Donnerstag, 01. Dezember 2022

Weltklasse nur mit Überstunden?
Mangelnde Anerkennung für hauptamtliche Trainer in Deutschland

Hinter jedem Topathleten und jeder Medaille steht auch ein Trainer, dennoch arbeiten viele hauptberufliche Trainer*innen in Deutschland unter schlechten Arbeitsbedingungen. Das zu ändern, scheint eine sehr komplexe Aufgabe, die lieber an andere Stelle weitergegeben wird.

Von Sabine Lerche | 29.10.2022

Der deutsche Speerwerfer Thomas Röhler (l) und sein Trainer Harro Schwuchow.
Ohne Trainer*innen läuft nichts, die Anerkennung als Beruf muss aber noch geschaffen werden. (dpa/picture alliance/ Jan Woitas)
„Vielen Dank für die motivierenden Worte – dass du Tag und Nacht im Einsatz bist – ich wäre nicht da, wo ich jetzt bin, ohne euch“
So oder so ähnlich dankten Sportler*innen am ThanksCoachDay im September ihren Trainer*innen. Liebe zum Sport, soziales Engagement, eine Leidenschaft, die zum Beruf, Nebenberuf oder zumindest zur Aufgabe wird - das ist die eine Seite der Trainertätigkeit.
Auf der anderen Seite stehen niedrige Gehälter, unbezahlte Überstunden und schlechte Arbeitsbedingungen im Bereich der Berufstrainer*innen. Im Juli 2022 führte der Berufsverband der Trainer*innen im Deutschen Sport eine Online-Befragung unter den deutschen Bundestrainer*innen durch. 240 haben teilgenommen, über die Hälfte von ihnen ist nur befristet angestellt, bei knapp 70 Prozent werden Überstunden nicht ausgeglichen und 80 Prozent überschreiten die vereinbarte wöchentliche Arbeitszeit.
Der Berufsverband kämpft schon seit zehn Jahren für bessere Arbeitsbedingungen im Berufstrainer-Bereich:
„Wie so häufig ist es kein Erkenntnisproblem, sondern eher ein Umsetzungsproblem. Und da fehlte einfach in den letzten Jahren und Jahrzehnten der Mut, bestimmte Dinge voranzutreiben und auch mal den Knoten zu durchschlagen“, sagt Verbandsvorstand Holger Hasse. Der Berufsverband fordert vor allem ordentliche und verbindliche Verträge, eine Bezahlung in Höhe von Sportlehrergehältern und dass die Trainertätigkeit als Beruf anerkannt wird:
„Die berühmte Frage: Ach, du bist Trainer und was machst du sonst noch? Oder womit verdienst du dein Geld? Deswegen ist auch für uns ganz wichtig, dass wir dort auch den Mut haben - übrigens auch gegenüber unserer eigenen Klientel, die das teilweise nicht will - zu fordern: Wir brauchen eine ordentliche Qualifizierung. Und solange wir das nicht von uns selbst auch erwarten dürfen, werden wir dann auch natürlich weniger ernst genommen. Deswegen: Die Trainerinnen und Trainer müssen auch hart an ihrem Selbstbild arbeiten und auch an ihrem Image.“

DOSB-Projekt für alle Trainer*innen in Deutschland

In Deutschland gibt es ehrenamtliche, nebenberufliche und berufliche Trainertätigkeiten. Nur vier Prozent, insgesamt über 10.000, sind Berufstrainer*innen. Seit 2019 läuft das Projekt „TrainerInSportdeutschland“ vom DOSB, mit dem der Dachverband alle Trainer*innen erreichen will.
„Ohne die Trainer läuft nichts, ob es im Vereinssport ist oder ob es im Leistungssport ist, im Kindersport oder bei den Senioren“, bekräftigt Wiebke Fabinski, zuständig für Sportentwicklung und Bildung beim DOSB. Das Projekt-Ziel ist groß gesetzt: Die Situation der Trainer*innen nachhaltig und individuell in jedem Bereich verbessern.

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Dazu gehört auch die Vision einer bildungspolitischen Anerkennung der Trainerkompetenzen. Aber das ist nicht so einfach: Bis jetzt haben Berufstrainer*innen gegenüber Berufsausbildungen und Studiengängen formal nichts in der Hand. Denn weder die Trainerlizenzausbildung des DOSB noch der Diplomtrainerstudiengang an der Trainerakademie in Köln sind als formaler Abschluss in Deutschland anerkannt.

