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Ali Smith: "Sommer"Kunst als Hoffnung

Mit "Sommer" schließt die schottische Schriftstellerin Ali Smith ihre Jahreszeiten-Tetralogie ab. Seit 2016 hat sie vier Romane veröffentlicht, die die nervöse englische Gegenwart zwischen Brexit und Corona spiegeln. Zugleich betreibt Smith ein raffiniertes Spiel mit der Literaturgeschichte.

Von Christoph Schröder

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Ali Smith: "Sommer" Zu sehen sind die Autorin und das Buchcover (Cover: Luchterhand Verlag / Foto: imago / Italy Photo Press)
Vier Bücher in vier Jahren: Mit "Sommer" endet Ali Smiths Tetralogie (Cover: Luchterhand Verlag / Foto: imago / Italy Photo Press)
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Im Jahr 2012 sprach Ali Smith in vier Poetikvorlesungen am St Anne’s College von Oxford über ihr Schreiben. Wie nicht anders zu erwarten, sind ihre Vorträge, 2017 unter dem Titel "Wem erzähle ich das" in deutscher Übersetzung erschienen, selbst kleine literarische Kunstwerke, in denen Romanfiguren ein Eigenleben führen und in einen Dialog mit der Gegenwart treten.

So funktioniert das Denken der schottischen Schriftstellerin Ali Smith. Ihre Ästhetik zielt auf eine ständige und geradezu organische Durchdringung von Kunst und Wirklichkeit. Smith selbst stellte in den Vorträgen die provokante Frage, ob es nicht eine Anmaßung sei, zu behaupten, man kenne ein Buch, bloß weil man es einmal gelesen habe. Denn, so führte sie weiter aus:

"Bücher brauchen Zeit, um sich uns nach und nach zu erschließen, wir brauchen Zeit, um zu begreifen, was sie ausmacht – strukturell, in den thematischen Anschlüssen, den Gedanken, die sie auslösen, und den Korrespondenzen mit Büchern, die ihre Vorläufer waren, denn Bücher werden eher von Büchern hervorgebracht als von ihren Verfassern; sie sind das Ergebnis aller Bücher, die vor ihnen da waren."

Nach diesem Prinzip sind auch die Romane der Jahreszeiten-Tetralogie konzipiert. Jeder einzelne steht auf den Schultern literarischer Vorläufer. Ali Smith hat sichtliche Freude daran, Shakespeare- oder Charles Dickens-Referenzen, -Zitate und -Motive in ihre Texte hineinzuweben. Ausgerechnet in "Sommer" spielt sie immer wieder auf Shakespeares "Wintermärchen" an. Smiths literarische Verweise sind mehr als nur ein Spiel, doch sind sie nicht zwangsläufig für den eigentlichen Plot relevante intertextuelle Unterströmungen, die zum detektivischen Kombinieren auffordern. Vielmehr erweitert Ali Smith mit ihrem Verfahren den Raum, in den sie ihre Figuren setzt. So bekommen sie Luft und Tiefe zugleich.

Korrespondierende Bücher

Unter anderem daraus resultiert die Freude, die Ali Smiths Romane beim Lesen bereiten. Sie flirren nur so von Überraschungen, sprachlichen Einfällen, stilistischen Varianten. Nie stellt sich das Gefühl ein, hier wolle eine Autorin ihre Brillanz aus Eitelkeit ausstellen. Dass die Übersetzerin Silvia Morawetz die Eleganz, den Humor und die Assoziationsfreudigkeit von Smiths Sätzen adäquat ins Deutsche übertragen hat, ist eine außerordentliche Leistung.

Jeder der vier Jahreszeiten-Romane ist als einzelnes Buch lesbar und in seiner Handlung verständlich, doch erst jetzt, mit dem Abschluss des Projekts, wird deutlich, wie sehr die Bücher auch miteinander korrespondieren. Was alle vier Bücher verbindet, ist die im gehetzten Stakkato vorgebrachte Tirade, mit der Smith die Romane eröffnet. In "Winter" war es ein Abgesang auf das kulturelle Leben; in "Frühling" verschärfte Smith den Ton in Richtung eines populistischen Einpeitschers. In "Sommer" bringt die Erzählstimme ihre Wut über die Gleichgültigkeit der Politik angesichts globaler Katastrophen zum Ausdruck.

