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StartseiteKalenderblattMeister der heimeligen Atmosphäre 27.04.2021

100. Geburtstag von Hans-Joachim KulenkampffMeister der heimeligen Atmosphäre

Hans-Joachim Kulenkampff war eine Lichtgestalt der deutschen Unterhaltungskultur. Der Filmschauspieler, Fernsehmoderator und Quizmaster verkörperte den sympathischen Mitmenschen - unerschütterlich optimistisch, selbstironisch und bürgerlich. Am 27. April 2021 wäre er 100 Jahre alt geworden.

Von Georg Seeßlen

Schowmaster Hans-Joachim Kulenkampff auf der Bühne. (dpa)
Showmaster Hans-Joachim Kulenkampff (dpa)
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Eigentlich war er ja ein bisschen hanseatisch steif, der Bremer Hans-Joachim Kulenkampff, als Schauspieler sowieso, aber auch als Quizmaster, wie man das damals nannte. Irgendwas, wenn auch mit verhalten lausbübischer Ironie verbunden, blieb an ihm, vom Sohn aus gediegener Kaufmannsfamilie. Geboren am 27. April 1921 in bester Gegend der Hansestadt, musste der junge Schauspielschüler noch vor seinem ersten Bühnenauftritt in den Krieg. Dabei gab es wohl kaum jemanden, der solch zivilen Geist zu atmen schien wie er:

"Vielen Dank, vielen herzlichen Dank, guten Abend meine Damen und Herren, hier in Wiesbaden, guten Abend liebes Fernsehpublikum daheim an den Empfängern …"

Seine Einleitungs-Conference war oft etwas weitschweifig. Aber er hatte drei Eigenschaften, die eine geradezu genial heimelige Atmosphäre erzeugten, kaum hatte er eine Bühne betreten und mit seinem freundlich breiten Lachen das Publikum erreicht. Genauer gesagt, es waren die drei Einheiten des Hans-Joachim Kulenkampff alias 'Kuli'.

ARD-Testbild mit Eurovision-Schriftzug (ARD)ARD-Testbild mit Eurovision-Schriftzug (ARD) "Kulenkampffs Schuhe" - Die Therapeuten der Nation
Peter Alexander oder Hans-Joachim Kulenkampff zählten zu den großen TV-Stars im Deutschland der Nachkriegszeit. Mit ihrer Unterhaltung wurde aber auch Erinnerung an die NS-Zeit verdrängt, wie eine Dokumentation zeigt. "Die Masse wollte sich nicht erinnern", so Regisseurin Regina Schilling im Dlf.

Die erste war die Einheit mit sich selbst. Das war schon etwas in jenen Jahren, in denen die Nachkriegszeit beinahe vorüber war. Aber auch das Wirtschaftswunder bot nicht mehr das große Versprechen von ewigem Wohlstand und ewigem sozialen Frieden. Die Generationen und die Ideen begannen wieder auseinanderzubrechen, und 'Kuli' war einer der letzten, der sie wenigstens vor dem Fernsehschirm noch einmal vereinte. Mit dieser unaufgeregten Selbstsicherheit, dem Optimismus und der sanften Ironie:

"Ich danke für den überaus reichen Applaus … es tut mir wohl … es ist nur die Frage, dass man seine Anfangsrede dann nicht vergisst."

Das Publikum behandelt wie nette Bekannte

Das zweite war die Einheit mit seinem Publikum. Kulenkampff war keiner von denen, die das Publikum als Bestie sahen, die es zu bändigen gilt. Er schien einfach immer unter netten Bekannten, die sich einen geselligen Abend machen, mit ein paar launigen Fragespielen, so zwischen altem Bildungsbürgertum und moderner Mittelschicht. Es war gemütlich, aber auch nicht gleich zu intim.