Vorreitermodell: Verbundstudium zum Trainer im Skisport

Im Skisport soll sich das ändern: Der Deutsche Skiverband DSV hat ein Verbundstudium zum Trainer im Skisport geschaffen. Aktuell erwerben 50 Studierende die Trainerlizenzen und zugleich einen Bachelorabschluss im Sport an einer privaten Hochschule. Wie in einem dualen Studium arbeiten sie zusätzlich für einen Verband oder einen Verein.
Die angehenden Trainer*innen hätten so eine formal anerkannte Qualifizierung und zudem eine Exitstrategie für die Zeit nach ihrer Trainerlaufbahn, erklärt Thomas Braun, DSV-Vorstand für Sportentwicklung und Bildung. Dennoch schafft die höhere Qualifikation nicht automatisch auch eine höhere Bereitschaft und mehr finanzielle Mittel bei der Trainerbezahlung:
„Das Bekenntnis für qualitativ hochwertige Trainer im deutschen Sport muss da sein und Qualität kostet natürlich auch Geld. Das ist richtig. Es hilft uns nix, wenn wir im Nachwuchsleistungssport Trainer im System haben, die nicht gut ausgebildet sind, weil damit werden wir Talente verlieren und da glaube ich, da spreche ich nicht nur von unseren Sportarten, sondern für den gesamten deutschen Sport.“
Braun ist der Überzeugung, dass jeder Sportverband so ein Verbundstudium aufbauen könnte. Der DSV als Vorreiter hat sein Modell bereits den anderen Fachverbänden vorgestellt:
„Die Hauptreaktion ist eigentlich die: Wir als öffentlich geförderte Verbände, die auch nicht so viel finanzielle Ressourcen haben, können uns das gar nicht leisten. Was aber nicht ganz stimmt aus unserer Sicht. Also wir haben unser Modell so aufgestellt, dass der Deutsche Skiverband die Studiengebühren übernimmt. Das heißt, wir zahlen pro Student rund 20.000 Euro in die Ausbildung, also eine Viertelmillion pro Jahr in die Ausbildung der Studenten.“
Ein anderer Weg wäre, dass die Arbeitgeber der Studierenden die Kosten übernehmen, schlägt Braun vor. Die Kosten sind ein Knackpunkt, auch der DSV geht gerade in Vorleistung:
„Die Frage ist natürlich: Wie lange können wir uns das leisten? Und es müsste eigentlich eine Aufgabe der Länder und des Bundes sein, sich an dem strategisch wichtigen Punkt der Trainerbildung auch finanziell zu beteiligen. Das würde ich gar nicht als Skiverband aussprechen, sondern als einer der Mitglieder im DOSB. Das wäre eine Aufgabe des DOSB, Bund und Länder an den Kosten zu beteiligen und da eine gute Ausbildung bereitzustellen.“

DOSB erwartet Eigeninitiative von Verbänden 

Der DOSB könnte so eine Trainerausbildung kombiniert mit Studium nur fordern, wenn die Voraussetzungen dafür und Angebote schon da sind. Dafür müssten aber die Fachverbände die Studiengänge erstmal initiieren. Der DOSB sieht sich weniger als Initiator, sondern "eher als Befähiger oder Ermöglicher, um eben Veränderungen für die Trainer herbeizuführen“, erklärt Christian Witusch aus dem DOSB-Bereich Leistungssporttrainer:
„Darin ist - und das ist dann vielleicht wieder der ideelle Bereich - aber auch verankert, dass Trainer aktiv in diese Projektgestaltung und Planungen mit einbezogen werden müssen. Und nicht was vielleicht im Elfenbeinturm eines Verbandes entstanden ist.“
Thomas Braun vom DSV hingegen fände ein einheitliches Trainer-Ausbildungsmodell durchaus sinnvoll:
„Unsere Botschaft da drin ist, drum haben wir auch mal unser Modell vorgestellt: Es könnte natürlich schon sein, wenn man jetzt an das Berufsbild Trainer denkt, jeder Spitzenverband wird ein anderes Modell fahren. Dann haben wir wieder den Flickenteppich. Also wenn wir dort ein einheitliches Modell hätten mit entsprechenden Qualitätsstandards, wird es uns sicher helfen.“
Für den DOSB ist die Einheitlichkeit im gemeinsamen Arbeiten an der Berufstrainer*innen-Situation, so Witusch:
„Wie wir am besten Erfolge erreichen können, das ist eben, wenn jeder drauf einzahlt auf den Erfolg. Also, wenn man nicht auf den anderen wartet, damit er endlich was tut, sondern dass das als Aufgabe von jedem auch für sich selbst gesehen wird. Also es wird nur gemeinsam gehen.“
Witusch sieht dabei den DOSB, die Länderministerien, das BMI und auch den Berufsverband der Trainer*innen in Deutschland in der Verantwortung: „Und das sind auch unsere Mitgliedsorganisationen, die vielleicht dort gucken müssen, wie weit kann und möchte ich meine Haltung auf das Thema auch verändern, damit wir vorwärtskommen.“
Verantwortlich sind also alle. Doch wer sich zuständig fühlt, eine Veränderung wirklich einzuleiten, bleibt offen.
Dieser Beitrag ist der Teil der Denkfabrik des Deutschlandfunks zum Thema „Von der Hand in den Mund – Wenn Arbeit kaum zum Leben reicht“. Weitere Beiträge finden Sie hier.