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StartseiteInterview"Freizeitsportler gehen ein besonders großes Risiko ein"09.07.2019

Anti-Doping-Razzia in 33 Ländern"Freizeitsportler gehen ein besonders großes Risiko ein"

Die jüngste Doping-Großrazzia habe gezeigt, dass es einen sehr großen Markt für diese Produkte gebe, sagte Doping-Experte Mario Thevis im Dlf. Der eine oder andere Kunde komme vielleicht aus dem Leistungssport. Das gesundheitliche Risiko sei aber für Freizeitsportler besonders groß.

Mario Thevis im Gespräch mit Mario Dobovisek

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Beschlagnahmte Dopingmittel aus der Anti-Doping-Razzia (Ufficio Stampa Comando Generale - dpa-Bildfunk)
Beschlagnahmte Dopingmittel aus der Anti-Doping-Razzia (Ufficio Stampa Comando Generale - dpa-Bildfunk)
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Mario Dobovisek: Es war der bisher größte Anti-Doping-Einsatz überhaupt, vermelden die Ermittler von Europol. Gleichzeitig in 33 Ländern wurden Doping-Mittel aufgespürt und rund 3,8 Millionen Präparate sichergestellt, geheime Labore entdeckt, 234 Menschen festgenommen.

Mitgehört hat Mario Thevis. Er leitet das Kölner Anti-Doping-Labor und ist Professor an der Deutschen Sporthochschule Köln, zuständig für präventive Doping-Forschung. Guten Tag, Herr Thevis.

Mario Thevis: Schönen guten Tag.

"Gut beraten, in jederlei Leistungsebene zu kontrollieren"

Dobovisek: Sie haben es gehört: 1357 Kontrollen auch bei Wettbewerben, insgesamt 234 Festnahmen. Was bedeutet das für den Leistungssport?

Thevis: Für den Leistungssport bedeutet das für das Gesamtbild, was sich hier abzeichnet, dass wir gut beraten sind, in jederlei Leistungsebene zu kontrollieren, denn, wie Frau Schültke auch eben schon untermauert hat, können wir nicht ausschließen, dass der eine oder andere Kunde vielleicht doch aus dem Leistungssportbereich kommt. Bewiesen oder bestätigt ist in der Hinsicht allerdings noch nichts.

Dobovisek: 3,8 Millionen Doping-Präparate – wie bewerten Sie diese Dimension?

Thevis: Das ist eine sehr große Anzahl an Präparaten. Auch im Kilogramm- oder Tonnen-Maßstab wurde darüber berichtet. Es wäre interessant zu wissen, wie sich das ausdifferenziert, über welche Präparate wir tatsächlich reden. Es wurde kolportiert, dass es sich im Wesentlichen um steroidartige Substanzen handelt, aber die Bilder, die veröffentlicht wurden, zeigen auch eine Reihe weiterer Präparate.

Das undatierte, von Europol herausgegebene Foto zeigt beschlagnahmte Dopingmittel an einem unbekannten Ort in Frankreich. (dpa-Bildfunk / OCLAESP / Europol)Das undatierte, von Europol herausgegebene Foto zeigt beschlagnahmte Dopingmittel an einem unbekannten Ort in Frankreich. (dpa-Bildfunk / OCLAESP / Europol)

Keine Aussagen über Nutzer möglich

Dobovisek: Auch Präparate, die für den Leistungssport interessant wären?

Thevis: Das sind anabole Steroide, wie wir den WADA-Statistiken entnehmen können, ja auch, und das bedeutet, dass Anabolika, wie sie im Leistungssport gefunden werden, offensichtlich auch hier im Freizeit- und Breitensport in sehr großem Maßstab vertrieben wurden.

Dobovisek: Sie leiten eines der beiden deutschen Anti-Doping-Labore, die von der Welt-Anti-Doping-Agentur zugelassen sind. Wie waren Sie beteiligt?

