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Anschlag in Ankara
Die Türkei mitten ins Herz getroffen

Die Türkei sieht sich seit Ende Juli vergangenen Jahres einer beispiellosen Spirale der Gewalt ausgesetzt mit Hunderten Toten durch Terroranschläge der IS-Terrormiliz, der kurdischen PKK sowie durch Aktionen türkischer Sicherheitskräfte. Nach dem jüngsten Anschlag in Ankara sind viele Türken überzeugt: Wir müssen vorerst lernen, mit diesem Terror zu leben.

Von Reinhard Baumgarten | 14.03.2016

Wieder Terror, wieder Ankara, wieder viele Tote. Mindestens 34 Menschen sterben und 125 werden teils schwer verletzt – das sind die offiziellen Zahlen zum jüngsten Terroranschlag in der Türkei. Binnen fünf Monaten hat es drei massive Terroranschläge in der türkischen Hauptstadt mit annähernd 170 Toten gegeben. Der jüngste Anschlag mit einer Autobombe hat sich gestern um 18.45 Uhr Ortszeit am zentral gelegenen Kızılay-Platz im Zentrum von Ankara ereignet. Doğan Asır war als Augenzeuge dabei.
"Das mit Sprengstoff vollgepackte Auto hat sich uns genähert. Hinten im Bus saß eine Frau. Die ist durch die Wucht der Explosion herausgeschleudert worden. Ich habe hier an der Schulter ein Metallteil abgekriegt."
Eine Autobombe ist an einer Bushaltestelle neben einem vollbesetzten städtischen Linienbus explodiert. Es habe sich um einen Selbstmordanschlag gehandelt, sagt Innenminister Efkan Ala. Der Augenzeuge Doğan Asır ist mit einer Platzwunde am Kopf und einem Riesenschrecken davongekommen.
"Im Bus waren fünf oder sechs Personen sofort tot. Ich habe sie gesehen. Bei einer Person war die Nase weggefetzt. Eine andere Person hatte ein riesen Loch im Bauch, alles hing raus. Ansonsten kann ich mich an nichts mehr erinnern."
Die US-Botschaft hatte am Freitag auf ihrer Homepage vor möglichen Terroranschlägen im Ankaraner Stadtbezirk Bahcelievler gewarnt. Von türkischer Seite gab es dazu bislang keine Äußerung. Bislang hat sich niemand zu der Tat bekannt, aber …
"Es gebe erste Erkenntnisse", so Innenminister Efkan Ala.
"Welche Organisation hinter diesem Anschlag steckt, wird erst nach genauester Prüfung der Untersuchungsergebnisse bekannt gegeben."
Spirale der Gewalt geht weiter
Vor gut drei Wochen erst waren bei einem Anschlag auf Militärfahrzeuge im Regierungsviertel von Ankara 29 Menschen umgekommen. Zu der Tat hatte sich eine linke türkisch-kurdische Splittergruppe bekannt. Die türkischen Behörden hatten indes kurz nach dem Anschlag syrische Kurden verantwortlich gemacht.
"Ankara habe als Anschlagsort natürlich Symbolcharakter", analysiert der Publizist Ali Nihat Özcan im türkischen Fernsehen. "Wenn in einer Hauptstadt ein Terroranschlag verübt wird, dann soll damit vermittelt werden, dass man das Herz eines Landes treffen kann."
Im gleichen Sender stellt der regierungsnahe Journalist Abdülkadir Selvi fest, die Türkei sei trotz des hohen Blutzolls der vergangenen Monate nicht der Irak oder Syrien. Die Anschläge täten weh, würden aber in kürzester Zeit aufgeklärt. Gleichzeitig mahnt er:
"Wir müssen realistisch sein und wissen, dass wir zumindest für eine bestimmte Zeit lernen müssen, mit diesem Terror zu leben."
Die Türkei sieht sich seit Ende Juli vergangenen Jahres einer beispiellosen Spirale der Gewalt ausgesetzt mit Hunderten Toten durch Terroranschläge der IS-Terrormiliz, der kurdischen PKK sowie durch Aktionen türkischer Sicherheitskräfte vor allem im Südosten des Landes.