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StartseiteDeutschland heute"Sie träumten vom Paradies und wachten in NRW auf"05.11.2019

30 Jahre Mauerfall"Sie träumten vom Paradies und wachten in NRW auf"

In unserer Serie denkt unser Landeskorrespondent für Nordrhein-Westfalen darüber nach, wie weit der Westen Deutschlands vom Osten entfernt ist - mental und kulturell. In Bochum traf er Ruhrpott-Bewohner, die mehr erfahren wollen über die DDR und den östlichen Teil der Bundesrepublik.

Von Moritz Küpper

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Blick von der Universität Bochum auf die Innenstadt mit Exzenterturm, Gerichtsgebäude und Europahaus (imago/Hans Blossey)
Wer interessiert sich in Bochum für die Ex-DDR? (imago/Hans Blossey)
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Wer im Westen den Osten sucht, der landet in Bochum.

Hier - tief im Westen - wie Herbert Grönemeyer einst sang, in einer Nebenpassage der Fußgängerzone, liegt der "Blue Square", ein Veranstaltungsraum der Ruhr-Universität. "Wie war 1989 möglich?" heißt der Titel der Auftaktveranstaltung zur Reihe "Demokratie-Diskurse" in diesem Wintersemester. Die DDR-Bürgerrechtlerin Ulrike Poppe ist ins Ruhrgebiet gekommen, um über ihre Zeit in der friedlichen Revolution zu sprechen – und Interesse zu wecken:

"Das ist im Ruhrgebiet immer relativ schwierig, weil man natürlich hier eigene Probleme hat und manchmal auch die Problemzentrierung in Ostdeutschland ein bisschen, ja, schwierig sieht, aber da sind wir ganz unverdrossen. Also, ich bin da ganz optimistisch, dass es Leute gibt, die sich dafür interessieren."

Sagt Organisator Frank Hoffmann. Hoffmann beschäftigt sich schon lange mit dem Thema. "Fluchtpunkt NRW. Zeitzeugenberichte zur DDR-Geschichte", heißt beispielsweise eines seiner Bücher. Jahrelang hat er Zeitzeugengespräche in Schulklassen organisiert, nun diesen Abend – auch wenn er eben weiß:

"Es steht nicht im Mittelpunkt des allgemeinen Bewusstseins der Leute. Das ist gar keine Frage. Also, Bochum ist ja nun auch durch den Strukturwandel wiederholt massiv betroffen gewesen. Auf der anderen Seite gibt es immer eine große Aufgeschlossenheit angesichts der Verwerfungen, die natürlich die Ostdeutschen seit 1990 eindeutig erleben mussten. Das kann man hier mittragen, da fühlt man sich als Schicksalsgenosse. Nur, wenn jetzt die Ostdeutschen sagen, wir sind Bürger zweiter Klasse, dann würden manche Leute hier im Ruhrgebiet, vielleicht nicht gerade in Bochum, aber in der nördlichen Emscher-Region sagen, dann sind wir Bürger dritter oder vierter Klasse."

Neidgefühle im Westen

Nach dem Aufbau Ost müsse nun die Sanierung West folgen, heißt es dann oft – und zeigt das Konkurrenz-Empfinden. Davon ist an diesem Abend allerdings nichts zu spüren. Gut 60 Menschen sind gekommen, sie sitzen auf weißen Stühlen, lauschen knapp zwei Stunden gebannt, was die Bürgerrechtlerin Poppe berichtet:

"Es gab Verhaftungen und das habe ich als Achtjährige schon durchaus mitbekommen."

Sie erzählt von Flucht, davon, wie man mit Stasi-Spitzeln umging, um Lesungen in den eigenen Wohnungen, Geldstrafen, die vom Gehalt einbehalten wurden, Westfernsehen und den letzten Jahren und Monaten vor der Revolution…

"Also, irgendwie hatte jeder das Gefühl, ich bleibe hier übrig und mache mit Honecker zusammen das Licht aus."

(Deutschlandradio (Moritz Küpper))Demokratie-Diskurse an der Ruhr-Universität - mit DDR-Bürgerrechtlerin Ulrike Poppe (Deutschlandradio (Moritz Küpper))

Gebanntes Zuhören in Bochum, bei der anschließenden Fragerunde gibt es aber nicht nur die Vergangenheit:

"Es wird ja immer wieder deutlich, wie auch nach 30 Jahren, wie groß der Grad der Unzufriedenheit in der DDR, in der ehemaligen DDR-Bevölkerung ist. Was sind ihrer Meinung nach die wichtigsten Aspekte, an die man ran müsste, um da was in Bewegung zu setzen?"