Die Welt als Katastrophe

Das führt direkt zur 16-jährigen Sacha Greenlaw, einer der zentralen Figuren im neuen Roman "Sommer". Sacha lebt mit ihrer Mutter Grace und ihrem 13-jährigen Bruder Robert in Brighton. Die Situation der Familie ist einigermaßen kurios: Der Vater hat sich von der Mutter getrennt und wohnt nun im Nachbarhaus – gemeinsam mit seiner neuen Lebensgefährtin Ashley. Sie kommen miteinander aus, aber mehr auch nicht.

Wie schon die vorangegangenen Romane spielt auch "Sommer" nicht oder nicht ausschließlich in der Jahreszeit, die dem Buch den Titel gab. Tatsächlich beginnt diese Geschichte im Winter, im Februar des Jahres 2020. Erschrocken und mitfühlend zugleich sieht Sacha im Fernsehen die australischen Buschbrände und die verbrennenden Tiere. Sacha engagiert sich, geht gegen die ignorante Klimapolitik auf die Straße. Zugleich aber hat sie im Stillen die Hoffnung auf eine lebenswerte Zukunft aufgegeben:

"Sie weiß bereits, dass sie niemals Kinder bekommen wird. Warum sollte man ein Kind einer Katastrophe aussetzen? Das wäre, als würde man in einer Gefängniszelle ein Kind zur Welt bringen. Und Brighton ist eine gute Stadt, eine der besten im Land für Grünes, der einzige Ort in ganz Großbritannien mit einem grünen Unterhausabgeordneten, und trotzdem sagen die Leute in den Lokalnachrichten auch hier die Erderwärmung ist Schwindel hören Sie auf mir Angst einjagen zu wollen hören Sie auf meine Kinder so mit diesem Unsinn zu ängstigen dass sie nachts nicht schlafen können ist doch prima mir wäre mehr Wärme recht die Erde käme damit klar das ganze Jahr lang Sommer wär doch toll."

Destruktiver Erfindungsreichtum

Sachas familieninterner Gegenspieler ist ihr drei Jahre jüngerer Bruder Robert. Er ist die bei weitem unsympathischere, aber vielschichtiger entworfene Figur. Wie Sacha ist auch Robert überdurchschnittlich intelligent, aber neuerdings erfüllt von einer Bösartigkeit, die die Grenzen zum Humor schon lange überschritten hat. Robert ist ein Charakter, der so zerrissen ist wie das Land selbst: Fasziniert vom Leben und Denken Albert Einsteins, fantasiebegabt und voller Ideen, wendet er seinen Erfindungsreichtum zunehmend ins Destruktive. Gleichzeitig hat der 13-Jährige einen herzlosen Neoliberalismus und dessen Phrasen bereits in sich aufgesogen und zu seiner vermeintlich eigenen Haltung gemacht:

"Ich hab lediglich angemerkt, dass sich, wie der Chefberater unseres Premierministers in seinem Blog schrieb, bei Kindern, die aus armen Verhältnissen kommen oder dort aufwachsen, Bildung nicht lohnt, weil sie es sowieso nicht schaffen, sagte Robert. Sie werden nie etwas lernen, und es ist sinnlos, wenn der Staat bei ihnen Geld für Bildung ausgibt, mit der sie von Natur aus nichts anfangen können."

Die glaubhafte Inneneinsicht in derart ambivalente Figuren ist eine der vielen Stärken von Ali Smith. Das ist Teil eines Gesamtkonzepts, das die Welt stets von allen Seiten betrachtet. England im Jahr 2020, wenige Tage nach dem offiziellen Brexit-Datum, ist ein freudloses Land. Die Corona-Pandemie wirft ihre ersten Schatten voraus und wird in "Sommer" zunehmend zu einem Symbol von Vereinzelung und Vereinsamung werden. Unter der Erzähloberfläche ihres Tableaus von Geschichten hat Smith ihr Netz an Motiven sicher und eng verknüpft. Das sorgt auf geradezu wundersame Weise dafür, dass der an sich etwas abstruse Gedanke, alles in der Welt hänge irgendwie dann doch mit allem zusammen, wenn es nur gründlich genug betrachtet wird, plausibel erscheint.

