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StartseiteInterview"Die Welt hat erstaunlich gut aus dem Fehler gelernt"24.04.2016

Von Weizsäcker zur Tschernobyl-Katastrophe"Die Welt hat erstaunlich gut aus dem Fehler gelernt"

Nach der Katastrophe von Tschernobyl von 1986 sei er in großer Sorge gewesen, denn als Physiker habe er gewusst, dies könne gefährlich sein, sagte der frühere SPD-Abgeordnete Ernst von Weizsäcker im DLF. Dies sei eindeutig eine Zäsur in der Atompolitik gewesen. Allerdings habe sich erst nach dem Unglück im japanischen Fukushima weltweit die Einsicht durchgesetzt, "dass wir die Kernkraft und auch die Kohle eigentlich gar nicht brauchen".

Ernst von Weizsäcker im Gespräch mit Petra Ensminger

Der Wissenschaftler Ernst Ulrich von Weizsäcker (dpa / picture alliance / Britta Pedersen)
Der Wissenschaftler Ernst Ulrich von Weizsäcker (dpa / picture alliance / Britta Pedersen)
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Die Katastrophe von Tschernobyl sei der Beginn eines Umdenkens gewesen. Allerdings hätten einige Experten schon lange vorher vor möglichen Gefahren der Kernkraft gewarnt. In dieser Zeit sei es "übereinstimmende Meinung" gewesen, dass die Welt immer mehr Energie brauche, sagte der frühere SPD-Abgeordnete und Vorsitzende des Umweltausschusses im Deutschen Bundestag, Ernst von Weizsäcker, im Deutschlandfunk. "Die einfach als Lobby zu diskreditieren, ist falsch."

Auch viele Physiker hätten eine Zeit lang gedacht, die friedliche Nutzung der Kernenergie sei ein Angebot für Wohlstand ohne Atombomben und ohne Treibhauseffekt. Inzwischen wisse man aber, dass es andere Energieträger gebe, die weit ungefährlicher seien.

Tschernobyl sei eindeutig eine Zäsur gewesen. Hinter diese Aussage würde er "ein Ausrufezeichen" setzen. Allerdings sei erst nach dem Unglück im japanischen Fukushima weltweit klar geworden: "Die Gefahren sind sehr viel größer, als sich die Bevölkerung das bis dahin vorstellen konnte." Inzwischen habe sich die Erkenntnis durchgesetzt, dass "wir die Kernkraft einfach nicht brauchen", auch die Kohle nicht. "Da hat die Menschheit, alle Länder eingeschlossen, erstaunlich gut aus dem Fehler gelernt."


Das Interview in voller Länge:

Petra Ensminger: In Deutschland läuft der Ausstieg, in anderen Ländern nicht. In der Region um Aachen treibt die Sorge vor der Sicherheit - unter anderem der belgischen Atomanlage Tihange - viele Menschen um – knapp 30 Jahre nach der Explosion im Reaktorblock 4 des Kraftwerks von Tschernobyl.

Welche Lehren haben wir aus der Katastrophe von damals gezogen, müssen wir noch ziehen? Darüber habe ich mit dem Physiker Ernst von Weizsäcker vor der Sendung gesprochen, früherer SPD-Abgeordneter und Vorsitzender des Umweltausschusses im Deutschen Bundestag. Wie erinnert er sich an die Katastrophe?

Ernst von Weizsäcker: Meine Frau war damals schwanger mit einem Kind, unserem jüngsten, und wir waren in Sorge.

Ensminger: Sie hatten persönlich auch Angst hier in Deutschland?

von Weizsäcker: Ja. Wir wussten, dass radioaktive Strahlung über die Atmosphäre bis nach Deutschland kommt. Die ist ja bis nach Nordschweden gekommen und an viele Stellen. Wir wussten genau, so etwas kann gefährlich sein. Ich bin ausgebildeter Physiker.