Thevis: Wir sind, soweit ich weiß, auch ebenfalls nicht beteiligt gewesen. Allerdings ist das mit Vorsicht zu handhaben, denn wenn es Kontrollen gegeben haben soll, wie genannt wurde, dann können wir den Kontrollnummern nicht entnehmen, ob es sich um einen Wettbewerb gehandelt hat, bei dem ausschließlich Leistungssportler teilgenommen haben, oder auch Freizeit- und Breitensportler. Von daher ist das von unserer Seite her anonymisiert und wir können dazu tatsächlich keine Aussage treffen.

Großer Markt, große Strukturen

Dobovisek: Sie gehen aber davon aus, dass diese Kontrollen, die stattgefunden haben, tatsächlich routinemäßige Kontrollen waren und nicht noch mal eigens zum Beispiel von den Ermittlern in Auftrag gegeben worden sind?

Thevis: Kann ich weder bestätigen, noch widerlegen, da mir diese Information nicht vorliegt.

Dobovisek: Was lernen wir schon jetzt aus diesem großen Fund, dieser großen Dimension - Sie haben es schon ein bisschen angedeutet, was die Kontrollen angeht -, auch für die Strukturen der Doping-Kontrollen, so wie es sie jetzt gibt?

Thevis: Wir lernen zum einen, dass es offensichtlich einen sehr großen Markt gibt, denn nur wo es einen Markt gibt, werden auch Importe dieser Art und Strukturen dieser Art durchgeführt und aufgebaut. Es bedeutet auch, dass offensichtlich den Substanzen, die dort vertrieben werden, eine gewisse Wirksamkeit nachgesagt wird, dass aus diesem Grunde diese Präparate auch erworben und gekauft und genutzt werden. Nicht zuletzt aus diesem Grund gibt es im Leistungssport, im internationalen Spitzensport Doping-Kontrollen hinsichtlich solcher Präparate.

Im Hochleistungssport "ein geringeres Problem"

Dobovisek: Wo sehen Sie da die größten Schwachstellen?

Thevis: Im Breiten- und Freizeitsport, oder im Leistungssport?

Dobovisek: Hauptsächlich im Leistungssport, weil der Freizeitsport ist ja schwer zu kontrollieren.

Thevis: Das ist richtig. Im Hochleistungssport, in den WADA-akkreditierten Laboratorien sind insbesondere für anabole Wirkstoffe, für anabole Steroide die analytischen Verfahren sehr ausgefeilt. Von daher, würde ich sagen, ist dies in dem Sektor ein geringeres Problem. Es gibt sicherlich andere Präparate, die uns vor größere Herausforderungen stellen.

Dobovisek: Welche zum Beispiel und warum?

Thevis: Diese würde ich Ihnen jetzt natürlich nicht offenlegen. Das würde dem ganzen System keinen großen Gefallen tun. Von daher sehen Sie es mir nach, dass ich diese Frage nicht beantworte.

Deutsche Doping-Kontrollen auf "sehr hohem Niveau"

Dobovisek: Jetzt haben mir meine Kolleginnen aus der Sportredaktion vorhin vor dem Interview noch mit auf den Weg gegeben, dass zu viele Beteiligte zu viele starke Interessen hätten, auch wirtschaftliche, Sportlerverbände, Wirtschaft, Ärzte, durchaus auch Kontrolleure selbst. Wirkt der weltweite Anti-Doping-Kampf deshalb so halbherzig?

Thevis: Von unserer Perspektive aus betrachtet, kann ich das in der Form nicht bestätigen. Natürlich gibt es Dinge, die verbessert werden müssen. Insbesondere Abhängigkeiten sollten aufgelöst werden, damit es eine unabhängige Kontrollinstanz gibt. Und wenn dies gewährleistet ist, dann, muss ich sagen, sind die Doping-Kontrollen insbesondere in Deutschland auf einem sehr hohen Niveau.

Test-Frequenz "sicherlich verbesserungswürdig"

Dobovisek: Was könnte besser werden?

Thevis: Die Frequenz, in der getestet wird, ist in der einen oder anderen Sportart sicherlich verbesserungswürdig - die verschiedenen Matrizes, wie wir sie nennen. Wir kontrollieren Urin und Blut nicht immer in Kombination, sondern entweder oder. Auch da könnte man nachbessern. Aber auch die Testmöglichkeiten anderer Matrizes außer Blut und Urin in Betracht zu ziehen, sollte in Zukunft wahrscheinlich mehr berücksichtigt werden.

