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StartseiteKalenderblattEin Arzt gegen den Strom29.05.2021

150. Geburtstag des Mediziners Stefan Jellinek Ein Arzt gegen den Strom

Der Wiener Arzt Stefan Jellinek beschäftigte sich als einer der ersten mit Stromverletzungen. Seine Erkenntnisse über den "Scheintod" und Blitzschlag-Opfer machten ihn berühmt. Sich selbst musste er vor den Nazis nach England retten. Am 29. Mai 1871 wurde der Elektropathologe geboren.

Von Andrea Westhoff

Farbfoto eines verblassten Schildes mit der Aufschrift, "Hochspannung Vorsicht Lebensgefahr" (Zoonar.com/HEIKO KUEVERLING)
"Weil die praktische Verwendung der elektrischen Kraft in die weitesten Volksschichten vordringt" - widmete sich der Wiener Arzt Stefan Jellinek der Aufklärung über mögliche Stromverletzungen (Zoonar.com/HEIKO KUEVERLING)
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Es war ein heftiges Gewitter, das im August 1924 über dem kleinen niederösterreichischen Ort Kaisersteinbruch tobte und zu einem tragischen Unfall führte: Eine junge Frau und ihre kleine Tochter waren vom Blitz getroffen und bereits in der Totenkammer neben der Kirche aufgebahrt worden. Aber ein Wiener Arzt, der gerade Urlaub in der Gegend machte, erinnerte sich an einen Lehrsatz seines Kollegen Jellinek, der als Spezialist für Verletzungen durch Elektrizität galt: "Wiederbelebungsmaßnahmen sind so lange fortzusetzen, als nicht sichere Zeichen des eingetretenen Todes zu konstatieren sind."

Weltweiter Ruhm durch das Wunder vom Kaisersteinbruch

Und da Mutter und Kind noch keine Totenflecken aufwiesen, bat der Arzt die Angehörigen, es versuchen zu dürfen. Nach einer Stunde intensiver Bemühungen, bei denen abwechselnd auf den Rücken gedrückt und die Arme weit zur Seite gezogen wurden, erwachten beide tatsächlich.

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Stefan Jellinek, den dieses Ereignis buchstäblich mit einem Schlag weltweit bekannt machte, wurde am 29. Mai 1871, in Prerau geboren. Er studierte Medizin an der Universität Wien und arbeitete zunächst als Internist am Wiener Krankenhaus, interessierte sich aber schon bald vor allem für die gesundheitlichen Gefahren durch die fortschreitende Elektrifizierung:

"Die Segnungen, die diese rätselhafte Energie der Allgemeinheit spendet und unsere kulturellen Fortschritte auf eine ungeahnte Höhe erhoben hat, verwandeln sich zuweilen für den einzelnen in ihr Gegenteil. … Gerade deshalb, weil die praktische Verwendung der elektrischen Kraft in die weitesten Volksschichten vordringt, ist es notwendig, auch den weniger Gebildeten über das Wichtigste Aufklärung zu geben."

Brenzliger Selbstversuch

Jellinek untersuchte die Unfälle bei Wiener Elektrizitätsarbeitern und Verletzungen im Haushalt durch Elektrogeräte. Er ließ von Wiener Künstlern Grafiken und Zeichnungen anfertigen zu allen möglichen – oder auch sehr skurrilen – Gefahrensituationen und wagte sogar einen Selbstversuch:

"Ich berührte vorsichtig die stromführende Klemme mit einer Fingerspitze. Die Wirkung war eine geradezu furchtbare. Ich wurde im Handgelenk wie von einer Eisenklammer gefaßt und fortgeschleudert; es trat Schwindelgefühl und Ohnmachtsanwandlung auf… und ich konnte starkes Herzklopfen an mir wahrnehmen. In der Hand beobachtete ich stundenlang ein Gefühl von Taubheit. ... Die Geschmacks- und Tastempfindung der Zunge war stumpf."

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Auch mit Blitzschlag-Opfern beschäftigte sich Stefan Jellinek, und als sich dann seine Theorie vom elektrischen Scheintod mit dem Wunder von Kaisersteinbruch bewahrheitete, war er endgültig ein berühmter Mann.

Warnung vor dem Urinieren auf Oberleitungen

Die Universität Wien richtete ihm 1929 sogar einen eigenen Lehrstuhl für "Elektropathologie" ein – den ersten weltweit. Seine Popularität hatte aber auch mit seiner einzigartigen Sammlung zu tun. Fast 2000 Objekte hatte Jellinek zusammengetragen, die man sich bis heute im Elektropathologischen Museum in Wien anschauen kann: beschädigte Geräte aus der Elektro-Wirtschaft, Fotos von Unfallopfern – und vor allem anatomische Präparate, verstümmelte Körperteile, die die dramatische Geschichte von stromverletzten Menschen erzählen, erfährt man bei einer Museumsführung:

"Offensichtlich hat er elektrische Verbrennungen an den Genitalien erlitten, warum kann man nicht so genau sagen, es könnte so gewesen sein, wie auf dieser Schautafel hier, die Jellinek hat anfertigen lassen mit möglichen Unfallszenarien, dass jemand einfach zum Beispiel von der Brücke auf die Oberleitung der Straßenbahn gepinkelt hat."

Die Gestapo beschlagnahmte Jellineks elektropathologische Sammlung 

Stefan Jellineks Forschungen und Aufklärungsbemühungen zum gefährlichen Umgang mit Elektrizität haben Wien Anfang des 20. Jahrhunderts zum Zentrum der Elektropathologie gemacht und sicherlich vielen Menschen das Leben gerettet. Er selbst konnte sein eigenes Leben und das seiner Familie nur durch eine Flucht nach Großbritannien retten. Als ihn die Universität Wien aufgrund seiner jüdischen Herkunft 1938 "in den Ruhestand" versetzt hatte, wie es zynisch hieß, erhielt er einen Ruf an das Queens College der Universität Oxford. So verließ er im August 1939 mit seiner Frau und seinen zwei Söhnen seine Heimatstadt. Seine einzigartige elektropathologische Sammlung wurde von der Gestapo beschlagnahmt.

Nach dem Zweiten Weltkrieg bekam er sie zwar formal zurück, beließ sie aber bei der Stadt Wien, da er selbst bis zu seinem Tod 1968 in Großbritannien blieb.

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