Ensminger: Sie wussten genau, welche Folgen das haben kann. - Ich erinnere mich auch noch an eine Szene, wie meine Mutter über den Gartenzaun mit der Nachbarin diskutiert hat. War die Katastrophe der Anstoß für die Debatte dann über den Atomausstieg und, würden Sie sagen, der Beginn womöglich für ein allgemeines Umdenken im Umweltbewusstsein?

von Weizsäcker: In der Breite eindeutig ja. Es gab Einzelne, die lange vorher schon gewarnt haben, unter ihnen Robert Jung, ein österreichisch-amerikanischer Schriftsteller deutscher Sprache, der mit seinem Buch "Der Atomstaat" schon davor gewarnt hat, dass wenn man diese ganze Sache wirklich sicher machen will, braucht man einen fürchterlichen Polizeistaat. Das war acht Jahre vorher.

Ensminger: Und dann kam die Katastrophe und damals, muss man sagen, da war die Stimmung dennoch so, dass die Bundesregierung der Meinung war, ohne Atomkraft kein Wirtschaftswachstum, unverzichtbar für die Sicherung von Jobs, für die Reinhaltung der Luft und so weiter. Das hat der damalige Kanzler Helmut Kohl dann auch noch nach Tschernobyl in einer Rede vor dem Parlament betont, obwohl es da ja schon, wie Sie sagen, auch andere Kenntnisse gab. Es gab Gutachten, die vorgerechnet haben, wie es gehen kann. War das gute Lobbyarbeit, oder war das wirklich eine Art common sense, dass man sagte, man kann ohne Atomkraft nicht?

von Weizsäcker: Es war weitgehend übereinstimmende Meinung, dass die Welt immer mehr Energie braucht. Es gab den World Energy Council und viele andere Institutionen, die das sozusagen zum Beruf gemacht haben. Die einfach als Lobby zu diskreditieren, ist falsch, denn das war allgemeine Meinung. Und man muss auch sagen: In den letzten 150 Jahren war Energieverbrauch und Umsatz des Bruttosozialprodukts oder so praktisch genau die gleiche Linie. Aber in der Zwischenzeit wissen wir mehr, und vor allem wissen wir auch, dass es andere Energieträger gibt, die sehr viel weniger Gefahren enthalten.

Seit Fukushima sind sich alle der Gefahr bewusst

Ensminger: Man wusste auch damals schon von anderen Energieträgern, war aber sicherlich im Diskussionsstand noch am Anfang. Wenn wir da heute noch mal darauf schauen: Es gab dann Tschernobyl. Dann musste es aber dennoch auch noch ein Fukushima geben, damit der Ausstieg wirklich beschlossen werden konnte, auch wenn es dazwischen schon mal einen Versuch gab, aber das Merkel-Kabinett hat dann die Laufzeiten doch wieder verlängert. War es also womöglich gar nicht Fukushima alleine, sondern Fukushima nur die Gelegenheit der Atomkraftskeptiker, dann den Ausstieg auch gegen die schwere Lobby - und ich sage dennoch Lobby - durchsetzen zu können?

von Weizsäcker: Ja! Empirisch kann man sagen, erst nach Fukushima wurde es weltweit, aber auch in Deutschland klar: Die Gefahren sind sehr viel größer, als sich die Bevölkerung das bis dahin vorstellen konnte. Allerdings glaube ich, dass mit vielleicht zehn oder 15 Jahren Verspätung die Einsicht, dass wir die Kernkraft einfach nicht brauchen und auch die Kohle eigentlich gar nicht brauchen, sich durchgesetzt hätte. Ich habe das schon seit langer Zeit, jedenfalls spätestens nach Tschernobyl für völlig richtig gehalten und war immer ein bisschen traurig darüber, dass die Öffentlichkeit immer noch an das Märchen von dem riesigen Energiebedarf glaubt.

