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StartseiteHintergrundDie Zeit für den Kampf gegen Erdüberhitzung verfliegt30.11.2019

25. Welt-Klimakonferenz in Madrid Die Zeit für den Kampf gegen Erdüberhitzung verfliegt

Von den USA, Brasilien oder Russland wird kein Beitrag zur Erreichung der Klimaziele erwartet auf der 25. Weltklimakonferenz. Immerhin zeigt China wachsenden Ehrgeiz, den CO2-Ausstoß zu mindern. Was also technisch noch möglich wäre - den Klimawandel zu bremsen - bleibt politisch fraglich.

Von Georg Ehring

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Die Morgensonne geht hinter einem Kraftwerk mit qualmendem Schornstein auf (dpa / Patrick Pleul)
Das Tempo ist entscheidend: Technisch wäre es noch möglich, durch drastische Einschnitte beim Ausstoß von Treibhausgasen den Klimawandel zu begrenzen, meinen Wissenschaftler des IPCC. (dpa / Patrick Pleul)
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Hochbetrieb am Flughafen Madrid: Mehr als 20.000 Menschen reisen an diesem Wochenende an, ihr Ziel: die COP25, die 25. Welt-Klimakonferenz. Weitaus die meisten Teilnehmer werden mit dem Flugzeug kommen, dabei ist Fliegen die klimaschädlichste Art der Fortbewegung.

Die Hitzewellen der vergangenen Sommer, neue Erkenntnisse über das Tempo der Erderwärmung, und nicht zuletzt die von der schwedischen Schülerin Greta Thunberg ins Leben gerufenen Schulstreiks für das Klima sorgen dafür, dass viele Teilnehmer mit einem schlechten Gewissen ins Flugzeug steigen - oder überhaupt nicht. Luisa Neubauer, Klimaschutz-Aktivistin von "Fridays For Future" in Deutschland, nimmt den Zug, obwohl die Fahrt mehr als einen ganzen Tag in Anspruch nimmt.

"Ich gebe mein Bestes, nicht nach Madrid fliegen zu müssen. Das ist eine logistische Herausforderung. Ich bin kurz davor noch bei der Verleihung des alternativen Nobelpreises in Stockholm. Das wird also sehr sportlich. Aber ich gebe mein Bestes, dass ich mit der Bahn kommen kann."

"Wir werden mit unserem Team nach der Klimademonstration am 29.11. uns in den Zug setzen und da gemeinsam mit hinfahren."

Sagt auch Christoph Bals von der umwelt- und entwicklungspolitischen Organisation Germanwatch.

"Wir haben das seit langem so gemacht, dass wir die erreichbaren Klimagipfel in Europa oder auch bis nach Marrakesch mit dem Zug gemacht haben, und da werden wir natürlich auch nicht dran rütteln."

Greta Thunberg ist in der Politik angekommen

Greta Thunberg kommt per Schiff aus Amerika – ursprünglich sollte der Gipfel in Chile stattfinden, wegen der sozialen Unruhen dort wurde er kurzfristig nach Madrid verlegt.

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Die Aktionen von "Fridays For Future" in vielen Staaten haben das Bild der Klimapolitik geändert. Greta Thunbergs Forderung nach kompromisslosem Klimaschutz hat nicht nur die Herzen der Schülerinnen und Schüler erreicht, sie ist auch in der Politik angekommen.

"You all come to us young people for hope. How dare you? You have stolen my dreams and my childhood with your empty words!"

Politiker applaudieren den Klimaschützern von "Fridays For Future" gern – und an Appellen, endlich ernst zu machen, mangelt es gerade im Vorfeld von Klimakonferenzen nicht.

"Und dabei wissen wir alle in diesem Hause: Der Schutz unseres Klimas ist eine Menschheitsaufgabe. Im vor uns liegenden Jahrzehnt entscheidet sich, ob wir eine Chance haben, die Auswirkungen des weltweiten Klimawandels auf ein erträgliches Maß zu begrenzen - das ist nämlich genau das, was wir mit Zwei-Grad-Ziel meinen -, oder ob wir das nicht schaffen."

