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StartseiteKalenderblattKampf dem kriminellen Ornament10.12.2020

150. Geburtstag des Architekten Adolf Loos Kampf dem kriminellen Ornament

Adolf Loos, war nicht nur Architekt. Der am 10. Dezember 1870 in Brünn geborene Weltbürger äußerte sich in Essays über Kleidung, gute Küche, Manieren und Musik – und sagte mit seinem Manifest "Ornament und Verbrechen" allem überflüssigen Zierrat den Kampf an.

Von Jochen Stöckmann

Schwarzweiß-Fotografie des Architekten Adolf Loos. Um 1929 (picture alliance /IMAGNO)
Blickte skeptisch auf jeden Zierrat: Architekt Adolf Loos um 1929 (picture alliance /IMAGNO)
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Die Moderne bricht an in Wien 1899, als das Café Museum neu möbliert wird: nackte Wände, schlichte Bugholzstühle und Marmortische, Glühleuchten ohne Lampenschirm ersetzen Plüsch und aristokratischen Pomp. Das Kaffeehaus wird zum Ort bürgerlicher Öffentlichkeit. Musiker um Alban Berg, Schriftsteller und Maler wie Robert Musil, Karl Kraus, Gustav Klimt und Egon Schiele sind Stammgäste. Mitten unter ihnen sitzt, als einziger Architekt, Adolf Loos. Er hat die Inneneinrichtung entworfen – und berichtet noch Jahre später über Hohn und Spott seiner Kollegen:

"Die Architekten nannten es das 'Café Nihilismus'. Aber das Café Museum besteht heute noch, während alle die modernen Tischlerarbeiten der Tausend andern schon längst in die Rumpelkammer geworfen wurden."

US-Architektur goes Wien

Nur gedrechseltes Dekor auszuwechseln, reicht Loos nicht. Er kennt die vielfältigen Möglichkeiten des Handwerks von seinem Vater, einem Bildhauer und Steinmetz, bei dem er als Schriftenmaler, Schmied oder Maurer gearbeitet hat. Das anschließende Studium der Architektur bricht Loos 1893 ab, denn in Chicago lockt die Weltausstellung. Drei Jahre zieht der am 10. Dezember 1870 in Brünn geborene Weltenbürger durch die USA. Dann lässt er sich in Wien nieder, um Wohnungen und Geschäfte einzurichten.

Der Metzleinstaler Hof (der erste von Robert Kalesa und Hubert Gessner erbaute Gemeindebau Wiens) am Margartengürtel um 1922. (picture alliance / Imagno)Metzleinstaler Hof in Wien (picture alliance / Imagno) "Das Rote Wien" - Beispielhafte Bodenpolitik
Wien gilt als heiliger Gral der Wohnungspolitik: 200.000 Gemeindebauten und viel geförderter Wohnungsbau scheinen vorbildlich. Eine Ausstellung des Wien Museum zeichnet das Panorama eines Experiments, das nicht nur Wohnungen, sondern eine andere Gesellschaft bauen wollte.


Das quirlige Leben zwischen den neuartigen Hochhäusern hat Loos in den USA beeindruckt, aber diese Faszination verstellt ihm nicht den Blick auf das Wesentliche: Stahlskelettbauweise und rationelle Raumaufteilung. Daraus entsteht in Wien sein sogenannter Raumplan:
 
"Die Projekte mussten von innen nach außen gestaltet werden, Fußboden und Decke waren das Primäre, die Fassade das Sekundäre. Auf diese Weise brachte ich meine Schüler dazu, dreidimensional im Kubus zu denken. Wenige Architekten können das."

Die Baupolizei verfügte die Anbringung von Blumenkästen

Durch Fassaden hindurchsehen, das Innere mit dem geistigen Auge mustern, diese Kunst beherrscht kaum jemand. Deshalb löst der erste realisierte Architekturentwurf von Loos 1910 einen Skandal aus: Mit schmucklos glatter Fassade und hartkantig eingeschnittenen Fenstern gilt das Wohn- und Geschäftshaus am Michaelerplatz als "Beleidigung fürs Auge". Die Baupolizei verfügt die Anbringung von Blumenkästen. Das aber sind genau jene Ornamente, denen Loos mit Blick auf üppig wuchernden Fassadenschmuck, vor allem an der Wiener Ringstraße, eine Absage erteilt hatte:

"Ihre ornamentalen Details, ihre Consolen, Fruchtkränze, Cartouchen und Zahnschnitte sind angenagelter Cementguss. Aufgabe des Künstlers wäre es, für das neue Material eine neue Formensprache zu finden. Alles andere ist Imitation."

Weg mit allem Ornament von Gebrauchsgegenstand!

Der Architekturstreit schlägt hohe Wellen, bis nach Berlin. Dort stellt Adolf Loos in Herwarth Waldens Galerie "Der Sturm" ein Manifest vor, dessen Titel zu seinem Markenzeichen wird - "Ornament und Verbrechen":

"Evolution der Kultur ist gleichbedeutend mit dem Entfernen des Ornamentes aus dem Gebrauchsgegenstande."

Zum Bauhaus wahrte Loos Distanz

Beim Hausbau bedeuten Ornamente für Loos Vergeudung von Arbeitskraft und Material. In diesem Sinne setzt er sich 1918 als Leiter des Wiener Siedlungsamtes für funktional schlichte Arbeiterwohnungen mit Gärten zur Selbstversorgung ein – scheitert jedoch an der Bürokratie. 1923 zieht der streitbare Einzelgänger nach Paris. Für den Dichter und Dada-Begründer Tristan Tzara baut der Architekt ein Wohn- und Atelierhaus, für die Tänzerin Josephine Baker entwirft er eine Villa. Und er richtet exklusive Geschäftsräume des Herrenausstatters Knize an den Champs-Elysées ein:

"Moderne Möbel, Möbel, die so modern sind wie unsere Schuhe und unsere Kleider, wie unsere Lederkoffer und unsere Automobile. Ach, man kann freilich nicht mit seiner Hose protzen und sagen: Die ist aus dem Weimarer Bauhaus."

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Zum Bauhaus oder auch zum Werkbund, gegenüber Institutionen und Bewegungen, hält der Individualist Distanz.Nur einige gute Freunde, darunter der Komponist Arnold Schönberg, unterstützen den am Ende verarmten Adolf Loos, der im August 1933 in einem Sanatorium bei Wien stirbt.

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