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StartseiteKalenderblatt"Alles, wonach ich suchte, war persönliche Freiheit"04.10.2020

50. Todestag von Janis Joplin"Alles, wonach ich suchte, war persönliche Freiheit"

Ihre Liveauftritte stellten alles in den Schatten, was Sängerinnen bis dahin dargeboten hatten. Janis Joplins Stimme drang wie ein Nebelhorn durch die energiegeladene Musik ihrer Bands. Ihr exzessives Schaffen und Leben spiegelte zugleich die gesamte Hippie-Ära. Joplin starb mit nur 27 Jahren.

Von Karl Lippegaus

Die us-amerikanische Sängerin Janis Joplin (imago/Mary Evans/AF Archive)
Janis Joplin: "Wenn ich nicht so singen könnte, hätte ich mich schon umgebracht." (imago/Mary Evans/AF Archive)
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"Ich weiß nicht, woher es kommt. Mir scheint es so natürlich, das Singen. Anderen ist es nicht feminin genug, sich so in die Musik reinzuknien. Ihr auf den Grund zu gehen. Statt an der Oberfläche herumzuschwimmen, wie die meisten Sängerinnen das tun, die an der Melodie kleben bleiben und nicht in das Feeling der Musik reinkommen."

Am 19. Januar 1943 wurde Janis Joplin in Port Arthur, Texas geboren. - "Sie war ein aufgewecktes, frühreifes Kind mit einem gewinnenden Lächeln. Sie hatte ein rundliches Gesicht, kleine funkelnde blaue Augen, und eine breite Stirn", schrieb ihre Schwester Laura in ihrer Biografie. Ihre Mutter kaufte Janis ein Klavier, beide sangen viel.

Widerwillen gegen eine repressive Gesellschaft

Ihre Heimatstadt war für sie eine kulturelle Wüste, sie wollte nur weg. Andererseits mochte sie die Leute dort, und die Leute mochten Janis. Sie besaß Charakter, wirkte unabhängig, gepaart mit einem Widerwillen, einer repressiven Gesellschaft Gehorsam zu leisten. "On the road", das Kultbuch von Jack Kerouac und die Filme mit James Dean prägten sie, das wachsende Gefühl, von der älteren Generation nicht verstanden zu werden. Als Studentin der Soziologie träumte Janis Joplin von Widerstand, las Gedichte von Ginsberg und Ferlinghetti, begeisterte sich für Folkmusik und besonders für Bessie Smith, die Queen des Blues.

Die amerikanische Sängerin Janis Joplin, USA Mitte 1960er Jahre (imago/Roba/Roba-Archiv )"On the road", das Kultbuch von Jack Kerouac und die Filme mit James Dean prägten Janis Joplin (imago/Roba/Roba-Archiv )

"Ihre Bluesplatten erlaubten Janis, aus den stereotypen Grenzen ihrer weißen Welt auszubrechen, sich zwischen den Welten zu bewegen, um sich mit der Poesie in der schwarzen Kultur vertraut zu machen." Janis Joplin erfand ihre Art zu singen. Sie trat mit ihren Bands in lokalen Music-Halls auf. Trinken wurde dabei zur Gewohnheit, worauf sie irgendwann auf der Bühne aus der Rolle fiel. "Alles, wonach ich suchte, war persönliche Freiheit und Leute, die das auch so empfanden."

"Ich wünschte, ich wäre schwarz."

Ihre Stimme schneidet durch die lauten, verzerrten Klänge der E-Gitarre. "Big Brother & the Holding Company" heißt ihre Band, eine verschworene Gemeinschaft. Janis singt sich wie vor ihr Billie Holiday den Frust von der Seele. Laura Joplin schreibt: "Reines Handeln leitete Janis' Verhalten. Wenn sie gut sein wollte, war sie sehr gut. Wollte sie schlecht sein, zog sie alle Register. Alles, was nicht volle Hingabe an eine Idee war, empfand sie als ‚heuchlerisch‘."

Janis Joplin mit der Band Big Brother and the Holding Company 1968 (imago/Courtesy Everett Collection)Janis Joplin mit der Band Big Brother & The Holding Company 1968 (imago/Courtesy Everett Collection)

Um einige Illusionen ärmer, was die Weltverbesserung betrifft, will Janis ihr Studium abbrechen und in das freiere Leben an die Westküste: "Ich wünschte, ich wäre schwarz. Schwarze haben mehr Gefühl." Durch ein Repertoire aus Country, Bluegrass und Blues singt sich Janis Joplin. Per Autostopp kommt sie nach San Francisco, erforscht ihre Bisexualität, gibt sich sarkastisch und witzig.

Eine Kerze, die von beiden Seiten brennt

Sie nannte sich selbst mal eine Kerze, die von beiden Seiten brannte. Sie trinkt immer exzessiver. Verliert an Gewicht. Unter der Oberfläche brodelt nervöse Energie: "Mit Big Brother konnte ich zum ersten Mal meine Gefühle für mich arbeiten lassen. Ich gebe alles in diesen Songs. Wenn ich nicht so singen könnte, hätte ich mich schon umgebracht."

Die amerikanische Sängerin Janis Joplin bei einem Auftritt Ende der 1960er Jahre (imago/Roba/Roba-Archiv )Mit 25 Jahren war Janis Joplin ein Superstar (imago/Roba/Roba-Archiv )

Der Stadtteil Haight-Ashbury in San Francisco zieht in den 1960er Jahren viele Künstler an. 1966 leben dort 15.000 Hippies. Selbsterforschung, freier Sex, Anti-Establishment und viel Musik als Ekstase. Eine neue Droge, LSD, schickt Amerikas Jugend auf den Trip. Die emotional aufgeladene Stimme von Janis ist unüberhörbar: "Vielleicht werde ich nicht so lange leben wie andere Sängerinnen. Aber man kann sein Jetzt zerstören, indem man sich zu viel um morgen sorgt."

Tod mit 27 Jahren

Je bekannter sie wird, umso mehr kontrolliert der Ruhm ihr Leben. Janis Joplin wird ständig observiert von der Presse und ist erst 25 Jahre alt, aber schon ein Superstar. Dass ihr letztes Album "Pearl" ihr bestes und erfolgreichstes wurde, hat Janis Joplin nicht mehr erlebt. Die größte weiße Soul-Rocksängerin starb am 4. Oktober 1970 an einer Überdosis Heroin. Eine charismatische Performerin, die nur 27 Jahre alt wurde.

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