Das sagte Kanzlerin Angela Merkel in einer Regierungserklärung zum Klima schon vor zehn Jahren – 2009, kurz vor dem später spektakulär scheiternden Gipfel in Kopenhagen. Was folgte, war ein Jahrzehnt, in dem die Emission von Treibhausgasen weiter anstieg, statt zu sinken.

Die Zeit ist nahezu abgelaufen

Für das Weltklima ist das eine Katastrophe: Die Konzentration von CO2, aber auch von Methan und Lachgas in der Atmosphäre hat Rekordwerte erreicht. Nach Ansicht vieler Forscher ist die Zeit für die Möglichkeiten, den Klimawandel noch auf ein erträgliches Maß zu begrenzen, dadurch nahezu abgelaufen.

Wissenschaftler sehen zudem immer mehr Belege dafür, dass auch ein Temperaturanstieg um zwei Grad dem Planeten großen Schaden zufügen würde – etwa das Absterben fast aller Korallenriffe weltweit. Das Ende 2015 geschlossene Pariser Klimaabkommen enthält deshalb auch eine weitere Verschärfung der Klimaziele: Die Erderwärmung soll auf deutlich unter zwei Grad begrenzt werden, wenn möglich sogar auf weniger als 1,5 Grad.

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Die vergangenen fünf Jahre waren die wärmsten seit Beginn der Aufzeichnungen. Mitteleuropa hat direkt hintereinander zwei Hitzesommer erlebt. Die Entwicklung komme nicht überraschend, sagt Professor Hans-Otto Pörtner, Forscher am Alfred-Wegener-Institut in Bremerhaven und Autor für den Weltklimarat IPCC.

"Wir lassen es mehr an uns ran. Zunächst mal sollte man sagen: Der Klimawandel - was die Temperaturänderungen angeht, was wir momentan beobachten - entspricht den Vorhersagen. Das ist zunächst einmal die Grundaussage, die man machen kann. Wir haben einige Phänomene wie extreme Niederschläge, Hitzeperioden, die Intensität von Stürmen vor allen Dingen in den Tropen, wo wir sagen müssen: Ja, das liegt im Rahmen dessen, was wir aus den Projektionen erwarten würden."

"Ob die Resilienz groß genug ist, wissen wir noch nicht"

Manche Entwicklungen hätten die Wissenschaftler allerdings vielleicht unterschätzt, schränkt Pörtner ein. Etwa das Schmelzen der Eismassen auf Grönland und in der Antarktis, das den Meeresspiegel schneller steigen lasse als früher erwartet.

"Da haben wir schon eine Korrektur der Projektionen nach oben. Im Vergleich zum fünften Sachstandsbericht, wo wir noch mit den Projektionen bis zum Ende des Jahrhunderts unter einem Meter lagen, sehen wir jetzt eben im Sonderbericht Ozeane und Kryosphäre, dass durchaus Werte über einem Meter erreicht werden können."

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Welche Folgen die Erwärmung etwa für die Natur hat, das zeichnet sich erst allmählich ab. Mitteleuropa erlebt in diesem Jahr den Beginn eines neuen Waldsterbens: Hitze und Trockenheit sorgen dafür, dass Bäume verdursten. Waldbauern denken um und pflanzen Mischwälder statt Fichtenplantagen. Doch ob das hilft, sei keinesfalls sicher, sagt Hans Otto Pörtner.

"Wenn wir postulieren, dass wir Nadelwald durch Mischwald, Laubwald ersetzen müssen – das war bisher schon lange in der Diskussion, dass dies sinnvoller ist für die Resilienz. Ob die Resilienz dann groß genug ist, um die auch künftig zu erwartenden Extremereignisse wie extreme Dürren auszuhalten, das wissen wir noch nicht."

