Nur taktische Distanz
Wie die AfD mit Rechtsextremismus umgeht

Um einem Verbot zu entgehen, distanziert sich die AfD vordergründig von Neonazis und offenkundigen Rechtsextremen. Wie zweifelhaft das ist, ist in den vergangenen Monaten deutlich geworden. Eine klare Abgrenzung fällt der AfD-Spitze schwer.

Von Nadine Lindner und Alexander Moritz |
    X-Account der Identitären Bewegung Deutschland: Zu sehen ist ein Post mit einer Einladung zu einem Gespräch mit Martin Sellner, Ex-Sprecher der Identitären Bewegung Österreich, mit Lena Kotre, Landtagsabgeordnete der AfD
    Keine Berührungsängste mehr: Ende Januar trat die Brandenburger AfD-Landtagsabgeordneten Lena Kotré gemeinsam mit dem Rechtsextremisten Martin Sellner bei einer Podiumsdiskussion auf (Imago / Hanno Bode )
    Die AfD ist mittlerweile dreizehn Jahre alt, hat 70.000 Mitglieder. Die Frage, wie viel Einfluss radikale oder extreme Kräfte haben, ist so alt wie die Partei selbst.
    Mehrere ostdeutsche Landesverbände werden vom Verfassungsschutz als gesichert rechtsextrem eingestuft. Bemühungen der AfD-Bundesspitze, Distanz zu Rechtsextremisten zu wahren, stoßen auf innerparteilichen Widerspruch.
    Ein Verbotsverfahren gegen die AfD vor dem Bundesverfassungsgericht wird immer wieder gefordert, findet aber bislang keine politische Mehrheit im Bundestag.

    Inhalt

    Was sagt der Verfassungsschutz zur AfD?

    Bundesweit gilt die AfD seit 2021 als rechtsextremistischer Verdachtsfall, die Einschätzung des Bundesamts für Verfassungsschutz ist rechtskräftig.
    Im Mai 2025 stufte der Verfassungsschutz die AfD bundesweit zur „gesichert rechtsextremistischen Bestrebung“ hoch. Dagegen klagt die AfD. Bis zur Entscheidung im Eilverfahren wiederholt das Bundesamt diese Einschätzung nicht öffentlich. Die AfD-Landesverbände in Thüringen, Brandenburg, Sachsen-Anhalt und Sachsen sind dagegen als gesichert rechtsextrem eingestuft.
    Auch Politikwissenschaftler rechnen die AfD dem rechtsextremen Spektrum zu. Fabian Virchow von der Hochschule Düsseldorf, spezialisiert auf Rechtsextremismus-Forschung, sieht in der AfD ein „kohärentes rechtsextremes Weltbild und eine entsprechende Programmatik“.
    Dazu kommt, dass AfD-Politiker enge Kontakte zu rechtsextremen Organisationen pflegen.

    Wer gehört zum rechtsextremen Vorfeld der Partei?

    Das „politische Vorfeld“ der AfD sind Gruppen, die ähnliche Ziele wie die Partei verfolgen, vor allem im Bereich Migrations- und Asylpolitik. Dazu zählen unter anderem die rechtsextreme Identitäre Bewegung, das Compact-Magazin, das Netzwerk Ein Prozent aus Dresden sowie der neurechte Publizist Götz Kubitschek, führender Kopf des Antaios-Verlags und des inzwischen formell aufgelösten Instituts für Staatspolitik.
    Der Verfassungsschutz betrachtet diese Organisationen als ein informelles Netzwerk der Neuen Rechten.

    Wie geht die AfD mit diesem Vorfeld um?

    Die AfD hat eine offizielle „Unvereinbarkeitsliste“, die mehrere Hundert politische Gruppen umfasst. Darunter sind die rechtsextreme Identitäre Bewegung, die NPD-Nachfolgepartei Die Heimat sowie verschiedene Neonazi-Gruppen. Wer in einer der genannten Organisationen Mitglied ist oder war, darf nicht in die Partei aufgenommen werden. Landesvorstände können Ausnahmen genehmigen.
    In der Praxis spiele die Liste jedoch kaum noch eine Rolle, so Rechtsextremismusexperte Virchow: Das ist noch nicht mal mehr ein Feigenblatt.“ Beispiele dafür gibt es viele. So war der Sprecher der als rechtsextrem eingestuften Identitären Bewegung Maximilian Märkl AfD-Mitglied. Erst als das durch Medienrecherchen bekannt wurde, trat Märkl Anfang Februar 2026 aus der Partei aus.
    Im sächsischen Meißen schickte die AfD zur Oberbürgermeisterwahl im Herbst 2025 das frühere NPD-Mitglied René Jurisch ins Rennen. Wegen der Unvereinbarkeitsliste kann Jurisch nicht Parteimitglied werden, im Wahlkampf erhielt er dennoch Unterstützung, unter anderem von AfD-Bundeschef Tino Chrupalla.

    Warum ist der Rechtsextremist Martin Sellner ein Problem für die AfD?

