75 Jahre Rowohlt Rotations RomaneAls Ernst Rowohlt den Buchdruck umdrehte

Gute Literatur für alle, schnell und billig hergestellt. Mit dieser Idee läutete der Verleger Ernst Rowohlt die Ära des Taschenbuchs ein: Am 15. Dezember 1946 erschien erstmals ein "Ro-Ro-Roman", gedruckt im Rotationsverfahren - auf Zeitungspapier.

Von Andrea Westhoff | 15.12.2021

Foyer des Rowohlt Verlag in Hamburg mit Portät des Firmengründers Ernst Rowohlt
Foyer des Rowohlt-Verlag in Hamburg mit einem Porträt des Firmengründers Ernst Rowohlt (imago/epd)
November 1945: Der Krieg ist gerade ein paar Monate vorüber, die Städte liegen in Trümmern, aber die Menschen sehnen sich nach Kultur, nach Kino, Theater, Musik und vor allem nach Büchern. Davon jedenfalls ist der Verleger Ernst Rowohlt überzeugt und will seinen im "Dritten Reich" zerschlagenen Verlag schnell wiederaufbauen, zusammen mit seinem Sohn Heinrich Maria Ledig-Rowohlt. Das gelingt mit amerikanischer und britischer Lizenz in Stuttgart und 1946 in Hamburg.
Allerdings gibt es kaum Möglichkeiten, Bücher herzustellen: Die meisten Druckereien sind zerstört, es fehlt Papier, Karton für den Umschlag, sogar der Binderleim. Da hatte Ernst Rowohlt, "eine glorreiche Idee, nämlich Zeitungsromane herauszubringen", erzählt Uwe Naumann, der ehemalige Rowohlt-Programmleiter:
"In drei Tagen wird ein Roman von 400 Seiten auf der Zeitungsrotationspresse gedruckt und geheftet, auf 48 Zeitungsseiten ist der ganze Roman untergebracht und kostet 50 Pfennige."

Bis 1949 erscheinen 25 "Zeitungsromane"

Am 15. Dezember 1946 erscheint die erste Ausgabe dieser "Rowohlt Rotations Romane": Kurt Tucholskys "Schloß Gripsholm". Es folgen noch 24 weitere "Zeitungsromane", alle in einer Auflage von 100.000 Stück, der letzte im Oktober 1949. Aber der Hunger nach guten Büchern, die sich jeder leisten kann, ist längst nicht gestillt. Und als Heinrich Maria Ledig-Rowohlt von einer USA-Reise zurückkommt, bahnt sich die zweite Revolution auf dem deutschen Buchmarkt an:
"Da drüben hab ich dann die Taschenbücher kennengelernt, kam mit dieser Idee zurück und hab zu meinem Vater gesagt: ‚Wir müssen den deutschen Lesern wieder was Buchähnliches in die Hand geben‘, und so sind dann die Taschenbücher entstanden."

Taschenbücher für 1,50

Zwar gab es das Paperback-Konzept im Prinzip schon seit dem 19. Jahrhundert, nicht nur in den USA. Aber der Rowohlt-Verlag ist es, der nach 1945 als erster die Massenproduktion von Taschenbüchern in Deutschland startet: im Juni 1950, zum Preis von einer Mark 50, in einer Auflage von je 50.000 Exemplaren. Der Name "rororo" ist als Marke geblieben, auch weil sie noch immer ähnlich hergestellt werden wie die Zeitungsromane, erklärt Ernst Rowohlt 1952:

"Wir drucken die Bände im Rotationsdruck, allerdings auf aufgebessertem Zeitungspapier, und lassen sie im Lumbeckverfahren binden."
Das ist eine Klebebindung, bei der die Buchblöcke in großer Zahl, sehr schnell und äußerst preisgünstig maschinell verleimt werden. Die ersten vier Titel sind Hans Falladas "Kleiner Mann - was nun?", wiederum, wie schon bei den Zeitungsromanen, Kurt Tucholskys "Schloß Gripsholm", "Das Dschungelbuch" von Rudyard Kipling und "Am Abgrund des Lebens" von Graham Greene. Acht weitere folgen noch im ersten Jahr. Uwe Naumann erinnert, "eine wunderbare Werbeparole des Verlags aus der Zeit, nämlich: ‚Rowohlt bricht mit der deutschen Tradition der Mumifizierung der Bücher.'"

Zigarettenwerbung mitten im Buch

Aber vor allem Kulturkritiker waren anfangs empört über die Taschenbücher, nicht nur wegen der billigen Machart und der knallbunt-bebilderten Umschläge. Um den Preis niedrig zu halten, befand sich in der Mitte des Buches eine Seite mit Werbung, für Pfandbriefe, Parfüm, Zigaretten ... Und manchmal war die sogar mit dem Romaninhalt verwoben. So las man in Hemingways "Fiesta":
"Alle Männer dieses Buches rauchen … dies ermutigt uns, dem Raucher mit dem Wort FOX eine Zigarette zu nennen, deren Niveau dem eines guten Buches entspricht."  - Eine "Kulturschande". Ernst Rowohlt empfahl lakonisch, die Werbeseite rauszureißen, wenn sie denn störe.

Dauerbrenner "rororo Monographien"

Und letztlich gab ihm der Erfolg Recht: In den ersten zwei Jahren waren schon 50 Titel in der Taschenbuchreihe erschienen und insgesamt fast drei Millionen Exemplare verkauft. Damals, "ein außerordentlicher Durchbruch", sagt Uwe Naumann: "In einer Nation, die 'tausend Jahre' lang von der Weltliteratur ausgeschlossen war, und das war eine Öffnung des Fensters zur Weltliteratur, das eben jahrelang verrammelt war."
Neben den Romanen gab es bald auch ganze Reihen: Sachbücher zu aktuellen Themen, eine Thriller-Serie – und vor allem, seit 1958, die berühmten "rororo Monographien", die Wissensquelle für Schüler, Studierende und alle an Biografien Interessierte – in Vor-Wikipedia-Zeiten.