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StartseiteInformationen am MorgenWirtschaftskrise hinterlässt deutliche Spuren19.02.2016

RusslandWirtschaftskrise hinterlässt deutliche Spuren

Die EU-Sanktionen und der stark gefallene Ölpreis hinterlassen in Russland immer deutlichere Spuren. Die Reallöhne sind binnen eines Jahres um zehn Prozent gesunken. Gleichzeitig sind die Preise in die Höhe geschossen, die Inflation betrug 2015 zwölf Prozent. Kritik an der Regierung oder Protest gibt es aber nicht.

Von Gesine Dornblüth

Die Lenin-Straße in Kirow, Russland, fast tausend Kilometer nordöstlich von Moskau gelegen. Rund 500.000 Einwohner. (Deutschlandradio / Gesine Dornblüth)
Die Lenin-Straße in Kirow, Russland. (Deutschlandradio / Gesine Dornblüth)
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Familie Wawilow isst zu Abend. Galina hat Weißbrot mit Mayonnaise und Gurke überbacken und dazu Eiersalat mit Mais und Bohnen gemacht. Außerdem gibt es gekochtes Rentierfleisch und Mandarinen.

"Alles ist teurer geworden, besonders Lebensmittel. Nur die Preise für Milch und Brot sind einigermaßen stabil. Früher haben wir gekauft, worauf wir gerade Lust hatten. Jetzt suchen wir nach Angeboten. Aber insgesamt lebt unsere Familie wegen der Krise nicht schlechter. Denn wir haben unsere Arbeitsplätze behalten."

Galina arbeitet im Management eines Chemieunternehmens in Kirow. Die Firma hat letztes Jahr rund die Hälfte der Belegschaft entlassen, Galina wurde gebraucht. Massenentlassungen hat es in Russland bisher aber nicht gegeben. Die Krise kommt schleichend daher. Walerij Wawilow ist Künstler, mit Kollegen hat er in den letzten Jahren vor allem Ladeninnenräume gestaltet. "Unsere Kundschaft ist vom Wohlstand der Menschen abhängig. Viele Läden mussten schließen. Wir haben weniger Aufträge."

Trotzdem konnten die Wawilows gerade ihre Zwei-Zimmer-Wohnung renovieren. Bad- und Duschmöbel sind neu. Die Oma ist kürzlich gestorben und hat etwas Geld hinterlassen. Sie fahren Auto, gehen zum Yoga. Allerdings werden sie in diesem Jahr wohl auf den Urlaub im Ausland verzichten. "Den können wir uns nicht leisten. In den letzten Jahren waren wir in Italien und in Spanien." Der Wert des Rubels gegenüber dem Euro hat sich in den letzten zwei Jahren halbiert, Urlaub im Ausland ist deshalb doppelt so teuer geworden.

Von Subventionen aus Moskau abhängig

Die Tochter Jelena mischt sich ein. Sie besucht die Kunsthochschule in Kirow. "Bei uns wurden jede Menge Dozenten entlassen. Wir haben jetzt weniger Unterricht, und es gibt kein Geld für Modelle. Ich bin im letzten Studienjahr, und eigentlich sollten wir Akte und Porträts malen. Jetzt sagen sie uns: Malt stattdessen noch ein paar Stillleben. Ernsthaft."

Passanten auf ungeräumten Wegen in Kirow, Russland. (Deutschlandradio / Gesine Dornblüth)Passanten auf ungeräumten Wegen in Kirow, Russland. (Deutschlandradio / Gesine Dornblüth)Kirow ist Provinz. Früher gab es viele Rüstungsbetriebe, nach dem Ende der Sowjetunion wurden die geschlossen. Danach kam die Stadt nie richtig auf die Beine, war immer von Subventionen aus Moskau abhängig. Die russische Regierung hat nun angekündigt, die Gelder für die Regionen zu kürzen. In Kirow ist der Mangel schon jetzt zu sehen. Im Einkaufszentrum "Krim", erst vor wenigen Monaten eröffnet, steht die Hälfte der Etagen leer. Im Januar hat es stark geschneit. Die Bürgersteige in Kirow sind nicht geräumt, die Passanten tasten sich über spiegelglatte Wege. Doch dafür allein den niedrigen Ölpreis, die Sanktionen oder gar Russlands Militäreinsatz in Syrien verantwortlich zu machen, wäre falsch, meinen die Wawilows. "Das hängt einfach damit zusammen, dass die Stadt schlecht regiert wird."

Gehälter für Beamte verspätet gezahlt

Sprechstunde im Sozialamt von Kirow. Ein Raum, sechs Schalter, die Sachbearbeiter sitzen hinter Plexiglas. Ein alter Mann möchte eine Beihilfe beantragen, um seine Wohnung zu renovieren. Viele Häuser in Kirow sind baufällig, der Staat hilft deshalb bei der Reparatur. Der Mann muss sich noch bis Juni gedulden, dann hat er das Alter für den Zuschuss erreicht.

Ein Drittel der Bevölkerung Kirows bezieht staatliche Hilfen. Bisher konnten sie alle Leistungen auszahlen, sagt die Chefin der Sozialverwaltung, Walerija Klotschichina. "Wie es 2016 wird, müssen wir abwarten. Der Gouverneur konnte im Dezember Gehälter nicht zahlen, die Leute haben ihr Geld erst im Januar bekommen. Aber das betraf nur die Beamten, die mag ohnehin niemand."

Vor einem der Schalter sitzt Nastja, 37 Jahre alt. Sie hat drei Kinder, für das jüngste bekommt sie noch einen Monat lang Kindergeld, bis zu dessen dritten Geburtstag. Dann geht ihre Elternzeit zu Ende und sie wird wieder arbeiten, an der Supermarktkasse. "Was für Bedingungen mich dort erwarten, weiß ich noch nicht. Mein Mann ist Fahrer. Er hat früher zwei Tage gearbeitet und hatte vier Tage frei. Jetzt arbeitet er vier Tage und hat zwei Tage frei, bekommt aber den gleichen Lohn. Ich werde mir wohl noch eine zweite Arbeit suchen müssen. Das machen viele bei uns."

"Wir kommen schon irgendwie durch"

Auf einer Bank wartet die Rentnerin Walentina. Sie war Schneiderin, hat wenig verdient, daher ist auch ihre Rente gering: 7.000 Rubel, umgerechnet derzeit rund 90 Euro, weniger als das Existenzminimum. Damit hat sie Anrecht auf eine Sozialkarte für den öffentlichen Nahverkehr. Die Preise für die Busfahrkarten sind zum Jahresbeginn angehoben worden. "Zum Glück habe ich etwas Land, da baue ich Kartoffeln an. Wir wollen jetzt auch Hühner anschaffen, damit wir weniger Geld für Lebensmittel ausgeben. Wir kommen schon irgendwie durch."

Walerija Klotschichina, die Leiterin der Sozialverwaltung, nickt. "Die Leute, die zu uns kommen, schimpfen nicht auf die Regierung oder protestieren. Alle verstehen alles. Ja, es ist schwierig, es wäre schön, wenn es besser wäre, aber es ist, wie es ist. Vielleicht leben wir einfach in der Provinz. Die Revolution 1917 passierte ja auch in Moskau und Petersburg, nicht in Kirow. Hierher kam sie viel später."

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