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StartseiteInterview"Wir wissen nicht mal, wie viel Leute in den Gesundheitsämtern arbeiten"23.10.2020

Ärzte-Verbandschefin Teichert"Wir wissen nicht mal, wie viel Leute in den Gesundheitsämtern arbeiten"

Bei den sprunghaften Anstiegen der Coronainfektionen haben Gesundheitsämter große Probleme die Kontaktketten nachzuverfolgen, sagte Ute Teichert, Bundesvorsitzende der Ärztinnen und Ärzte des öffentlichen Gesundheitsdienstes im Dlf. Es fehle Personal und müsse mehr auf Digitalisierung gesetzt werden.

Ute Teichert im Gespräch mit Stephanie Rohde

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Eine Frau lässt sich testen (picture alliance/Geisler-Fotopress/Christoph Hardt)
Das Personal in den Gesundheitsämtern wird von der Bundeswehr und vom DRK unterstützt (picture alliance/Geisler-Fotopress/Christoph Hardt)
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Immer mehr Menschen werden in Deutschland positiv auf das Coronavirus getestet. Bei jeder infizierten Person müssen die relevanten Kontakte nachverfolgt werden, aber in manchen Regionen, in den Risikogebieten, kommen die Gesundheitsämter teilweise nicht mehr hinterher. Grund ist oft der extrem sprunghafte Anstieg, erklärt die Ärztin und Vorsitzende des Bundesverbandes der Ärztinnen und Ärzte des öffentlichen Gesundheitsdienstes Ute Teichert im Dlf. Sie bemängelt die schlechte personelle Ausstattung der Gesundheitsämter. Zwar sei das Personal im Frühjahr kurzfristig mit Aushilfen aufgestockt worden, doch nur bis zum Sommer.

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Stephanie Rohde: Stehen die Gesundheitsämter vor dem Kollaps?

Ute Teichert: Nein, ich würde nicht sagen, dass sie vor dem Kollaps stehen, das klingt so verloren und so verzweifelt. Wir haben eine schwierige Lage, wir haben das Problem in den Gesundheitsämter, dass die Zahl der positiv Getesteten ansteigt und dass die mancherorts sehr plötzlich ansteigt. Das ist ein Problem, weil die Kontaktpersonennachverfolgung ja von Menschen gemacht wird, und wenn jetzt innerhalb kurzer Zeit, vielleicht auch eines Tages, die Zahlen rapide um 50 oder 100 Personen ansteigen, die positiv getestet wurden, dann müssen die ja auch direkt bearbeitet werden. Und so schnell, wie die Zahlen im Moment ansteigen, so schnell kann man gar nicht mit dem Personal nachlegen. Da liegt in der Tat ein Problem.

Rohde: Darüber sprechen wir gleich noch, schauen wir kurz noch darauf: Es gibt ja tatsächlich auch verzweifelte Meldungen, wenn man so will, von Gesundheitsämtern aus Risikogebieten, die sagen, wir schaffen das einfach nicht mehr. Haben Sie da möglicherweise Zahlen, wie viele das sind, also auch, dass man versteht in der Prozentzahl, wie viele sind schon an der Grenze?

Teichert: Tatsächlich habe ich keine Zahlen. Die Zahlen werden von den Bundesländern erhoben und ans Robert Koch-Institut gemeldet, die sind aber nicht zusammengefasst, ich habe die noch nicht gesehen. Man hört das immer wieder, und Sie können sich quasi die Landkarte angucken, wie sich die Region farblich verändert, und Sie können davon ausgehen, dass da, wo es rot ist, auch die Gesundheitsämter ein erhebliches Problem haben.

Die Gesundheitsämter waren ja schon vor der Pandemie personell sehr schlecht aufgestellt, das hat sich ja in der Pandemie auch nur zeitweise geändert durch Hilfskräfte, die zur Unterstützung in die Gesundheitsämter gekommen sind. Die sind dann im Sommer wieder an ihre normalen Arbeitsplätze zurückgekehrt, sodass wir jetzt quasi wieder das Problem haben wie zu Beginn der Pandemie.

5.000 neue Stellen in kommenden Jahren

Rohde: Genau, da kritisieren ja einige in der Opposition, dass sie sagen, die Gesundheitsämter sind nach acht Monaten immer noch nicht hinreichend ausgestattet. Haben Sie nicht genug Alarm geschlagen und gesagt, die Leute müssen bleiben?

Teichert: Tatsächlich glaube ich, dass gerade wir ganz besonders viel und genug Alarm geschlagen haben. Warum das nicht so angekommen ist, das kann ich nicht nachvollziehen. Es gibt ja schon Lösungen, also die Politik hat schon erkannt, dass man in dem Bereich nachbessern muss. Es ist der Pakt für den öffentlichen Gesundheitsdienst zwischen Bund und Ländern beschlossen worden, in dem 5.000 neue Stellen in die Gesundheitsämter kommen sollen.