Ein freudloses Land

Der Sommer wirkt in Smiths Roman weniger wie eine Jahreszeit als ein heller, flüchtiger Sehnsuchtsort, in dem Freundlichkeit und Menschlichkeit herrschen. Ein Gedanke, der nicht mit einer romantischen Utopie verwechselt werden sollte. In Ali Smiths Kosmos gibt es immer beides zugleich, das Niederträchtige und das Gute, das Schöne und das Hässliche. Es gibt die brennende und die erhabene Natur, die Ausbeuter und die selbstlosen Wohltäter, es gibt den Populismus und die Schönheit der Kunst. Sacha hat einen Briefwechsel mit einem in einem Flüchtlingsheim internierten Mann aufgenommen. In einem ihrer Briefe formuliert sie, stellvertretend für die Autorin selbst, ihre Definition von Schönheit und Poesie:

"Es gibt ein Gedicht von der Dichterin Emily Dickinson, das mir gefällt. Es sagt (poetischer allerdings als ich hier), was wäre, wenn man eine Lerche spaltet? Ich stelle mir vor, wenn man einen Mauersegler aufschneidet, im übertragenen Sinne natürlich nur, trüge er zusammengerollt eine Botschaft in sich, die ausgebreitet ein Wort ergibt: SOMMER. Wie kämen wir je auf die Idee, irgendetwas auf der Welt wäre wichtiger als das Auge oder das Gehirn eines solchen Vogels oder als seine Gestalt am Himmel."

Schicksal von Geflüchteten

Das Schicksal von Geflüchteten zieht sich bereits durch die zwei voran gegangenen Romane der Tetralogie. In "Winter" ist es eine Frau namens Iris, die von ihrer Arbeit in Griechenland in das herrschaftliche, aber verfallende Anwesen ihrer Schwester nach Cornwall zurückkehrt, um dort Weihnachten zu feiern. Beide, Iris und das Gut in Cornwall, werden auch in "Sommer" einen Auftritt haben. Im vorherigen Roman "Frühling" richtete Smith ihren Blick auf eine Angestellte eines privaten Sicherheitsdienstes. Sie bewacht eine Einrichtung, in der nach England geflüchtete Menschen vom Staat illegal festgehalten werden.

In "Herbst", dem Auftakt des Jahreszeiten-Zyklus, angesiedelt im Jahr 2016, ist ein Mann namens Daniel Gluck gerade 100 Jahre alt geworden. In "Sommer", vier Jahre später, wird er von seiner Nachbarin Elisabeth im Landhaus von deren Familie in Suffolk gepflegt. In Daniels Bewusstsein überlagern sich Erinnerung, Traum und Realität. Ali Smith verbindet in "Sommer" nun die in all ihren Romanen obligatorischen zeitlichen Rückblenden mit dem Komplex von Flucht, Heimatlosigkeit und unfreiwilliger Internierung.

Das Lager der Künstler

Daniel Glucks Geschichte, die aus seinem Dämmerzustand heraus zutage tritt, ist die einer Gefangenschaft: Im Jahr 1940 nahmen die Engländer deutsche oder deutschstämmige in England lebende Menschen unter dem Verdacht der Kollaboration fest und brachten sie in das Hutchinson Camp auf der Isle of Man. Auch Daniel und sein Vater wurden als in die englische Gesellschaft bestens integrierte Bürger als Verdächtige dort eingesperrt und dem Misstrauen der Befehlshaber ausgesetzt:

"Wir sind diejenigen, die glaubten, sie wären den Nazis entkommen, sagte der Mann neben Daniel. Wir sind Ärzte, Lehrer, Chemiker, Ladenbesitzer, Fabrikarbeiter und Ungelernte, alles Mögliche. Nur Nazis, das sind wir nicht.
Uns hat man nichts gesagt, sagte der Soldat. Es hieß, Feindstaatenausländer. Dann sind Sie gar nicht die Deutschen?
Die Deutschen sind nicht alle Nazis, sagte der Mann."

Verschwimmendes Bewusstsein

Das Hutchinson Camp ist ein Ort, an dem die Gnadenlosigkeit der Zeitläufte und die Notwendigkeit von Kunst zugleich aufscheinen: Man nannte es "Das Lager der Künstler". Im Camp erschien eine eigene Zeitung, und es entwickelte sich schnell ein reges Musik- und Theaterleben. Zu den prominenten Gefangenen des 1944 aufgelösten Camps zählten unter anderem der Dadaist Kurt Schwitters und der Maler Fred Uhlmann. Beiden schenkt Ali Smith in ihrem Roman denkwürdige Kurzauftritte.

