Häusliche Gewalt
Wenn ältere Frauen durchs Raster fallen

Häusliche Gewalt trifft auch Seniorinnen. Doch in Statistiken und im Hilfesystem bleiben sie oft unsichtbar. Warum ältere Frauen besonders schwer an Schutz und Beratung kommen – und was das neue Gewalthilfegesetz daran ändern könnte.

Von Timo Stukenberg |
    Eine ältere Frau mit kurzen weißen Haaren sitzt allein auf der Kante eines gemachten Betts, dem Fenster zugewandt. Sie ist von hinten und leicht von der Seite zu sehen, ihr Gesicht bleibt abgewandt.
    Hinter verschlossenen Türen: Viele Seniorinnen ordnen jahrzehntelange Gewalt nicht als solche ein (IMAGO / Dreamstime )
    Häusliche Gewalt trifft Menschen jeden Alters. Doch wie oft ältere Frauen betroffen sind, weiß niemand so genau. Sicher ist laut Fachleuten aber: Seniorinnen fallen viel häufiger als jüngere Frauen durchs Raster des Hilfesystems und stehen mit ihren Gewalterfahrungen oft allein da.

    Inhalt

    Ältere Frauen: in den Statistiken kaum sichtbar

    Laut Bundeskriminalamt waren 2024 rund 266.000 Menschen in Deutschland von häuslicher Gewalt betroffen – ein neuer Höchststand. In etwa 70 Prozent der Fälle waren Frauen und Mädchen die Opfer. 132 Frauen wurden laut BKA durch sogenannte Partnerschaftsgewalt getötet.
    Ältere Frauen ab etwa 60 Jahren gelten zwar als seltener betroffen als jüngere. Doch vieles bleibt im sogenannten Dunkelfeld. Damit wird die Summe der Taten bezeichnet, die den Behörden nicht bekannt sind, weil sie nicht angezeigt werden oder nach den geltenden Gesetzen nicht strafbar sind.
    Viele ältere Frauen ordnen ihre Erfahrungen außerdem gar nicht als Gewalt ein. Das liegt auch daran, dass bestimmte Formen der Gewalt früher toleriert wurden: Vergewaltigung in der Ehe etwa ist erst seit 1997 strafbar.

    Wenn die Gewalt mit dem Ruhestand eskaliert

    Bei vielen älteren Betroffenen, die in klassischer Rollenverteilung gelebt haben, eskaliert die häusliche Gewalt, sobald der Partner in Rente geht. Nach oft jahrzehntelanger Berufstätigkeit gerate das Selbstbild der Männer ins Wanken, erklärt Regina-Maria Dackweiler, Professorin für gesellschaftliche und politische Bedingungen Sozialer Arbeit. „Es kann dazu führen, dass das Aggressionspotenzial steigt durch das Erleben einer eigenen Entwertung und Marginalisierung”, so die Forscherin.
    Ein weiterer Risikofaktor ist laut Dackweiler Altersarmut. Reicht die Rente nicht, um mobil zu bleiben und soziale Kontakte außerhalb der Partnerschaft zu pflegen, verbringen Paare mehr Zeit miteinander. Laut Dackweiler kann das beispielsweise dazu führen, dass der männliche Partner stärker als bisher die Kontrolle über die gemeinsamen Finanzen beansprucht.
    Finanzielle Kontrolle, aber auch erzwungene Isolation und Demütigungen hinter verschlossenen Türen würden von älteren Frauen häufig nicht als Gewalt erkannt. Auch Außenstehende würden sie oft nicht als Betroffene wahrnehmen.

    Welche Hürden Ältere von Hilfe abhalten

    Das Bewusstsein dafür, dass Gewalt gegen Frauen ein gesellschaftliches Problem ist, ist zwar gewachsen. Doch viele ältere Betroffene tragen noch Erfahrungen aus einer Zeit mit sich, in der dieses Bewusstsein geringer ausgeprägt war, berichtet Traumatherapeutin Denise Klein von der deutschlandweit einzigartigen Beratungsstelle Paula e.V. in Köln.
    Beispielsweise hätte sich viele Betroffen an Frauenberatungsstellen oder die Polizei gewandt und schlechte Erfahrungen gemacht. Weit verbreitet war damals die Auffassung: Was in der Familie passiert, geht niemanden etwas an.
    Dazu kommen praktische Hürden. Jüngere Frauen fänden oft leichter im Internet Hilfe und seien mobiler. Ältere könnten dagegen häufig kaum unbemerkt vom gewalttätigen Partner bei der Beratungsstelle anrufen oder eine Nachricht schreiben.
    Bei Paula e.V. melden sich laut Klein immer wieder Frauen, die nur kurz sprechen können, weil sie sich gerade auf der Toilette verstecken. Folgetermine zu vereinbaren, werde so schwierig.
    Auch in anderen Akutsituationen stößt das Hilfesystem an Grenzen. Zwar kann die Polizei Täter häuslicher Gewalt grundsätzlich aus der Wohnung verweisen. Doch wenn Täter oder Betroffene pflegebedürftig sind, ist laut Klein oft unklar, wohin mit ihnen.
    Viele Frauenhäuser sind Wohngemeinschaften, in denen nach der Flucht oft der Rückzugsraum und die Privatsphäre fehlt. Das macht laut Klein besonders Seniorinnen zu schaffen. Barrierearme Häuser gibt es außerdem nur wenige. Und die Zusammenarbeit mit ambulanten Pflegediensten ist riskant: So könnten Außenstehende die Adresse der anonymen Schutzeinrichtung erfahren.

    Was das neue Gewalthilfegesetz ändern könnte

    Seit 2018 gilt in Deutschland die Istanbul-Konvention, ein völkerrechtlicher Vertrag, dem sich zahlreiche europäische Staaten – darunter fast alle EU-Mitglieder – angeschlossen haben. Sie verpflichten sich darin, Frauen und Mädchen vor jeglicher Form von Gewalt zu schützen, von Schlägen über verbale Herabsetzung bis zu kontrollierendem Verhalten und ökonomischer Gewalt.
    Ein wichtiger Schritt soll hier das Gewalthilfegesetz sein, das der Bundestag Anfang 2025 beschlossen hat. Bis Anfang 2027 sollen die Bundesländer ein flächendeckendes Netz an Frauenhäusern und Frauenberatungsstellen aufbauen. Aktuell fehlen nach Angaben der Frauenhaus-Koordinierung allerdings mehr als 13.000 Plätze.
    Traumatherapeutin Denise Klein bezweifelt aber, dass Seniorinnen beim Ausbau der Frauenhäuser mitgedacht werden. Das beginne schon bei der Barrierefreiheit: Laut Gewalthilfegesetz soll sie zwar gefördert werden, verpflichtend ist sie aber nicht.

    Onlinetext: Elena Matera