Sonntag, 05. Februar 2023

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Berichterstattung bei Wetterkatastrophen
"Wir verharren zu oft im Programmschema"

Für den Meteorologen Karsten Schwanke ist eine Lehre aus der Flutkatastrophe im Ahrtal, dass Unwetterwarnungen in den Medien anders verbreitet werden sollten - und alle digitalen Kanäle genutzt werden. Mit Blick auf die möglichen Gefahren sagte er im Dlf, dass es einfache Merksätze brauche.

Karsten Schwanke im Gespräch mit Michael Borgers / Text: Mike Herbstreuth | 07.02.2022

Zerstörte Häuser im Hochwasser in einem Ort im Ahrtal in der Eifel zwischen Dernau und Walporzheim am 15. Juli 2021.
Es werde noch viel schlimmer kommen als die Flutkatastrophe im Ahrtal, sagt der Wissenschaftler Volker Quaschning. (picture alliance / Geisler-Fotopress / Christoph Hardt)
Der ARD-Meteorologe Karsten Schwanke hatte dem SWR noch nie eine Wetter-Sondersendung angeboten - bis zum 14. Juli 2021. Damals sei definitiv abzusehen gewesen, dass es in Teilen der Eifel Starkregen und Hochwasser geben werde, sagte Schwanke im Untersuchungsausschuss des rheinland-pfälzischen Landtags zur Flutkatastrophe im Ahrtal. "Da wird's schlimm in der Eifel", hatte der Meteorologe damals den SWR gewarnt, doch der Sender lehte eine Sondersendung ab.
Schwanke sollte Recht behalten. Über 130 Menschen starben im Hochwasser im Ahrtal, die Schäden werden auf mehrere Milliarden Euro geschätzt. Wäre das alles durch eine andere mediale Berichterstattung zu verhindern gewesen? "Wir schöpfen noch nicht alle Möglichkeiten aus, mit solchen Warnungen über alle Kanäle, die uns das Mediensystem bietet, dann auch an die Öffentlichkeit zu treten", sagte Schwanke im Gespräch mit @mediasres.

Trimedialität besser nutzen

"Zu oft verharren wir heute immer noch in unserem Programmschema, das vorgegeben ist. Wir warten auf den nächsten Sendeslot, auch die nächste Nachrichtensendung - wir Meteorologen zum Beispiel auf den nächsten Wetterbericht, den wir jeden Tag machen. Wir müssen noch viel mehr darüber nachdenken, wie wir Trimedialität besser umsetzen. Wie können wir diese Warnungen jenseits des linearen Sendesystems nach außen bringen?"
Trümmer im Ortskern von Mayschoß im Ahrtal nach der Flutkatastrophe.
Ein halbes Jahr nach der Flutkatastrophe im Ahrtal schreiten die Aufräumarbeiten weiter voran (imago/ Christoph Reichwein)
Das sieht auch der SWR heute ähnlich. Gegenüber der "FAZ" sagte der Sender: "Es ist bekannt, dass am Tag der Flutkatastrophe im Ahrtal nicht alle Abläufe reibungslos und zufriedenstellend funktioniert haben. Der SWR hat selbst ein Interesse daran, aus den Erfahrungen des Tages zu lernen und geht allen möglichen Schwachstellen nach."

Schwanke fordert mehr interdisziplinäre Zusammenarbeit

Für Schwanke ist allerdings nicht nur ein besserer Austausch zwischen Experten und Sendern wichtig, sondern auch zwischen verschiedenen wissenschaftlichen Disziplinen. "Wir Meteorologen haben die Wetterlage vom 14. Juli 2021 sehr gut kommen sehen - aber niemand von uns hätte erahnen können, was das für Auswirkungen auf die Höhe der Flutwelle im Ahrtal bedeutet, die wir dann erlebt haben. Uns Meteorologen fehlte das wissen, was zum Beispiel die Hydrologen haben - und da sehe ich einen wichtigen Punkt, dass wir in Zukunft da einen besseren Austausch hinbekommen."
Mit Blick auf die Klimakrise und die dadurch steigende Zahl von Extremwettersituationen sieht Schwanke das als eine der großen Herausforderungen: "Wir müssen noch besser diese Transferleistung hinbekommen - von dem was wir sehen auf den Wetterkarten zu dem, wie es sich vor Ort auswirken kann."

Die Furcht vor zu viel Warnung

Bislang scheuten viele Meteorologen allerdings auch davor zurück, "zu laut, zu panisch" zu sein. Es sei ein schmaler Grat und man wolle auch nicht zu viel warnen, so Schwanke. "Ich habe auf dem Handy verschiedenste Warn-Apps - wenn die mich zu häuftig warnen, aber da draußen passiert nichts, dann höre ich beim zehnten Mal nicht mehr hin. Es gilt also immer auch für uns, sehr sensibel mit diesem Thema umzugehen, aber es klar zu benennen."