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StartseiteKalenderblattPrekär beschäftigter Minnesänger 31.12.2020

850. Geburtstag Walther von der VogelweidePrekär beschäftigter Minnesänger

Walther von der Vogelweide ist der berühmteste und geheimnisvollste deutsche Minnesänger des Mittelalters. Immerhin sein Geburtsjahr 1170 gilt als gesichert. Aus seinem Werk lässt sich schließen, wie er seine satte Liebeslyrik an den Fürstenhöfen Europas vortrug - und dabei unter Armut litt.

Von Christian Linder

Die Zeichnung zeigt einen Mann mit langem blauen Mantel, der auf einem Stein sitzend sinniert, neben ihm ein Schwert in die Erde gerammt. (imago images / Leemage)
Dieses Porträt von Walther von der Vogelweide entstand zwischen 1170 und 1230 als Miniatur in der "Manessische Liederhandschrift", die heute in Heidelberg aufbewahrt wird. (imago images / Leemage)
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Allein der wie erfunden klingende Name lässt aufhorchen: Walther von der Vogelweide. Dahinter verbirgt sich eine der größten Märchengestalten der deutschen Literatur, die allerdings sehr real von sich zu sprechen wusste: 

"Ich saß auf einem Steine / … Da dachte ich sorglich lange, / dem Weltlauf nach und irdischem Heil …"

Aber wer sprach da das Wort Ich aus, im fernen Mittelalter? Die paar gesicherten Lebensrealien konnte der Altgermanist Peter Wapnewski in einem kurzen Satz zusammenfassen:

"Walther von der Vogelweide war ein Berufsdichter ohne festen Wohnsitz, um die Wende des 12. Jahrhunderts zum 13."

Wenigstens das Geburtsjahr ist nicht mehr umstritten: 1170. Aber wo er geboren wurde, gehört schon wieder zur Märchenbildung. In Franken, sagen die einen, während andere als seine Geburtsstätte die Vogelweide auf dem Laiener Ried im Eisacktal in Tirol vermuten. Das einzige urkundliche Zeugnis für seine Existenz, datiert auf den 12. November 1203, fand sich erst im 19. Jahrhundert an versteckter Stelle, im Ausgabenregister des Passauer Bischofs Wolfger von Erla.

Der Eintrag lautet: "Walther, dem Sänger aus Vogelweide, für einen Pelzmantel fünf Schilling."

Eine idealisierte Mamorstatue hebt sich vom strahlend blauen Himmel ab. Der Mann mit krausem Haar hält ein Saiteninstrument fest. (imago images / Südtirolfoto)Das Denkmal von Walther von der Vogelweide in Bozen. Zumal im deutschgesinnten Südtirol gefiel die Vorstellung , der Dichter stamme von dort. (imago images / Südtirolfoto)

Neben diesem Schenkungsnachweis existieren Lebensspuren Walther von der Vogelweides nur in seinen Minnegesängen und Gedichten. Der Autor sitzend und sinnend auf dem Stein:

"Doch wurde mir kein Rat zuteil, / wie man drei Ding’ erwürbe, / dass ihrer keins verdürbe. / Zwei Ding’ sind Ehr’ und zeitlich Gut, / das oft einander Schaden tut, / das dritte Gottes Segen, / den beiden überlegen./ Die hätt ich gern in einem Schrein." 

"Heute hier und morgen dort"

Der feste, ernste und fast feierliche Ton in dieser Wortmusik lässt auf mühsam errungene Lebenserfahrungen schließen. Am Anfang stand, ungefähr ab 1190, eine Lehrzeit am Wiener Hof von Herzog Friedrich: 

"In Österreich lernte ich singen und sagen."

Diese offenbar glückliche Zeit endete 1198 mit dem Tod Friedrichs. Später, unterwegs in halb Europa, immer wieder die Klage:

"Sît hinaht hie, sît morgen dort – heute hier und morgen dort."

Die Liste allein der vielen deutschen adligen Förderer, vom Landgrafen Hermann von Thüringen über König Philipp von Schwaben bis zu Kaiser Otto, an deren Höfen er lebte und sang, liest sich wie ein Who’s Who der damaligen Zeit. Durch die Individualität und poetische Kraft vor allem in seinen Liebesliedern wusste der Autor auch überall zu gefallen:

"Unter der Linde / an der Heide, / wo unser beider Bett war, / da könnt ihr schön / gebrochen finden / Blumen und Gras. / Vor dem Walde in einem Tal, / tandaradei …"

Immer wieder klagt Walther über soziale Abhängigkeit und Armut

Dass der Autor selbst nie in den Ritterstand erhoben wurde, sondern nur zum fahrenden Volk gehörte, dafür sprechen zahlreiche Beschwerden über seine elende Situation der Abhängigkeit und Armut. Hinzu kam, dass er sich zwar gerne und deutlich auch zu gesellschaftlichen Problemen seiner Zeit äußerte, aber durch die unter seinen verschiedenen Dienstherren oft kriegerisch ausgetragenen politischen Streitigkeiten in stets wechselnde persönliche Lagen geriet, so dass ihm die Verführungen einer lavierenden Anpassung wohl nicht fremd waren. Er wusste, wovon er sprach, als er auf seinem Steine sitzend sinnierte:

"Untreue liegt im Hinterhalt, / kein Weg ist sicher vor Gewalt, / so Fried als Recht sind todeswund …" 

In den gut 40 Jahren seiner Arbeit als herumreisender Minnesänger hatten sich alle Gönner seinem Wunsch nach einem Lehen als festem Zuhause verweigert. Bis Friedrich II., der Staufer, ihm doch noch ein kleines Gut in der Nähe von Würzburg überließ. Ein Jubelschrei:

"Ich hân mîn lêhen, al die werlt, ich hân mîn lêhen."

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Die letzten um 1228 entstandenen Gedichte und Gesänge schrieb Walther von der Vogelweide im Angesicht genau beobachteter schrumpfender Lebenserwartungen, Notizen vom Rand der Zeit. Ob er nach 1228 noch lange gelebt hat, ist unbekannt.

Ein Grabstein findet sich zwar im "Lusamgärtlein" der Würzburger Neumünsterkirche. Dass er dort auch beerdigt liegt, gehört aber vermutlich nur wieder zur Märchenlegende über diesen bedeutendsten deutschen Lyriker des Mittelalters.

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