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StartseiteHintergrundDie Zeit nach dem Öl22.04.2017

Saudi-ArabienDie Zeit nach dem Öl

In der neu gebauten Stadt King Abdullah Economic City wohnen mittlerweile etwa 7.000 Menschen, 2035 sollen es zwei Millionen sein. Die Stadt soll auf die Zeit nach dem Öl vorbereiten. Und sie steht für eine gesellschaftliche Modernisierung des Landes. Vom Königshaus wird das unterstützt, es gibt aber starke gesellschaftliche Kräfte, die das Projekt gefährden könnten.

Von Carsten Kühntopp

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Blick auf die King Abdullah Economic City (KAEC) in der Nähe von Jeddah in Saudi-Arabien. (AFP PHOTO / Omar Salem)
Blick auf die King Abdullah Economic City (KAEC) in der Nähe von Jeddah in Saudi-Arabien. (AFP PHOTO / Omar Salem)
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Wer von Jeddah, der saudischen Wirtschaftsmetropole am Roten Meer, etwa 120 Kilometer nach Norden fährt und dann abbiegt, kommt an ein großes Tor. Der Bogen ist im prunkvollen 1001-Nacht-Stil gebaut, der in den Golfstaaten beliebt ist. Dies ist das Stadttor von King Abdullah Economic City. Dahinter führt eine vierspurige Straße zunächst viele weitere Kilometer durchs Nichts, durch die Wüste, rechts und links sorgfältig gestutzte Hecken, auf einer Kreuzung pusten Arbeiter mit einem Laubbläser den Sand von der Fahrbahn.

Nach dem Durchfahren mehrerer Kreisverkehre tauchen im Dunst schließlich die ersten Wohnviertel und Bürogebäude auf - dahinter das türkisfarbene Meer, ein weißer Sandstrand, ein Hotel und eine Promenade mit Cafés. Stephen Bowen ist der Marketingmanager von King Abdullah Economic City.

 "Vor zehn Jahren war das alles Wüste, hier war nichts. Seitdem haben wir etwa 350 Kilometer Straße gelegt und 3.500 Straßenlaternen aufgestellt. Wir haben fünf große Wohnungskomplexe errichtet und 6.500 Apartments und Villen. Und wir haben einen Businesspark fertiggestellt. Wir haben einen Tiefseehafen angelegt und eröffnet, dessen Umschlagskapazität bereits jetzt die zweitgrößte am Roten Meer ist. Wir haben 120 Unternehmen für das Industrial Valley gewinnen können, das ist das Gewerbegebiet für den Handel, die Logistik und die Produktion. Es ist also schon viel passiert. Aber weil dies ein Areal ist, das 181 Quadratkilometer groß ist, sieht es alles viel leerer aus, als es tatsächlich ist."

181 Quadratkilometer: Damit ist die Fläche, die die saudische Regierung für King Abdullah Economic City reserviert hat, in etwa so groß wie die von Nürnberg. Derzeit leben hier etwa 7.000 Menschen. Ende dieses Jahres sollen es doppelt so viel sein. Und der Masterplan sieht vor, dass es im Jahr 2035 schließlich zwei Millionen sind - vor allem Saudis, denen die Stadt Karrieremöglichkeiten und einen modernen Lebensstil bieten will. Bei dieser Entwicklung gibt es laut Marketingmanager Stephen Bowen eine wichtige Etappe:

"Die Stadt muss etwa 50.000 Bewohner erreichen, das ist die kritische Masse. Wir erwarten, dass sie diese 50.000 irgendwann 2021, 2022 erreicht. Und von da an wird sie von alleine weiterwachsen."

Ambitionierte Ziele

Ambitionierte Ziele für ein Land, das eher konservativ ist. Saudi-Arabien wird von einer Elite regiert, die stets äußerst vorsichtig handelt; der König und seine Entourage überstürzen nichts, sondern neigten bislang dazu, sich allzu schnellem Wandel zu widersetzen.

In diesem Land, in dem die Verhältnisse so festgefahren scheinen, ist der Bau von King Abdullah Economic City eine atemberaubende Neuerung. Denn die Stadt soll zeigen, in welche Richtung sich Wirtschaft und Gesellschaft in Saudi-Arabien entwickeln sollen.

Als Motor der Reformen gilt der Sohn von König Salman bin Abdul-Aziz al-Saud, Vize-Kronprinz Mohammed, gerade mal 31. Was der junge Mann vorhat, erklärte er vor einem Jahr in einem Fernsehinterview. Das war außergewöhnlich in einem Land, in dem es keine öffentliche Debatte über Politik gibt.