Ost und West sind sich fremd

Die Fragen werden gesammelt – und doch macht diese Wortmeldung eines deutlich: Es gibt Sorgen ums Zusammenleben, man ist sich fremd. In Ost und West. Dazu passt ein prägnanter, eindrücklicher Satz des ehemaligen Bundespräsidenten Joachim Gauck, den er – vor nunmehr zwanzig Jahren – zum 10. Jahrestag des Mauerfalls als Bundesbeauftragter für die Stasi-Unterlagen im Deutschen Bundestag gesagt hatte: "Sie hatten vom Paradies geträumt", hatte Gauck damals gesagt, "und wachten in Nordrhein-Westfalen auf."

"Mit dem Satz kann ich viel anfangen, gerade heute."

Andreas Herzog nickt. Der 61-Jährige, einst selbst aus der ehemaligen DDR geflohen, lebt heute in Düsseldorf und besucht im Zuge des Bochumer Zeitzeugen-Projektes regelmäßig Schulen. Auch er – der an diesem Abend ebenfalls nach Bochum gekommen ist – kann davon berichten, dass der Osten im Westen eher nicht interessiert.

Schülerinnen und Schüler wissen wenig

"Ich frag dann auch häufig in der Klasse schon mal, ob der Beziehungen zur ehemaligen DDR da waren, in der Verwandtschaft, Tanten, Onkel und so weiter und da geht ganz, ganz selten mal eine Hand hoch."

Ähnliches kann auch Siegrid Richter berichten. Die 67-Jährige floh aus Sachsen in die Bundesrepublik, lebt seit sieben Jahren in Bochum, geht auch in Schulen:

"Ich war das letzte Mal in Olpe und da hat man uns gesagt: Gehen Sie einfach mal von null aus."

Desinteresse im Westen, Ernüchterung im Osten, so wie es Gauck einst formulierte. Andreas Herzog macht sich keine Illusionen:

Es ist nicht alles Gold, was glänzt

"Wobei ich jetzt NRW eigentlich sogar ersetzen würde mit Bundesrepublik. Also, sie wollten das Paradies und sind in der Bundesrepublik aufgewacht und das ist heute, gerade in Ostdeutschland, ich bin mindestens ein-zweimal im Jahr zuhause bei meiner Familie, ganz im Osten, an der polnisch-tschechischen Grenze, wo die AfD also locker 40 Prozent holt, kommunal. Und da merkt man doch die Enttäuschung, dass das Paradies nicht gefunden worden ist."

Jahrelang sei dies unter der Decke gehalten worden, so Herzog, nun platze es raus:

"Also, nach dem Motto: Wir sind gedemütigt worden, unsere Biografie ist nicht akzeptiert worden, unsere Lebensleistung und so weiter. Aber es kam halt irgendwie nicht raus, es kam nicht hoch. Aber so nach und nach, mit der Entwicklung und dieser Asylproblematik, denke ich mir, dass ist dann leider so gekommen: Zuerst Pegida auf die Straße und dann hat die AfD die Pegida ins Parlament geholt. Und das nutzen die Ostdeutschen, die haben jetzt eben dadurch ihre Mehrheiten, sie fühlen sich vertreten."

Eine Analyse, der sich auch Bürgerrechtlerin Poppe anschließen kann. Auch sie kann von geringem Interesse füreinander berichten. Bei einer Veranstaltung in Saarbrücken, erzählt sie, blieb sie sogar einmal alleine, keiner kam. Andersrum steht NRW, das weiß auch Poppe, als Synonym oft für den Westen, für – auch sie kennt das Zitat von Gauck – das einstige Paradies. Sie steht vor "Blue Lounge", raucht eine Zigarette:

"Ja, das ist eine Chiffre für die Enttäuschung, die es auch gab, weil viele sich den Westen anders vorgestellt hatten. Denn: Die meisten kannten den Westen ja nicht und hatten Illusionen und dann kamen sie in der Realität an und die war nicht für alle gut."

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