Kurzfristiger Wechsel der Klimakonferenz nach Spanien

Düstere Entwicklungen, auf die die 25. Welt-Klimakonferenz Antworten finden soll. Sie tagt nach der Absage Chiles im Messezentrum von Madrid, das in aller Eile hergerichtet wurde.

In Chile protestierten viele Menschen seit Oktober zunächst gegen Preiserhöhungen der U-Bahn, inzwischen ist daraus eine große Protestbewegung gegen soziale Ungleichheit geworden. Am 31. Oktober zog die Regierung von Präsident Sebastian Pinera deshalb die Notbremse und sagte den Gipfel ab. Ein Schlag für die Klimadiplomatie – wenn nicht Spanien nur zwei Tage danach eingesprungen wäre und die Konferenz mit nur vier Wochen Vorbereitungszeit in die eigene Hauptstadt Madrid verlegt hätte. Die politische Leitung der Konferenz übernimmt Chiles Umweltministerin Carolina Schmidt trotz der Absage.

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Die Konferenz hat vor allem drei Aufgaben: Es geht einmal darum, zu höheren Selbstverpflichtungen der einzelnen Staaten für mehr Klimaschutz zu kommen. Je länger die Weltgemeinschaft wartet, desto größer werden die nötigen Einschnitte, sagt Inger Andersen, die Chefin des UN-Umweltprogramms:

"Wenn wir im Jahr 2010 gehandelt hätten, dann hätten wir unsere Emissionen jedes Jahr nur um 3,3 Prozent senken müssen. Weil wir so lange gewartet haben, geht es nun um eine Verringerung um 7,6 Prozent im Jahr. Ist das möglich? Absolut. Ist dafür politischer Wille erforderlich? Ja."

"Wir müssen wir innerhalb von zehn Jahren um 55 Prozent reduzieren"

Zweites Thema wird die Suche nach einer Einigung beim internationalen Handel mit Klima-Zertifikaten. Länder, die im eigenen Land nicht genug CO2 einsparen, sollen die Möglichkeit erhalten, dies durch Unterstützung von Projekten in anderen Ländern auszugleichen. Und es geht um Kompensationszahlungen an besonders arme Länder, die durch die Erwärmung geschädigt werden.

Doch das Streben nach mehr Tempo im Klimaschutz dürfte in Madrid im Mittelpunkt stehen. Das Pariser Abkommen von 2015 hat das Erreichen der Klimaziele vielleicht ermöglicht, aber nicht gesichert. Die Vertragsstaaten haben zwar beschlossen, welches Ergebnis der Kampf gegen die Erderwärmung haben soll: Bis zum Ende des Jahrhunderts soll der Temperaturanstieg auf deutlich unter zwei Grad begrenzt werden, wenn möglich unter 1,5 Grad. Doch wie viel die einzelnen Staaten dazu beitragen, das ist ihnen selbst überlassen. Und so klafft nach wie vor eine große Lücke zwischen Anspruch und Wirklichkeit.

Das Bild zeigt einen Mann, der den überfluteten Markusplatz in Venedig überquert. (www.imago-images.de) (www.imago-images.de)UN-Bericht zum Klimawandel - Drastische Senkung der CO2-Emissionen gefordert
Der Klimawandel ist nicht mehr aufzuhalten - das geht aus einer Studie des UN-Umweltprogramms UNEP hervor. Ohne drastische Maßnahmen könnten die Temperaturen bis Ende des Jahrhunderts um bis zu vier Grad steigen.

Wie groß die Lücke auch vier Jahre nach dem Abschluss des Pariser Abkommens noch ist, das hat ein Bericht des UN-Umweltprogramms UNEP kurz vor der Konferenz an den Tag gebracht. UNEP-Direktor John Christensen:

"Für eine Begrenzung des Temperaturanstiegs auf zwei Grad haben wir eine Lücke von zwölf bis 15 Milliarden Tonnen. Und wenn wir auf das wünschenswerte Ziel von eineinhalb Grad schauen, dann wächst die Lücke auf 30 Milliarden Tonnen. Und 30 Milliarden Tonnen – das ist mehr als die Hälfte dessen, was wir derzeit ausstoßen, und deshalb müssen wir innerhalb von zehn Jahren um 55 Prozent reduzieren."