Ensminger: Deutschland hat inzwischen den Ausstieg aus der Kernenergie begonnen. Aber viele Länder halten das nicht für nötig. Auch die japanische Regierung trotz ihrer Erfahrungen ja nicht. Gilt bei der Kernkraft bei Umwelterfordernissen nicht die Formel, aus Fehlern wird man klug, vor allem, wenn ja auch wirtschaftliche Interessen bedroht sind oder bedroht zu sein scheinen?

von Weizsäcker: Ich finde, da hat die Menschheit, alle Länder eingeschlossen, erstaunlich gut aus dem Fehler gelernt. Davor hatte man Ausbaupläne, die in die Tausende von Atomkraftwerken gingen, die Japaner haben nach Fukushima erst mal alle Kernkraftwerke stillgelegt und haben dabei empirisch festgestellt, dass Japan überhaupt nicht zusammenbricht. Und jetzt machen sie das eine oder andere wieder weiter, aber insgesamt muss man sagen, das ist nur noch so was wie ein Zehntel dessen, was sie hatten. Insofern haben auch sie gelernt. Japan hat keinerlei Kohle, und die erneuerbaren Energien brauchen ihre Zeit. Die wollen auch einen großen Windpark im flachen Meer im Osten Japans machen, und das dauert halt alles seine Zeit. Und die Energieeffizienz kommt eben auch nur etwas zu langsam voran.

Heute ist man überzeugt, dass es bessere Alternativen gibt

Ensminger: Wir müssen gar nicht so weit schauen bis nach Japan, sondern wir können durchaus in Europa ja bleiben, wenn wir auf das Heute noch mal schauen wollen. Wir diskutieren gerade über die Sicherheit von Kraftwerken in Belgien. Wir wissen, auch Frankreich setzt nach wie vor auf die Atomkraft, wovon wir ja auch durchaus profitieren hier in Deutschland. Ist es dennoch so, dass in Europa das Gefühl vorherrscht, wir lassen da möglicherweise etwas los, was wir dann schmerzlich entbehren?

von Weizsäcker: Eine Zeit lang haben viele Physiker so gedacht, weil sie ganz stolz waren, dass sie die friedliche Nutzung der Kernenergie als Angebot für Wohlstand ohne Atombomben und ohne Treibhauseffekt machen können. Da gibt es schon welche, die melancholisch werden darüber. Aber die erdrückende Bevölkerungsmehrheit ist zu dem Entschluss gekommen, dies ist eine Auslauftechnologie. Und natürlich: Die Kraftwerke in Tschechien, in Belgien und sogar in Brasilien und so weiter sind noch nicht einfach weg. Aber alleine schon aus ökonomischen Gründen ist man heute überzeugt, dass es bessere Alternativen gibt. Die Briten wollen ja mit Unterstützung aus Frankreich in Hinkley Point noch ein Atomkraftwerk bauen und lassen sich dafür fürstlich bezahlen mit Garantie-Abnahmepreisen für die Kilowattstunden, die weit über dem Marktwert liegen.

Ensminger: Wenn wir tatsächlich darüber sprechen, welche Konsequenzen auch der Ausstieg bedeutet - auch das haben wir bei Tschernobyl ja gesehen, wie schwierig es dann war, tatsächlich diesen Rückbau in irgendeiner Form zu planen. Es ist ja immer noch weit entfernt davon, dass diese Ruine rückgebaut worden ist. Wir stehen vor einem ähnlichen Problem in Deutschland, nämlich etliche Kraftwerke, die zurückgebaut werden müssen. Kann man sagen, wenn Sie dann auch ansprechen, dass woanders andere Kraftwerke gebaut werden, wir dennoch nicht wirklich klug geworden sind aus dem, was in Tschernobyl passiert ist?

von Weizsäcker: Ich finde es erstaunlich, wie klug man geworden ist. Man könnte auch sagen, aus dem Zweiten Weltkrieg hätte die Welt endlich lernen müssen, dass keine Kriege mehr sein dürfen, und da, finde ich, hat die Menschheit viel schlechter gelernt.

Ensminger: Wenn wir 30 Jahre zurückblicken - wir haben in der Vorbereitung zu dieser Sendung die Überschrift für dieses Interview gewählt "Tschernobyl - eine historische Zäsur?" -, würden Sie sagen, es war eine historische Wende in der Atompolitik?

von Weizsäcker: Eindeutig! Ich würde da ein Ausrufezeichen machen.

Äußerungen unserer Gesprächspartner geben deren eigene Auffassungen wieder. Der Deutschlandfunk macht sich Äußerungen seiner Gesprächspartner in Interviews und Diskussionen nicht zu eigen.

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