Montag, 16. Mai 2022

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Abchasien
"Alles hängt hier mit Russland zusammen"

Der Donbass in der Ukraine - einige Beobachter glauben, dass Russland den Konflikt dort auf lange Zeit "einfrieren" will. Ziel: die Ukraine destabilisieren und sie an einer NATO-Mitgliedschaft hindern. Nicht zum ersten Mal, wie mehrere solcher Gebiete in Russlands Nachbarschaft zeigen - eines davon ist Abchasien im Südkaukasus.

Von Gesine Dornblüth | 29.01.2015

Das Parlament Abchasiens im Zentrum der Hauptstadt Suchumi ist immer noch vom Krieg gezeichnet.
Das Parlament Abchasiens im Zentrum der Hauptstadt Suchumi ist immer noch vom Krieg gezeichnet. (Deutschlandradio / Dornblüth, Dr. Gesine)
Der Mann auf der Kassette singt vom Feiern, vom Tanzen, von der Liebe, aber die Menschen in der Marschrutka, dem Sammeltaxi, dösen oder starren missmutig vor sich hin. Quer durch die Windschutzscheibe zieht sich ein Riss. Die Deckenverkleidung hat Wasserflecken. Links sind schneebedeckte Berge zu sehen. Rechts Palmen und das Schwarze Meer. In den Gärten hängen die letzten Zitronen und Mandarinen an den Bäumen. Dazwischen Ruinen zerstörter Häuser. Der Fahrer bremst für eine Kuh. Dann hält er am Straßenrand. Dort parkt ein olivgrüner Tankwagen. Ein Mann verkauft Diesel. Schwarz. Der Fahrer schüttelt ihm die Hand, holt ein paar Geldscheine aus der Jackentasche.
"Man kann hier leben. So einigermaßen jedenfalls. In den letzten Jahren wurde die Straße asphaltiert. Und sie ist jetzt beleuchtet, die ganze Strecke von der russischen Grenze bis in die Hauptstadt Suchumi. Ich arbeite jeden zweiten Tag und fahre immer diese Strecke hin und zurück. Wer mitfährt? Im Sommer viele Touristen. Sonst Einheimische. Viele Abchasen bringen Obst nach Russland, um es dort zu verkaufen."
Alles hängt hier mit Russland zusammen
Auch das ist Schattenwirtschaft. Die Arbeitslosigkeit in dem Konfliktgebiet ist hoch. Nach Russland können die Abchasen ohne Visa fahren. Viele nutzen das, um dort zu arbeiten, erzählt der Fahrer.
"Abchasien ist seit Jahrhunderten mit Russland verbunden. Ohne Russland hätten wir es schwer, das weiß hier jedes Kind. Alles hängt hier mit Russland zusammen. Hier gilt der russische Rubel. Viele unserer jungen Leute besuchen Hochschulen in Russland. Und seit wieder mehr russische Touristen kommen, ist das Leben hier ein bisschen besser geworden. Wir leben in der Hoffnung, dass es noch besser wird. Oder zumindest nicht schlechter. Hauptsache, es gibt keinen Krieg."
Armut und Luxus eng beieinander
Die Fahrt geht weiter. Nach knapp zwei Stunden ist Abchasiens Hauptstadt Suchumi erreicht. Die Wohnblöcke am Ortseingang: Ruinen. Auf dem Parlament im Stadtzentrum weht die Fahne Abchasiens, aber die Fensterhöhlen sind leer, das Gebäude ist im Krieg vor mehr als 20 Jahren ausgebrannt, seitdem ist nichts daran gemacht worden. Die Bürgersteige: Flickenteppiche aus zerbrochenen Gehwegplatten. Die Verkäuferin im Dessousladen trägt einen Fellmantel, weil der Elektroradiator nicht wärmt.
Eine Straße im Zentrum der Hauptstadt Suchumi in Abchasien 2015.
Eine Straße im Zentrum der Hauptstadt Suchumi in Abchasien 2015. (Deutschlandradio / Dornblüth, Dr. Gesine)