Für 1,5-Grad ist eine sehr schnelle, tiefgreifende Wende zwingend

Ohne eine drastische Wende sei die Welt auf Kurs zu einer Erwärmung um dreieinhalb bis vier Grad. Selbst wenn alle Mitgliedsstaaten ihre derzeit gesetzten Ziele schaffen, würde dies den Temperaturanstieg nur auf 3,2 Grad verringern.

Für eine Begrenzung der Erwärmung auf das ehrgeizige Ziel von höchstens 1,5 Grad wäre also eine sehr schnelle und tief greifende Wende erforderlich.

Doch anstatt sich von fossilen Energieträgern zu verabschieden, setzen viele Staaten auf einen weiteren Ausbau der Gewinnung von Kohle, Öl und Gas. Weltweit übersteige die geplante Förderung fossiler Energieträger eine mit dem 1,5 Grad-Ziel vereinbare Menge um 120 Prozent, sagt Cleo Verkujl vom Stockholm Environment Institute.

"Es wird immer klarer, dass die fortgesetzten Investitionen in fossile Energiequellen das Erreichen der Klimaziele untergraben. Außerdem gibt es einen großen Unterschied zwischen dem, was die Länder im Klimaschutz versprechen auf der einen Seite und dem, was sie tun, wenn es um die Produktion fossiler Energien geht. Viele wollen noch mehr davon herausholen. Wir wollen stärker auf die Produktion von fossilen Brennstoffen aufmerksam machen, denn die Investitionen in dem Bereich sorgen dafür, dass Entwicklungswege und Abhängigkeiten festgeschrieben werden, die den Ländern den Abschied von fossilen Energien erschweren."

Ein Schaufelradbagger steht im Braunkohletagebau Welzow-Süd der Lausitz Energie Bergbau AG (LEAG). Dahinter steigt Wasserdampf aus den Kühltürmen des Braunkohlekraftwerkes Schwarze Pumpe (picture alliance/Patrick Pleul/dpa-Zentralbild/ZB) (picture alliance/Patrick Pleul/dpa-Zentralbild/ZB)Klimaforscher Mojib Latif: - "Eigentlich dürften es nicht mehr als 1,5 Grad sein"
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Besonders groß ist das Missverhältnis bei der Kohle, aber weitem die Mengen, die klimaverträglich gewonnen werden könnten.

"Das gerade die größte Chance für die Weltgemeinschaft"

Formelle Entscheidungen über höhere Klimaziele stehen in Madrid nicht auf der Tagesordnung. Sie sollen im nächsten Jahr bei einem weiteren Gipfel im schottischen Glasgow fallen. So lange könne die Welt nicht warten, sagt Luisa Neubauer von "Fridays For Future":

"Die COP 2019 steht in der Verantwortung, den Boden zu bereiten dafür, dass 2020 das Jahr sein wird, in dem wir die Kurve nach unten drücken, in dem wir beweisen, dass wir der Klimakrise tatsächlich etwas entgegen stellen können, dass wir der Klimakrise gerecht werden können, dass wir diese Verantwortung nicht scheuen, dass wir diese Herausforderung nicht scheuen, sondern verstehen, dass das gerade die größte Chance ist für die Weltgemeinschaft."