Rohde: Das ist aber langfristig in den kommenden Jahren, das hilft Ihnen jetzt ja nicht vermutlich.

Teichert: Genau, das ist eigentlich das Problem an der Geschichte. Vielleicht hat man unterschätzt, dass die Zahl jetzt so schnell so plötzlich wieder ansteigt, aber auch das ist ja tatsächlich vorhergesagt worden. Wir haben immer davon gesprochen, dass wir sagen, ab Mitte Oktober steigen die Zahlen an, insofern ist es nicht wirklich verwunderlich.

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Rohde: Die Bundeswehr hilft Ihnen, Sie haben auch freiwillige Helferinnen und Helfer des Deutschen Roten Kreuzes, was brauchen Sie denn noch jetzt?

Teichert: Es ist in der Tat die größte Schwierigkeit, wenn von jetzt auf gleich sozusagen, von einem Tag auf den anderen plötzlich die Zahlen anfallen. Mir hat jetzt ein Kollege auf einem großen Gesundheitsamt gerade erzählt, man hat an einem Tag 50 und am nächsten Tag kommen 300 neue. Selbst wenn Sie da viel Personal kriegen, das dauert ja ein paar Tage, bis die da sind, das heißt, in der Zeit stapeln sich die Fälle an und Sie schaffen es kaum, noch nicht mal die zu informieren, die positiv getestet wurden, geschweige denn die Kontaktpersonen von denen, die ja auch noch mal von 20 bis 40 Kontaktpersonen pro Fall sich unterscheiden können, die auch noch anzurufen.

Das ist im Moment ausgesprochen schwierig, das heißt, Sie müssten quasi auf Vorrat sehr viele Leute in die Gesundheitsämter reinsetzen, und Sie wissen ja nicht genau, wo geht es jetzt hoch. Es sind ja nicht nur die Großstädte, wo die Zahlen plötzlich so explodieren, sondern wir erleben ja auch in kleineren Regionen, gerade Berchtesgaden ist ja wieder mitten im Zentrum, dass es da plötzlich ansteigt. Das ist von der Vorhersage sehr, sehr schnell, ich würde aber drauf drängen, dass es wichtig wäre, dass wir uns auch die Digitalisierung mal angucken, denn da könnte man erhebliche Zeit sparen.

"Keine Statistik über das Personal"

Rohde: Ich würde da noch mal gerne bei diesem Punkt bleiben: Das heißt, Sie fahren auf Sicht, Sie sagen nicht, wir rechnen damit, dass die Zahlen exponentiell steigen und wir deshalb soundso viele mehr Mitarbeiter brauchen?

Teichert: Das ist insgesamt schwierig in der Vorhersage. Es ist schon damit zu rechnen, dass die Zahlen ansteigen, aber wir wissen nicht mal, wie viel Leute aktuell in den Gesundheitsämtern arbeiten. Es gibt seit 20 Jahren keine Statistik über das Personal in den Gesundheitsämtern.

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Rohde: Wie kann das denn sein?

Teichert: Ja, die ist vor 20 Jahren eingestellt worden, die Statistik über das Personal. Jetzt akut gehen die Länder hin, aber es gibt bundesweit keine Übersicht, wie viel schon regulär in den Gesundheitsämtern arbeiten.

Rohde: Lassen Sie uns schauen auf die Corona-Maßnahmen, die ja verschärft wurden, vielerorts haben sich dadurch die Regeln verändert, es gibt viele unterschiedliche Regeln in den Landkreisen, in den Städten. Macht das den Gesundheitsämtern zu schaffen, haben Sie da was gehört?

Teichert: Ja, das ist in der Tat sehr schwierig, weil genauso wenig wie Bürgerinnen und Bürger die unterschiedlichen Regelungen verstehen, ist das in den Gesundheitsämtern immer klar und nachvollziehbar und vor allen Dingen bekannt. Sie können davon ausgehen, wenn solche Regelungen bekannt werden und die Leute Nachfragen haben, dann rufen Sie in der Regel im Gesundheitsamt an, sodass also auch das die Arbeit der Gesundheitsämter massiv erhöht, wenn ständig Nachfragen kommen zu solchen Geschichten. Als das Beherbergungsverbot eingeführt wurde – weiß ich aus einer Großstadt in Deutschland – sind die Anfragen in der Hotline von 600 täglich auf über 4.000 an einem Tag angestiegen, nur damit man mal so eine Dimension von Problem hat. Das ist in der Tat für die Gesundheitsämter doppelt schwierig, a) weil sich die Anfragen erhöhen, und b) weil der Aufwand natürlich auch vor Ort höher ist. Man muss ja ständig gucken, wo muss man jetzt welche Regel einhalten – das ändert sich ja unter Umständen fast stündlich.

