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StartseiteBüchermarktVerbotenes aus der DDR30.06.2015

Siegfried PitschmannVerbotenes aus der DDR

Für die Funktionäre im DDR-Schriftstellerverband war die "Erziehung eines Helden" die Sorte Literatur, die man nicht lesen wollte. Siegfried Pitschmanns Romanmanuskript von 1959 sei unsozialistisch und dem "Amerikanismus" verfallen, lautete das vernichtende Urteil. Es trieb den Autor, damals Ehemann von Brigitte Reimann, fast in den Selbstmord.

Von Matthias Aumüller

Kollegen des VEB Stahlbau Brandenburg montieren in ca. 60 Meter Höhe das Stahlgerüst für das erste Kraftwerk des Kombinats "Schwarze Pumpe", aufgenommen am 09.06.1958. (picture alliance / dpa / Zentralbild)
"Erziehung eines Helden" handelt von einem Künstler, der auszog, auf der Großbaustelle des Kombinats "Schwarze Pumpe" sein Glück zu suchen. (picture alliance / dpa / Zentralbild)

Lang ist die Liste der Bücher, die in der DDR aus ideologischen Gründen nicht erscheinen konnten. Wie lang genau, weiß man nicht. Keiner hat die teilweise verschollenen Manuskripte gezählt. Wenn sie Jahrzehnte später doch noch publiziert werden, finden sie ihre Leser nicht mehr, für die sie erdacht worden sind. Selten können sie mehr als ein zeitgeschichtliches Interesse beanspruchen - es sei denn, es handelt sich um einen unpublizierten Erstling wie etwa Uwe Johnsons "Ingrid Babendererde", dem das Interesse aufgrund der Bekanntheit seines Autors sicher sein konnte. Auch Werner Bräunigs "Rummelplatz" fällt einem ein. Der Text war 1965 auf dem berüchtigten 11. Plenum des ZK der SED prominent verrissen worden. Der Autor erholte sich davon nicht, ergab sich dem Alkohol und starb einige Zeit später mit nur 42 Jahren.

In diese Reihe gehört auch Siegfried Pitschmanns Romanmanuskript "Erziehung eines Helden", das Ende der 50er-Jahre entstand. Folgt man den Mechanismen des Büchermarktes, wird das Werk es allerdings schwerer haben, sich noch durchzusetzen. Denn der Autor ist kaum bekannt, und er wurde damals nicht namentlich, sondern anonym fertiggemacht. Die meisten dürften von Pitschmann nur in Verbindung mit seiner damaligen Ehefrau Brigitte Reimann gehört haben. Nicht zuletzt die Tagebücher der bald berühmten Autorin legen Zeugnis ab von den harschen Reaktionen auf Pitschmanns Werk. Für ihn war damit eine Welt zusammengebrochen. Er unternahm einen Selbstmordversuch und publizierte danach - wie Werner Bräunig - nur noch ein paar Erzählungen. Er verstarb 2002 im Alter von 72 Jahren.

Hintergrund der vernichtenden Kritik im Jahre 1959 war die Diskussion um die sogenannte harte Schreibweise, das DDR-Pendant zur amerikanischen Hard-boiled-Literatur. Darunter verstand man einen durch kurze Sätze und innere Monologe geprägten Stil, der an der Umgangssprache orientiert war. Diese Schreibtechnik war bis dahin vornehmlich in der Kriegsliteratur erprobt worden und kann als Reaktion auf die als schönfärberisch gescholtene Aufbauliteratur gesehen werden. Unverkennbar zeigt sich in diesen Darstellungen der Einfluss amerikanischer Literatur - etwa Norman Mailers - (und weniger die Hard-boiled-Krimis von Hammett oder Chandler). Auch die Vorliebe vieler junger DDR-Autoren für Hemingway war den Funktionären in Partei und Schriftstellerverband nicht genehm.

Pitschmanns besonderes Sakrileg war es nun, den rauen Umgangston der harten Schreibweise nicht Soldaten, sondern Arbeitern in den Mund zu legen. Das konnte man ihm nicht durchgehen lassen. In Reden und Leitartikeln wurde sein Buch unter deutlichen Anspielungen, aber ohne das Werk oder seinen Autor beim Namen zu nennen, als Beispiel für Fehlentwicklungen in der Gegenwartsliteratur angeprangert. In einer Aussprache mit Vertretern des Schriftstellerverbandes wurde er auch persönlich angegriffen. Diese demütigende Erfahrung führte dazu, dass das Manuskript in der Schublade landete.

Liest man Pitschmanns "Erziehung eines Helden" heute, so muss man schon genau hinsehen, wenn man seinen harten Stil erkennen will. Das Buch handelt in erster Linie von einem, der auszog, auf der Großbaustelle des Kombinats "Schwarze Pumpe" sein Glück zu suchen. Der namenlose Held, von Hause Pianist, versucht dort einen Neuanfang, nachdem ihn seine Freundin verlassen hat. In sieben Kapiteln wird keine typische DDR-Aufbaugeschichte erzählt. Stattdessen ist von den Erlebnissen eines feinsinnigen, zutiefst verunsicherten Individuums die Rede, das sein notorisches Anderssein durch die Arbeit auf dem Bau überwinden möchte. Der Blick des Erzählers ist in das Innere dieses Helden gerichtet, der natürlich alles andere ist als ein Held.

Für die Vertreter des Schriftstellerverbandes waren das nur unsozialistische "Wehwehchen eines Intellektuellen", wie Brigitte Reimann entrüstet in ihrem Tagebuch festhielt. Für den Autor aber und für die Literaturgeschichte ist die "Erziehung eines Helden" der Versuch, ein von der sozialistischen Literaturpolitik vorgegebenes Thema mit den Mitteln der literarischen Moderne zu bearbeiten. Ironie, ein an musikalischen Kompositionsprinzipien orientierter Aufbau, die Reduktion von äußerer Handlung zugunsten von Beobachtung und Analyse - all das sind Merkmale, die Pitschmanns einzigen Roman auszeichnen und auch heute noch lesenswert machen.

Zudem füllt die Veröffentlichung des Romans eine Art Leerstelle in den Tagebüchern Brigitte Reimanns. Darin ist oft die Rede von den Kämpfen um das Manuskript. Jetzt kann man sich endlich selbst ein Bild von dem Text machen.

Die Bibliografin der Werke Brigitte Reimanns Kristina Stella hat die "Erziehung eines Helden" herausgegeben und in einem Nachwort die Ergebnisse ihrer Recherchen über die Umstände der verhinderten Veröffentlichung zusammengefasst. Ergänzt um eine Nachlasserzählung Pitschmanns und Fotos von der Großbaustelle ist ein Band entstanden, der nicht nur ein Tribut an all jene ist, die in der DDR kaum zu Wort gekommen sind, sondern auch eine eigenständige künstlerische Leistung enthält. Ihr Wert ist heute gerade daran zu erkennen, dass die Empfindungen der Hauptfigur einen eigenen Sog erzeugen, der das Oberflächenthema mehr als neutralisiert. Starke Literatur vermag es, die Tätigkeit auch eines Betonarbeiters zu einem ästhetischen Ereignis zu machen.

Siegfried Pitschmann: "Erziehung eines Helden"
Hrsg. und mit einem Nachwort versehen von Kristina Stella. Bielefeld: Aisthesis 2015. 249 S. 19,95 EUR.

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