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StartseiteKultur heuteZwischen Heroisierung und Dämonisierung05.01.2019

100 Jahre BauhausZwischen Heroisierung und Dämonisierung

Das Bauhaus vereinte alle Künste; nur seine Architektur wird gern als totalitäre Beglückung geschmäht. Als Funktionalismus oder "International Style" ging sie in die Welt. Heute wird das Bauhaus beides: heroisiert und dämonisiert, sagte der Architekturhistoriker Werner Durth im Dlf.

Werner Durth im Gespräch mit Beatrix Novy

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Portrait des Architekturhistorikers Werner Durth (Jürgen Schreiter, Darmstadt)
Architekturhistoriker Werner Durth über das Bauhaus (Jürgen Schreiter, Darmstadt)
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Die Gründung des Bauhauses 1919 war von den sozialen Motiven getragen, die schon den  Reformbewegungen vor dem Ersten Weltkrieg zugrunde lagen, sagt Werner Durth. Nach Kriegsende wollten auch Architekten und Künstler zur Überwindung der Klassengesellschaft des Kaiserreichs beitragen.

War das Bauhaus links?

Nicht um Kunst und Architektur für Wenige, sondern für die Massen sei es gegangen. Dabei habe die Wohnungsfrage im Vordergrund gestanden, also die aus der Gartenstadtbewegung entwickelten Forderungen nach Licht, Luft und Sonne. Obwohl das Bauhaus anfangs noch keine Architekturabteilung hatte, entwarf Gropius schon baukastenmäßig Pläne für unterschiedliche Haustypen mit vorgefertigten Teilen, die auch für die unteren Schichten erschwinglich sein sollten. Die Siedlungen, die nach und nach entstanden, waren, so Werner Durth, zunächst experimentelle Entwürfe. Der damals neu entwickelte Typ der Trabantenstadt sei durchaus als Ergänzung zum Städtebau gedacht gewesen.

Der Durchbruch: International Style

Das linke Image des Bauhauses erklärt Durth mit mehreren Gründen: unter anderem die Berufung von Hannes Meyer 1927, der die Lehre explizit im Sinne "Volksbedarf statt Luxusbedarf" systematisieren wollte. Aber auch Gropius' heftige Propaganda für die Ideologie des Funktionalismus und seine internationale Orientierung habe die Gegner auf den Plan gerufen.

Entscheidend für die internationale Wahrnehmung sei die große Ausstellung "International Style" gewesen, die 1932, als das Bauhaus in Deutschland schon gefährdet war, im New Yorker Museum of Modern Art gezeigt wurde, mit den wichtigsten Werken der Bauhaus-Direktoren Gropius und Mies van der Rohe. "Das war die Grundlage, auf der dann nach der Emigration Gropius und Mies in den USA großen Einfluss als Architekten und Lehrer ausüben konnten." Hier habe die weltweite Verbreitung des Bauhaus-Stils begonnen.  

Vielfalt statt Gleichheit

Zur wachsenden Kritik am Bauhaus in den letzten Jahrzehnten des 20. Jahrhunderts sagt Durth: "Ab den 70er Jahren war eine neue Differenzierung, eine neue Vielfalt in der Architektur gefragt, aber gleichzeitig konnte man jetzt auch eine Spaltung der Bewertung sehen, indem das Bauhaus einerseits dämonisiert wurde, mit dem Vorwurf einer Totalität der Moderne, andererseits einer Heroisierung des Bauhauses als Gründung einer modernen Welt. Und ich glaube, dass diese Spannung zwischen Dämonisierung und Heroisierung auch in diesem Bauhaus-Jahr 2019 noch zu manchen Debatten führen wird."    

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