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StartseiteBüchermarkt"Mit Faulheit oder Entspannung hat das gar nichts zu tun"28.11.2017

Roman über das gelingende Nichtstun"Mit Faulheit oder Entspannung hat das gar nichts zu tun"

Björn Kerns neues Buch "Das Beste, was wir tun können, ist nichts" ist eine Mischung aus Erzählung, Manifest und Ratgeber. Auf allen drei Ebenen geht es um die Arbeit, die einem die Zeit stiehlt, ein glücklicher Mensch zu sein. Und es geht darum, erfolgreich untätig zu sein – was allerdings auch wieder mit Arbeit verbunden ist.

Von Detlef Grumbach

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Bildnummer: 50584715 Datum: 01.09.2004 Copyright: imago/Sommer Heimwerker deckt das Dach seines Carports mit Teerpappe, Personen; 2004, Mann, Männer, Dachdecker, Dachdecken, decken, Heimwerken, Baustelle, Baustellen, Bauarbeit, Bauarbeiten, Bau, Carport, Dachpappe, abdichten, Abdichtung, Dichtung; , quer, Kbneg, Einzelbild, close, Deutschland, ,; Aufnahmedatum geschätzt
Loch im Dach? Teerwalze drüber: Dabei wollte er eigentlich nichts tun
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"Wenn ich im Hochsommer auf meiner Bank im Oderbruch sitze, die Füße in einer Wanne voll Eiswasser getaucht, ein kaltes Bier neben mir, dann weiß ich, dass ich es geschafft habe." 

Geschafft? Getane Arbeit – und jetzt Feierabend? Nein, nein. Dem Autor des Buchs geht es nicht um Arbeit und das verdiente "After work", wie es heute heißt. In einer Mischung aus Erzählung, Manifest und Ratgeber propagiert sein Ich-Erzähler etwas, das er "gelingendes Nichtstun" nennt. Mit Faulheit oder Entspannung habe das jedoch gar nichts zu tun. 

"Gelingendes Nichtstun ist ein vorzeitiges Aussortieren dessen, was man im Nachhinein besser unterlassen hätte. Gemeint ist das Nichtstun, das verhindert, dass man später einmal bereut."

Schon bereut er

Und das wiederum, so lässt sich vorwegnehmen, bedeutet auch so etwas wie Arbeit, trägt aber reiche Früchte. "Das Beste, was wir tun können, ist nichts" hat Kern sein neues Buch überschrieben. Als Einstieg wählt er den Ausstieg: den Kauf eines alten Hofes im Oderbruch, um dem Stress der Großstadt zu entkommen. Er will etwas draus machen, legt sich eine Schleifmaschine zu, reißt alte Deckenverkleidungen raus, will Dielen freilegen und findet sich wieder in einem Hustenreiz erregenden Gemisch von Feinstaub und Teerpappe, giftiger Dämmwolle und Holzwurmbefall. Schon bereut er. Jetzt haben die Folgearbeiten ihn im Griff, daraus will er eine Lehre ziehen.
Drei große Erfahrungsschätze begleiten den Autor auf seinem Weg zum gelingenden Nichtstun, damit sich so etwas nicht wiederholt: der seines Vaters, der vor lauter Anschaffen, Reparieren, Austauschen und Neukaufen fast nie zur Ruhe kam, der von Pierre und Marie in Südfrankreich, die genügsam wie ihre Tiere mit geringstem Aufwand ein ruhiges Leben unter der Sonne genießen, und schließlich sein märkischer Nachbar, dessen Philosophie die Essenz dieses Buches bildet. 

"Na, schön einjegiftet?",fragt er neugierig angesichts des Renovierungsdebakels.

"War früher so Usus. Holz jesehen? Insektizide druff. Loch im Dach? Teerwalze drüber. […] Ick fass dit gar nüscht erst an. Erste Regel: Gar nüscht erst anfassen. Alles belassen, wie’s ist. Also zum Mitschreiben: Wie heißt Regel Nummero eens?"