In der durch und durch humanen, empathischen und klugen Darstellung des 104 Jahre alten Daniel und seines verschwimmenden Bewusstseins zeigt sich zugleich aber auch die technische Eleganz der Autorin Ali Smith, und das auf gleich mehreren Ebenen. So raffiniert und unmerklich springt die Erzählstimme oftmals innerhalb weniger Zeilen zwischen den Zeit-, Erinnerungs- und Wahrnehmungsebenen in Daniels Kopf hin und her, dass diese sich zu einem in sich geschlossenen Bild zusammenfügen:

"Erinnerungen kommen Daniel jetzt, wie eine Schneeflocke auf etwas Warmem schmilzt, auf deinem Gesicht, deiner Hand, auf deinem Kragen, wenn du aus der Kälte hereinkommst. Manchmal hört er das Getrappel der Pferdehufe auf den Straßen der Städte, in denen er aufgewachsen ist, hier draußen vor dem Fenster.
Das sind keine Pferde, sagen sie ihm im Haus seiner Nachbarin. Das sind die Leute aus der Airbnb-Wohnung weiter hinten. Es sind die Räder ihrer Koffer, die über die Risse auf dem Gehweg rollen."

Die Kleine atmet

Aus wechselnden Perspektiven, Daniels Erinnerung inklusive, erzählt Ali Smith in einem Einschub von Daniels Schwester Hannah, die im von den Nationalsozialisten besetzten Frankreich Friedhöfe abschreitet. Sie notiert Namen von Toten, um auf eben diese Namen unauffällig falsche Pässe ausstellen zu lassen, mit denen wiederum verfolgte Oppositionelle das Land verlassen können. Als sie selbst ins Visier der Behörden gerät und fliehen muss, lässt sie ihr kleines Kind bei französischen Helfern zurück – nicht ohne vor dieser einschneidenden Entscheidung Trost in der Literatur zu finden:

"Sie beobachtet, wie die Kleine atmet und sich im Schlaf bewegt. Rilke sagt, wer ein Kind bekommt, hat diesem Kind bereits seinen Tod gereicht, hat ihn dem Kind in den Mund gesteckt wie einen Brocken graues Brot, wie den Gröps von einem schönen Apfel.
Ihre Eltern, kannten sie dieses Gefühl? Und deren Eltern vor ihnen? Und deren Eltern davor ebenfalls? Und dennoch, kein Groll."

Mehr als Selbstreferentialität

Kritiker werfen Ali Smith vor, ihr in sich perfektes System aus Intertextualität und Verweisen hin und wieder allzu demonstrativ, ohne erzählerische Notwendigkeit zu betreiben. Es ist ein ernst zu nehmender Einwand, der im Zusammenhang mit dem düsteren, 2017 erschienenen "Winter"-Buch eine Berechtigung haben könnte.

Jedoch: Die Jahreszeiten-Tetralogie als Gesamtkunstwerk und der virtuose Abschluss mit dem "Sommer"-Roman, dem umfangreichsten der vier Bücher, entkräften den Vorwurf der allein kunstkünstlerischen Selbstreferentialität. Hier spielt nicht eine Autorin ihr postmodernes Spiel mit Versatzstücken, sondern hier schreibt eine starke Schriftstellerin, die die Literatur und die Kunst ernst nimmt und daraus Trost, Humanität, Würde, Selbstbehauptung und Erkenntnis gewinnt.

Ali Smith ist jederzeit in der Lage, ihr Material immer wieder historisch anzureichern. So lädt sie bereits eingeführte Motive aufs Neue mit Bedeutung auf. Ein weiteres Beispiel, neben den Erinnerungen an das Internierungslager, ist die ebenfalls in "Sommer" vorgestellte Biografie der Schriftstellerin, Regisseurin und Malerin Lorenza Mazzetti. Ihre Tante war mit einem Cousin Albert Einsteins verheiratet. Als Jugendliche wurde Lorenza Zeugin einer politischen Hinrichtung:

"In jenem Sommer wurden die Deutschen in Italien von den vorrückenden alliierten Armeen zurückgedrängt. Eines schönen sonnigen Tages kamen Wehrmachtsoffiziere ins Haus, und als sie Robert nicht fanden, der in die Wälder geflüchtet war, weil er wusste, dass sie ihn abholen wollten, taten sie zweierlei. Sie töteten alle Einsteins, die sie aufstöbern konnten. Lorenza Mazzetti und ihre Schwester ließen sie am Leben, weil ihr Nachname nicht Einstein war."

