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StartseiteBüchermarktSparen bis kein Arzt mehr helfen kann01.06.2020

Alexander Rösler: "Unter Kitteln. Ein Krankenhausroman"Sparen bis kein Arzt mehr helfen kann

Das Krankenhaussystem ist nicht erst seit der Coronakrise am Limit. Der Hamburger Klinikarzt Alexander Rösler fragt nach Ursache und Wirkung in seinem "Krankenhausroman". Dabei beschreibt er ein krankes Gesundheitssystems, das zwanghaft auf Wirtschaftlichkeit getrimmt wurde.

Von Jürgen Deppe

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Zwei Ärzte beugen sich unter typischen Op-Strahlern über den möglichen Patienten. (imago/ Panthermedia)
Röslers Figuren symbolisieren nicht bloß Funktionsträger, die für ein Rädchen im Getriebe stehen. Röslers Figuren haben Tiefe, haben Abgründe. (imago/ Panthermedia)
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Sollte man Mitleid haben mit all diesen Halbgöttern in Weiß, diesen selbstgefälligen Koryphäen in Kitteln, die diesen Roman bevölkern? Diesen Roman, der zwar unter Ärzten spielt, aber deshalb noch lange kein Arztroman ist, sondern ein Krankenhausroman? Mitleid mit Hagen Burbeis zum Beispiel, den es nach dem Abschluss seines Medizinstudiums als Assistenzarzt an eine Klinik irgendwo in die tiefste brandenburgische Provinz verschlägt?

"Nach zwei Stunden schiebt sich der Bahnhof von Punzlau graubraun in die Fenster. Vier Gleise, Linoleumfußboden in der Halle, Dielen im Wartesaal, ein Restgeruch von Wofasept. Links am Bahnhofsvorplatz ein Taxistand ohne Taxis. Neue Wegweiser, "City" steht darauf und "Dubio-Kliniken Punzlau", Hagens Ziel."

Ein Schelm, wem schon beim Namen der Klinik Zweifel kommen. Hagen kommen keine. Er trifft bei seinem ersten Arbeitgeber Gestalten wie Gernot Mickersen, Chefarzt der Abteilung für Innere Medizin, der höchste Vergötterung erwartet für seine Fähigkeiten auf seinem Fachgebiet – und auf dem Tenniscourt. Oder auch Hans-Jürgen Doberer. Als Geschäftsführer der Dubio-Kliniken Punzlau ist er für die schwarzen Zahlen verantwortlich.

Im Zweifel für den Profit

Seine Aufforderung an das medizinische Personal: Liegt den Krankenkassen auf der Tasche, generiert Kosten, schafft Einnahmen!

"Es müssen mehr Patienten aus der Notaufnahme ins Haus aufgenommen werden." Die reine Behandlung in der Notaufnahme rechnet sich nicht. "Sie müssen für Ihre Arbeit ausreichend entlohnt werden. Und dafür können Sie selbst sorgen." Bronchitis? Könnte auch eine Lungenentzündung sein, daher aufnehmen. Beckenprellung? Manche Brüche sieht man erst am Folgetag. Er kennt sich inzwischen aus."

In diesem Klinikalltag ist es inzwischen selbstverständlich, dass alle am Anschlag arbeiten, und diese Überlastung normal finden. Wie der Assistenzarzt Sartin Rasim, der zwar mit dem Betriebsrat im Bunde ist, aber als Muslim lediglich für sein Recht auf das Freitagsgebet kämpft. Oder Mickersens Sekretärin Anni Koscinsky, die Farbe in den weißen Klinikalltag bringt, indem sie zu jedem Outfit ein Brillengestell in passender Farbe trägt. Rösler hat all das großartig beobachtet und eingefangen. Er beschreibt die tägliche Klinik-Tristesse in aller Banalität, gelegentlich sarkastisch, immer treffend.

"Es ist die vierte, letzte Nacht einer Nachtdienstserie. Er hasst die Nachtdienste, weil er sie fürchtet. Jeder fürchtet sie, aber keiner spricht davon, nur Witzchen hinterher. An den Abenden bevor man in die Nachtdienste geht, ist man kaum zu gebrauchen, abwesend, neben sich stehend. Man muss sich hineingeben, wie wenn man in einen See steigt. Sobald man schwimmt, ist es erträglich. Man vergisst die Gefahr, wenn man sich darin bewegt."

Von Abgründen und Untiefen

Röslers Figuren symbolisieren nicht bloß Funktionsträger, die für ein Rädchen im Getriebe stehen. Röslers Figuren haben Tiefe, haben Abgründe. Ob es der tennisbesessene Chefarzt Mickersen ist, der antriebslose Assistenzarzt Hagen oder – am schlimmsten – der Geschäftsführer Doberer, der alles erreicht zu haben vorgibt, wovon er je geträumt hat:

"Die Leute würden sagen: "Was will man mehr?" Und wenn man das Ganze global betrachtet, denkt er, mit Afrika und allem, müsste er glücklich sein. Geschäftsführer, sicher verheiratet, rundum zufrieden. Man muss das üben."

Heimlich schleicht er regelmäßig in ein trostloses Gewerbegebiet, um bei erotischen Thai-Massagen Trost zu finden, während seine Frau zuhause unter einer schweren Krankheit leidet. Ganz im Stile von Professor Unrat verfällt er einer der Prostituierten und fahndet sehnsüchtig nach ihr, als sie eines Tages verschwunden ist.

"Er hat nachgefragt, persönlich und von einer Telefonzelle in Helpt aus. Er wolle zu Nuki, er kenne sie, er vertraue ihr. Er würde auch mehr zahlen. Nuki sei nicht mehr da. Nuki sei zurück nach Thailand gegangen."

Doberer wird ihr heimlich nachreisen.

Risikopatient Krankenhaus

Geltungssüchtig wie sie alle durch den stressigen Klinikalltag wimmeln, stolpert Assistenzarzt Hagen schließlich über eine von Mickersen eingefädelte Hochstapelei, von der alle profitieren sollten. Da aber eine Krähe der anderen kein Auge aushackt, fällt Hagen weich und der Vorwurf schnell unter den Tisch. Am Ende wird es Opfer geben. Andere als erwartet, und schlimmer als befürchtet. Als Erkenntnis bleibt, dass dieses Krankenhaussystem auf die Intensivstation gehört und dieses Buch nicht nur in die Hände von Weißkitteln.

Alexander Rösler: "Unter Kitteln. Ein Krankenhausroman."
Literatur Quickie Verlag, Hamburg. 188 Seiten, 19 Euro.

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