
Beim Extremhochwasser im Sommer 2021 kamen in Rheinland-Pfalz, Nordrhein-Westfalen und in der belgischen Wallonie insgesamt 224 Menschen ums Leben. Städte und Dörfer wurden verwüstet und unbewohnbar.
Neue systematische Analysen der Todesfälle der Universität Potsdam zeigen, dass fast 60 Prozent der Opfer an Orten starben, die auf sogenannten Hochwassergefahrenkarten nicht als besonders gefährdet galten und für die das Risiko offensichtlich nicht ausreichend konkret kommuniziert wurde.
Unter ihnen waren überdurchschnittlich viele Menschen über 60 Jahre. Die Untersuchung zeigt auch, wo genau die Menschen starben und was sie dort gerade machten. Mit diesen Erkenntnissen könnten sich bei der nächsten Flut Todesopfer vermeiden lassen.
Warum die Vorhersagen so ungenau waren
Die Hochwassergefahrenkarten reichten nur bis zu einem Höchststand von 4,50 Meter, für deutlich höhere Prognosen von über fünf Metern fehlte Einsatzkräften daher die Planungsgrundlage. Die Karten sind für den Bevölkerungsschutz entscheidend. Was darin als gefährdet markiert ist, fließt in Alarm- und Einsatzpläne ein.
Gefahrenkarten beruhen auf Pegel- und Abflussdaten vergangener Hochwasser. Daraus wird berechnet, was passieren kann, und anschließend modelliert, welche Flächen wann überflutet würden. Seit Inkrafttreten der EU-Hochwasserrisikomanagement-Richtlinie 2007 müssen Gefahrenkarten für alle hochwassergefährdeten Gebiete angefertigt und regelmäßig aktualisiert werden.
2021 habe es dabei ein strukturelles Problem gegeben, sagt Andreas Schäfer vom Karlsruher Institut für Technologie. Rheinland-Pfalz und Nordrhein-Westfalen hatten weit zurückliegende Extremfluten nicht einbezogen. Deshalb fehlten in der Statistik hinter den Berechnungen historische Extremhochwasser wie die beiden von 1804 und 1910 an der Ahr.
Ein weiterer Effekt fehlte sowohl in den Gefahrenkarten als auch in den Erfahrungswerten der Helfer: die Wassergeschwindigkeit. Sie erhöht sich durch die dichte Bebauung der Täler und die stärkere Versiegelung. Lag der Anstieg der Ahr bei Hochwasser vor 2021 zwischen 30 bis 35 Zentimetern pro Stunde, waren es 2021 bereits 60 Zentimeter pro Minute, erinnert sich Feuerwehrmann Frank Linnarz.
Welche menschlichen Fehler bei der Flut 2021 zum Tod führten
58 Prozent der Menschen starben in Gebäuden: in Souterrainwohnungen, Kellern und Erdgeschossen. Seltener auch in oberen Stockwerken, wo sich das Wasser besonders hoch aufstauen konnte.
Die Kraft des Hochwassers werde oft unterschätzt, sagt Risikoforscher Andreas Schäfer. Steht das Wasser im Keller bei zehn, 20 oder 30 Zentimetern, lässt sich die Kellertür oft nicht mehr öffnen, weil das Wasser dagegen drückt. Ein 80-Jähriger, der im Keller noch schnell den Stecker aus der Tiefkühltruhe ziehen wollte, ertrank, weil der Wasserdruck die Stahltür zum Erdgeschoß blockierte.
Auch vertraute Wege können bei Hochwasser tödlich sein. Als ein Paar eine Brücke überquerte, wurde diese von einer Flutwelle überspült und stürzte teilweise ein. Die Frau wurde gerettet, der Mann starb, eingeklemmt unter einem verbogenen Verkehrsschild.
Eine andere Frau kam auf der Straße zu Tode. Wer bei einem halben Meter im Meer problemlos stehen könne, werde bei gleicher Höhe vom Hochwasser umgerissen, sagt Schäfer. Hochwasser führt auch Trümmer und Treibgut mit sich, die schwere Verletzungen verursachen können.
Welche Konsequenzen betroffene Bundesländer gezogen haben
70 Prozent der Todesfälle beim Hochwasser 2021 hätten mutmaßlich durch bessere Frühwarnung und frühere Evakuierung vermieden werden können, zeigen Simulationen vom GFZ Helmholtz-Zentrum für Geoforschung in Potsdam.
Die neuen Hochwasserkarten beziehen historische Ereignisse mit ein und weisen deutlich größere Gefahrenzonen an der Ahr aus. Die Warninfrastruktur wurde durch die Anschaffung von Sirenen, Warn-Apps, Cell Broadcast, Lautsprecherfahrzeugen, Analogfunk und Satellitentelefone verbessert. Damit soll vermieden werden, dass die Kommunikationswege erneut so früh ausfallen wie 2021.
Technologien wie der sogenannte Hydro-Zwilling sollen schnelle Hochwasservorhersagen liefern. So kann im Voraus durchgespielt werden, wie sich unterschiedliche Pegel auf Abflüsse, Brücken oder Bebauungen auswirken – und welche Schutzmaßnahmen helfen. Behörden- und Katastrophenschützer werden damit in die Lage versetzt, frühzeitig Entscheidungen zu treffen bis hin zur Evakuierung gefährdeter Gebiete. Auch bessere Feuerwehrfahrzeuge wurden angeschafft, die geländegängiger sind und durchs Wasser fahren können.
Im Ahrtal entstehen Renaturierungsflächen, damit sich das Wasser künftig besser ausbreiten kann. Doch der Umbau braucht Zeit. Die neuen Gefahrenkarten blieben daher Momentaufnahmen und seien für die Einsatzkräfte noch nicht eins zu eins anwendbar, sagt Feuerwehrmann Frank Linnarz.
Wie Menschen bei Hochwasser besser gewarnt werden können
So wichtig ein Warnsystem sei, müsse die Gesellschaft lernen, mit Gefahr umzugehen und resilient zu werden, sagt Wolfram Geier vom Deutschen Komitee Katastrophenvorsorge. Ein Prozess, der sehr viel Zeit brauche. Gemeint sind Aufklärung, regelmäßige Übungen, Katastrophenschutz in der Schule und ein anderer Blick auf vertraute Orte in allen hochwassergefährdeten Regionen.
Im Kreis Ahrweiler wurden die Alarm- und Einsatzpläne überarbeitet, sodass jeder versteht, dass Keller, Souterrainwohnungen, Brücken oder Treibgut bei Hochwasser zur Gefahr werden können – und man tiefer gelegene Orte verlassen und keine Tiefgarage betreten sollte.
Manch einer scheint die Gefahren jedoch bereits wieder vergessen zu haben und baut und renoviert genau dort, wo die nächste Starkregenlage wieder Schäden verursachen kann.
Radiobeitrag von Dagmar Röhrlich, Onlinetext von Tina Hammesfahr