Aber es gibt auch Luxus in Abchasien. Direkt an der Promenade, neben dem ersten Hotel der Stadt, geht Nuzret Achba durch seinen Laden. Achba ist in der Türkei aufgewachsen, hat abchasische Wurzeln und ist vor drei Jahren nach Suchumi gekommen. Er verkauft Markenkleidung aus der Türkei: handgefertigte Schuhe, Tweetsackos, Anzüge. Auch Achbas Geschäft ist halblegal – türkische Firmen können offiziell nicht nach Abchasien liefern, denn die Türkei hat Abchasien nicht anerkannt. Die Lieferungen kommen meist über Russland. Das Geschäft laufe schleppend, meint Achba.
"Aber ich weiß eins: Abchasien gehört die Zukunft. Jetzt gibt es politische Probleme, ja, und es gibt wirtschaftliche Probleme. Ich weiß. Aber dies ist eine neue Republik. Ich denke, Abchasien wird eines Tages ein kleines Dubai am Schwarzen Meer werden. Das ist mein Traum. Und ich hoffe, dass er möglichst schnell wahr wird."
"Brüssel sollte Abchasien mehr Aufmerksamkeit schenken"
Vorerst verkauft er Anzüge an die Minister Abchasiens. Der Außenminister, Vjatscheslaw Tschirikba, trägt einen blauen. Im Büro des Ministers hängt ein Ölgemälde. Es zeigt die abchasische Fahne - grüne und weiße Streifen plus eine weiße Hand und weiße Sterne auf rotem Grund – sowie ein blaues Tuch mit hellen Sternen. Die EU-Fahne?
"Nein, das ist die Fahne von Venezuela. (Lachen) Das Bild hat mir ein venezolanischer Künstler geschenkt. Uns haben sechs Länder anerkannt, eins davon ist Venezuela, und wir haben sehr gute Beziehungen. Aber was Europa betrifft, will ich Ihnen sagen: Abchasien ist Teil Europas! Unser Konflikt ist ein europäischer Konflikt. Und Brüssel sollte ihm mehr Aufmerksamkeit schenken."
Enge Zusammenarbeit zwischen Abchasien und Russland
Die EU aber betrachtet Abchasien als Teil Georgiens – und ignoriert den Landstrich weitgehend.
Im Ministerbüro läuft russisches Staatsfernsehen. Tschirikba hat den Ton ausgeschaltet, blickt aber immer wieder hin. Gerade ist Russlands Außenminister Lawrow zu sehen. Abchasien und Russland haben ihre Zusammenarbeit jüngst noch einmal verstärkt. Im Herbst unterzeichneten beide Seiten ein Partnerschaftsabkommen. Es sieht unter anderem vor, dass Russland Abchasiens Armee und die Infrastruktur modernisiert und die administrative Grenze zu Georgien sichert. Russische Politiker sprachen daraufhin freudig von einer, so wörtlich, Verlegung der russischen Grenze an von Georgien kontrolliertes Gebiet – also einer Quasi-Annexion Abchasiens.
Viele Abchasen kritisierten das Abkommen. Sie fürchten, ihre mühsam erkämpfte Souveränität an Russland zu verlieren. Außenminister Tschirikba verteidigt das Dokument.
"Abhängigkeit muss nicht schlecht sein. Sie kann dich in deiner Unabhängigkeit bestärken. Der Vertrag mit Russland gibt uns Sicherheit. Wir können unsere Wirtschaft planen, ohne Angst zu haben, dass es wieder Krieg gibt."
In seinem Fernseher laufen jetzt Bilder aus dem Donbass. Ruinen mit Schnee. Abchasien hat humanitäre Hilfe in die Ostukraine geschickt, darunter 23 Tonnen Mandarinen. Eine Delegation schenkte der Führung der sogenannten Donezker Volksrepublik Goldmünzen, die die Bank Abchasiens zum 20. Jahrestag des Sieges über Georgien herausgab. Aber Abchasien hat die sogenannten Volksrepubliken in der Ostukraine nicht anerkannt. Tschirikba eiert herum, will sich nicht positionieren.
"Die Menschen dort sind uns nicht gleichgültig. Sie leiden. Aber politisch müssen wir erst mal verstehen, was dort vor sich geht, bisher ist das ja nicht klar. Wir warten mal ab."
Im Zweifelsfall wird Abchasien wie Russland entscheiden.