Mittwoch, 05. Oktober 2022

Archiv

Abgefackelt
Muss man wegschauen, um zuschauen zu können?

Die Olympischen Sommerspiele sind eigentlich ein fantastisches Sportereignis, nur einmal in vier Jahren gibt es so viel Drama, Emotion und Spannung. Aber die Spiele von Rio sind kaputt – Doping, korrupte Funktionäre, Spiele auf Kosten der Brasilianer. All das müsste man eigentlich ausblenden, um den Sport genießen zu können.

Von Victoria Reith | 06.08.2016

    Ein BBC-Kameramann schützt seinen Kopf mit einem Schirm vor der Sonne.
    Wegschauen oder Hinschauen? Diese Frage stellt sich bei den Olympischen Spielen von Rio wie bei keinen Spielen zuvor. (picture alliance/dpa - Felix Kaestle)
    Sommerferien 1996, die Geburtsstunde meiner Olympiabegeisterung. Ich hatte meinen eigenen Fernseher und verbrachte die Nächte davor, die Zeitverschiebung war eine ähnliche wie jetzt in Rio de Janeiro. Eröffnet wurden die Spiele von Bill Clinton, das Olympische Feuer entfachte Muhammad Ali, zitternd, bereits schwer an Parkinson erkrankt. Wie besonders das war, spürte ich schon damals, verstehen sollte ich es erst später.
    Aber machen wir uns nichts vor, eigentlich waren diese Spiele schon nicht mehr authentisch. Sie waren durchkommerzialisiert, die Brausespiele in der Heimatstadt von Coca Cola. Und 1996 war eigentlich ohnehin Athen der Austragungsort der Herzen, genau 100 Jahre nach den ersten Olympischen Spielen der Neuzeit.
    Trotzdem fieberte ich mit, als Frank Busemann im Zehnkampf Silber gewann, Astrid Kumbernuss Gold im Kugelstoßen, als die 400-Meter-Staffel der Frauen sensationell Bronze holte und so weiter. Natürlich sind auch einige Olympioniken aus anderen Ländern bis heute ein Begriff, allen voran Michael Johnson, der 1996 einen 200-Meter-Weltrekord (19,32) aufstellte, der bis 2008 hielt.
    Nicht Sportlernamen dominieren die Assoziationen mit Olympia
    In diesem Jahr kommen mir nicht als erstes Namen von Sportlern in den Sinn, wenn ich an den Olympischen Sommersport denke, sondern diejenigen:
    Witali Mutko, russischer Sportminister, der mutmaßlich involviert das russische Staatsdopingsystem ist, aber mit Nebelkerzen wirft – und dem Westen vorhält, eine Kampagne zu fahren.
    Lamine Diack, ehemaliger Chef des Weltleichtathletik-Verbands, der es geschafft hat, positive Dopingkontrollen gegen Bezahlung verschwinden zu machen.
    Und nicht zuletzt Thomas Bach. Der deutsche IOC-Präsident, der für die Entscheidung des Internationalen Olympischen Komitees steht, dass russische Sportler trotz des bewiesenen systematischen Dopings in großer Zahl in Rio an den Start gehen.
    IOC lässt Flüchtlingsteam zur PR-Nummer verkommen
    Bach rühmt sich mit der Flüchtlingsmannschaft, unter anderem vergangene Nacht bei der Eröffnungsfeier. Dass bei den Olympischen Spielen erstmals vertriebene Athleten antreten können, ist eigentlich eine schöne Geste - und ein starkes Signal angesichts dessen, wie viele Menschen auf der Flucht sind. Aber die Tatsache, dass die russische Whistleblowerin Julia Stepanowa, die ebenfalls ihre Heimat verlassen musste, weil sie das Doping-System in ihrem Land aufdeckte, nicht teilnehmen darf, lässt das ganze doch wieder wie eine Farce erscheinen.
    Zum Glück kommen viele Machenschaften rund um Korruption und Doping nun zu Tage - jahrelang konnten Beteiligte im Sport und in der Politik sie im Verborgenen halten. Gut auch, dass viele Sportler und Funktionäre sich jetzt pro Aufklärung und Reformen äußern, obwohl immer wieder gebetsmühlenartig betont wurde, dass Sport und Politik zu trennen seien. Das war schon immer Unfug und heute wird es besonders deutlich.
    Schön wäre es auch, nur den Sport zu genießen
    Ein Teil von mir würde sich trotzdem wünschen, wieder so zuschauen können wie 1996 - oder vor vier Jahren, als der Deutschland-Achter Gold gewann (Entschuldigung, wie spannend war das bitte?). Oder sich mit einem Sieger so mitfreuen zu können wie mit dem Gewichtheber Matthias Steiner 2008.
    Solche Momente wird es sicher auch in diesem Jahr geben. Aber vermutlich zweifelt man noch mehr an der Rechtmäßigkeit einiger Leistungen als noch vor vier Jahren.
    Es bleibt nur die Hoffnung, dass sich langsam etwas verändert im Sport, dass die Welt-Anti-Doping-Agentur (WADA) durch den Fokus Russland mehr Durchschlagskraft bekommt, damit einzelne Nationen nicht mehr mit ihrer Laissez-faire-Haltung gegenüber Doping durchkommen. Dass durch die Skepsis der Menschen und einiger internationaler Sportverbände dem IOC gegenüber sich in dessen Strukturen etwas bewegt (noch lassen die Anzeichen auf sich warten).
    Solange wird der olympische Genuss ein zartbitterer bleiben. Da müssen wir wohl durch.
    Unter "Abgefackelt" bildet die DLF-Sportredaktion Hintergründiges, Humorvolles, Abseitiges rund um die Olympischen Sommerspiele in Rio ab.