Große Transparenz im Privatleben der Athleten nötig

Dobovisek: Es gibt jetzt für den Laien kurz zusammengefasst, der sich nicht mit der Thematik auseinandersetzt, soweit ich das verstanden habe, die Doping-Kontrollen bei Wettkämpfen. Aber es gibt auch die Stichproben im Alltag der Sportler in Trainingszyklen und so weiter, dass unangemeldete Kontrollen auch zuhause stattfinden. Wir haben auch viel darüber gehört, dass Sportler sich manchmal darüber beschweren, weil sie immer wieder angeben müssen, wo sie sind. Wie schmal ist dieser Grat zwischen totaler Überwachung und tatsächlich angemessener Kontrolle auch im Alltag der Sportler?

Thevis: Der ist in der Tat sehr schmal. Das bedeutet eine besondere Belastung für die Athleten und eine große Transparenz, die ihr Privatleben angeht, die der Normalbürger sich so gar nicht vorstellen kann und möchte. Viele Sportler haben allerdings auch ausgesagt, dass sie bereit sind, diese Bürde auf sich zu nehmen, da es momentan keine bessere Alternative gibt, die den Missbrauch von Doping-Substanzen in der Form eingrenzen lässt.

Kontrollen: schneller, unkonventioneller, freiwillig

Dobovisek: Wie könnte hier das Messnetz dann trotzdem engmaschiger werden?

Thevis: Es wird wahrscheinlich nur dann engmaschiger werden, wenn die Belastung durch die Kontrolle geringer gestaltet werden kann. Das heißt, dass Kontrollen schneller stattfinden können, unkonventioneller, vielleicht sogar auf einer mehr oder weniger freiwilligen Basis, aber deutlich häufiger, als es durch die Doping-Kontrollinstanzen durchgeführt werden kann. Und dann darf man dabei auch nicht den Kostenfaktor vergessen, denn Kontrollen sind nicht kostenfrei.

Dobovisek: Da kommen wir wieder zu den wirtschaftlichen Interessen.

Thevis: Richtig.

Für Leistungssportler "in der Form gar nicht zu ertragen"

Dobovisek: Kommen wir aber trotzdem noch mal weg vom Leistungssport zu dem, was heute ganz groß im Vordergrund steht: Der Freizeit-Sport, Bodybuilder, die ins Fitnessstudio gehen und so weiter. Wir haben ja schon kurz angesprochen, das lässt sich viel schlechter kontrollieren. Muss sich da etwas ändern, um am Ende auch die Freizeitsportler vor sich selbst zu schützen?

Thevis: Das ist eine schwierige Frage, die jetzt nicht unbedingt den Bereich Anti-Doping per se betrifft, sondern vielleicht eher den Gesundheitsaspekt anspricht. Denn dort wird nicht gegen sportrechtliche Fragestellungen verstoßen, sondern gegen das Anti-Doping-Gesetz beziehungsweise die Personen, die sich mit Doping-Mitteln versorgen, auch wenn sie eigentlich nicht dem Doping-Kontrollsystem unterstellt sind, gehen ein besonders großes gesundheitliches Risiko ein, was insbesondere aufgrund der fehlenden Kontrollen tatsächlich Ausmaße annehmen kann, die ein Leistungssportler in der Form gar nicht ertragen würde.

Dobovisek: Wie wichtig ist da tatsächlich das neue Anti-Doping-Gesetz, seit 2015 in Kraft, das solche polizeilichen Ermittlungen ermöglicht?

Thevis: Sie haben es gerade dargestellt. Ohne diese Gesetzgebung wären diese Einsätze, wie wir sie jetzt auch schon mehrfach in der Vergangenheit gehört und gesehen haben, nicht möglich gewesen. Und es können die Strukturen, die dahinter stecken, entsprechend aufgegriffen und auch sanktioniert werden.

Äußerungen unserer Gesprächspartner geben deren eigene Auffassungen wieder. Der Deutschlandfunk macht sich Äußerungen seiner Gesprächspartner in Interviews und Diskussionen nicht zu eigen.

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