Showmaster Hans-Joachim Kulenkampff in schwarzem Anzug hält seine Assistentinnen Doris Steinmüller links und Elke Müller rechts im Arm.  (picture alliance / dpa/ Manfred Rehm)Quizmaster Hans-Joachim Kulenkampff mit seinen Assistentinnen in "Einer wird gewinnen", Doris Steinmüller (links) und Elke Müller. (picture alliance / dpa/ Manfred Rehm)

Durch und durch deutsch – aber weltoffen

Und das dritte war die Einheit mit seinem Format. In diesem Quiz mit dem Titel "Einer wird gewinnen", kurz EWG, das es in seinen besten Zeiten auf Einschaltquoten von 80 Prozent brachte, wurden wir auf freundliche Art an die kommende Internationalisierung und Globalisierung herangeführt. 'Kuli' war durch und durch deutsch, aber zugleich weltoffen und meistens respektvoll:

"Und Sie kommen aus Neustadt an der Weinstraße? Ich habe Sie für einen Inder gehalten."

Improvisationstalent und Schlagfertigkeit ins deutsche TV gebracht

Hans-Joachim Kulenkampff war der ideale Darsteller des Übergangs. Als junger Mann an der Ostfront hatte er wohl ein paar durchaus traumatische Kriegserfahrungen gemacht. Diese Erinnerungen und die an die Kriegsgefangenschaft verbarg er unter seinem zuversichtlichen Lächeln, so wie später auch eine große Tragödie in der Familie, den Unfalltod seines Sohnes. Vielleicht war ja das Kulis eigentliche Botschaft an uns: Haltung bewahren. Im Glück wie im Schmerz. So war er auch als Schauspieler nicht eben der Mann für große Gefühle.

Neben dem Theater wurde zunächst das Radio sein bevorzugtes Medium, und am 29. August 1953 moderierte er die erste eigene Fernseh-Show "Wer gegen wen?". Man kann es wahrscheinlich gar nicht anders sagen: An diesem Tag wurde ein Star geboren. Denn Kulenkampff führte etwas ein in die Fernsehunterhaltung, was für das deutsche Publikum neu war: Improvisationstalent und Schlagfertigkeit.

Ab 1964 war Hans- Joachim Kulenkampff mit nur einer längeren Unterbrechung bis 1987 der Gastgeber der Quizsendung "Einer wird gewinnen" und wurde nebenbei eine deutsche Institution: Als Fernsehliebling, als Werbefigur oder als Star in Kinofilmen wie "Drei Mann in einem Boot". Unerschütterlich optimistisch, unerschütterlich selbstironisch, unerschütterlich bürgerlich, sogar noch in den kleinen Fluchtträumen.

 Hans-Joachim Kulenkampf moderierte viele Jahre lang die Quizsendung ARD-"Einer wird gewinnen". Der Quizmaster ist Gegenstand des Dokumentarfilms "Kulenkampfs Schuhe" von Regina Schilling. (SWR) (SWR)@mediasres im Dialog - Sehnsucht nach Kulenkampff
Früher gehörte der Samstag Abend der Familie und den Rateshows. Die meisten saßen gemütlich im Wohnzimmer und schauten gebannt, was Hans-Joachim Kulenkampff, Hans Rosenthal oder Wim Thoelke zu bieten hatten. Können Sie sich daran erinnern? Vermissen Sie solche gemeinschaftsstiftenden Abende vor dem TV? Unsere Hörerinnen und Hörer haben Ihre Eindrücke mit uns geteilt.

Sanft und undramatisch verabschiedete sich Hans-Joachim Kulenkampff von seinem Publikum: Als nachdenklicher Vorleser von sogenannten "Nacht-Gedanken" in den Jahren zwischen 1985 und 1990, kurz vor dem Abspielen der Nationalhymne und dem Sendeschluss. Den gab es damals noch, und das löst fast so wehmütige Erinnerungen aus, wie die Stimme des großen, am 14. August 1998 verstorbenen Entertainers, die mit einem sanften "Gute Nacht" das Programm beendete.
 

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