Rechte der Schwachen

Da sind die Greenlaws in Brighton, Grace, Sacha, Robert, und ihr dezent aus den Fugen geratenes Familienleben. Da ist der 104-jährige Daniel Gluck im Haus an der ostenglischen Küste. Da ist Iris, eine alte Kämpferin für die Rechte der Schwachen, die nach dem Tod ihrer Schwester das Herrenhaus in Cornwall übernommen hat. Da ist ein Mann namens Hero in einem Geflüchtetenlager irgendwo in England, der Briefe von Sacha empfängt und auch beantwortet. Da ist der Brexit. Da ist die beginnende Corona-Pandemie, die das Land allmählich in ihre Schraubzwinge nimmt. Da sind Erinnerungen, Ängste, kleine und große Gemeinheiten.

Es ist ein Land in Aufruhr, das Ali Smith zeigt. Ein Land, das bis in seine Familien hinein zerfressen ist. All das, all diese Lebenslinien und Lebenserwartungen, die Generationen und unterschiedlichen Erfahrungshorizonte, bringt Ali Smith ohne jedes Knirschen wie durch Zauberei in ein schlüssiges Großes und Ganzes. Es ist kaum zu glauben, dass jeder Roman der Tetralogie in nur wenigen Monaten entstanden ist.

Ein Land in Aufruhr

Im Fall von "Sommer" sind die Bindeglieder zwischen den Geschichten zwei Menschen: Arthur, genannt Art, der bereits aus "Winter" bekannte Internetkünstler und Neffe der Aktivistin Iris, und seine Ex-Freundin Charlotte. Sie bringen die Greenlaws aus guten Gründen an die englische Ostküste, nach Suffolk. Dort, in einem Dorf namens Roughton Heath, lebte Albert Einstein im September 1933 für einen Monat in einer Hütte, bevor er in die USA floh. Nicht weit davon entfernt verbrachte Grace Greenlaw vor rund 30 Jahren den schönsten Sommer ihres Lebens, bevor sie ihre Träume von einer Schauspielkarriere begraben musste. In der Nähe liegt Daniel in seinem schwebenden Erinnerungszustand. Der von Selbstzweifeln und Krisen geplagte Art wiederum wird hier eine neue Liebe finden, nicht ahnend, dass auch zwischen seiner kürzlich verstorbenen Mutter Sophia und Daniel eine Verbindung bestand.

Ali Smiths Jahreszeiten-Tetralogie ist auch und immer wieder die bittere Bestandsaufnahme einer Nation im Griff von politischem Populismus, Unbarmherzigkeit, Größenwahn und Gier. Die Romane haben keine Tendenz zu falschen Idyllen. Aber bei genauem Hinsehen gestattet Smith jedem ihrer Bücher einen kleinen Lichtblick.

Unterm Nachthimmel

Die kalten, scheußlichen Tage, so schließt der Roman "Frühling", könnten sich dem Ende zuneigen. In "Sommer" sind Kunst und Schönheit Quellen der Hoffnung. So ist es weder ein kitschiges noch ein verlogenes Bild, wenn Smith zum Abschluss ihres Projekts der Kleingeistigkeit familiärer Streitigkeiten, der Angst vor sozialem Absturz und – ja – auch dem ersten Corona-Lockdown die Unendlichkeit des Himmels entgegenhält:

"Sie standen unter einem Nachthimmel auf einem Parkplatz, auf dem vielleicht Einstein selber einmal stand und zu den winzigen erleuchteten Pünktchen in der Schwärze hinaufsah, zu den alten und echten und bereits erloschenen Sternen, bis Roberts Schwester, die aufgewacht war und sie winken sah, sich den Mantel um die Schultern zog, aus dem Auto ausstieg und dahin kam, wo sie in der Kälte standen, und alle zusammen schauten sie hinauf."

Als Leserin oder Leser von Ali Smiths Jahreszeiten-Zyklus kann man nur bewundernd zu dieser Schriftstellerin heraufschauen. Mit "Sommer" hat Ali Smith ein literarisches Projekt abgeschlossen, wie es in der Gegenwartsliteratur nicht viele geben dürfte: Es sind kühn angelegte Romane, die sehr nahe an unserer nervösen Epoche sind und trotzdem zeitlose Schönheit ausstrahlen.

Ali Smith: "Sommer"
Aus dem Englischen von Silvia Morawetz
Luchterhand Verlag, München, 380 Seiten, 22 Euro.

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