    Anfang 2026 traten AfD-Mitglieder mehrmals mit dem Rechtsextremisten Martin Sellner auf. Sellner ist seit Langem Kopf der Identitären Bewegung in Österreich. Sein Konzept der „Remigration“ ist ein zentraler Begriff der Neuen Rechten und wurde inzwischen von der AfD aufgegriffen.
    Die Identitäre Bewegung steht auf der Unvereinbarkeitsliste der AfD. Sellner selbst bezeichnet seine Organisation als „Teil des lebendigen, starken Vorfelds der AfD“. Ende Januar sprach der Österreicher auf einem Podium in Vetschau bei Cottbus neben der Brandenburger Landtagsabgeordneten Lena Kotré. Wenige Tage später luden Politikerinnen und Politiker aus dem AfD-Landesverband Thüringen Sellner in den Landtag in Erfurt ein.
    Die AfD-Bundesspitze kritisierte Auftritte mit Sellner zunächst. Nach dem Thüringer Treffen sagte Parteichefin Alice Weidel jedoch, man könne „mit jedem reden“. Später forderte der AfD-Bundesvorstand alle Landes-, Bezirks- und Kreisvorstände auf, Distanz zu Sellner zu wahren. Öffentlicher Widerspruch kam unter anderem aus der AfD Brandenburg.
    Politikwissenschaftler Virchow sieht in dem Zick-Zack-Kurs einen Beleg für einen „taktischen Umgang“ der AfD-Spitze mit Rechtsextremen: „Weil man eben genau weiß: Falls ein Verbotsverfahren kommt, könnte das ein wichtiges Argument für ein Verbot sein.“ Gleichzeitig wolle die Parteispitze die Parteibasis nicht verärgern, die Distanzierungswünsche eher ablehnt.

    Welche Rolle spielt die AfD-Jugend?

    Vertreter der AfD-Jugend fallen seit Jahren durch enge Verbindungen zu rechtsextremen Organisationen auf. Ende November 2025 gründete sich in Gießen die neue AfD-Jugendorganisation Generation Deutschland. Anders als der zuvor aufgelöste eigenständige Verein Junge Alternative ist sie nun eine direkte Teilorganisation der Partei.
    Hintergrund der Neugründung war die Hoffnung der AfD-Parteiführung, den eigenen Nachwuchs von allzu offensichtlichem Paktieren mit Rechtsextremen abhalten zu können. Das Bundesinnenministerium sieht jedoch auch bei der neuen Parteijugend Anhaltspunkte für Bestrebungen gegen die freiheitliche demokratische Grundordnung, heißt es in einer Anfang Februar bekannt gewordenen Einschätzung.
    Vorsitzender der Generation Deutschland ist der Brandenburger Landtagsabgeordnete Jean-Pascal Hohm. Der Verfassungsschutz bezeichnet ihn als Rechtsextremisten mit engen Verbindungen zu rechtsextremistischen Gruppen.
    Für die Finanzen der neuen AfD-Jugend ist Lennard Scharpe verantwortlich. Der 24-Jährige pflegt Beziehungen zur Identitären Bewegung und hatte zuvor den aufgelösten Jugendverband Junge Alternative in Sachsen angeführt, den der Verfassungsschutz als rechtsextrem eingestuft hatte. Daneben wurde unter anderem der Burschenschaftler Kevin Dorow in den Bundesvorstand gewählt. In seiner Bewerbungsrede bezog er sich auf einen Leitspruch aus der NS-Zeit.
    All das störte beim Gründungstag der Generation Deutschland in Gießen offenkundig niemanden. Im Foyer stand Götz Kubitschek mit seinem Sohn Wieland hinter einem Büchertisch und bot unter anderem ein Buch von Martin Sellner an.

    Welche Verbindungen gibt es zwischen der AfD in Sachsen und Rechtsterrorismus?

    Anfang November 2024 nahmen Spezialeinheiten der Polizei Mitglieder der sogenannten Sächsischen Separatisten fest. Die mutmaßlichen Rechtsterroristen mit engen Verbindungen in die Neonaziszene sollen laut Bundesanwaltschaft einen gewaltsamen Umsturz vorbereitet haben. Seit Ende Januar 2026 stehen sie in Dresden vor Gericht.
    Unter den Angeklagten sind auch drei AfD-Mitglieder, darunter der ehemalige Bundeswehrsoldat Kurt Hättasch. Er saß für die AfD im Stadtrat von Grimma, war Schatzmeister der inzwischen aufgelösten Jungen Alternative in Sachsen und arbeitete für den AfD-Landtagsabgeordneten Alexander Wiesner, ebenso wie ein weiterer Angeklagter.
    Die sächsische AfD distanzierte sich von den mutmaßlichen Rechtsterroristen und entzog ihnen die Mitgliedsrechte. Das Parteiausschlussverfahren ist allerdings noch immer nicht abgeschlossen. Wiesner kündigte seinen beiden Mitarbeitern, für ihn selbst gab es keine Konsequenzen.
    Der Thüringer AfD-Landeschef Björn Höcke stellte sich an die Seite der Angeklagten, nannte die Ermittlungsergebnisse zu Verbindungen seiner Partei zu Rechtsterroristen „inszeniert“. Für den innenpolitischen Sprecher der Grünen im Sächsischen Landtag, Valentin Lippmann, ist der Fall ein Beleg „für eine enge Verstrickung einer hoch-gewaltaffinen Szene mit der AfD.“