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StartseiteBüchermarktKinderkolonie im Kaukasus08.07.2021

Anatoli Pristawkin: "Schlief ein goldnes Wölkchen"Kinderkolonie im Kaukasus

Wiederbegegnung mit einem russischen Bestseller der Perestrojka-Zeit: Anatoli Pristawkins autobiografischer Kindheitsroman war 1987 ein tabubrechendes Ereignis in der UdSSR. Das Buch über die Deportation der Tschetschenen hat bis heute nichts an politischer Brisanz und literarischer Qualität verloren.

Von Brigitte van Kann

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Anatoli Pristawkin: "Schlief ein goldnes Wölkchen" (Buchcover: Aufbau Verlag, Hintergrund: Gerda Bergs)
Der Erfolgsroman aus der 1980-ern neu aufgelegt (Buchcover: Aufbau Verlag, Hintergrund: Gerda Bergs)
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Es war eine Sensation, als Anatoli Pristawkins Roman "Schlief ein goldnes Wölkchen" 1987 in der Sowjetunion erschien. Über vierzig Jahre lang waren die in diesem Buch geschilderten Ereignisse Tabu gewesen – nun konnte in der von Michail Gorbatschow initiierten Perestrojka-Zeit zum ersten Mal offen über die Deportation der Tschetschenen aus ihren angestammten Gebieten im Kaukasus gesprochen werden. Auf Stalins Geheiß hatte man sie wegen angeblicher Kollaboration mit den deutschen Besatzern 1944 in Viehwaggons getrieben und ins Ungewisse abtransportiert. Hunderttausende wurden entwurzelt, viele kamen bei der brutalen Aktion ums Leben. Es war ein weiteres Kapitel der blutigen Unterwerfung der Tschetschenen durch Russland. Nach dem Ende der Sowjetunion zogen die Ereignisse von 1944 zwei blutige Kriege gegen Tschetscheniens Unabhängigkeitsbestrebungen nach sich. Heute ist Tschetschenien ein Land von Russlands Gnaden, in dem Menschenrechtsverletzungen an der Tagesordnung sind. Pristawkins Roman "Schlief ein goldnes Wölkchen" kann man als Vorgeschichte dazu lesen.

Der ungewöhnliche Titel zitiert übrigens die erste Zeile des Naturgedichts "Der Fels", das von Abschied und Einsamkeit handelt und das in Russland jeder kennt. Geschrieben hat es Michail Lermontow 1841 auf dem Weg in den Kaukasus, wohin er zum zweiten Mal verbannt worden war.

Pristawkins eigenes Schicksal

Anatoli Pristawkin hatte sein Buch schon 1981 fertiggestellt, als an eine Veröffentlichung in der Sowjetunion noch nicht zu denken war. Vor lauter Glück und Dankbarkeit, dass sein Werk sechs Jahre später das Licht der Welt erblicken durfte, widmete der Autor es allen, die - wie er schrieb - "dieses Kind der Literatur als ihr eigenes annahmen, als es kein Obdach fand, und die so seinen Autor nicht verzweifeln ließen."

Das Bild des obdachlosen Kindes wählte der Schriftsteller nicht zufällig. Sein Buch erzählt vom Schicksal zweier russischer Zwillingsbrüder, die keine Eltern mehr haben. Die beiden Elfjährigen wollen dem Hunger und dem Kriegselend in ihrem Heim in der Nähe von Moskau entfliehen und melden sich freiwillig, um zusammen mit 500 anderen russischen Waisen in eine Kinderkolonie im Kaukasus zu fahren - dort, so hat man ihnen versprochen, ist es warm und schön und es gibt herrliches Essen in Hülle und Fülle.

Hoffen und Leiden seiner beiden Protagonisten schildert der Autor in der dritten Person. Bei besonders schmerzlichen Situationen wechselt er in die erste Person und legt damit eine Fährte zu seinem eigenen Schicksal: Auch Anatoli Pristawkin verlor als kleiner Junge während des Zweiten Weltkriegs beide Eltern und kam zusammen mit anderen obdachlosen Waisen in eine Kinderkolonie im Kaukasus.