"Heute beruht unsere Verfassung auf dem Heiligen Buch und auf dem Erdöl. Das ist sehr gefährlich. Im Königreich haben wir eine Art Sucht nach dem Öl. Das verhinderte die Entwicklung anderer Wirtschaftsbereiche in den vergangenen Jahren."

Das Einfahrtstor zu "King Abdullah Economic City" (Saudi Arabien) am Roten Meer in Saudi-Arabien. (dpa/Peter Kneffel)Das Einfahrtstor zu "King Abdullah Economic City" (Saudi Arabien) am Roten Meer in Saudi-Arabien. (dpa/Peter Kneffel)

Der Plan von Mohammed bin Salman heißt "Vision 2030". Der König und das Kabinett haben das Konzept gebilligt, damit ist es faktisch Gesetz. Derzeit kommen etwa 90 Prozent der Staatseinnahmen direkt oder indirekt aus der Ölproduktion. Das soll sich ändern, denn der Rohstoff, der Saudi-Arabien reich gemacht hat, ist endlich.

Mit der "Vision 2030" will der Vize-Kronprinz das Land fit machen für die Zeit nach dem Öl. Dazu soll unter anderem der staatliche Ölkonzern Saudi Aramco teilweise privatisiert werden. Der Erlös fließt dann in einen Staatsfonds. Was dessen weltweite Investitionen bringen, kann die Regierung zuhause ausgeben, so der Plan. Außerdem werden die großzügigen Subventionen auf Wasser, Strom und Benzin weiter gesenkt. Aber nur für einen Teil der Bevölkerung, sagt Mohammed bin Salman:

"Wenn wir uns die Staatsregister anschauen, finden wir heraus, dass die Reichen 70 Prozent der Subventionen im Jahr 2015 bezogen haben, obwohl sie diese Unterstützung gar nicht brauchen. Und das darf doch nicht sein. Nur die Mittelschicht und die unteren Schichten der Gesellschaft bedürfen dieser Subventionen."

Die "Vision 2030" ist die Blaupause für einen Umbau der saudischen Wirtschaft. Der Bereich, der nicht am Öl hängt, soll massiv gestärkt und entwickelt werden, damit das Land seine Abhängigkeit vom Energiesektor verliert und die wirtschaftliche Monokultur überwindet. Darüber hinaus verstehen viele Saudis die "Vision 2030" mittlerweile auch als Ankündigung einer Öffnung des Landes. Entsprechende Hoffnungen gab ihnen Vize-Kronprinz Mohammed bin Salman, als er über seine Pläne für die Kultur und den Tourismus sprach: Saudi-Arabien als Urlaubsziel?

"Während wir die islamische Geschichte ohne Zweifel als sehr wichtig betrachten, haben wir aber auch eine viele hundert Jahre alte Geschichte der Araber. Dazu kommt, dass wir einen Teil der europäischen Kultur und deren Kulturstätten in Saudi-Arabien haben. Und wir haben Ruinen untergegangener Kulturen, Tausende Jahre alt, deutlich älter als vieles andere. Das ist nur ein Teil unseres Kulturguts."

So viel Respekt für die vorislamische Kulturgeschichte hat vor ihm wohl noch kein ranghohes Mitglied des Königshauses öffentlich geäußert.

Grundsteinlegung 2005

Der Grundstein für King Abdullah Economic City wurde bereits 2005 gelegt, mitten in der Wüste. Die Stadt war eine von mehreren, deren Bau die Regierung beschlossen hatte. Und es ist das einzige dieser Vorhaben, das nun Erfolg haben könnte. Hauptprojektentwickler ist der Immobilienkonzern Emaar aus Dubai. Der Chef des Projektes ist Fahd al-Rasheed.

"King Abdullah Economic City, kurz KAEC, ist eine Private-Public-Partnership, welches ja weltweit als ein innovatives Modell gilt. Als eine Stadt, die mit privatem Kapital finanziert wird, ist dies das größte Bauprojekt des Privatsektors auf der ganzen Welt. Eine weitere Innovation ist, das es die erste Stadt ist, die an der Börse geführt wird. Es ist also eine ganz andere Art der Entwicklung der Wirtschaft. Wir versuchen, aus dem Nichts eine Stadt zu bauen, die ein Motor für die wirtschaftliche und sozioökonomische Entwicklung in Saudi-Arabien sein wird."