Die Europäische Union hatte gemeinsam mit besonders von der Erderwärmung betroffenen Inselstaaten und Entwicklungsländern dafür gesorgt, dass das Ziel einer Begrenzung der Erwärmung auf weniger als 1,5 Grad Teil des Pariser Abkommens wurde. Die neue EU-Kommission mit Ursula von der Leyen an der Spitze hat den Klimaschutz zu einem der wichtigsten Themen der nächsten Jahre erklärt. Dafür verdiene sie Unterstützung, meint Bundesumweltministerin Svenja Schulze:

"Ich hab mich sehr gefreut, dass Ursula von der Leyen als neue EU-Kommissionspräsidentin vorgeschlagen hat, das europäische Klimaziel zu erhöhen von 40 Prozent Minderung bis 2030 gegenüber 1990 auf 50 Prozent, vielleicht sogar auf 55 Prozent. Ich bin der Überzeugung: Deutschland sollte die neue Kommissionspräsidentin bei diesem wichtigen klimapolitischen Vorhaben unterstützen. Dafür werbe ich innerhalb der Bundesregierung, dafür setzen wir uns gemeinsam ein."

Ob die Bundesregierung sich dieser Haltung anschließen wird, ist allerdings offen, die jüngsten Äußerungen aus der Union weisen eher auf das Gegenteil hin.

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Großes Engagement zur Senkung des CO2-Ausstoßes gefragt

Europa ist mit etwa zehn Prozent am weltweiten CO2-Ausstoß beteiligt, allein auf Deutschland entfallen gut zwei Prozent - bei einem Anteil von einem Prozent an der Weltbevölkerung. Auf das Engagement der Europäer und anderer großer Emittenten kommt es also an, wenn beim Klima noch die Wende geschafft werden soll. Gerade in der Zusammenarbeit mit China, das weltweit bei erneuerbaren Energien eine Führungsrolle einnimmt, ergäben sich derzeit neue Möglichkeiten, sagt Christoph Bals von Germanwatch.

"Es hat sich jetzt die chinesische Regierung in dem Gespräch mit dem französischen Präsidenten Macron vor wenigen Tagen darauf eingelassen zu sagen, dass sie ihr Klimaziel für 2030 auch bis 2020 jetzt überprüfen wollen, um das zu erhöhen - und das möglicherweise gemeinsam mit der EU ankündigen wollen im nächsten Herbst."

Indien wiederum baut seine Energieversorgung mit aller Kraft aus – vor allem mit Wind- und Sonnenenergie, allerdings auch mit Kohle. Doch auch hier gibt es eine positive Entwicklung, sagt Professor Reimund Schwarze, Ökonom am Helmholtz-Zentrum für Umweltforschung in Leipzig.

"Da hab ich jetzt die Signale, dass man den Kohleausbau gedrosselt hat. Das war ja die große Sorge, dass die Inder ähnlich wie die Chinesen erst noch durch eine riesige Kohleverseuchungsphase durchlaufen müssen mit starker Luftverschmutzung."

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Pro Kopf der Bevölkerung ist der CO2-Ausstoß in Indien weiter relativ niedrig. Für das Klima wäre es von großer Bedeutung, dass das so bleibt.

Hoffnung auf eine Einigung in Madrid

Der weltweit zweitgrößte Emittent von Treibhausgasen, die USA, hat kurz vor der Madrider Klimakonferenz formell seinen Austritt aus dem Pariser Abkommen erklärt. Ein herber Rückschlag, der auch nicht dadurch ausgeglichen werden kann, dass eine Reihe von US-Bundesstaaten, darunter Kalifornien, das Abkommen weiter einhalten wollen. Aber vermutlich ist es ein vorübergehender Rückschlag, erwartet Reimund Schwarze:

"Ich bin auch guter Hoffnung, dass das irgendwann zu einem Wechsel in den USA kommt, der die Chance eröffnet, auch die USA wieder an Bord zu bekommen."

Für Staaten, die im eigenen Land ihre Klima-Ziele nicht schaffen, ließ das Pariser Abkommen von 2015 einen Ausweg: Sie sollten die Möglichkeit bekommen, dies durch Klimaprojekte in anderen Ländern zu realisieren. Doch die Einzelheiten dazu, die eigentlich im vergangenen Jahr in Kattowitz verabschiedet werden sollten, sind weiterhin offen. Denn Brasilien bestand darauf, dass sich beide an solchen Projekten beteiligten Länder – also die Überzieher wie diejenigen, bei denen die Kompensation stattfindet - die CO2-Einsparungserfolge anrechnen lassen können.