Ankunft in einem menschenleeren Land

Die ersehnte Ankunft in den Bergen nach der langen hungrigen Bahnfahrt muss mit einem sich steigernden Unbehagen, ja Entsetzen einhergegangen sein:  

"Ich erinnere mich an die Unruhe, die uns auf dem Weg von der Station bis zum Fuß der bewaldeten Berge erfasste. [...] kein Mensch war zu sehen. Kein einziger Mensch ... Während unseres stundenlangen Marsches war uns kein Fuhrwerk, kein Auto, kein zufälliger Wanderer entgegengekommen. Die ganze Gegend war menschenleer. Die Felder waren bald erntereif. Jemand hatte sie bestellt und gejätet und würde sie abernten wollen. Aber wer? [...] Warum empfing uns dieses schöne Land so einsam und menschenleer?"

Was die Unruhe der Kinder noch steigert, sind Schüsse und Detonationen aus den Bergen. Das versprochene Paradies empfängt die heimatlosen Waisen nicht mit dem ersehnten Frieden. Von einem Russen, der in einem der leeren Häuser im Dorf lebt und sich mit allerhand Schiebereien beschäftigt, erfahren die beiden Brüder, weshalb man sie in den Kaukasus gebracht hat.

"Euch haben sie hergebracht, damit ihr das Land hier besiedelt. Verstanden? Deswegen ... ihr armes Gesindel. Ihr sollt hier die Bevölkerung werden."

Tschetschenische Männer, die sich der Deportation durch Flucht in die Berge entzogen haben, unternehmen nächtliche Rachefeldzüge gegen die russischen Umsiedler. Von ihrem Hass bleibt auch die Kinderkolonie nicht verschont. Bei einem tschetschenischen Überfall kann einer der Zwillinge entkommen. Als er in die menschenleere, verwüstete Kolonie zurückkehrt, findet er seinen Bruder grausam ermordet und verstümmelt vor – Bilder, die sich dem Leser ins Gedächtnis brennen. Zwischen dem Überlebenden und einem verwaisten tschetschenischen Jungen, der ebenso einsam und obdachlos ist, entsteht über die Feindschaft ihrer Völker hinweg eine tiefe brüderliche Beziehung. Die beiden versprechen einander, sich nie wieder zu trennen. Rotarmisten greifen sie auf und bringen sie in eine Sammelstelle für obdachlose Minderjährige in der tschetschenischen Hauptstadt Grosny. Dort hat man auch Kinder aufgenommen, deren Nationalität der kontrollierenden sowjetischen Militärbehörde ein Dorn im Auge ist - Juden, Deutsche, Tataren. Von der Sammelstelle aus sollen die Kinder auf verschiedene Waisenhäuser in der Sowjetunion verteilt werden. Der Autor deutet an, dass man die beiden brüderlichen Freunde auseinanderreißen wird. Der Roman endet mit einer Bahnfahrt ins Ungewisse.

Nächtliche Rachefeldzüge

Bestseller haben in der Regel ihre Zeit. Jahrzehnte später erschließt sich ihr einstiger Ruhm oft nur noch schwer. Anatoli Pristawkins Erfolgsroman aus der 1980ern erweist sich - über die tabubrechende Sensation von damals hinaus - als eindringliches Werk, das mit seinen Perspektivwechseln und gut dosierten Schwenks zwischen der erzählten Zeit und der Zeit seiner Niederschrift auch literarisch immer noch überzeugt.

Navid Kermanis Initiative ist es zu verdanken, dass dieses Buch nun neu aufgelegt wurde. Sein Nachwort sei allen Lesern ans Herz gelegt.

Anatoli Pristawkin: "Schlief ein goldnes Wölkchen"
Aus dem Russischen von Thomas Reschke und neu überarbeitet von Ganna-Maria Braungardt und Christina Links
Mit einem Nachwort von Navid Kermani
Aufbau Verlag, Berlin. 319 Seiten, 22 Euro.

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