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StartseiteTag für TagDer Influencer mit Kollar14.07.2020

Anglikanischer Youtube-PriesterDer Influencer mit Kollar

Chris Lee ist anglikanischer Priester in London - und Influencer. Er erreicht mit Youtube-Videos und Instagram-Posts ein Millionenpublikum. Und zwar im Alleingang. Was ist sein Erfolgsrezept?

Von Ada von der Decken

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Ein Screenshot aus dem Youtube-Video "Britischer Priester reagiert auf ''GOD IS A WOMAN'' von Ariana Grande" vom Kanal Jolly zeigt Reverend Chris im Talar neben den beiden Youtubern von Jolly - er hält predigend die Hände ausgestreckt, der Untertitel zeigt die Worte "Because thou shalt not judge" (Youtube Screenshot / Jolly)
Der Influencer Reverend Chris kokettiert augenzwinkernd mit seinem Amt (Youtube Screenshot / Jolly)
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Reverend Chris Lee meldet sich per Instagram-Video mit einer 60-Sekunden-Predigt zu Wort. Heute geht’s um Unterbrechungen. Er ist draußen zu Fuß unterwegs. Mit Wolljacke und schwarzem Käppi leger gekleidet, spricht er direkt in die Kamera, die sich im Takt seiner Schritte wackelnd mitbewegt.

Ein kleiner Denkanstoß, der ihm selbst gerade spontan eingefallen ist, so wirkt es: Sei klug und bescheiden. Sei offen dafür, dass Gott dich aus dem Alltag reißt. Sei gesegnet, du wirst geliebt. So endet der Pastor seine Mini-Predigt von unterwegs.

Pastor Chris Lee ist 37 Jahre alt. Seinem Profil auf Instagram "RevChris7" folgen mehr Menschen als dem offiziellen Account der Church of England und dem Erzbischof von Canterbury zusammen, nämlich 170.000 Follower. Pastor und Influencer also?

"Ja, ich würde mich als Influencer bezeichnen und hoffe, dass mein Einfluss positiv ist."

Kokettieren mit der pastoralen Rolle

Im Internet berühmt wurde Chris Lee, weil er gelegentlich in der Youtube-Show seines Schwagers als Gast auftrat. Das kam so gut an, dass sein Schwager ihm regelmäßige Auftritte in seinem Kanal "Jolly" anbot - die "British-Priest-reacts"-Reihe: Die Videos zeigen, wie Chris Lee sich neue Musikvideos anschaut und spontan kommentiert.

Den Auftakt machte ein Musikvideo des Popstars Ariana Grande vor zwei Jahren. Er habe gehört, der Song heißt "Gott ist eine Frau". Nun, da müsse er mal ein ernstes Wörtchen mit Ariana Grande sprechen, sagt er mit einem Augenzwinkern. Der Ton für das Video ist damit gesetzt.

Im Video greift die Musikerin biblische und mythologische Bilder auf. Chris Lee zeigt sich schockiert, wenn Ariane Grande ihre Beine lasziv über den Erdball spreizt. Oder in einer Szene, die Michelangelos "Erschaffung Adams" nachstellt, den Platz Gottes einnimmt. Er kokettiert augenzwinkernd mit seiner eigenen pastoralen Rolle, wenn er das Video Revue passieren lässt. Aber er kommt auch zum Kern des Themas: Hat Gott ein Geschlecht? Chris Lee sagt, diese Debatte lohne sich nicht.

Nein, Gott sei weder ein Mann noch eine Frau, sagt er sinngemäß. Und weiter: Wir würden Gott als Vater, Sohn und Heiliger Geist beschreiben, weil wir diese Sprache verstehen.

"Ich versuche, eine Stimme der Hoffnung zu sein"

Seine schlagfertigen und ironischen Kommentare kommen beim Publikum an. Achteinhalb Millionen Aufrufe zählt das Video. Der Schlüssel: Er bricht mit den Erwartungen der Zuschauer.

"Es gibt natürlich die Vorstellung, dass die Kirche ziemlich verurteilend, zornig und fernab der Kultur ist. Und mich als jungen Priester zu sehen, der die Hoffnung und das Positive in der Popkultur hervorhebt, das hat die Leute wirklich überrascht."

Chris Lee erreicht mit seinen Botschaften über Instagram vor allem junge Menschen. Gerade die 18- bis 25-Jährigen, die sonst wenig mit der Anglikanischen Kirche in England zu tun haben. Für ihn ist es längst mehr als ein Hobby, er sieht es als seinen Auftrag:

"Ich versuche, eine Stimme der Hoffnung und Liebe im Internet zu sein, denn das Internet kann ein ziemlich dunkler Ort sein. Es kann Oberflächlichkeit und Egoismus befördern. Das wird gerade sozialen Netzwerken nachgesagt. Und ich wollte diesen Ort mit Hoffnung, Liebe und Licht füllen. Dazu fühle ich mich berufen."

  (imago/Simon Belcher) (imago/Simon Belcher)Christliche Influencerin - Kein Sex, davon aber viel
Lisa Stowasser ist unter dem Namen LiMarie als Christfluencerin aktiv, also als Influencerin in Christi Namen. Die Optik ihrer Videos ist modern, der Inhalt konservativ. Besonders wichtig ist ihr Enthaltsamkeit vor der Ehe.

Meist bekommt er positive Rückmeldungen. Die vielen privaten Nachrichten, die ihn täglich erreichen, kann er nicht mehr alle lesen. Es seien zu viele geworden. Gegenwind erlebt er aber auch:

"Sich heutzutage hinzustellen und zu sagen: Ich glaube an Gott! Damit macht man sich nicht unbedingt beliebt. Und ja, ich hatte ein paar Trolle und mir wurden ein paar seltsame Sachen zugeschickt, aber ich habe mich niemals davon entmutigen lassen."

Authentizität ist eine Konzeptfrage

Chris Lee leitet eine kleinen Gemeinde in Westlondon. Ihm gelingt es, junge Menschen online zu erreichen. Etwas, was seiner Kirche als Institution durchaus schwerfällt.  

"Wenn man die Kirche online abbildet, so wie sie ist, also eins zu eins, dann funktioniert das nicht. Das wirkt nicht echt. Menschen wollen das echte Leben sehen. Sie werden bei mir keine aufgezeichneten Gottesdienste sehen, ich bewerbe nicht einmal meine eigene Kirche. Sie sehen mich mit meiner Familie, mit meinen Töchtern, eine kurze Botschaft der Hoffnung von mir. Wie wir in den Park gehen, es ist eine authentische Darstellung meines Lebens. Nach dem Motto: Ich bin eine Person, ein Mann, ein Ehemann, ein Vater, ich mag Sport und ich bin Christ - all diese Dinge sind miteinander verflochten und kommen im sozialen Netzwerk zum Vorschein. Das ist eine Authentizität, die schwer zu fälschen ist."

Die Corona-Krise hat dazu geführt, dass Kirchen ihre Präsenz im Internet überdenken und aktiver werden. Der anglikanische Pastor Chris Lee macht vor, wie es gehen kann. 

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