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StartseiteWissenschaft im BrennpunktEin Lagebericht aus Brasilien28.02.2016

Zika-Virus Ein Lagebericht aus Brasilien

Die Mücke Aedes aegypti verbreitet etliche schwere Krankheiten - darunter Chikungunja, Dengue und nicht zuletzt das Zika-Virus. Letzteres macht sich unter anderem in Brasilien breit. Bekämpft wird das Insekt dort größtenteils durch das Versprühen von Giften. Allerdings entwickeln die Tiere dagegen zunehmend Resistenzen.

Von Joachim Budde

Man sieht Menschen in gelben Schutzanzügen mit Geräten für die Desinfektion. (picture-alliance / dpa / Marecelo Sayao)
Einsatzkräfte desinfizieren das Sambadrom in Rio wegen des Zika-Virus. (picture-alliance / dpa / Marecelo Sayao)
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Ein alltägliches Bild momentan: Uniformierte laufen durch brasilianische Ortschaften, aus den Rohren ihrer Verneblungsmaschinen quillt dicker brauner Rauch.

"Diese Verneblungen sehen wirkungsvoller aus als sie sind. Klar, sie helfen gegen Aedes ägpypti, aber sie sind nicht die Hauptstrategie. Im Freien sind sie viel weniger effektiv als in geschlossenen Räumen."

Der Toxikologe Dr. Carlucio Rocha dos Santos von der Universidade Federal in Rio de Janeiro ist einer der wenigen brasilianischen Experten für Insektizide und Mückenbekämpfung, die sich dieser Tage überhaupt zu einem Interview bewegen lassen. Aber auch Joseph Conlon, technischer Berater der American Mosquito Control Association, kennt diese Geräte. Die Vernebler verbrennen ein Gemisch aus Diesel und einem Insektengift.

"Dabei benutzt man meist entweder das Organophosphat Malathion oder ein Pyrethroid. Das Gift muss wirksam bleiben, auch wenn es verbrannt und vernebelt wird. Mit dieser Maßnahme unterdrückt man die ausgewachsenen Mücken."

Das soll die direkte Übertragung des Zika-Virus eindämmen. Denn Mückenweibchen verteilen den Erreger, wenn sie von Mensch zu Mensch fliegen, um Blut zu saugen. Ein großes Problem dabei ist, dass die Gelbfiebermücken in Südamerika zu großen Teilen Resistenzen gegen die Gifte entwickelt haben, sagt Conlon.

"Das genaue Ausmaß der Resistenzen kennen wir gar nicht, aber es gibt sie, vor allem gegen Pyrethroide. Sie gehen auf den intensiven Gebrauch von DDT zurück. Denn DDT und Pyrethroide wirken an derselben Stelle im Nervensystem der Insekten."

DDT und seine Spätfolgen

Damit erschwert eben jenes Insektengift bis heute die Bekämpfung, das von den 40ern bis in die 70er-Jahre als Wunderwaffe galt. Der Chlorkohlenwasserstoff ist sehr giftig gegen Insekten, für Menschen und andere Säugetiere galt er lange Zeit als ungefährlich. Anders als heutige Pestizide überdauert DDT jahrzehntelang in der Umwelt, reichert sich im Fettgewebe an und kann Beutegreifer unfruchtbar machen. Beim Menschen steht es im Verdacht, als Spätfolge Alzheimer, Parkinson, Brustkrebs und Diabetes auszulösen sowie die Hirnentwicklung von Kindern zu stören. In Südamerika kam DDT gegen die Malaria- und die Gelbfiebermücken zum Einsatz – zunächst mit Erfolg, sagt Joseph Conlon.

Fred Soper von der Rockefeller Foundation hat von den 40er-Jahren an die Gelbfiebermücke in 21 Ländern in Süd- und Mittelamerika ausgerottet. Als das gelungen war, wurde es schwierig, das Projekt aufrecht zu erhalten. Denn es ist sehr teuer, weil es viele Leute braucht. Die Finanzierung wurde gestrichen. Man dachte: Wenn Aedes aegypti verschwunden ist, bleibt sie verschwunden.Doch diese Mücke wurde erneut eingeschleppt. Und die Umstände haben sich geändert. Heute leben viel mehr Menschen in den Städten, sagt Carlucio Rocha dos Santos.

"Die Mücke findet jetzt viel mehr Brutmöglichkeiten, denn die Leute – gerade in den Favelas – müssen Wasser lagern. Und sie findet viel mehr Möglichkeiten, Blut zu saugen."

Eine effektive Strategie – da sind sich alle Experten einig – funktioniert nur, wenn die Bevölkerung mitzieht. Die Menschen müssen in ihrer Umgebung den Mücken die Brutmöglichkeiten nehmen. Entweder, indem sie Wasserbehälter ausschütten oder mit Larviziden behandeln. Vielerorts herrscht jedoch große Verunsicherung nach Meldungen, das Larvizid Pyriproxyfen könne hinter der Mikrozephalie stecken. Allerdings sagen Virologen, dass es eine Häufung von Mikrozephaliefällen auch in Regionen mit Zika gegeben hat, in denen das Mittel nicht zum Einsatz gekommen war. Eine Alternative wären biologische Mittel. Gegen die ausgewachsenen Mücken müssten die Pestizide in Rotation eingesetzt werden, um Resistenzen zu vermeiden. Außerdem müsse man Aedes aegypti noch besser erforschen.

"Es gibt kein Wundermittel, das allein funktioniert. Alle Mittel müssen zu einer integrierten Herangehensweise verbunden werden, um die Mücke in den Griff zu bekommen."

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