Fahd al-Rasheed ist Mitte 40 - für einen Spitzenmanager in Saudi-Arabien ist das unerhört jung. Rasheed studierte in den USA, arbeitete beim Ölkonzern Saudi Aramco und war Vizegouverneur einer staatlichen Investmentbehörde, bevor er zum Immobilienkonzern Emaar wechselte. Der Saudi - ein Vater von drei Kindern - ist eine charismatische Persönlichkeit mit einem freundlichen und gewinnenden Auftreten. Weil King Abdullah Economic City in den Augen der Regierung Vorbildfunktion hat, gilt Rasheed nun als einer der wichtigsten Wirtschaftsbosse des Landes. Für ihn ist es das erste Mal, dass er die Aufgabe hat, nicht nur ein Gebäude oder ein Stadtviertel zu errichten, sondern gleich eine ganze Stadt.

"Eine Stadt wie unsere ist kein Satellit, kein Vorort - wir liegen nicht in unmittelbarer Nähe einer bereits bestehenden Stadt, von der wir unsere Nachfrage erhalten würden. Wir sind ja eine Stunde von Jeddah entfernt. Deshalb mussten wir unseren eigenen Wirtschaftskreislauf anstoßen. Wir mussten überlegen, was die Menschen hierher bringen würde. Und die einfache Antwort ist: Arbeitsplätze. Arbeitsplätze, die nicht an einen bestimmten Ort gebunden sind. Deshalb haben wir den Hafen und das Gewerbegebiet gebaut, als die beiden Anker für das Schaffen von Arbeitsplätzen."

Ab 100.000 Euro kann Eigentum erworben werden

Auch wenn erst einige Tausend Menschen in King Abdullah Economic City wohnen, gibt es hier längst das Nötigste zum Leben, einen Supermarkt zum Beispiel und ein Ärztezentrum. Die örtliche Schule wird von einem Unternehmen aus Dubai betrieben. Wer durch die Wohnviertel fährt, sieht noch viele leerstehende Apartments und Ein-Familien-Häuser. Am Eingang zum Viertel Al Waha, die Oase, verspricht eine Werbetafel "zeitgemäße Wahlmöglichkeiten für das Eigenheim Ihrer Familie". Faris Musallam, ein Mitarbeiter von Emaar, erklärt bei der Fahrt durch Al Waha, dass dieses Viertel Menschen mit mittleren Einkommen anziehen soll:

"Es wurde für Wohnungen und Villen geplant, eine Mischung verschiedener Lösungen, von Ein- bis Vier-Zimmer-Wohnungen. Hier können Sie bereits für nur 400.000 Riyal etwas kaufen, also für etwa 100.000 Euro."

Damit sollen auch Ausländer angesprochen werden. Zwar ist es ihnen in Saudi-Arabien nicht möglich, Land zu kaufen. Aber ein Haus oder eine Wohnung zu erwerben, ist kein Problem. Schritt für Schritt entstehen in der Stadt auch Freizeitangebote, wie ein 18-Loch-Golfplatz und ein Sportkomplex. Faris Musallem hebt hervor, dass dort Männer und Frauen gleichermaßen Sport treiben können. Fast beiläufig erzählt er, was in Saudi-Arabien eigentlich eine Sensation ist.

"Ich würde sagen, dass diese Stadt eine sehr offene Gemeinde ist. Männer und Frauen arbeiten zusammen, wir haben keine Geschlechtertrennung. In Saudi-Arabien ist das eine wichtige Neuerung. Ich habe vorher in anderen Unternehmen gearbeitet. Und da gab es immer eine Trennung von Männern und Frauen; sie konnten nicht gemeinsam in einem Büro sitzen."

Der saudi-arabische Königssohn Mohammed bin Salman ist treibende Kraft hinter der Vision 2030. (dpa / picture-alliance / Olivier Douliery)Der saudi-arabische Königssohn Mohammed bin Salman ist treibende Kraft hinter der Vision 2030. (dpa / picture-alliance / Olivier Douliery)

Vorsichtige Veränderungen, die sich aber nicht über geltendes Recht hinwegsetzen dürfen. Auch in King Abdullah Economic City dürfen sich Frauen nicht hinter das Steuer setzen, auch hier ist es ihnen nicht gestattet, Auto zu fahren. Und in der Schule werden Jungs und Mädchen getrennt unterrichtet - den meisten saudischen Eltern ist das nach wie vor am angenehmsten.