Einheitliche Regeln von Politik gefordert

Rohde: Und was fordern Sie da von der Politik? Muss man die Regeln klarer und auch einheitlicher vielleicht formulieren?

Teichert: Tatsächlich denke ich, dass wir an einigen Stellen einheitlichere Regeln brauchen.

Rohde: An welchen?

Teichert: In Nordrhein-Westfalen ist es zum Beispiel jetzt so, dass Sie in den einzelnen Städten, wenn Sie über der 50er-Marke liegen, müssen Sie in manchen Straßen Masken tragen und in anderen Straßen nicht. Ich hab das gerade selber hier vor Ort gestern Abend beobachtet. Sie gehen durch die maskengekennzeichneten Straßen durch, die Hälfte der Leute, die ich getroffen habe, haben keine Masken getragen. Das ist natürlich, da kann man sagen, na ja, weiß ich jetzt gerade, ob ich in der Straße bin, wo ich die Maske tragen muss und so weiter, aber das ist natürlich extrem kompliziert. Man kann ja nicht immer gucken, wo laufe ich jetzt lang und wann ziehe ich Maske aus und an.

Ich glaube, dann wäre es einfacher, man hätte klare Regeln und würde sagen, beim Austreten aus dem Haus oder wie auch immer, im öffentlichen Raum, zieht man eine Maske an und nicht, es gibt irgendwie 15 Ausnahmen und man muss überall gucken, welche Ausnahme jetzt gerade auf einen zutrifft.

Coronavirus (imago / Rob Engelaar / Hollandse Hoogte)Übersicht zum Thema Coronavirus (imago / Rob Engelaar / Hollandse Hoogte)

Rohde: Da sehen Sie aber dann die Politik in der Verantwortung, dass die das klarer kommuniziert.

Teichert: Ja, ich wäre auch dringend dafür, dass man sich da einigt auf Regeln. Es ist genauso schwierig, wenn es von Stadt zu Stadt, Landkreis zu Land oder Bundesland zu Bundesland unterschiedlich ist. Dem Virus ist das völlig egal, das hält sich nicht an Grenzen, weder an kommunale Grenzen noch an Ländergrenzen, sondern das verbreitet sich einfach so weiter.

Rohde: Lassen Sie uns noch auf die Einzelkontaktverfolgung schauen, da haben wir eben schon drüber gesprochen. Der Virologe Christian Drosten, der hat ja vor längerer Zeit, einigen Wochen, einen Strategiewechsel angeregt und hat gesagt, wir sollen eigentlich die Einzelkontaktverfolgung nicht mehr in dem Maße machen, sondern auf die Clusterstrategie gehen, also bestimmte Cluster eben ausmachen. Wären Sie auch dafür?

Teichert: Die Cluster werden sowieso schon von den Gesundheitsämtern mit in den Blick genommen. Die Frage, wenn man einen Strategiewechsel diskutiert, ist vor allen Dingen, wie ist das umsetzbar, und da muss man sagen, auch da ist zunächst die Politik gefordert, bevor die Gesundheitsämter die Strategie umändern können, denn ein Strategiewechsel verändert die Situation enorm. Ich weiß nicht, wie hoch die Akzeptanz in der Bevölkerung ist, wenn man jetzt im Rahmen der Clusterstrategie dazu überwechselt, zu sagen, die Leute werden in Quarantäne geschickt vorsichtshalber, wenn sie in dem Cluster beteiligt waren.

Das heißt nämlich konkret, Sie müssten in Quarantäne, wenn Sie an einem Ereignis teilgenommen haben, was als Cluster gekennzeichnet wird – kann sein, es ist eine Schulklasse, es kann sein, es ist eine Veranstaltung, an der Sie teilgenommen haben. Ganz konkret hieße das, wenn jemand aus diesem Cluster, wenn da mehrere positiv getestet werden, müssen alle in Quarantäne, egal ob sie einen positiven Nachweis haben oder nicht und auch egal, ob sie Kontaktpersonen waren oder nicht, weil das ist ja eine andere Strategie. 

Rohde: Noch ganz kurz zum Schluss die Frage: Wäre das denn in Ihrem Sinne, also im Sinne der Gesundheitsämter, diesen Strategiewechsel zu machen?

Teichert: Das wäre eine andere Art, aber dafür muss es tatsächlich die rechtlichen Voraussetzungen geben. Die muss die Politik schaffen, damit könnte man sicherlich die Arbeit in den Gesundheitsämtern erleichtern, aber wie gesagt, da sind die notwendigen Voraussetzungen erst mal zu schaffen, die Gesundheitsämter können nicht allein vorpreschen.

Äußerungen unserer Gesprächspartner geben deren eigene Auffassungen wieder. Der Deutschlandfunk macht sich Äußerungen seiner Gesprächspartner in Interviews und Diskussionen nicht zu eigen.

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