhaupt ablaufen.

Und die Kinder sind in einer besonders wichtigen Entwicklungsphase im Alter von fünf bis zwölf Jahren, hier muss man sich mit der Kindheit auskennen. Und in der Grundschule liegen die Erziehungs- und Bildungsdimensionen noch besonders eng zusammen, das heißt, die Kinder lernen nur dann gut, wenn sie sich auch in ihrer Persönlichkeit gestärkt fühlen. Insofern braucht es eine fundierte Ausbildung.

Dem sind die meisten Bundesländer auch schon nachgekommen, wir haben ein zehnsemestriges Studium. Und wenn jetzt Personen in den Schuldienst kommen, die diese Ausbildung in keiner Weise haben, haben wir es mit einer Deprofessionalisierung zu tun. Und das kann zur Folge haben, dass die Schulleistungen der Kinder deutlich schlechter werden, dass sie vielleicht Schulunlust ausbilden, dass Desintegrationsprozesse in den Klassen größer werden, weil man sich eben mit diesem Anforderungsprofil in keiner Weise auskennt.

Sich genau mit dem Lese-Schreib-Prozess auskennen

Schulz: Machen wir es doch noch mal konkret, wenn wir jetzt zum Beispiel das Thema schreiben lernen haben: Wenn das jetzt jemand unterrichtet, der sich mit diesen Prozessen auch auf neurologischer Ebene noch nie wissenschaftlich auseinandergesetzt hat, heißt das dann, dass das Kind am Ende des Tages nicht schreiben lernt?

Miller: Das kommt immer sehr auf die Kinder an. Es gibt zahlreiche Kinder, die vom Elternhaus die Grundlagen noch überhaupt gar nicht mitbekommen haben, die ein sehr großes Risiko haben, im Lese- und Schreibprozess nicht richtig gefördert zu werden. Und da muss man sich genau mit den Entwicklungsprozessen im Lese-Schreib-Prozess auskennen, möglichen Schwierigkeiten, die die Kinder ausbilden, mit Fördermöglichkeiten. Aber auch natürlich bei Kindern, die besondere Begabung und sehr hohe Voraussetzung vom Elternhaus mitbringen können, wie kann ich die angemessen fördern, um bei allen Kindern auf dem individuellen Stand bestmögliche Lernerfolge zu erreichen?

Schulz: Dieser Lehrermangel vor allem im Grundschulbereich kommt ja nicht von irgendwoher. Müsste man nicht diejenigen, die ja – wie Sie gerade gesagt haben – zehn Semester studiert haben, anschließend ein Referendariat absolviert haben...

Müsste man die Wertschätzung denen gegenüber nicht erhöhen, zum Beispiel auch einfach mit besserer Bezahlung von Grundschullehrerinnen?

Miller: Auf jeden Fall. Das ist in keiner Weise mehr zu rechtfertigen, dass Grundschullehrkräfte geringer bezahlt werden als die Lehrkräfte an anderen Schulformen. Ich habe Ihnen eben die vielfältigen Anforderungen erzählt, aber das wissenschaftliche Studium ist gleich lang und das ist schon ganz lange eine wichtige Forderung, die Lehrkräfte gleich zu bezahlen.

Standards müssen erfüllt sein

Schulz: Sie fordern für die schon eingesetzten Seiten- und Quereinsteiger – die gibt es ja nun schon – eine Art, ich nenne das jetzt mal: Nachprofessionalisierung. Wie soll die aussehen und wie soll die bezahlt werden?

Miller: Die Nach- und Weiterqualifikation muss insbesondere für diejenigen, die dann später auch dauerhaft in den Schuldienst eingestellt werden, genau den Standards der Ausbildung genügen, die wir jetzt für die Absolventen des Grundschullehramts haben. Und sie müssen auch noch ein Äquivalent zum Zweiten Staatsexamen, zum Referendariat haben. Die Bezahlung muss dann natürlich der Staat übernehmen.

Wie das genau erfolgen muss, da gibt es unterschiedliche Modelle, dass es berufsbegleitend passiert, dass die Lehrkräfte beispielsweise bei einer bestimmten Stundenanzahl befreit werden vom Unterricht für diese Qualifizierung, aber in der Summe, am Ende muss es in der Quantität und Qualität der Ausbildung in der ersten und zweiten Phase entsprechen.

Schulz: Könnten nicht Quereinsteiger auch möglicherweise besondere Qualitäten mitbringen, die man im Studium oder im Grundschullehramtsstudium so nicht lernt?

Miller: Das kann durchaus sein. Es heißt ja auch nicht, dass individuell jeder Seiten- und Quereinsteiger überhaupt gar nicht geeignet ist. Und manchmal kommt ja auch Berufserfahrung rein, die auch für das System Schule sehr gewünscht sind oder neue Perspektiven hineinbringen. Aber in der Summe, denke ich, steht es auch von der KMK fest, welche die Standards für eine Lehrerausbildung sind, insbesondere auch für die Grundschule. Und die müssen einfach erfüllt sein, weil man sonst dem frühen Lernen von Kindern nicht gerecht werden kann.

Schulz: Bildungswissenschaftler fordern, dass der Lehrermangel an Grundschulen nicht weiterhin durch unqualifizierte Seiten- oder Quereinsteiger kompensiert wird beziehungsweise dass diese Einsteiger nachprofessionalisiert werden. Darüber habe ich gesprochen mit Susanne Miller von der Uni Bielefeld. Herzlichen Dank!

Miller: Gerne!

Äußerungen unserer Gesprächspartner geben deren eigene Auffassungen wieder. Der Deutschlandfunk macht sich Äußerungen seiner Gesprächspartner in Interviews und Diskussionen nicht zu eigen.

Das könnte sie auch interessieren

Entdecken Sie den Deutschlandfunk