Sonntag, 26. Juni 2022

Vor 100 Jahren
Im Kaufhaus Tietz eröffnete die „Erste Internationale Kunstausstellung Düsseldorf“

Die Künstlergruppe „Das Junge Rheinland" wollte 1922 in Düsseldorf die weltweite Avantgarde versammeln. Und tatsächlich eröffnete sie am 28. Mai 1922 eine „Erste Internationale Kunstausstellung“ – aber nicht im Museum, sondern im Kaufhaus Tietz. Denn die Kulturpolitik verweigerte ihre Unterstützung.

Von Jochen Stöckmann | 28.05.2022

Düsseldorf, Cornelius Platz, Warenhaus Tietz auf einer historischen  Postkarte
Das Warenhaus Tietz in Düsseldorf um das Jahr 1930 (imago/Arkivi)
Ein schmaler Katalog aus holzhaltigem Papier, zwischen zwei roten Balken in auftrumpfenden Blockbuchstaben der Titel „I. Internationale Kunstausstellung Düsseldorf, 28. Mai bis 3. Juli 1922“. Das expressionistische Signet, der Holzschnitt einer Friedenstaube, markiert vier Jahre nach Ende des Weltkriegs politische Haltung und künstlerische Absicht: „Das sind Leute gewesen, die sich mit der unmittelbaren Vergangenheit dieser verbrecherischen Kriegsgräuel in den Schützengräben und anderswo auseinandergesetzt haben.“

So kamen 300 Künstler aus 19 Ländern nach Düsseldorf

Ulrich Krempel denkt vor allem an Gert Heinrich Wollheim, Mitbegründer des „Jungen Rheinland“. Der Kunsthistoriker hat recherchiert, wie es dieser Gruppe gelingen konnte, mehr als 300 Künstler aus 19 Ländern nach Düsseldorf zu holen. Dafür brauchte es 1922 ein Multitalent:
„Wollheim ist ein dreistes Gemisch von Ernst, Langeweile, Malerei, Vagabundentum, guter Herkunft, Dresden, Berlin, Düsseldorf. Man wird böse auf ihn, wenn man eine hochgestellte Persönlichkeit ist.“

Kunst-Establishment versus "Das Junge Rheinland"

In seiner „Selbstauskunft“ deutet Wollheim ironisch an, dass ihm die Honoratioren Hürden in den Weg legten. Denn ein Treffen der internationalen Avantgarde - das riecht nach ästhetischem Umsturz.
„In der Kulturpolitik der Stadt gab es natürlich einen besonderen Schwerpunkt so im konservativ Bewahrenden – mit der Unterstützung der üblichen bierbäuchigen Kunstausstellungen und so weiter.“
Üblich ist seit 1902 die jährliche „Große Kunstausstellung“, subventioniert mit 300.000 Mark. Der neuen, der internationalen Künstlerschau dagegen verweigert Düsseldorf den beantragten Zuschuss von 50.000 Mark. Ohne Rücksicht darauf, dass im „Jungen Rheinland“ mehr als nur eine Kunstrichtung vertreten ist, so Ulrich Krempel: „Da gab es zum Beispiel Arthur Kaufmann, ganz guter Porträtist, das war der erste Vorsitzende. Uzarski war der zweite Vorsitzende. Schatzmeister war Walter Ophey. Ein wirklich schon älterer Herr, der sehr, sehr schöne impressionistische, inspirierte Bilder gemacht hat.“

Wie das Kaufhaus Tietz die Ausstellung rettete

Adolf Uzarski nutzt als Werbegrafiker seine guten Kontakte zur Warenhauskette Tietz. Und die, sagt Ulrich Krempel, stellt ihre Düsseldorfer Filiale zur Verfügung. “Die Stadt Düsseldorf und die Region hatten sich geweigert, diese jungen Künstler, die so aufs Internationale zielten, also auf vermutlich revolutionäre Umtriebe aller Art, zu unterstützen. Und insofern war das Kaufhaus Tietz die Rettung für die Idee dieser Ausstellung.“

Italienische Futuristen neben russischen Konstruktivisten

Nicht nur der Ausstellungsort ist ungewöhnlich, auch das Motto „Künstler aller Länder vereinigt euch“: Zur Berliner Novembergruppe, der Darmstädter und der Dresdner Sezession gesellen sich italienische Futuristen und russische Konstruktivisten. Beim gemeinsamen Auftritt internationaler Künstler sollen die Schlagbäume fallen, zumindest in den Köpfen.
„Da sind interessanterweise Menschen dabei, die nicht aus irgendwelchen Nationen stammen, sondern – wie Jankel Adler – Vertretung: ostjüdischer Künstler. Da geht es um Identitäten.“
„Endlich einigt man sich, daß der Kongreß im Grunde doch zu nichts anderem da ist, als an allen hübschen Orten der Welt kleine Geschäftsstellen zu errichten, damit man Ansichtspostkarten austauschen kann.“
Auch die „Erste Internationale Kunstausstellung“ bleibt ein erfolgloser Versuch. Der Katalog von 1922 aber erweist sich als Flaschenpost: Kunstwerke, verschollen oder von den Nazis als „entartet“ vernichtet, sind ein einziges, ein letztes Mal abgebildet. Künstler, heute vergessen, bekommen einen Namen. Jefim Golyscheff zum Beispiel, geboren in Cherson in der Ukraine, in Berlin als Musiker und Maler Mitbegründer der Dada-Gruppe, in Paris nach 1933 im Widerstand, in São Paulo Vorbild junger Künstler mit Zwölfton-Kompositionen.