"Das würde dem Klima nicht helfen, sondern nur auf dem Papier den Klimaschutz voranbringen. Solche Riesen-Schlupflöcher müssen dabei verhindert werden."

Meint dazu Christoph Bals von Germanwatch. In Madrid kommt dieser strittige Punkt der Doppelzählung erneut auf die Tagesordnung, und Bundesumweltministerin Svenja Schulze hofft hier auf ein Ergebnis.

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"Mit einer Einigung in Madrid wäre der Weg frei für internationale Kohlenstoffmärkte und für Projekte dort, wo es ganz besonders viel bringt."

Konsenssuche mit den USA, Brasilien, Australien, Russland

Die Aussicht auf einen schneller steigenden Meeresspiegel sorgt dafür, dass ein weiteres Thema in Madrid stärker im Fokus stehen dürfte: Ersatz für klimawandel-bedingte Schäden in Entwicklungsländern. Vor allem vom Untergang bedrohte Inselstaaten im Pazifik fordern Geld von den Verursachern der Erwärmung. Professor Reimund Schwarze erwartet hier Fortschritte.

"Ich sehe da jetzt doch eher ein sehr speziell auf die Inselstaaten zugeschnittenes Programm schon am Horizont. Das haben jetzt auch alle erklärt, dass sie als Geberländer verstärkt dieses berücksichtigen - die EU ganz vorn weg."

Am Ende einer Klimakonferenz muss ein Gesamtpaket verabschiedet werden – einmütig, denn Abstimmungen sind bei den Vereinten Nationen nicht vorgesehen. Ob dies angesichts der großen Interessengegensätze gelingt, ist offen. Christoph Bals von Germanwatch:

"Wir sehen ja, dass es eine Reihe von Regierungen gibt, bei denen die fossile Lobby, die Lobby von Kohle, Öl und Gas, massiv die Regierungsgeschäfte beeinflusst. Wir sehen da die USA in allererster Linie, wir sehen Brasilien mit der Regierung Bolsonaro, wir sehen zum Beispiel Australien, wir sehen auch Russland. Mit all diesen Ländern muss es einen Konsens dazu geben, wenn solche Beschlüsse vorangebracht werden sollen."

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Bis 2030 "ist die Chance auf 1,5 Grad vorbei"

Doch der Druck ist auch auf der anderen Seite gewachsen – viele Teilnehmer drängen auf Lösungen.

"Wir sehen auf der anderen Seite, dass der Druck einerseits der Wissenschaft, andererseits von 'Fridays For Future' und den Menschen auf der Straße, drittens vom Finanzmarkt, und viertens auch aus den Kreisen der Sicherheitspolitik massiv zunimmt, endlich ernst zu machen mit der schnellen Umsetzung der Klimaziele."

Technisch wäre es noch möglich, durch drastische Einschnitte beim Ausstoß von Treibhausgasen den Klimawandel zu begrenzen, das meint jedenfalls der IPCC, das wissenschaftliche Gremium der UN zur Erforschung der Erderwärmung. Ob es auch politisch geht, ist längst fraglich. Für UNEP-Direktor John Christensen wäre die Alternative ein Desaster:

"… und das ist wirklich eine Welt, in der man nicht leben möchte. Und als Großvater füge ich hinzu: So etwas möchte man auch den Enkeln nicht hinterlassen. Da müsste man sich ja schämen, wenn man weiß, welche Schwierigkeiten das mit sich bringt. Und auch, wenn man das CO2-Budget betrachtet: Wenn wir uns bis 2030 nicht weiter bewegt haben, dann ist die Chance auf 1,5 Grad vorbei."

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