In den Warteschleifen des Supports

Nach und nach versteht der Protagonist die Bedeutung dieser Regel. Das geht schon los mit der Lohnarbeit: Er arbeitet viel und verplempert viel Zeit damit, um das Auto zu bezahlen, mit dem er ins Büro fährt – mit allen negativen Folgen wie Ressourcen-Verbrauch, Feinstaub- und CO²-Ausstoß –; um die Kita-Gebühren für das Kind zu bezahlen, um die Zeit für die Arbeit zu haben; um in den Baumarkt fahren und die Maschinen kaufen zu können, die dann aber – siehe Schleifmaschine – die Arbeit nicht erleichtern, keine Zeit sparen, sondern Arbeiten nach sich ziehen, die man ohne sie gar nicht erst angefangen hätte. Gibt es da keine Abkürzung? Wozu braucht er ein neues Handy, das permanent seine Aufmerksamkeit verlangt und ihn in den Warteschleifen des Supports warten lässt; wozu die schönen Dinge aus dem Tchibo-Regal, die gerade günstig sind, die man aber gar nicht braucht. Stattdessen auf der Gartenbank sitzen und nichts tun? Höchstens mal ein Bierchen trinken? Oder selbst Zeit haben für das Kind, die Freundin, oder einfach – Muße?

"Es ist nicht gut für die Wirtschaft, nichts zu produzieren und nichts zu kaufen. Das hat man mir auch beigebracht. Doch einfacher, als mit genesender Wirtschaft den Menschen zu schaden, wäre es vielleicht, mit geschädigter Wirtschaft als Mensch zu genesen. Das geht am besten, indem man gar nichts tut."

Eine gesellschaftlich-grundierte Abwehrhaltung

Der Gedanke ist nicht neu. Wir kennen die Diskussionen über das Recht auf Faulheit, die Chancen, die ein bedingungsloses Grundeinkommen birgt, die Folgen des Konsumterrors und den Wahnsinn einer ungebrochenen Wachstumsideologie. Wo soll es denn noch hinwachsen und aus welchen Ressourcen. Und trotzdem Arbeitslosigkeit? Einfach ausbrechen können wie der Erzähler, das muss man sich allerdings auch leisten können. Der Einwand kommt sofort. Der Hof und das Bier müssen ja bezahlt werden. Und wenn der märkische Nachbar mit einer rostigen Metallklammer in einer Wunde am Bein auftaucht und erstmal nichts tut – wird schon rauseitern –, wachsen die Zweifel. Doch vielleicht soll das so sein. Vielleicht kanalisiert der Autor die quasi "natürliche", aber doch sehr gesellschaftlich-grundierte Abwehrhaltung, um Zustimmung dort leichter zu gewinnen, wo sie möglich und sinnvoll ist. 

"Manche Grüne missverstehen den Gedanken vom Nichtstun und üben Verzicht. Konsumverzicht. Autorverzicht. Flugreisenverzicht. Gelingendes Nichtstun setzt jedoch nicht auf Verzicht, gelingendes Nichtstun setzt auf das unermessliche Glück, das es bedeutet, den ganzen Mist nicht haben zu müssen. Es setzt auf die Freiheit, nicht schon wieder im Flugzeug, im Auto, im Zug sitzen zu müssen. Gelingendes Nichtstun ist Mehrwert, nicht Verzicht." 

Der genau und oft auch komisch gezeichnete Alltag des Helden verwandelt sich zusehends in eine besondere Art von Idylle - eben ohne eingefasste Blumenbeete, knatternde Rasenmäher und frisch gestrichene Fensterläden. Das Kind hat keine elektrischen Hasen oder einen Sandkasten, sondern pflanzt das schöne Holzspielzeug von Opa in ein Gartenbeet. Vielleicht wächst es ja. Der Autor treibt den Gedanken vom "gelingenden Nichtstun" auf die Spitze. So geht das nicht, das weiß er selbst. Der Erzähler warnt davor, ihm alles nachzumachen, aber ein paar alte Haltungen, so sein Rat, sollte man doch über Bord werfen, ein paar ungeschriebenen Gesetzen nicht mehr folgen – eben: an sich arbeiten. Diese Botschaft – lebensnah und praktisch – kommt an. Der Rezensent hat bei Real das neue Tchibo-Sortiment schon mal links liegen gelassen. Das war nicht leicht, aber ein Anfang. Es geht. Ein nützliches Buch.

Björn Kern: "Das Beste, was wir tun können, ist nichts"
Fischer Taschenbuch 2016, 248 Seiten, € 9,99

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