Donnerstag, 18. August 2022

1982 in der DDR
Erste "Friedenswerkstatt" an der Berliner Erlöserkirche

Am 27. Juni 1982 versammelten sich tausende meist junge Oppositionsnahe an der Erlöserkirche in Ost-Berlin zu einer ersten „Friedenswerkstatt". Diese Foren fanden ab dann jährlich statt - die DDR-Führung drängte die Evangelische Kirche vergeblich, sie zu unterlassen.

Von Doris Liebermann | 27.06.2022

Mehrere Ost-Berliner evangelische Kirchengemeinden haben am 3. Juli 1983 auf dem Gelände der Erlöserkirche im Ost-Berliner Stadtteil Rummelsburg eine "Friedenswerkstatt" veranstaltet.
Eine "Friedenswerkstatt " im Juli 1983 vor der Erlöserkirche in Ost-Berlin (picture-alliance / dpa)
„Da war das dann schon mit ‚Schwerter zu Pflugscharen‘, mit den Aufnähern die Probleme. In Thüringen hat dich die Polizei, wenn du den Aufnäher hattest, von der Straße weggefangen. Entweder haben sie die Jacke ganz behalten, oder du musstest das Ding abtrennen, den Aufnäher ‚Schwerter zu Pflugscharen‘, alle Varianten gab's.“ so, wie es der Jenaer Peter Rösch erlebte kam es Anfang der 1980er Jahre in der DDR immer wieder zu Festnahmen, Verhören und Verhaftungen von Mitgliedern der sich formierenden Friedensbewegung. Ihr Symbol war der Aufnäher „Schwerter zu Pflugscharen“. Dieses Zitat des biblischen Propheten Micha war mit dem Abbild einer Plastik illustriert, die die Sowjetunion der UNO geschenkt hatte.

Sorge vor atomarer Aufrüstung

In dieser Zeit gab es bei der DDR-Bevölkerung große Sorge wegen der atomaren Aufrüstung in Ost und West. Die DDR bezeichnete sich als "Friedensstaat", aber das Leben war stark militarisiert. 1978 wurde „Wehrkunde“ ein Pflichtfach in den Schulen, und nach dem neuen Wehrdienstgesetz von 1982 sollten auch Frauen im Falle der Mobilmachung und Verteidigung zum Waffendienst eingezogen werden können. Wehrdienstverweigerer wurden mit Gefängnis bestraft, einen zivilen Ersatzdienst gab es nicht. Männer konnten aber ohne Waffe und Eid bei den Baueinheiten der Nationalen Volksarmee, den sogenannten Bausoldaten, dienen. Für Frauen waren keine alternativen Dienste vorgesehen, so Martin Michael Passauer:

"Wir haben alle überlegt, was wäre dann jetzt etwas, was ein Zeichen setzt, was nicht sofort auf Auseinandersetzung steuert, auch nicht auf Konfrontation, sondern auf Dialog und Kommunikation, das war ja immer unser großes Thema, und da entstand die Idee der Friedenswerkstatt.“

Die „Frauen für den Frieden“ um Bärbel Bohley

Passauer, langjähriger Generalsuperintendent der Evangelischen Kirche Berlin, war 1982 als Stadtjugendpfarrer verantwortlich für die Friedenswerkstatt. Als Ort wurde die Erlöserkirche in Berlin-Lichtenberg gewählt, die ein großes freies Gelände besaß und die schon durch ihre „Bluesmessen“ bei unangepassten jungen Leuten bekannt war.
Am 27. Juni 1982 kamen an die 3.000 meist junge Menschen zur Erlöserkirche. Friedens-, Menschenrechts- und Umweltinitiativen versammelten sich bei Musik, Lesungen, Gesprächen und Diskussionen und stellten sich an improvisierten Ständen vor. Auch die „Frauen für den Frieden“ waren dabei. Diese Gruppe war von der Malerin Bärbel Bohley initiiert worden. Sie hatte Frauen um sich gesammelt, die gegen das neue Wehrdienstgesetz protestierten. Mit dabei Hannelore Offner:

„Also für uns als ‚Frauen für den Frieden‘ war es wirklich der Auftakt, dass wir uns nach außen zum ersten Mal präsentierten und daraufhin auch sehr viel Reaktionen von den besuchenden Frauen dort hatten, die bei uns mitmachen wollten. Was unsere weitere Arbeit dann bestärkt und auch noch viel mehr an die Öffentlichkeit getragen hat.“
Es gab so viele Anfragen, dass die Frauen bald danach einen eigenen Gemeindetag organisierten, zu dem 500 Interessierte kamen. Eine andere Initiative, die „Friedensbibliothek“, zeigte eine viel beachtete Ausstellung, schockierende Fotos von schwer verletzten Soldaten aus dem Ersten Weltkrieg. Wichtig war auch eine Art „Speakers‘ Corner“: nur im Schutz der Kirche war freie Rede möglich war, erzählt Martin Michael Passauer:

„Da kam nochmal die ganze Verzweiflung auf über die Verfolgung des Symbols ‚Schwerter zu Pflugscharen‘ und die Drangsalierungen und Polizeieinsätze und was alles gewesen ist, das wurde mal öffentlich laut ausgesprochen.“
Dieser Juni-Tag machte Mut, stärkte das Gemeinschaftsgefühl und vernetzte die Initiativen untereinander, sagt Martin Michael Passauer: „Dieses Ereignis war der Beginn eines unabhängigen kirchlichen Friedenszeugnisses, was in die Öffentlichkeit wollte. Das ist für mich, so geschichtlich, das Ereignis überhaupt.“
Friedenswerkstätten fanden bis 1988 jährlich statt. Durch sie formierte sich eine Gegenöffentlichkeit, die bis zur Friedlichen Revolution 1989 reichte. An ihr waren auch viele Akteure der Friedenswerkstätten beteiligt.