Am Arbeitsplatz zeichnet sich jedoch eine Veränderung ab. Offenbar sehen die Pläne für die Stadt keine Geschlechtertrennung vor. Damit geworben wird damit allerdings nicht. Und Fahd al-Rasheed, der Chef des Projekts, windet sich ein wenig, wenn man ihn nach der Geschlechtertrennung fragt:

"Letztlich geht es bei dieser Stadt darum, in mehreren sozioökonomischen Bereichen Fortschritte zu machen. Zum Beispiel ist es unser Ziel, junge Menschen anzuziehen. Wir wollen Chancen und Möglichkeiten eröffnen, beim Lifestyle, bei der Erziehung, bei der Gesundheitsversorgung - alles auf Weltniveau. Gleichzeitig sind wir aber auch eine Stadt für Saudi-Arabien. Wir bieten dem Land das, was es braucht. Und zwar bei allem Respekt für die Gesellschaft des Landes. Verschiedene Teile der Gesellschaft bekommen das, wonach sie verlangen. Und ob das klappt - das wird die Zukunft zeigen."

Rasheeds Zurückhaltung hat einen Grund: Noch immer sind die Saudis ein sehr frommes Volk, dem die Tradition wichtig ist. Viele Menschen - auch junge - halten nichts davon, die Geschlechtertrennung aufzuheben. Würde Rasheed die Neuerungen, die er in King Abdullah Economic City einführt, lautstark annoncieren, sie an die große Glocke hängen, müsste er sofort mit heftigem Widerstand rechnen, auch aus der Geistlichkeit. Dann könnte er seine Pläne schnell begraben.

Leuchtturmprojekt im Auftrag des Königs

Stattdessen baut er die Stadt als ein Leuchtturmprojekt auf, im Auftrag des Königs. Das Königshaus setzt darauf, dass ein Erfolg von King Abdullah Economic City bis weit über die Stadtgrenzen hinaus ausstrahlt und dadurch zu einer Veränderung des Landes beiträgt. In der Tat ist es der König, ist es die Regierung, die erkannt haben, dass sich die Dinge in Saudi-Arabien ändern müssen, wenn das Land im 21. Jahrhundert Erfolg haben will.

Auf dem Weg der Reformen muss der König gleichzeitig aber auch sehr vorsichtig und bedacht vorgehen. In anderen Golfstaaten ist es ähnlich wie in Saudi-Arabien: Reformen werden meist von oben angestoßen, nicht von unten. Und dann müssen die Kräfte in der Gesellschaft, die den Status Quo nicht verändern wollen, überwunden werden.

Der Tiefseehafen von King Abdullah Economic City, King Abdullah Port. An einigen Stellen wird noch gebaut, doch der Betrieb läuft bereits. Der Hafen ist das Herz der Stadt am Roten Meer - und passe gut zu den Zielen, die die "Vision 2030" vorgibt, sagt Michael Wuebbens bei einer Fahrt über das Gelände. Der Deutsche lebt seit vielen Jahren in Saudi-Arabien. Seine Firma baut den Hafen.

"Eines der Hauptziele ist, das Land als logistische Plattform vorzubereiten, weil es sich als Drehpunkt, Drehscheibe zwischen den Kontinenten betrachtet und dafür hier am Roten Meer eine ideale strategische Position hat. Und genau diese Position soll dieser Hafen hier ausnutzen - nur, dass wir diese Idee schon vor sieben Jahren hatten oder sechs Jahren. Und die Vision kam dann erst etwas später, aber das spielt uns deshalb in die Hände."

Hafen ist zentrales Projekt der Stadt

Etwa 30 Liegeplätze, das Hafenbecken ist 18 Meter tief, die Arme der Kräne sind so lang, dass auch die größten Frachter, die auf den Weltmeeren unterwegs sind, hier be- und entladen werden können. Eine der wichtigsten Frachtrouten - die von Nordamerika durch den Suez-Kanal nach Asien - führt an King Abdullah Economic City vorbei.

Und diesen Standortvorteil nutzt man nun, indem man sich als Umschlagplatz für das sogenannte Transshipment anbietet. Dabei geht es darum, dass die Meeresgiganten, die auf dieser Route unterwegs sind, ihre Container nur in den größten Häfen abladen.

Dann wird ein erheblicher Teil ihrer Ladung auf kleinere Frachter geladen, die den eigentlichen Zielort anfahren. Die Reichweite für das Transshipment von King Abdullah Port aus geht bis nach Pakistan. Fahd al-Rasheed sieht in diesem mehrere Hundert Kilometer großen Radius rund um seinen Hafen gewaltiges Wachstumspotenzial:

"Der Markt rund um das Rote Meer ist gewaltig. Das ist nicht nur die wichtigste Handelsroute der Welt, sondern der nächste Schwellenmarkt. Derzeit leben hier 650 Millionen Menschen, im Jahr 2050 werden es 1,5 Milliarden sein."

