Montag, 23.07.2018
 
Seit 00:05 Uhr Fazit

Annette Leo"Das Kind auf der Liste"

Musste Willy Blum tatsächlich anstelle von Jerzy Stefan Zweig sterben? Ja und nein. Annette Leo hat die ganze Geschichte recherchiert, die für einen 16-jährigen Sinto-Jungen mit dem Tod in Auschwitz endete.

Von Henry Bernhard

Hören Sie unsere Beiträge in der Dlf Audiothek
(Buchcover: Aufbau verlag/ Hintergrund: imago stock&people)
Das Leben des 16-jährigen Willy Blum, eines Sinto-Jungen, endete im September 1944 in Auschwitz (Buchcover: Aufbau verlag/ Hintergrund: imago stock&people)
  • E-Mail
  • Teilen
  • Tweet
  • Drucken
  • Podcast
Mehr zum Thema

"Nackt unter Wölfen" in der ARD 100 Minuten KZ in der Primetime

Vor 75 Jahren Ein KZ für Kinder und Jugendliche

Sinti- und Roma-Bürgerrechtsbewegung Langer Kampf gegen Verfolgung

Konstruktion und Dekonstruktion des Buchenwald-Mythos

Romani Rose, der Vorsitzende des Zentralrats Deutscher Sinti und Roma, empörte sich vor gut zwei Jahren auf einer Tagung zur Gedenkkultur in der Gedenkstätte Buchenwald:

"Das ist der wesentliche Vorwurf, den ich gegenüber der ARD erhebe, dass sie das Schicksal des anderen Kindes vollkommen ausgeblendet hat. Für Jerzy Stefan Zweig ist das Kind Willy Blum auf die Todesliste gesetzt worden."

Das Leben des 16-jährigen Willy Blum, eines Sinto-Jungen, endete im September 1944 in Auschwitz. Dass deutsche kommunistische Häftlinge, die die innere Lagerverwaltung im KZ Buchenwald maßgeblich mit beeinflussten, Transportlisten in ihrem Sinne manipulierten, war nicht ungewöhnlich. Annette Leo hat nun die Geschichte des Willy Blum aufgeschrieben, dessen Leben durch diesen Tausch mit r angeblich an Stelle des jüdischen Jungen Stefan Jerzy Zweig in den Tod geschickt wurde.

"Diese Verknüpfung habe ich jetzt in dem Buch versucht, wieder aufzulösen. Weil: Der hat seine ganz eigene tragische Geschichte. Aber wenn es diese Verknüpfung nicht gegeben hätte, diese vermeintliche, durch die gleiche Nummer, dann hätte ich jetzt wahrscheinlich kein Buch über Willy Blum geschrieben. Man hätte ja ebenso gut über alle anderen 199 Kinder, die auf diesen Transport nach Auschwitz gekommen sind und dort in der großen Mehrheit umgebracht worden, hätte man ja was schreiben können."

Gute Recherche trotz spärlicher Quellen

Die Biographie eines Jungen zu schreiben, der wie seine ganze Familie keine schriftlichen Zeugnisse hinterlassen hat, von dessen neun Geschwistern nur noch eine Schwester lebt, ist keine einfache Aufgabe. Ein Foto des zweijährigen Willy, seine Körpermaße in der Häftlingskartei, einige Erinnerungen seiner Schwester - das ist alles, was die Auslöschung überdauert hat. Annette Leo meistert die Herausforderung mit Akribie, wenigen Quellen und erfreulicherweise ohne Neigung zur Spekulation. Sie beleuchtet die ganze Familie Blum.

"Eine Künstlerfamilie, die mit einem Wander-Marionettentheater durch die kleinen Städte und Dörfer gezogen sind und dort überall in den Gastwirtschaften meistens oder in irgendwelchen Gemeindesälen das Theater aufgebaut haben und da durchaus anspruchsvolle Stücke gespielt haben. Also nicht nur Kasperletheater für Kinder, sondern das war das Volksstück des Dr. Faustus zu Wittenberg und Hamlet soll auch auf dem Spielplan gestanden haben."

Annette Leo beschreibt den Weg der zunehmenden Entrechtung der Sinti in Deutschland. 1942 wird Willys Vater aus "rassischen Gründen" das Wandergewerbe gesperrt, zwei ältere Brüder aus der Wehrmacht entlassen. Ein Nachbar stiehlt den Wohnwagen der Familie, die sich juristisch nicht wehren darf. Alle Behörden arbeiten Hand in Hand:

"Außer der Polizei und der 'Rassenhygienischen Forschungsstelle' waren noch zahlreiche andere Behörden an den Verbrechen an den Sinti beteiligt: Die Wehrmacht, die sie aus dem Wehrdienst ausschloss, das Arbeitsamt, das sie zur Zwangsarbeit verpflichtete, das Finanzamt, das eine Sondersteuer von ihnen erhob und das Eigentum der nach Auschwitz Deportierten beschlagnahmte, die Standesämter, die ihnen Ehegenehmigungen verweigerten, die Gesundheitsämter, die Zwangssterilisierungen anordneten und die Volksbildungsbehörden, die die Kinder von den Schulen verwiesen."

Dass Willy und einige seiner Geschwister auch noch nach 1941 eine Schule besuchen dürfen, ist nur der Eigenmächtigkeit zweier Schuldirektoren zu verdanken.

Der Leidensweg einer Familie

Der Vater kommt 1942 nach Auschwitz, der Rest der Familie 1943. Im dortigen sogenannten "Zigeunerlager" ist die Sterblichkeit enorm. Mehrere Geschwister von Willy Blum werden vom SS-Arzt Rudolf Mengele für Versuche missbraucht. Im Oktober 1944 wird das "Zigeunerlager" in Auschwitz aufgelöst. Die Familie Blum wird zerrissen und nach Buchenwald, Mittelbau-Dora und Ravensbrück verteilt. Willy kommt mit seinem Bruder Rudolf nach Buchenwald. Als der kleine Bruder wieder zurück nach Auschwitz transportiert werden soll, muss Willy eine Entscheidung treffen. Ein Augenzeuge berichtete der Familie nach dem Krieg:

"Dass es so eine Art Selektion gegeben haben muss in diesem Block und dass der kleine Rudolf, der damals neun Jahre alt war, der kleine Bruder von Willy, seinen Bruder immer gerufen hat: Er soll mit auf diese Seite kommen. Und dass der Bruder wohl erst nicht wollte und der kleine wohl seine Bitten gesteigert hat und auch gesagt haben soll, 'komm, wir kommen in ein Heim, wo wir Brot bekommen und Milch' - das hatte man den Kindern offenbar erzählt - und dass es dem irgendwie das Herz gebrochen hat."

Von den 200 Kindern und Jugendlichen auf diesem Transport überlebten zwei. Willy und Rudolf waren nicht darunter. Annette Leo hat das wenige, was sie finden konnte, der Dunkelheit und dem Vergessen entrissen. Sie wirft einen Blick auch in die Nachkriegszeit, in der den traumatisierten Sinti in ihren Entschädigungsverfahren in bundesdeutschen Ämtern nur zu oft dieselben Beamten gegenüber saßen wie vor 1945. Ein wichtiges Buch. Nicht nur über einen 16-Jährigen, der freiwillig mit seinem Bruder nach Auschwitz ging.

Annette Leo: Das Kind auf der Liste. Die Geschichte von Willy Blum und seiner Familie
Aufbau Verlag, 176 Seiten, 10 Euro

Das könnte sie auch interessieren

Entdecken Sie den Deutschlandfunk