Auch der saudische Markt wartet laut Rasheed dringend auf die Möglichkeiten, die King Abdullah Port bietet. Denn etwa die Hälfte der Waren, die Saudi-Arabien einführt, kommen nicht über saudische Häfen ins Land, die längst am Rande ihrer Kapazitäten operieren, sondern beispielsweise über den Hafen Jebel Ali in Dubai. Dann können zehn Tage vergehen, bis die Ware im Supermarktregal in Saudi-Arabien liegt - für leicht verderbliche Lebensmittel eine Ewigkeit.

Wer seine Produkte stattdessen über King Abdullah Port einführt, spart unter Umständen eine ganze Woche. Auch deshalb erwartet Fahd al-Rasheed, dass dies bald einer der zehntgrößten Häfen der Welt sein wird.

Doch sind die Pläne, die Rasheed hat, mehr als Prahlerei? Auffällig ist, dass dem Manager und seinem Team die Großmannssucht, die beispielsweise die Stadtväter von Dubai häufig an den Tag legen, völlig abgeht. Nie spricht Rasheed von Rekorden, die man anpeilt, um weltweit Schlagzeilen zu generieren, wie Dubai das immer wieder tut - denn King Abdullah Economic City will keine Rekorde erzielen.

Stattdessen macht er deutlich, dass die Stadt der nüchterne Versuch ist, zur Lösung der wirtschaftlichen Probleme im Königreich beizutragen - und zur Entwicklung der Gesellschaft. Gerne gibt er allerdings zu, dass Dubai ihn inspiriert und Vorbildfunktion hat:

"Dubai hat uns die Augenbinde abgenommen, wenn es darum geht, was in den Golfstaaten möglich ist. Vor 15 Jahren habe ich mal meinen Bruder besucht, der damals in Dubai studierte, und er sagte: Die sprechen hier über Tourismus! Nicht möglich, dachte ich - allein schon wegen des Wetters! 40 Grad! Und heute verbringe ich jedes Jahr mit meiner Familie 20 Tage in Dubai, und wir lieben es, wir lieben den Urlaub dort!"

Mehr Unterhaltung für die Saudis

Für viele Golf-Araber ist Dubai ein attraktives Ziel. Die Stadt ist recht offen und tolerant und bietet Touristen viele Möglichkeiten, sich zu amüsieren. Das Alltagsleben in Saudi-Arabien ist hingegen dröge, im ganzen Land gibt es nur ein Kino. Vor einem Jahr rief die Regierung deshalb die sogenannte Zentralbehörde für Unterhaltung ins Leben.

Ihre Aufgabe ist es schlicht, Spaß ins Leben der Saudis zu bringen - selbstverständlich auf eine Art und Weise, bei der Tradition und Religion respektiert werden. Zu den ersten Veranstaltungen, die die Behörde organisierte, gehörte die ComicCon in Jeddah, eine Art Happening rund um Comics und Gaming.

Fahd al-Rasheed ist überzeugt davon, dass King Abdullah Economic City die besten Voraussetzungen hat und alle Zutaten, um zu einem Erfolg zu werden. Und der Wind, der unter König Salman und dem jungen Vize-Kronprinzen derzeit aus Riyad kommt, strafft Rasheed die Segel. Saudi-Arabien steht unter großem Druck, seine Wirtschaft zu diversifizieren. Ein Jahr nach Veröffentlichung der "Vision 2030" macht King Abdullah Economic City bereits vor, wie das geht.

"Wer an der Vision zweifelt und an ihrer Umsetzbarkeit, dem sage ich: Schau dir einfach unsere Stadt an. Wir sind das beste Beispiel für eine Wirtschaft nach dem Öl, unsere Einnahmen kommen nicht vom Öl. Wir ziehen keine Branche an, die energieintensiv ist. Und wir konzentrieren uns auf die Bereiche, die auch bei der Vision im Zentrum stehen: Logistik, Infrastrukturinvestitionen, Tourismus, Wohnungsbau, Bildung, Gesundheitswesen - das sind unsere Stärken, und sie haben mit dem Öl nichts zu tun. Wir sind also die Wirtschaft nach dem Öl, die mal die Zukunft von Saudi-Arabien sein wird."

Rasheed schließt aber nicht aus, dass die Stadt dennoch scheitern könnte. So muss sich sicherlich erst noch zeigen, ob das Wirtschaftsmodell, auf dem sie fußt, tatsächlich tragfähig ist. Zudem sind die gesellschaftlichen Kräfte in Saudi-Arabien, die jeder Veränderung feindselig gegenüberstehen, nach wie vor sehr mächtig.

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